Radiopredigt: Erwartungen (Lukas 24, 15-27)

30. März 2008 (Kommentare: 0)

(hören)

Liebe Gemeinde am Radio

Passion und Ostern sind gefeiert und ich hänge noch der alten Frage nach, warum aus einem verheissungsvollen Anfang eine Tragödie werden musste. Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Warum brüllten Tausende „Kreuzige ihn!“, wo er doch ihre Kranken geheilt, Geschichten erzählt und schlagfertig eine volksnahe Theologie gebracht hatte? Warum diese Kreuzigung? Die Antworten des Neuen Testaments und der Theologie kenne ich wohl, und ich kann auch von Herzen zustimmen: Jesus wusste, was auf ihn wartete, und sein Sterben und Auferstehen hat uns den gnädigen Gott offenbart. Darauf kann ich vertrauen.

Mein Fragen geht gewissermassen weniger weit. Ich möchte besser verstehen, was in jenen Menschen damals vorging. Unter der Oberfläche der Ostergeschichten stosse ich nämlich auf einen roten Faden: Man hat etwas anderes erwartet. Menschen können in ihrem Hirn eine Erwartung entwickeln, und wenn dann die Wirklichkeit nicht dieser Erwartung entspricht, gibt es ein Problem. Hat nicht ein Psychiater gesagt, heute würden so viele Ehen zerbrechen wegen falscher Erwartungen?

Der Evangelist Lukas schildert die falsche Erwartung von zwei Jüngern, Kapitel 24:

„Während die beiden Jünger redeten, kam Jesus hinzu. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen und erkannten ihn nicht. Er fragte: Was sind das für Dinge, über die ihr redet? Da sagte Kleopas: „Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weisst, was geschehen ist?“ Er fragte: „Was denn?“ Sie sagten: „Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat. Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, daß Jesus der sei, der Israel erlösen werde. Da sagte er: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der heiligen Schrift über ihn geschrieben steht.“

Was die zwei Jünger natürlich zuletzt erwarteten, war, Jesus anzutreffen. Sie hatten ihn doch am Kreuz gesehen, tot. Kein Wunder, waren sie „mit Blindheit geschlagen“ und erkannten ihren verehrten Meister nicht! Dieser Nebenzug der Erzählung spricht für ihre Echtheit, denn es ist eine typische Schwäche von uns Menschen: Was wir nicht erwarten, erkennen wir nicht.

Hören Sie, was uns letzten Samstag passierte: Alte Freunde von uns kamen in einer Zeitungswerbung, schön im Portrait, ganzseitig, riesengross. Ich sagte zu meiner Frau: „Tolles Bild von Kari und Rosmarie, fandest du nicht auch?“ Sie aber hatte zwar die Zeitung gründlich gelesen, aber das riesige Bild hatte sie komplett übersehen. In einer Werbung erwartet sie eben keine Freunde. Das völlig Unerwartete sehen wir nicht, obwohl die Netzhaut unserer Augen das Bild registriert!

Unsere drei Kinder erzählen noch heute, wie wir sie einst beim Osternest-Suchen hereingelegt hatten. Wir stellten am Vortag ein Nest offen aufs Bücherregal. Am Ostermorgen ging dann die Sucherei los und die Kinder fanden auch bald die zwei gut versteckten Osternester. Aber das dritte, das gar nicht versteckt war, jenes auf dem Bücherregal, fanden sie nicht, bis wir es ihnen zeigten. Was man erwartet, macht blind für das, was auf der Hand liegt.

Die wesentliche, tiefere Blindheit der Jünger aber kam von ihrer falschen Messias-Erwartung: „Wir aber hatten gehofft, dass Jesus der sei, der Israel erlösen werde.“ „Israel erlösen“, das bedeutete für sie, dass er die drückende römische Besatzungsmacht besiegen und ein politisch freies jüdisches Königreich aufrichten würde. Genau das erwarteten auch die Massen, als Jesus am Palmsonntag auf einem Esel in die Hauptstadt einzog, auf dem Reittier des legendären Messias. Genau das erwarteten die Pilgerscharen im Tempel, als Jesus Geldwechsler und Opferhändler hinauswarf. Alle sahen in Jesus zwar den angekündigten Messias, aber sie stellten ihn sich als politischen Befreier vor. Ihre Hoffnung war ihre Blindheit.

Denn schon bald erkannten die Christen: Natürlich war Jesus „der, der Israel erlöste“, und nicht nur Israel erlöste er, die ganze Menschheit. Er hat uns erlöst von Schuld und Sünde. Er hat uns befreit von der Angst vor einem strafenden Gott. Jahrtausendelang haben die Menschen blutige Opfer dargebracht, um die Gnade der Gottheit zu erkaufen. Erst das Sterben des Gottesknechtes am Kreuz demonstriert den Unsinn dieser archaischen Blutlogik und ermöglicht das Vertrauen auf einen gnädigen Gott. Die Botschaft vom gnädigen Gott läuft noch heute um die Welt und erlöst Unzählige von der Angst vor Gott und vor dem Tod. Das ist eine unermesslich grössere Erlösung, als wenn Jesus für ein paar Jahre die Römer vertrieben hätte. Aber die Menschen in Jerusalem damals konnten das nicht sehen. Warum nicht? Wegen ihrer Erwartungen. Sie erwarteten einen politischen Befreier. Jesus aber ist der geistliche Befreier. Seine Herrschaft ist geistig, spirituell.

Erwartungen, die wir unwillkürlich in unserem Hirn aufbauen, machen uns blind für die Wirklichkeit. Wie viele, die von ihrem Partner betrogen wurden, sagen nachher: „Ich hätte es längst sehen können, aber ich war irgendwie blind. Es war, wie wenn ich es nicht hätte sehen wollen.“ Dass wir in unserer Vorstellung Erwartungen aufbauen können, ist eine wunderbare Gabe. Hoffnung beflügelt, Erwartungen können sich verwirklichen. Zugleich aber liegt darin eine Tragik: Erwartungen machen blind, blind für Unheil, das sich zusammenbraut, blind aber auch für das Glück, das einem vor der Nase liegt. Besonders tragisch ist das in Beziehungen. Schon mancher musste sagen: Jetzt erst, da ich allein bin, realisiere ich, was ich vorher hatte. Meine Erwartungen an den Partner machen mich blind für seine wahre Schönheit, für seine einzigartigen Gaben, für all das Glück, das ich mit ihm leben könnte. Der Mensch, der meinen Erwartungen entspricht, wird nämlich nie geboren. Nicht einmal Gott entspricht meinen Erwartungen. Und ich bin fast sicher, dass selbst das Paradies nicht meinen Erwartungen entsprechen wird. Das Glück liegt nicht darin, dass meine Erwartungen sich erfüllen. Es liegt in der Wirklichkeit, die fast immer anders ist als meine Erwartungen.

Hören Sie diese alte Sage: Ein armer Bauer in einer primitiven Hütte im hinteren Klapfgraben im Entlebuch hörte im Traum eine Stimme: „Vielleicht findest du dein Glück, z’Basel uf der mittleren Brück.“ Das Wort liess unseren Bauern nicht mehr los, und bald musste gereist sein und er kam nach Basel. Auf der mittleren Brücke ging er einen Tag lang auf und ab und wunderte sich, wo wohl sein Glück zu finden wäre. Er fiel einem Wachmann auf und der fragte, was er da den ganzen Tag mache auf der Brücke. Da erzählte der seinen Traum. Der Wachmann lachte höhnisch und sagte: „Du dummer Bauer. Wer folgt schon einem blöden Traum? Mir träumte gestern, unter dem Herd in einer armen Hütte im hinteren Klapfgraben im Entlebuch sei ein Schatz vergraben. Bin ich denn so dumm, da hinzulaufen?“ Der Bauer aber lief auf schnellstem Weg nach Hause. Und was fand er daheim unter dem Herd vergraben? Einen Topf voll Dukaten und lebte fortan im Glück. Der Schatz ist nicht, wo man ihn sucht, nicht da, wo man ihn erwartet. Nicht selten liegt er zuhause begraben!

Man müsste seine Erwartungen herunterfahren, um die Wirklichkeit unverstellt wahrzunehmen. Und das ist unheimlich schwer. „Wie schwer fällt es euch zu glauben, was die Propheten gesagt haben,“ sagt Jesus, dass nämlich der Messias leiden muss. Er hatte es den Jüngern im Voraus mehrfach gesagt. Aber sie glaubten es nicht. Die Erwartung ihres Gehirns war stärker. Der Mensch traut den Vorstellungen in seinem Kopf oft mehr als seinen eigenen Ohren.

So malt uns die Bibel Menschen vor Augen, die blind waren für ihren Erlöser, den geistigen Messias Jesus, weil sie einen anderen erwarteten. Lassen wir uns von diesem Drama anrühren! Suchen wir zu ergründen, was wir uns vorstellen, was wir erhoffen, was wir erwarten: Was müsste ich haben, um gut zu leben? Worauf warte ich eigentlich? Wenn wir unsere verborgenen Erwartungen entdecken, können wir sie vielleicht wie eine farbige Brille abnehmen, um endlich die Wirklichkeit zu sehen.

Selbst in einer Wirklichkeit, die unseren Erwartungen diametral widerspricht, mag ein Schatz verborgen sein. Man konnte kürzlich lesen, was Silvano Beltrametti heute über seinen Sturz in Val d’Isère sagt, der ihn zum Querschnittgelähmten gemacht hat: Sechseinhalb Jahre nach seinem tragischen Unfall sei er wieder sehr glücklich, privat und im Beruf. Wörtlich schreibt er: „Ich habe gelernt, dass nichts selbstverständlich ist. Ich kann die schönen Momente intensiver geniessen. Durch den Schicksalsschlag habe ich nicht nur verloren, sondern auch sehr viel gewonnen.“ Das berührt mich. In diese Richtung möchte ich wachsen. Amen.

Einen Kommentar schreiben

*
*
Was ist die Summe aus 6 und 3?
*