Radiopredigt: Reich und arm (Lukas 6, 20)

1. Januar 2009 (Kommentare: 0)

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Glück und Frieden ins neue Jahr, liebe Gemeinde am Radio!

Ja, wann beginnt ein neues Jahr? Im alten Rom begann es im März; in der Kirche am 1. Advent. Die Juden feiern anfangs Oktober, die Muslime am 17. Dezember, unsere Eisenbahnen am 14. Dezember mit einem neuen Fahrplan. Und Sie, Sie haben mit Ihrem Geburtstag gefeiert: das Anbrechen eines neues Lebensjahres. Und, was ist neu daran? Wenigstens die Jahreszahl, und sonst geht es weiter wie gehabt?

Eigentlich schade, man würde doch gerne mal richtig neu anfangen? Als ich mit der Tintenfeder schreiben lernte, war es jeweils das höchste der Gefühle, das volle Heft mit den Eselsohren abzugeben und ein leeres, unbeflecktes in Empfang zu nehmen. So etwas würde mir zum Neujahr gut tun. Wie wäre es mit einer neuen Einstellung zu Besitz und Geld? Eigentlich müsste die Welt nun mit einem neuen Finanzsystem anfangen, nachdem der sogenannte „freie“ Finanzmarkt an den Klippen Selbstsucht und Gier gescheitert ist. Dazu können Sie und ich herzlich wenig beitragen. Aber wie wäre es, wenn wir heute Morgen unsere Einstellung zu Besitz und Geld etwas justieren würden, am Massstab des Evangeliums?

Jesus preist bekanntlich die Armen glücklich. Nach Lukas 6,20 sagt er: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Wie soll man das verstehen? „Ihr seid glücklich zu preisen, ihr Randständigen, ihr Bettler und Taglöhner. Euch gehört das Reich Gottes!?“ Alle wissen doch, dass ein Grundstock an Geld und Besitz ein wichtiger Bestandteile des Lebensglücks ist. Besitzlose sind leider in aller Regel eben nicht so glücklich. Jesus scheint dazu klar eine andere Meinung zu vertreten. Ein Reicher kommt nicht ins Reich Gottes, sagt er: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Reich Gottes.“ Als ein Reicher wissen wollte, was ihm zum wahren Leben noch fehle, sagte Jesus: „Verkaufe was du hast und gib es den Armen. Dann komm und folge mir nach.“ Darauf ist der Reiche dann nicht eingetreten. Für Jesus gibt es nur Entweder-Oder: „Niemand kann zwei Herren zugleich dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“

Schwarzweissmalerei, wahrhaftig, aber ich schlage vor, noch nicht zu reagieren und die Distanz zu diesen Worten noch ein wenig zu halten. Jesus stellte die Gesellschaft, an deren Rand er lebte, radikal in Frage. Als er in den Tempel kam, trieb er Opfertierhändler und Geldwechsler mit einer Peitsche hinaus. Damit griff er die wirtschaftliche Grundlage der ganzen Stadt an; denn Jerusalem lebte damals zu 90% vom Opferkult. Johannes der Täufer, Jesu Vorläufer, war ebenfalls ein radikaler Gesellschaftskritiker. Er nährte sich von Heuschrecken und wildem Honig und mahnte: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat.“ Später trat Franz von Assisi in diese Fussstapfen und verweigerte sich von einem Tag auf den andern seinem Reichtum und seiner hohen gesellschaftlichen Stellung. Die geistlichen Orden, die auf ihn zurück gehen, sind noch heute weltweit aktiv. Zivilisationskritik gibt es auch ausserhalb der biblischen Welt. Noch heute erzählt man sich Anekdoten von Diogenes. Er lebte 300 Jahre vor Jesus völlig besitzlos in einem Fass, wollte nicht einmal eine Schale sein eigen nennen und ass zuweilen rohes Fleisch. Als einmal Alexander der Grosse vor Diogenes stand und versprach, er wollte ihm jeden Wunsch erfüllen, sagte er: „Dann geh mir ein wenig aus der Sonne, mein Sohn.“

Solche Menschen machen Rieseneindruck und finden auch immer Anhänger. In Frutigen bastelte sich ein junger Aussteiger im Bachbett eine imponierende Hütte und lebte anscheinend von Luft und Liebe. Bald einmal portraitierten Zeitschriften den Einsiedler, und im Fernsehen kam er auch schon.

Zivilisations-Verweigerer erregen allemal Aufsehen. Sie treffen halt einen wunden Punkt. Viele von uns haben doch ein schlechtes Gewissen, weil es uns vergleichsweise gut geht, während andere so viel ärmer dran sind. Viele möchten eigentlich einfacher leben, auf den Luxus verzichten, den wir uns mit Stress und Bluthochdruck erkaufen. Ich tagträume ab und zu vom Leben im Kloster und bewundere den Ex-Manager, der hinten im Onsernone-Tal seine Geissen hütet. Aber suchen Sie mich nicht dort! Im Onsernone-Tal oder im Kloster bin ich höchstens vorübergehend, um zu staunen, und um ein bisschen dankbarer zu werden für meine Zentralheizung, mein weiches Bett und die warme Dusche. „Verkaufe was du hast und gib es den Armen!?“ Nein, das tu ich nicht. Da bin ich der Reiche im Evangelium, von dem es heisst: „Als der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von dannen; denn er hatte viele Güter.“ So steht also in meinem Dienstbüchlein: „Untauglich für die Jesusnachfolge, zu wohlhabend.“

Sie werden ja nicht erwarten, dass ich nun schon Amen sage? Sie hoffen, dass ich nun endlich den Knoten auflöse, den ich mir da selber geknüpft habe? Nein, zunächst muss ich ihn noch enger zuziehen. Die meisten von uns hätten also nicht Jünger von Jesus werden wollen, weil wir nicht bereit gewesen wären, unseren Komfort und unsere Sicherheit aufzugeben. Das muss man einfach ehrlich zugeben. Ich möchte dann allerdings noch zu bedenken geben, dass es wohl auch nicht gut kommen würde, wenn alle ihren Besitz verschenken wollten. Schliesslich lebten gerade Jesus und seine Jünger von den guten Gaben derer, die ihr Geld eben sorgfältig zusammen hielten und tapfer mitmachten in der Zivilisation. Zu den Errungenschaften unserer Zivilisation gehören etwa die Versicherungen gegen Feuer, Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit, alles wunderbare Mittel der Gesellschaft, um grössere Armut zu verhindern. Schwarzweissmalerei und radikale Ablehnung des Besitzes kann nicht der Weg sein für eine Mehrheit von uns.

Wenn ich mir solche Gedanken mache - lehne ich damit die gesellschaftskritischen Worte von Jesus ab? Nein, ich stelle nur fest, dass die meisten Christen sie nicht wortwörtlich befolgen, zu Recht, wie ich meine, ich ja auch nicht. Und ich stelle fest, dass nicht ich angesprochen bin, wenn Jesus sagt: „Selig seid Ihr Armen, den euch gehört das Reich Gottes.“ Ich bin nicht arm und will‘s nicht werden. Dieses Jesuswort können nur die Armen dieser Welt verstehen und auslegen. Wen wir wissen wollen, was dieses Wort bedeuten könnte, müssen wir aufmerksam den Geschwistern in den armen Ländern zuhören. Ob Reiche in irgendeiner Weise doch noch Anteil am Reich Gottes bekommen, das müssten die Armen sagen; ihnen gehört ja das Reich, oder der Meister selber.

Dass die Worte von Jesus nun aber auch denen etwas sagen, die nicht arm sind, hat schon Matthäus gemerkt. Er hat bei Jesus noch ein Zusatzwörtlein gehört: „Selig sind die Armen im Geist, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ Wäre das so zu verstehen, dass ein Reicher wenigstens im Geist arm sein müsste, und dann wäre er doch nicht ganz untauglich fürs Gottesreich? Vermutlich gab es auch Reiche in der Gemeinde des Matthäus, und die wollte er ja nicht verscheuchen. Was kann man sich unter „arm im Geist“ vorstellen?

Offensichtlich hat schon der Apostel Paulus, der Jesus ja nicht persönlich fragen konnte, mit diesem Thema gerungen. Er sagt, er habe gelernt, arm oder reich zu leben, er könne als Christ beides. „Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, und ich kann im Überfluß leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluß und Entbehrung. Alles vermag ich durch Christus“ (Phil 4,12). Damit stellt er an den Reichen die Frage: Könntest du auch arm sein und immer noch Gott loben? Diese Frage stelle ich mir ab und zu, besonders zu Neujahr, wenn die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten trüb und zugig sind. Wie würdest du leben, wenn dein Auskommen vom Sozialamt finanziert würde? Wenn du dir weder ein Auto noch ein Bahnbillet leisten könntest? Wenn du in einer Einzimmerwohnung hausen müsstest? Wenn du dir keine Unterhaltung kaufen könntest? Ich versuche mir farbig den „Worst Case“ auszumalen, also die Möglichkeit, zuunterst auf der sozialen Stufenleiter zu landen. Fände ich immer noch Freude am Leben? Könnte ich immer noch Gott danken?

Sie werden sagen: „Reine Gedankenspielereien!“ Sicher, ich bilde mir auch nichts darauf ein. Aber das Gedankenspiel hilft mir, das Wesentliche zu sehen und mich zu freuen an dem Mass der Gesundheit, das mir gegeben ist, an der einfachen Mahlzeit, an den paar Stunden Schlaf im warmen Bett. Ich fahre meinen überladenen Überfluss geistig herunter auf die elementarsten Funktionen des Lebens. Ich suche die Freude, die nur schon darin liegt, dass ich stehe und den Boden spüre, dass ich hören kann, was die Welt mir sagt; die Freude, dass meine Augen das Farbenspiel der Sonne aufnehmen, dass ich überhaupt atme. Wenn ich realisiere, dass nur schon das reine, nackte Leben wunderschön ist, nimmt es mir etwas von meiner Angst.

Von welcher Angst? Jedes Glück erzeugt halt Angst, die Angst, es wieder zu verlieren. Je mehr wir haben, umso grösser wird die Verlustangst, die uns im Hintergrund ständig begleitet und uns den Genuss versauert. Kennen sie das nicht, dass man sich am Moment gar nicht richtig freuen kann, weil man weiss, dass der schöne Moment so rasch vorüber geht? Dagegen gehe ich an, indem ich mir ein einfaches, armes Leben wenigstens ausmale im Geist.

Bescheidene Versuche, wenigstens geistig arm zu werden, wie sie auch Paulus vorschlägt. Geniesst, was ihr habt, sagt er, und verlangt nicht, dass es so bleiben muss, denn alles geht vorüber. Wörtlich: „Darum gilt für die Zeit, die uns noch bleibt: Auch wer verheiratet ist, muß innerlich so frei sein, als wäre er unverheiratet. Wer traurig ist, lasse sich nicht von seiner Trauer gefangen nehmen; wer fröhlich ist, nicht von seiner Freude. Kauft ein, als ob ihr das Gekaufte nicht behalten würdet, und geht so mit der Welt um, daß ihr nicht darin aufgeht. Denn die gegenwärtige Welt wird nicht mehr lange bestehen. Ich möchte, daß ihr frei seid von falschen Sorgen.“ (1 Kor 7,29). Soweit der Apostel. Es guets Nöis! Amen.

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