Radiopredigt: Hoch zu Ross (2. Könige 5)

9. November 2008 (Kommentare: 0)

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Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio.

Heute bringe ich Ihnen die Geschichte von einem Supermenschen auf dem hohen Ross, der auf vielen Umwegen lernt, abzusteigen, um Heilung zu finden. Mein Hausarzt war begeistert von der Geschichte. „Was ich in der Praxis Tag für Tag erlebe“, sagte er, „erzählt symbolisch diese alte Geschichte.“ Er liess sich vor vielen Jahren gerne verführen, darüber zu predigen, wohl die einzige Predigt, die er je gehalten hat. Ich weiss leider kaum mehr, was er sagte, aber ich halte Ihnen heute gerne meine Predigt. Sie wissen nun, es sind wohl Gedanken von meinem alten Hausarzt, und ich darf meinen, sie wären auf meinem Mist gewachsen. Die Geschichte finden Sie in 2. Könige 5.

"Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab Gott den Aramäern Sieg. Er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig."

Ein Offizier, verwöhnt vom Erfolg, führt seine Truppen von Sieg zu Sieg. Befehlen ist sein Beruf, wohl schon seine zweite Natur. Alles gehorcht seinem Kommando. Selbst sein König würde ihm jeden Wunsch erfüllen; denn in einer kriegerischen Welt wie damals ist ein erfolgreicher General Retter und Star eines Reiches. Solange er mit seinen Männern siegreich aus den Schlachten zurück kehrt, ist Gott mit ihm. Der Erfolg ist Gott, für einen General, jene geheimnisvolle Macht, die den Feind erschreckt und in die Flucht schlägt. Naaman ist siegreich.

„Ein trefflicher Mann, ein gewaltiger Mann - jedoch aussätzig.“ Welche Tragik! Vielleicht versteckt der General die vom Aussatz befallenen Stellen der Haut unter der Uniform, unter der Rüstung. Würde seine Krankheit nämlich sichtbar, so gehorchte ihm keiner mehr. Wer glaubt schon, dass Gott mit einem Aussätzigen ist!? Aussätzige mussten damals ins Siechenhaus vor der Stadtmauer. Er müsste betteln und bei lebendigem Leib verfaulen.

Unter der goldenen Rüstung des Erfolgreichen fault der Aussatz. Der Mensch ist nicht gemacht für den andauernden Erfolg. Es gibt viele Naamans, „treffliche, gewaltige Männer“, und was ist unter der Rüstung? Gehen Sie Ihre Bekannten durch! Ich schaue selber in den Spiegel: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Unter dem Erfolg fault es gern irgendwo, warum nur?

Einst waren die Kriegsleute der Aramäer ausgezogen und hatten aus dem Lande Israel auch ein junges Mädchen weggeführt; die war nun im Dienst der Frau Naamans. Sie sprach zu ihrer Herrin: „Ach, daß mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria, in Israel! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.“ Da ging Naaman hinein zu seinem König und sagte es ihm an: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet.

Eine Sklavin aus dem besiegten Nachbarvolk. Sicher hübsch, mit kräftigen Beinen, so liess man sie am Leben. Der General hatte sie seiner Frau geschenkt als Mitbringsel aus dem Krieg. Dieses Mitbringsel weiss nun, wo es für den Herrn General Hilfe gäbe. Wie lange ziert sich der Feldhauptmann wohl, bis er sich auf dieses „Jeune Fille“ einlässt? Eine Israelitengöre. Was will die schon wissen? Wieso soll ein Prophet in jenem gottlosen Samaria mehr können als die Ärzte der siegreichen Aramäer? Aber der Leidensdruck steigt. Bald kann man die Flecken nicht mehr verstecken. Wenn die Krankheit, wenn die Not unerträglich wird, lässt sich sogar ein General zu einer Frau herab, ja zu einer Sklavin, einer Putzfrau aus einem verfemten Volk. Wie beschämend, welch ein Abstieg! Aber nun steckt er‘s seinem König.

Der König von Aram sprach: „So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben.“ Und Naaman zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: „Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist.“

Der König schickt seinen Stargeneral zum alten Feind, zum König von Israel, vorsichtshalber mit einem diplomatischen Empfehlungsschreiben. Und der General nimmt ein halbes Vermögen mit. Wenn man mit Geld den Schatten ausradieren könnte, wenn man Gesundheit, intakte Beziehungen, eine glückliche Familie, inneren Frieden kaufen könnte! Ansehen wenigstens kann man sich mit Geld verschaffen. Man wird am Königshof zünftig gestaunt haben über den prächtigen Aufzug des Generals. Seinen Aussatz sieht niemand. Aber dem König von Israel muss er nun reinen Wein einschenken.

Und als der König von Israel den Brief las, zerriß er seine Kleider und sprach: „Bin ich denn Gott, daß ich töten und lebendig machen könnte, daß er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er nur Streit mit mir sucht!“

Für den König Israels ist es sonnenklar: Der will nur provozieren. Er verlangt von mir Unmögliches, und wenn ich seine Forderung nicht erfülle, nimmt er es zum Vorwand, Israel mit Krieg zu überziehen.

Es ist psychologisch eine vertrackte Situation: Da bittet einer ernsthaft um Hilfe, und der andere fühlt sich angegriffen! „Gewaltige, treffliche Männer“ haben es schwer, wenn sie einmal wirklich Hilfe brauchen. Niemand glaubt ihnen ihre Hilflosigkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum ein starker Mann, wenn er einmal krank wird, so furchtbar wehleidig tun muss: weil ihm sonst keine glaubt, dass er nun tatsächlich Hilfe braucht.

Für den König von Israel ist Naaman der mächtige Vertreter eines gewaltbereiten Siegervolks. Er kommt mit Silber, Gold, mit Ross und Wagen. Ja, so kann man nicht um Hilfe bitten. Man kann, aber man kriegt sie nicht. Noch sitzt Naaman auf dem hohen Ross. Er spielt noch den gewaltigen Mann, den erfolgreichen Sieger. Den Aussatz betrachtet er als etwas Lästiges, Fremdes, das irgend ein Fachmann wegmachen kann, wenn man ihn nur genug schmiert. Die heilsame Wende kann oft erst eintreten, wenn der Kranke das Übel als seine Schwäche akzeptiert; wenn er mit Trauer und Tränen zugibt, dass sein Können und Vermögen nichts vermag, nicht helfen kann. Der General müsste sein Leiden annehmen und wahrnehmen, dass Gott nicht nur im Erfolg ist. Gott ist auch im Leiden. Zunächst aber meldet sich der wahre Helfer.

Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, daß der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: „Warum hast du deine Kleider zerrissen? Laß ihn zu mir kommen, damit er innewerde, daß ein Prophet in Israel ist.“ So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm hinaus und ließ ihm sagen: „Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.“

Da wurde Naaman zornig und sprach: „Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar besser als alle Wasser in Israel, so daß ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?“

Naaman kommt mit Ross und Wagen. Und der Prophet? Der guckt nicht einmal zum Fenster heraus! Er schickt einen namenlosen Lehrbuben und lässt dem General ausrichten, er solle sich waschen! Der General ist ein geduldiger Mann. Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden. Aber jetzt ist der Kessel voll. „Da wurde Naaman zornig“. Endlich wird diese erfolgreiche Seele, die immer alles im Griff hatte, erschüttert, erschüttert durch eine kaum zu überbietende Demütigung. „Habe ich mit einem königlichen Empfehlungsschreiben diese lange, beschwerliche Reise machen, habe ich mich am Königshof ungerecht beschimpfen lassen, habe ich ein halbes Vermögen nach Israel schleppen müssen, zu diesem Pfaff, in dieses Kaff, und der hält es nicht einmal für nötig, mich persönlich zu empfangen!? Ich soll mich waschen! Das ist doch die Höhe.“ Die Demütigung, die Wut, die sich nun entlädt, rüttelt diese durch Erfolg erstarrte Seele durch. Und das öffnet sie für die Heilung. Aber noch immer sitzt der General auf dem Ross.

Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: „Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!“ Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.

Die letzte Demütigung: Nun muss der wütende General auch noch seinen Soldaten gehorchen. Er folgt seinen Unterstellten, die bisher immer seine Anweisungen zu befolgen hatten. Verkehrte Welt! Und in der verkehrten Welt findet sich die Hilfe. „Da stieg er ab“. Er wäscht sich, wie die kleinen Leute ihm empfohlen haben und wird heil.

So wird der Mensch heil: Er steigt vom hohen Ross. Sein Hochmut wird geerdet. Er erkennt, wie wertlos Geld und Ansehen sind, wenn es ums Leben geht. Er nimmt seine Enttäuschung wahr und lässt seiner Wut freien Lauf. Er nimmt sich selber weniger wichtig. Er beginnt, einfache Leute zu achten und auf sie zu hören. Er realisiert, dass er sein Leben nicht im Griff hat und fragt nach Gott. Derartige Umwälzungen im Innern bedeuten seelisch Heilung.

Der Mann sucht von Natur aus Erfolg und Macht und findet sie oft auch. Aber um heil und ganz zu werden, muss er Demut lernen und Gott finden im Niedrigen, Unscheinbaren, ja auch im Leiden. Das ist der Königsweg, auf dem wir wohl alle unterwegs sind, der Weg, den Christus uns voraus gegangen ist.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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