Radiopredigt: Glück und Unglück (Deuteronomium 30,15-20)

18. April 2010 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio

heute lese ich mit Ihnen den pathetischsten Text, der mir je untergekommen ist; pathetisch im Sinne von hochgespannt, überspitzt, vielleicht anmassend. Himmel und Erde werden da beschworen, Glück und Unglück, Leben und Tod. Das Wort ist das Fazit einer langen Predigt im 5. Buch Mose (oder Deuteronomium), einer Predigt von Mose selber, so stellt es der Schriftsteller dar, der dem Volk Israel nach der Wüstenwanderung die Leviten liest. Was mir auffällt, ist die Häufung des Wörtleins „heute“. Es bewirkt, dass ich die Bibel nicht gleich wieder zuklappe.

Aus dem Deuteronomium, Kapitel 30; Mose spricht zu Israel:

Hier und heute habe ich dir Leben und Glück vorgelegt, oder Tod und Unglück. Hörst du auf die Gebote Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, indem du deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden, und Gott wird dich segnen in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen. Wendest du aber dein Herz ab und hörst nicht; lässt du dich verführen und wirfst du dich nieder vor anderen Göttern und dienst ihnen - so erkläre ich heute: Dann werdet ihr ausgetilgt; ihr werdet nicht lange leben in dem Land, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst. Himmel und Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben oder Tod lege ich dir vor, Segen oder Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.

Mein Gott, Zuckerbrot und Peitsche! Hältst du die Gebote, so belohnt dich Gott, aber wehe, wenn du sie nicht hältst, dann setzt es Hiebe. Da haben wirs. Von diesem Text also stammt die landläufige Religion. Dieser Text ist also verantwortlich für die hartnäckige Vorstellung, Gott sei der allwissende Polizist im Himmel, der Samichlaus und Schmutzli zugleich, der die Braven belohnt und die Rüpel bestraft.

Hier haben wir den Text, der fromme Eltern verführt, Gott als Erziehungshilfe zu missbrauchen. Mussten Sie das erleben in Ihrer Kindheit? Die strengen Eltern, die für ein kleines Kind eh schon allmächtig sind, verstärken ihre Macht und Kontrolle, indem sie Gott beschwören, der alles weiss, alles sieht und alles kontrolliert, was du tust? Was du tust, das ginge ja noch, aber auch alles, was du flüsterst und träumst und denkst! Und ereilt dich die Strafe nicht heute oder morgen, dann umso schlimmer und unwiderruflich in der Ewigkeit. Grauenhaft.

Ich selber hatte Gott sei Dank eine gnädige Kindheit. Meine Eltern kennen diese Bibelstelle nicht. Sie reden selten von Gott. Sie missbrauchten Gott nicht, um ihre eigene Macht über uns Kinder auszubauen. Ich bin ihnen dankbar. Aber als Pfarrer kenne ich natürlich viele, die mit einem allgegenwärtigen, allwissenden unheimlichen „grossen Bruder“ im Genick aufwachsen mussten, den sie zu guter Letzt auch noch lieben sollten, um nicht ewig in der Hölle zu schmoren. Was das mit einer Kinderseele machen kann, davon wissen Psychiater schlimme Geschichten.

Hier steht es ausdrücklich: „Der Herr, dein Gott“, mit Zuckerbrot und Peitsche. Übrigens: Was Eltern mit ihren Kindern machen, hat über Jahrhunderte die christliche Obrigkeit mit ihren Untertanen gemacht. Sie erklärte ihre eigenen Vorstellungen von Moral und rechtem Glauben für Gottes Willen. Sie drohten, wenn das Volk diesem Willen widerstrebe, werde es von Gott gestraft, mit Unwetter, Hungersnot und Erdbeben. Daraus leitete die Obrigkeit ihr Recht ab, all jene mit Gewalt zu verfolgen, die ihren Vorstellungen zuwider lebten. Sittenmandate, Ketzer- und Hexenverbrennungen sollten nur dazu dienen, drohende göttliche Strafen und Katastrophen vom Volk abzuwenden. Man meinte es in den Ratsstuben also nur gut mit dem Volk. Auch in den Kinderstuben meinen es die Eltern ja nur gut. Ich sage das nicht zynisch. Leider passieren die grössten Dummheiten den Menschen, die es aufrichtig gut meinen mit uns.

Die Mose-Predigt, die wir betrachten, steht also hinter der Idee, ein allwissender Richter im Himmel belohne die Guten und bestrafe die Bösen. Wollen wir diesen Text nun aus der Heiligen Schrift herausreissen und verbrennen?

Erstens: Das ist zu spät, es nützt nichts mehr. Jedes Kind, das auch nur einen Schluck Religion mitkriegt, weiss, dass Gott belohnt oder bestraft. Daran ist vermutlich nicht einmal Mose schuld. Wir scheinen in unserem Gehirn ein Denkmuster zu haben, das zwingend so arbeitet. Wenn es „höhere Wesen“ gibt, dann wissen sie alles über uns und belohnen oder strafen, segnen oder fluchen. Wir denken automatisch so vom Himmel, und die Mose-Predigt spricht nur aus, was die Religiösen in aller Welt denken, dass uns nämlich aus dem unwägbaren Jenseits Zuckerbrot lockt oder Peitsche droht.

Zweitens: Was ich etwas abfällig die Zuckerbrot-und-Peitsche-Religion nenne, enthält halt auch eine tiefe Wahrheit, auf die niemand verzichten sollte. Sie heisst: Es kommt drauf an, was du tust. Es ist nicht Wurst, wie du dich entscheidest. Dein Leben hat Bedeutung. Dein Tun löst Unberechenbares aus, das auf dich und viele andere zurück wirkt. Diese Überzeugung kann man nicht hoch genug schätzen. Religiös wird sie begründet damit, dass Segen und Fluch auch von dir und deinen Entscheidungen abhängen.

Ich habe skizziert, wie Obrigkeiten und wohlmeinende Eltern diese Wahrheit missbrauchten, um Kleine zu unterdrücken. Wissen Sie, es sind immer Wahrheiten, die missbraucht werden. Unsinn eignet sich kaum zum Missbrauch. Nun gilt aber der alte Satz auch hier: Dass eine Wahrheit missbraucht wird, macht sie nicht zur Lüge. Sie bleibt wahr, und die Wahrheit unseres Bibeltextes will ich nun am Wort „heute“ darlegen, das in unserem Bibelwort hervorsticht.

„Hier und heute habe ich dir Leben und Glück vorgelegt, oder Tod und Unglück.“ „Hörst du auf die Gebote Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, so wird Gott dich segnen.“ „Wirfst du dich aber nieder vor andern Göttern und arbeitest für sie, so erkläre ich heute: Ihr werdet nicht lange leben…“ „Himmel und Erde rufe ich heute als Zeugen an gegen euch.“

„Himmel und Erde“, haben Sie’s geachtet? Nicht Himmel und Hölle. Von der Hölle wusste man damals noch nichts. Das Thema hier ist der Segen der Erde, das gute Leben hier und jetzt, das Glück. Für dein Glück ist entscheidend, wie du dich heute entscheidest. Dieses „heute“ gibt dem Tag eine einzigartige Bedeutung. Auf die kleinen Entscheide, die du heute fällst, kommt es an. Heute gewinnst du, oder du verlierst. Heute stellst du Weichen. Mach dir nichts vor! Nimm dir nichts vor für morgen. Tu heute, was recht ist. Gib heute von dem, was du hast. Bringe heute jemanden zum Strahlen. Verzichte heute auf das, was schadet. Hör heute auf, andere Götter zu bewundern, die nur dein Geld und deine Zeit fressen. Du sollst nicht anderen Göttern „dienen“, heisst es, du sollst also heute aufhören zu arbeiten für Mächte, die dich klein machen und knechten. Deine Arbeit soll deinen Nächsten dienen, arbeite heute so gut für sie, wie auch für dich. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagt Jesus zum Schächer, der neben ihm am Kreuz hängt.

Das „Heute“ entscheidet, und das vertreibt die Wurstigkeit, die sich ausbreitet wie giftiger Nebel: „Ist doch alles Wurst, ist doch alles egal, kommt doch nicht drauf an“. Gleichgültigkeit ist hochgefährlich. Sie ist der Keim zur Depression. Ja, wir wollen glauben, dass es drauf ankommt, was wir tun, wie wir entscheiden. Wer einem Durstigen heute einen Becher Wasser gibt, der gibt Christus zu trinken, der wirkt Segen in himmlischen Dimensionen, der wirkt Glück.

Das Gestern gehört den Dämonen, das Morgen gehört noch Gott. Aber das Heute gehört mir. Schön hat Andreas Gryphius gesagt: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein. Und nehm ich den in Acht, so ist Der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

Amen.

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