Radiopredigt: Lästig sein (Jesaja 46,3-8)

14. Februar 2010 (Kommentare: 0)

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Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio

Kürzlich sagte ich zu einem jungen Mann: „Sie habe ich schon auf dem Arm getragen, Herr Bissegger!“ Er schaute mich entgeistert an. Er meinte, ich wolle ihn – im übertragenen Sinn – auf den Arm nehmen. Wie sollte er wissen, dass ich ihn einst getauft hatte! Es gibt nicht mehr viele, ausser meinen Eltern, die zu mir sagen können: „Dich habe ich auch schon auf dem Arm getragen.“ Die meisten sind gestorben, und inzwischen habe ich ziemlich an Volumen zugelegt, so dass ich eigentlich nicht mehr tragbar bin – ausser es wollten mehrere Träger mit anpacken.

Sie hören es: „Tragen“ brauchen wir oft im übertragenen Sinn, als Bildwort, als Metapher fürs Leben. Unsere erste Erfahrung war ja, dass wir buchstäblich getragen wurden, zunächst im Leib der Mutter, dann auf ihren Armen. Selber stehen – „Selbständigkeit“ ist uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen das mühsam lernen. Noch lange schleppten uns wohl Geschwister und Verwandte herum. Und fielen unsere kleinen Torkelschritte allzu zögerlich aus, packte uns vielleicht der starke Arm eines Mannes und hob uns auf seine Achseln, damit es endlich wieder vorwärts ging. „Getragen werden“ ist ein Gleichnis der Geborgenheit. Wir mögen uns „wie getragen“ vorkommen, wenn wir Hindernisse überwunden und Durststrecken ertragen haben. In diesem Sinne braucht der Prophet Jesaja das Wort „tragen“, wenn er Gott Worte gibt, ziemlich energische Worte, um seinem Volk eine spirituelle Tatsache einzuprägen:

„Hört, Volk Israel – sagt Er – ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Und ich bleibe derselbe in alle Zukunft! Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Da schütten sie Gold und Silber aus ihrem Beutel, beauftragen den Goldschmied und der macht ihnen einen Götzen draus. Vor dem werfen sie sich nieder! Sie heben ihn auf ihre Schultern, sie tragen ihn feierlich umher, sie setzen ihn wieder ab - und da steht er dann und rührt sich nicht. Ruft jemand um Hilfe? Der antwortet nicht! Der rettet keinen aus der Not. Macht euch das einmal klar, und nehmt es euch zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!“

Der Prophet legt hier ein Urwort aus, das er in heiligen Schriften findet. Das Wort wird dem Mose zugeschrieben. Er habe rückblickend zu Israel gesagt: „Durch die Wüste hat Er euch getragen wie ein Vater sein Kind, den ganzen langen Weg bis hierher“ (Dt 1,31). Andernorts lesen wir sogar: „Auf Adlerflügeln habe ich euch getragen.“ (Ex 19,4). „Getragen sein“. Wie klingt eine Stimme, die sagt: „Die ganze Zeit hat Gott uns getragen“? Ich höre eine alte Stimme. Junge würden kaum so etwas sagen. Wer vom Getragen-Sein spricht, der blickt zurück in die Vergangenheit, der gedenkt eines begangenen Weges.

Sie kennen wohl die weltbekannte moderne Geschichte „Spuren im Sand“? Da blickt einer zurück auf sein Leben. Er sieht im Sand die Spur seiner Füsse, und erstaunlicherweise daneben eine zweite Spur. Dankbar realisiert er: „Ich war nie allein. Gott ging immer an meiner Seite“. Doch dann sieht er Wegabschnitte, die schwierig waren in seinem Leben, und da sieht er nur eine einzige Spur. „Wo ist die zweite Spur?“, sagt er, „warum hast du mich allein gelassen, Gott, ausgerechnet auf schwierigen Strecken?“ Und Gott antwortet: „Auf schwierigen Strecken habe ich dich getragen.“

Schön, wenn ein Leben bis zu diesem Aussichtspunkt gelangen kann: Man ist angekommen, man kann zurückblicken. Dankbarkeit vergoldet die Vergangenheit wie Abendsonne das Tal und man kann mit Überzeugung sagen: „Eigentlich bin ich getragen worden“, „durchgetragen“, sagen manchmal fromme Alte. Es ist der Rückblick, der die Erkenntnis wachsen lässt, dass einen nicht nur die eigene Kraft so weit gebracht hat. „Bis hierher hat uns Gott geholfen“. Ich kann mir das denken und stelle es mir auch schön vor, so eine dankbare Rückschau auf einen Weg, den man bewältigt hat. Aber ich rede nicht so, beileibe nicht, noch nicht! Im Augenblick, in meiner Gegenwart ist das Gefühl des Getragen-Seins für mich nicht so unheimlich eindrücklich; im Gegenteil. Ich muss meine Beine selber unter den Arm nehmen, ich muss mich in den Hintern klemmen, ich muss mich selber schleppen. Wollte mir einer sagen, ich sei doch wunderbar geborgen und getragen, würde ich verdrossen zurück fragen: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“ Israel wanderte wahrhaftig auf seinen eigenen müden Füssen durch jene Wüste! Erst im Rückblick, lange nachher, erdreistet sich einer zu behaupten: „Durch die Wüste hat Er euch auf Adlerflügeln getragen wie ein Vater sein Kind.“ Darüber muss nun gestritten sein! Diese rosarote Fantasie von Gott als Adler, der seine Jungen auf seinen Flügeln trägt, solange sie noch nicht recht fliegen, die Vorstellung von Gott als Porteur, als Träger, als Dienstmann ist sicher nett. Aber sie funktioniert eh nur im Rückblick, haben wir gesehen. In der Maloche der Gegenwart merkt man nichts davon.

„Ich bin durchgetragen worden“ sagt sich doch wohl die alternde Seele, um sich leichter mit ihrem schlimmen Weg des Lebens zu versöhnen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber den Kämpfern und Krampferinnen in der Blüte des Lebens komme man damit nicht! Uns kommt Gott nicht so sehr vor als Vater, der uns trägt, eher als Aufseher, der uns antreibt; das muss doch mal gesagt sein! Die Worte Jesajas haben umgekehrt auch einen ärgerlichen Unterton. Da zankt Gott mit seinem Volk, weil es eben nicht wahrnehmen kann und wahrhaben will, dass es schon immer getragen war, ausgetragen und durchgetragen von seinem Gott. „Hört, Volk Israel, ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Macht euch das einmal klar, und nehmt es euch zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!“ Da läuft offensichtlich eine heisse Debatte.

Nun will ich mich mal auf die Seite des Propheten stellen und auf seiner Seite argumentieren gegen mich selber. Du merkst es nur nicht, Mensch, in deinem eingebildeten Dünkel, wie du ständig getragen bist! Du meinst, du allein seist es, der aus eigener Kraft lebt und kämpft und vorwärts schreitet, alles hänge von dir und deinem grossmauligen Ich ab. Wenn es dir gut geht, sagst du selbstgefällig: „Man muss halt auch etwas tun dafür!“, und wenn es dir schlecht geht, fragst du dich, was du wohl falsch gemacht haben könntest. Realisierst du denn nicht, was für eine kleine Nebenrolle dein anmassendes Ich spielt im Drama deines Lebens? Wenn du auf gesunden eigenen Beinen stehen kannst, hast du das dir selber zu verdanken? Lernst du nichts, wenn du Menschen im Rollstohl begegnest? Unzählige arbeiten und schwitzen für dich, auch in entfernten Erdteilen, damit du dich ausgewogen ernähren kannst. Tag für Tag schorren Bauern zweimal den Mistgraben für dich, damit du deinen plastikverpackten Käse kaufen kannst. Wie viele Tiere haben wohl schon ihr Leben gegeben, um dich zu ernähren? Zellen, von denen du null Ahnung hast, sorgen dafür, dass du Milligramme von jenen Spurenelementen aufnimmst, die du nichtsahnend, aber unbedingt brauchst. Streiken einige von ihnen und fehlt dir ein Milligramm, so versinkst du im Strudel einer Depression. Was nützt es dann, dass du dich zusammenreisst; kannst du es überhaupt noch? Du weisst doch, dass Hunderttausende täglich ihr Leben lassen für dich? Ich meine die Fresszellen deines Immunsystems. Sie werfen sich auf Viren und Bakterien, umarmen sie und sterben mit ihnen wie Winkelried, damit du lebst. Hast du ihnen das beigebracht? Weisst du überhaupt von ihrem Opfer? Wie lange noch willst du auf die Weisheit des Alters warten, damit sie dich lehrt, dass du getragen bist? „Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“ Keiner ist weise, der nicht realisiert, wie getragen er ist. Keine ist vernünftig, die sich nicht verbeugt vor dem Geheimnis, das uns trägt.

Ich gebe mich geschlagen, sicher überredet. Im Moment fehlen mir Gegenargumente. Aber begeistert bin ich halt auch nicht. Getragen werden ist gar nicht so lustig! Ich möchte lieber auf eigenen Beinen stehen und gehen, wohin ich will. Und ich will ja niemandem zur Last fallen. Ja, oft habe ich das schon gehört bei alten Leuten: Ich will niemandem zur Last fallen. Manchmal lässt dieser Wunsch sogar an Suizid denken. Und ich höre den Propheten schon donnern: Wer getragen wird, ist immer eine Last! Du warst deinen Eltern eine Last, du bist deinem Partner eine Last, du bist deinen Kindern eine Last, von deinen Mitarbeitern gar nicht zu reden.

Keiner ist weise, der nicht merkt und dazu ja sagt, dass man andern immer auch lästig ist. Natürlich nicht nur. Überspitzt gesagt sind wir einander oft Lust und Last zugleich. Aber auch die süsseste Last wird dem Träger früher oder später lästig. Ich durfte soeben die süsseste Last tragen: Unseren neugeborenen ersten Enkel. Und nach einer halben Stunde – was denken Sie nun von mir? – war ich ganz froh, die liebe leichte Last in andere Arme legen zu können. Im Moment meiner Zeugung wurde über mich entschieden, dass ich andern zur Last fallen werde, lebenslänglich. Dafür kann ich nichts, aber die Wucht dieser Erkenntnis holt mich vom goldenen Sockel, auf dem ich so gern stehe. Sie macht mich hoffentlich verständnisvoller, geduldiger mit meinen Lieben. Ich bemühe mich ja gern, für sie ein wenig mehr lustig zu sein als lästig. Aber getragen bin ich immer, ob ich es merke oder nicht, getragen von meinen Mitmenschen, vom Leben, von Gott. Und ich will doch dankbar sein dafür, dass man meine Last noch nicht abgeworfen hat.

Amen.

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