Radiopredigt: Im Hause meines Vaters (Johannes 14, 1-3)

13. Juli 2008 (Kommentare: 0)

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Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio!

Sie kennen sicher die Frage: „Was würden Sie heute tun, wenn Sie wüssten: Das ist der letzte Tag meines Lebens?“ Die einen sagen: „Da würd ich noch ein mal so richtig die Sau ablassen und nur noch geniessen.“ Andere möchten sich in die Stille zurückziehen und meditieren. Und immer gibt es die Altklugen, die sagen: „Ich würde weiterleben wie bisher. Ich lebe eh jeden Tag, wie wenn es der letzte wäre.“ Wunderbar, schön wär’s.

Es gilt als chic, jeden Tag zu leben, als ob es der letzte wäre. „Bewusst leben“, nennt man das. Ich habe dazu auch schon gepredigt. So spricht Psalm 90: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“. Das ist aber wohl die einzige Bibelstelle, die sich zu solcher Auslegung hergibt. Das sogenannte bewusste Leben, die „Spiritualität des letzten Tags“, kommt kaum aus der Bibel. Jesus ermutigt seine Jünger vielmehr, darauf zu vertrauen, dass der „letzte Tag“ ein neuer Anfang ist. In seinen Abschiedsreden, Johannes 14, sagt er:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“

Rund hundertfünzig Mal konnte ich in meinem Leben nun Ferien geniessen. Und da gibt es ja auch immer jenen unwiderruflich letzten Ferientag. Sie können meine Frau fragen, was das jeweils mit mir macht. Schon vom drittletzten Ferientag an werde ich unausstehlich. Das nahende Ende der glücklichen Zeit überschattet alles. Jetzt müsste ich also besonders bewusst geniessen. Und gerade weil ich das weiss, kann ich nicht geniessen. Panik macht sich breit, Torschlusspanik. Ich will noch da hin und dorthin. Wann gehen wir noch zum Alp-Seeli? Morgen regnets, aber heute sind wir zu spät und übermorgen ist Schluss. Ich habe es nicht gern, dieses „bewusste Leben“, ganz sicher nicht den Ferienschluss.

Sie erleben das vielleicht anders. Sie freuen sich auf die Heimkehr, wie meine Frau. Sie freuen sich auf Ihre Arbeit. Ich dagegen muss gestehen: Ich habe zwar einen wunderschönen Beruf. Aber tausendmal schöner als diesen finde ich Ferien!

Gut. Bleiben wir nicht am Beispiel kleben. Ich will damit ja nur fragen: Ist es wirklich so toll, jeden Tag zu leben, als ob es der letzte wäre? Kennen Sie den Schlager von „Tokio Hotel“ mit dem Refrain: „Wenn dieser Tag der letzte ist, bitte sag es mir noch nicht! Wenn das das Ende für uns ist, sag's nicht; noch nicht!“ Ich hab’s mit diesem verliebten Sänger! Wenn man wissen muss, dass es das letzte Mal ist, ist es überhaupt nicht lustig. Von bewusstem Geniessen kann keine Rede sein, und Torschlusspanik macht einen zum gehetzten Hasen.

Da höre ich tausendmal lieber, was Jesus sagt: „Ich gehe, um euch einen Platz vorzubereiten, und dann komme ich und hole euch zu mir.“ Mein letzter Tag auf dieser Welt ist demzufolge der Übergang zu etwas Neuem, in den „Wohnungen des Vaters“. Oder nehmen Sie an, mit dem Sterben sei alles aus? Ich weiss, einige erwarten, dass sie von neuem auf diese Welt kommen. Auch diese Erwartung einer Reïnkarnation rechnet damit, dass unser Leben nicht ausgelöscht wird durch den Tod. Geht’s irgendwie weiter, oder ist alles aus und fertig? Haben Sie dazu eine feste Meinung, eine bestimmte Erwartung? Zu diesem Thema höre ich oft: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich lebe, das ist die Hauptsache. Was nachher kommt, interessiert mich eigentlich nicht.“ Ich bleibe jeweils freundlich und brumme irgendwas. Aber hier am Radio muss ich nicht freundlich sein und kann offen sagen: Das ist unlogisch, was Sie da sagen. Wenn Sie wirklich am Leben hier interessiert wären, müssten Sie sich dafür interessieren, was nachher kommt! Denn was Sie nach dem Tod erwarten, prägt Ihr Leben vor dem Tod.

Oder wie erklären Sie sich die haarsträubende Tatsache, dass zwei-drei Generationen - kurz gesagt wir, liebe Hörer - hemmungslos alles Erdöl dieser Erde verbrennen? Ich kann das nur verstehen, wenn ich mir bewusst mache, dass die Masse glaubt, mit dem Tod sei alles aus. „Och, die werden schon irgendeine Technik erfinden, um ihre Motoren ohne Öl zu betreiben,“ heisst es. Aber im Grunde müsste man ehrlicher sagen: „Mir ist‘s egal, denn dann gibt es mich eh nicht mehr. Lasst uns konsumieren, verbrauchen, was wir können, denn morgen sind wir tot.“ Wer nach dem Tod nichts mehr erwartet, hat keinen guten Grund, warum er nachhaltig und verantwortlich leben sollte. Er ist ja nur sich selbst und seinem kurzen Leben verantwortlich. Er kann sich nicht auf einen Platz in den Wohnungen Gottes freuen. So wird er halt versuchen, sich in dieser Welt auf die besten Plätze zu ellbögeln, ohne Rücksicht eben. Viel Zeit bleibt ja nicht!

Ich weiss natürlich, dass es wundervolle Menschen gibt, die rücksichtsvoll und verantwortlich leben, obwohl sie Materialisten sind, obwohl sie nicht an ein Leben nach dem Tod glauben. Sie haben meine höchste Achtung. Sie leben gut und rücksichtsvoll, ohne dafür eigentlich eine stichhaltige Begründung zu haben. Ich fürchte aber, sie seien heroische, seltene Ausnahmen in einer materialistischen Welt, die einfach geniessen will, ohne Rücksicht auf Verluste; „denn morgen sind wir tot.“

A propos „geniessen“. Der begnadete Dichter Bert Brecht war Materialist. So schreibt er: „Lasst euch nicht verführen! Ihr sterbt mit allen Tieren und es kommt nichts nachher. Lasst euch nicht betrügen, das Leben wenig ist. Schlürft es in schnellen Zügen!“ Hören Sie gut hin! „Schlürft es in schnellen Zügen!“, das Leben. Wer keine Hoffnung auf ein Jenseits hat, wird leicht gierig. „In schnellen Zügen“ herunter schlingen, was zu haben ist. Man verhält sich wie am kalten Buffet, wenn man gleich wieder gehen muss. Was das bedeutet, wissen Sie: Wer den Wein „in schnellen Zügen schlürft“, dem sollte man lieber Bier geben! Wein kann man nicht geniessen „in schnellen Zügen“. Das Leben auch nicht. Mit dem endgültigen Aus vor Augen kann man schlecht geniessen. Man kann nur konsumieren, also verbrauchen, und man wird immer schneller und immer mehr verbrauchen; denn man sucht im Konsum das Glück, und da ist es sicher nicht zu finden. Wer sich so auf den Tod einstellt, dass er das endgültige Aus sei, hat wenig Chancen, das Leben wirklich zu geniessen!

Ich denke, es ist besonders schwer, als Materialist alt zu werden. Wenn das Leben spürbar versickert und verwelkt, wenn man nur noch Leiden und dann ein Ende vor Augen hat, wird es verzweifelt eng. Da läuft mancher würdelos den letzten Genüssen nach, deren er noch fähig ist. Andere erwarten verzweifelt Dankbarkeit für das Viele, das sie geleistet haben. Und diese Dankbarkeit gibt es kaum je hienieden. Essen macht keine Freude mehr. Augen, Ohren und Beine künden den Dienst auf. Da fürchte ich, müsste ich in Missmut und Griesgram versinken und meinen Leuten zur grossen Last werden, wenn es nicht eine Freude gäbe auf etwas Neues, das kommt. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten.“ Das Schönste kommt erst noch.

Wie kann man aber glauben, wenn man voller Zweifel steckt? Ich schlage Ihnen zunächst vor, den Leuten nicht mehr nachzuplappern: „Och, was nachher kommt, ist doch nicht wichtig.“ Und ob es wichtig ist! Was ich erwarte, ist eine Grundeinstellung des Lebens. Wie ich meine Erwartung einstelle, so wird mein Leben!

Dann muss man sich mit seinem zweifelnden Verstand auseinander setzen und ihm Argumente liefern. Man kann ihm zunächst sagen: „Wie soll ich denn wissen, was nach dem Tod kommt!? Es wird wahrhaftig vernünftig sein zu hören, was Grössere als ich sagen. Es ist sinnvoll, auf Jesus zu hören.“

Dann kann man dem Verstand die alten Argumente aufzählen: 1. Jede Religion der Menschheit lehrt, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht. 2. Die Mehrheit aller Menschen ist wie Jesus überzeugt, dass die Toten in einer andern Dimension lebendig sind. 3. Gut dokumentierte Spukphänomene aus alter und neuer Zeit lassen sich am ehesten verstehen, wenn Tote unter seltenen Umständen auf unsere Welt einwirken können. 4. Unzählige Nahtoderfahrungen aus allen Kulturen zeugen davon: Nachher kommt noch etwas.

Das sind natürlich keine Beweise. Man muss übrigens alle Grundeinstellungen des Lebens vornehmen ohne Beweise. Es sind aber Argumente. Argumente bringen keinen zum Glauben. Aber sie können den naseweisen Verstand im Kopf ein wenig beschäftigen, damit er etwas leiser meckert.

Glauben ist Vertrauen, und vertrauen kann nur die Seele, „das Herz“, wie Jesus sagt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Vertraut auf Gott und vertraut auf mich.“ Vertrauen wächst, wenn ich mir einen Ruck gebe und sage: „Ich will ihm glauben. Ich habe wohl meine Zweifel, aber ich will mich nun auf Jesus verlassen und mal vertrauen, dass er etwas mehr weiss als ich. Ich will seine Worte höher achten als meine Zweifel. Ich will anfangen, mich zu freuen, dass das Schönste noch kommt.“

Aber wenn sich dann einmal alles als grosse Illusion heraus stellen sollte? Das befürchten natürlich alle! Und die gute Antwort gab der Mathematiker Blaise Pascal schon 1650: Auch wenn sich die Hoffnung auf ewiges Leben als Illusion herausstellen sollte, so hättest du nichts verpasst! Diese Hoffnung gibt dir in dieser Welt glückliche Gelassenheit. Sie leitet dich zu den höchsten Werten eines Menschenlebens und sie ermöglicht dir, dein Leben ohne Torschlusspanik zu geniessen. Amen.

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