Radiopredigt: Enttäuscht von Gott (Markus 15, 29-34)

11. November 2007 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde

mein Thema heisst: „Enttäuscht von Gott“. Ein unübliches Thema, gewiss, denn es widerspricht einer ganzen Reihe von Bibelsprüchen, die sagen, Gott werde nie jemanden enttäuschen, der ihm vertraut. „Wenn ihr zum Herrn blickt, dann leuchtet euer Gesicht und euer Vertrauen wird nicht enttäuscht,“ Psalm 34. „Enttäuscht wird niemand, der auf dich, Gott, hofft; aber wer dich treulos verlässt, wird zuschanden.“ Psalm 25. Die Bibel behauptet: „Wer Gott vertraut, wird nie enttäuscht.“ Und nun predigt ein kleiner, frecher Landpfarrer zum Thema: „Enttäuscht von Gott“? Wenn das nur gut kommt...

Ich nehme die Bibel ernst, die mir sagt: „Gott enttäuscht nie“. Ich hoffe fest, wir alle werden einmal erleichtert aufatmen und sagen: „Und die Bibel hat doch recht: Gott enttäuscht nicht.“ Aber hier und heute habe ich mit Menschen zu tun, die enttäuscht sind von Gott, bitter enttäuscht. Und ich sage der Bibel ins Gesicht: Viele von uns sind enttäuscht und wir lassen uns das nicht so leicht ausreden mit Propagandasprüchen. Ein Freund von mir, ein Vorbild im Glauben, leidet Schmerzen und Schwäche. Sein Gottvertrauen ist angeschlagen. Er weiss nicht mehr, ob sein Glaube diese Enttäuschungen noch lange aushält, diese nicht erhörten Gebete, dieses Schweigen Gottes. Unzählige verstehen nicht, wie Gott Kriege, Elend und Hunger zulassen kann. Lenkt nicht der Allmächtige die Herzen wie Wasserbäche? Warum lässt er all das zu? Diese Fluten, Stürme, Erdbeben, Tsunamis? Ich finde in der Bibel einen Text, der aus meiner Sicht die Enttäuschung der Menschen abbildet; die Enttäuschung der Menschen über Gott.

Aus dem Evangelium nach Markus:

„Die Leute, die am Kreuz vorbeikamen, schüttelten den Kopf und verhöhnten Jesus: »Ha! Du wolltest den Tempel niederreissen und in drei Tagen einen neuen bauen!? Dann befreie dich doch und komm herunter vom Kreuz!« Priester und Gesetzeslehrer machten sich über ihn lustig. »Anderen hat er geholfen«, spotteten sie, »aber sich selbst kann er nicht helfen! Ist er der versprochene Rette, der König von Israel, so soll er doch jetzt vom Kreuz herabsteigen. Wenn wir das sehen, werden wir ihm glauben.« Gegen drei Uhr schrie Jesus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Der Sterbende, der hier seine Enttäuschung herausschreit, ist nach christlichem Bekenntnis der Sohn Gottes. Gottes Sohn, gottverlassen?! Verlässt Gott jemals einen Menschen?

Vielleicht nicht, aber dem Menschen kommt es halt wahrhaftig so vor! Und ich möchte den ernst nehmen, der sich gottverlassen vorkommt. Wenn der Sohn Gottes dies durchmachen musste, müssen vielleicht alle in der einen oder andern Form mit Gottesenttäuschung rechnen?

Ich kann mir zwei Gründe denken, warum Enttäuschung zum Leben gehört, auch Enttäuschung über Gott, über jenes Du, das uns am nächsten ist.

Die erste Überlegung ist folgende. Der Mensch macht sich von allem ein Bild. Pausenlos konstruiert unser Hirn Vorstellungen von dem, was da draussen sein könnte. Und das ist auch seine Aufgabe. Dabei aber entstehen unwillkürlich Wunschbilder, Idealbilder, Idole. Sie wissen ja: Die Wirklichkeit kann es nie aufnehmen mit dem, was wir uns erträumen. „Idol“ bedeutet nun aber „Götze“. Wir machen uns innerlich unweigerlich Bilder von Gott, obwohl die Bibel sagt: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Wir können gar nicht anders. Aber diese Kopfbilder von Gott müssen nun enttäuscht werden.

Ich kann’s besser sagen mit einem Beispiel. Wie ist es denn mit Mann und Frau? Der Mensch verliebt sich immer in sein eigenes Wunschbild, heißt es. Man heiratet den Märchenprinzen, den man sich erträumt. Der Alltag zwingt uns dann, allmählich zu merken, dass man vielleicht doch nicht einen Prinzen, sondern nur einen Frosch geküsst hat. Eine nasskalte Enttäuschung, aber heilsam. Erst jetzt kann ich den wirklichen Menschen lieben lernen, der da an meiner Seite gemütlich in der Nase bohrt. Eine Aufgabe unseres Erdenlebens könnte sein, die frommen, aber falschen Gottesvorstellungen loszuwerden. Er ist nie, wie ich denke. Enttäuschungen müssen sein, sonst kleben wir an unsern Götzenbildern.

Eine zweite Überlegung hilft mir, Enttäuschung über Gott einzuordnen: Eine andere Aufgabe unseres Lebens ist es doch, Vertrauen zu lernen. Solange der kleine Bub seine Mutter sieht, braucht er kein Vertrauen. Aber dann verschwindet sie aus seinem Blickfeld. Bis jetzt hat er gemeint: „Die ist ganz allein für mich da. Aber nun ist sie weg, sie hat mich verlassen!“ Nach einer Minute kommt sie wieder, Gottseidank. Nun hat der Bub ein wenig Vertrauen gelernt. Wie kann nun sein Vertrauen stark werden? Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Mutter wird noch länger wegbleiben. Er wird noch mehr Angst kriegen, er wird schrecklich enttäuscht von seiner Mutter, bis sie dann doch wieder kommt. So lernt er vertrauen. Vertrauen wächst nicht von selbst. Es wird trainiert, und zwar durch therapeutische Enttäuschungen.

Das sind zwei Überlegungen, die ich mir zurecht lege: 1. Gott trainiert mein Vertrauen. Zu diesem Zweck enttäuscht er meine Erwartungen, und ich lerne, allem Übel zum Trotz darauf zu vertrauen, dass er mich liebt und endlich zum guten Ziel führt. 2. Weil unser Hirn sich Abbilder von der Welt machen muss, entstehen auch ständig falsche Bilder, „Götzen“. Werden diese Bilder dann von der Wirklichkeit ausgelöscht, so bin ich enttäuscht. Es geht nicht anders. Die Kerzlein, die unsere fromme Seele anzündet, müssen verblassen, wenn die Sonne aufgeht.

Ich weiss nicht, ob solche Überlegungen mir helfen, wenn einmal die Feuertaufe über mich kommt. Mag sein, dass dann der Schmerz alles Denken überlagert, und auch mir nur noch der Schrei bleibt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Heute weiss ich wenigstens, dass Karfreitag einmal Ostern Platz machen muss. Ob ich es im Schmerz noch glaube, weiss ich nicht zum Voraus.

Ich sagte also, Enttäuschungen über Gott hätten eine wichtige Funktion. Ich kann das logisch einigermassen nachvollziehen. Schwer verständlich aber ist, warum die Bibel Enttäuschungen geradezu programmiert. Die Urkunde unseres Glaubens, die Bibel, ist nämlich voller Frustrationspotential, sie provoziert Enttäuschung. Sie kennen vielleicht die einzigartigen Verheissungen. „Gott wird seine Engel senden, damit sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ Psalm 91,11. Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, tappt nicht mehr im Dunkeln, sondern hat das Licht des Lebens.“ „Wenn ihr um etwas bittet in meinem Namen, werde ich eure Bitte erfüllen“ Joh 14,14. „Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich,“ Markus 9,23. Unerhörte Versprechen!

Die Bibel, so sagen einige, sei Gottes Gebrauchsanweisung für das Leben. Soll es gelingen, so muss man halt die Gebrauchsanweisung befolgen, die Gebote halten! So steht geschrieben im 5. Buch Mose: „Wenn ihr diese Gebote haltet und danach tut, so wird der Herr dich lieben und segnen, die Frucht deines Leibes und den Ertrag deines Ackers, dein Getreide, Wein und Öl... Der Herr wird von dir nehmen alle Krankheit...“. Viele haben aufgrund solcher Worte alles verlassen und sind aufgebrochen in ein neues Leben des Glaubens. Sie haben erwartet und gehofft, dass sich in ihrem Leben Wunderbares ereignen werde. Und hat sich nicht wirklich Wunderbares ereignet? Vielleicht, aber eben kaum, wie man es sich ausgemalt hatte. Und so sitzen manche nach vielen Jahren müde am Wegrand, desillusioniert, und verdrücken tapfer die Tränen ihrer Enttäuschung. Enttäuscht vom Glauben, enttäuscht von Gott. Erwartungen erwiesen sich als Illusionen, Gebete gingen ins Leere. Wie viele gläubige, gute Menschen müssen körperlich und seelisch schwer unten durch?

Verspricht denn diese Bibel das Blaue vom Himmel und führt die Leute an der Nase herum!? Es sieht so aus. Aber die gleiche Bibel sagt auch mit aller wünschbaren Deutlichkeit, dass nicht nur Wunder auf dem Weg warten, sondern auch Enttäuschungen. Die Enttäuschung des Gottessohnes am Kreuz ist schnörkellos beschrieben. Das Buch Hiob erzählt, wie es einem unschuldigen Menschen miserabel ergehen kann. Mehr als die Hälfte aller Psalmen sind Klagelieder. Jesus sagt seinen Jüngern, es werde ihnen nicht besser gehen als ihrem Meister. „Man wird euch vor Gerichte und Machthaber schleppen und verurteilen. Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ihr werdet weinen und klagen. Ihr werdet von allen gehasst werden. In der Welt habt ihr Angst. Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, kann nicht mein Jünger sein.“ Steht alles auch in der Bibel. Ich will damit keinem Enttäuschten vorwerfen, er habe die Geschäftsbedingungen nicht gelesen. Es ist allerdings psychologisch erwiesen, dass unser Hirn, wenn es einmal begeistert ist, nur sehr ungern das Kleingedruckte zur Kenntnis nimmt. Versprechungen nimmt man begierig auf, Warnungen dagegen schlägt man in den Wind. So sind wir. Wir lassen uns gern faszinieren von den schönen Bildern, die in unserem Kopf entstehen. Und gerade deshalb gehört Enttäuschung zur Standardausführung des Glaubens und wird serienmässig mitgeliefert. Das steht auch in der Bibel.

Manchmal möchte ich vor lauter Enttäuschung den ganzen religiösen Rucksack in den Strassengraben schmeissen und ohne Glauben weitergehen. Aber ich kann das nicht: Man kann ja auch nicht aufhören, an die Schwerkraft zu glauben, nur weil man von der Leiter gefallen ist. Ich laufe ja auch nicht davon, wenn ich von meiner Frau wieder mal enttäuscht bin. Aber ich mache meiner Enttäuschung Luft. Es muss erlaubt sein zu schreien: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und auf diese Frage kann nur er selbst antworten.

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