Radiopredigt: Der widerspenstige Mose (Exodus 3)

15. April 2007 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio

Erlauben Sie mir eine burschikose Frage: Haben Sie einen Gott, der Widerspruch erträgt? Ist Ihr Gott auch dann noch Gott, wenn Sie ihm den Rücken kehren? Oder ist Ihr Gott hochgradig sensibel und pflegebedürftig?

Nun weiß ich natürlich nicht, ob Sie überhaupt einen Gott haben. Die meisten aber haben einen, und wissen Sie, die meisten haben einen Gott, der pflegebedürftig ist. Es gibt welche, die machen zum Beispiel das Auto zu ihrem Gott. Den muss man putzen, polieren und spazieren fahren. Dann schenkt er Selbstbewusstsein, Bedeutung, Überlegenheitsgefühl, nette Dinge, die man gut brauchen kann. Aber pflegt man diesen Gott nicht, vernachlässigt und betrügt man ihn, indem man etwa Zug fährt, so verpufft seine Wirkung.

Sie und ich haben natürlich einen geistigen Gott, den man nicht polieren kann. Aber auch er ist vielleicht pflegebedürftig? Man muss ihn lobpreisen, anbeten. Man muss ihm danken. Man muss die Aufmerksamkeit auf ihn richten, immer wieder an ihn denken, auf ihn hören. Dann schenkt er Kraft. Pflegt man ihn regelmäßig, so hilft er einem, den Verdruss des Lebens zu ertragen. Aber auch hier: Vernachlässigt man diesen Gott, so verpufft seine Wirkung.

Ich rede noch immer ironisch, aber langsam wird es ernst. Wie ist denn das bei mir? Muss ich meinen Gott mit viel Aufwand am Leben erhalten? Ist mein Gott nur solange wirklich, wie ich ihn hege und pflege? Droht er zu verpuffen und zu verdunsten, wenn ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenke?

Wie ist denn das bei den Menschen? Meine Frau braucht auch viel Aufmerksamkeit. Aber wenn sie zu wenig davon kriegt, dann verdunstet sie nicht! Im Gegenteil: Sie stellt sich mir in den Weg und sagt: „Und jetzt hörst du mir mal zu.“ Und wenn meine Ilsebill nicht so will, wie ich es will, dann versucht sie, ihren Willen durchzusetzen. Und es ist ihr auch schon gelungen.

Und mit Gott soll es anders sein? Ist mein Gott denn nur ein Produkt meiner Frömmigkeit? Lebt er von meiner Energie? Ist er so etwas wie eine Wohlfühlpuppe, die ich hervornehme und herze, wenn ich sie brauche?

Auf unbequeme Gedanken kann man kommen, wenn man die Bibel liest. Denn da hört man von einem Gott, der seinen Willen durchsetzt. Der ist nicht pflegebedürftig. Hören Sie die Berufung des Mose aus Exodus 3.

Gott sprach zu Mose: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen. Geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk aus Ägypten heraus!“ Mose antwortete: „Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehen könnte?“ Gott sagte: „Ich bin mit dir; ich habe dich gesandt.“ Da sagte Mose: „Gut, ich werde also zu den Israeliten sagen: Der Gott eurer Väter hat mich gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich sagen?“ Da antwortete Gott: „Ich bin der <Ich-bin-da>. Sag ihnen: Ich habe sorgsam auf euch geachtet und gesehen, was man euch in Ägypten antut. Darum will ich euch aus Ägypten führen in ein Land, wo Milch und Honig fließen.“

Mose antwortete: „Was aber, wenn sie mir nicht glauben?“ Der Herr entgegnete: „Wirf deinen Stab auf die Erde!“ Da wurde der Stab zu einer Schlange, und Mose wich vor ihr zurück. Gott sprach: „Fasse sie am Schwanz!“ Da wurde sie in seiner Hand wieder zu einem Stab.

Doch Mose sagte: „Ach bitte, Herr, ich kann nicht gut reden. Mein Mund und meine Zunge sind schwerfällig.“ Jahwe entgegnete: „Wer hat dem Menschen den Mund gegeben? Doch wohl ich?! Geh also! Ich weise dich an, was du reden sollst.“ Doch Mose antwortete: „Ach bitte, Herr, schick doch einen andern!“

„Schick doch einen anderen“. Wörtlich: Sende doch, wen du senden willst! Mose ist offensichtlich kein Gottesfürchtiger. Dieser Mann will nicht, was Gott von ihm will.

Er zweifelt zuerst an sich selber: „Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehen könnte?“ Und er zweifelt an dieser Stimme, die da zu ihm spricht: „Wenn sie fragen: Wie heißt er, was soll ich da sagen?“ Er zweifelt auch an seinen Volksgenossen: „Die werden mir doch nicht glauben.“ Seine Zweifel werden ihm einer nach dem andern ausgeredet, aber nun kommen seine Ängste hoch: „Ach bitte, Herr, ich kann nicht gut reden. Ich will mich doch nicht blamieren.“ Und nun wird ihm versprochen, was alle Redner sich insgeheim wünschen: Gott selber will Mose die rechten Worte eingeben! Langsam gehen Mose die Ausreden aus. Nun sagt er es halt ohne Umschweife: „Schick doch einen andern! Ich will nicht, basta.“

Ups, lieber Mose, das geht doch nicht! „Dein Wille geschehe,“ wäre die richtige Antwort. Oder wie unsere liebe Frau sagte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Du kannst doch zu einem Gott nicht einfach nein sagen! Die meisten Götter verpuffen, wenn man nein zu ihnen sagt. Sie verdunsten, wenn man sie nicht immer wieder aufmotzt mit „Ja, Ja, Ja, Halleluja.“

Aber nicht der Gott des Mose. Sie wissen, wie es weiter ging? Gott stellte Mose einen Wortführer zur Seite, und beharrte auf seinem Auftrag, bis Mose endlich nachgab. „Da holte Mose seine Frau und seine Söhne, setzte sie auf einen Esel und trat den Weg nach Ägypten an.“

Der wirkliche Gott weicht nicht, wenn der Mensch nein sagt und nicht glaubt, nicht versteht oder nicht gehorcht. Schauen Sie, das zieht sich durch die ganze Bibel: Der Mensch will nicht, was Gott will. Wir beten vielleicht stramm „Dein Wille geschehe.“ Aber in der Regel heucheln wir dabei. Ich will doch, dass mein Wille geschieht. Natürlich weiss ich, dass Gottes Wille das Beste für mich ist, auch wenn er mir vielleicht nicht gefällt. Aber geht es dann hart auf hart, will ich am Leben bleiben, will ich gesund werden, will ich tun, was mir gefällt, will ich mich nicht einschränken, will ich keine lästigen göttlichen Aufträge ausführen, sondern mein Leben genießen.

Der widerborstige Mose ist ein wunderschönes Bild für den Menschen überhaupt. In ihm kann ich mich wahrhaftig wiedererkennen. Und was macht nun Gott mit halsstarrigen und eigensinnigen Geschöpfen? Er setzt sich durch. Er bringt Mose dazu, seinen Willen zu tun. Viele Geschichten erzählen, wie Gott sich gegen widerborstige Menschen durchsetzt: Gideon, Jeremia, Jona, Paulus. Paulus war ja zuerst Christenverfolger, bevor Gott ihn zum wirkmächtigen Missionar machte.

Der wahre Gott ist nicht pflegebedürftig. Sein Wille geschieht, auch wenn wir nicht darum bitten. Gott führt sein Volk aus der Sklaverei, ob Mose nun willig oder widerwillig mitmacht. Er führt es durch die Wüste, obwohl es zurück will zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Er führt seine Leute ins gelobte Land, obwohl sie vor Angst umkehren wollten.

Was heißt das nun für uns? Ich höre oft, ich müsste Gott aufnehmen in mein Herz. Wie wenn er nicht längst drin wäre! Ich müsste Gott erlauben, mich zu führen; Gott zwinge niemals. Gott möchte mich glücklich machen, aber er könne es nur, wenn ich mich ihm ganz ausliefere.

Ach du lieber, armer Gott! Wenn es so wäre, gäbe es wenig Hoffnung für uns zwei. Ich bin doch nie fromm genug! Ich habe meinen Kopf und gehe mit diesem notfalls durch die Wand. Wollte Gott darauf warten, dass ich ihm gnädigst etwas erlaube, dann könnte er lange warten!

Nein, der Mensch denkt, und Gott lenkt. Gott sei Dank. Gerade wenn ich vom guten Weg abkomme, brauche ich Gott. Verdunstet er dann, so taugt er nichts. Ich bin von Natur eigenwillig und widerspenstig. Ich brauche einen Gott, der mir in den Weg tritt, mir widerspricht und mich zurück führt. Wenn nötig bitte auch mit etwas Druck, wie bei Mose. Einen mächtigen Gott brauche ich. Ist er nicht mächtiger als mein kleines Herzelein; dann... ja, Sie haben es nun genug gehört.

Freilich: Lenkt Gott wirklich die Menschen, so kann ich nicht verstehen, warum Menschen einander grässliche Dinge antun. Warum lässt Gott das zu, wenn er doch mächtiger ist als der Mensch? Ja, das weiß ich natürlich nicht. Aber das weiß auch sonst niemand. Es ist wahr: einen allmächtigen Gott kann man in dieser unheimlichen Welt nicht begreifen. Aber es kann eh kein Mensch Gott begreifen. Gott wird nun kein bisschen verständlicher, wenn man nicht mehr von seiner Allmacht reden will. Aber er wird pflegebedürftig, eine Puppe! Aber für eine Puppe bin ich zu alt. Der Gott des Mose hingegen, der sein Volk zum Heil führt, auch wenn es widerspenstig und störrisch ist, diesen Gott ehre ich. Und auf ihn kann ich meine Hoffnung setzen. Amen.

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