Radiopredigt: Schwanger von Gott (Lukas 1, 28ff)

20. Januar 2008 (Kommentare: 0)

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Maria, die Mutter Jesu, wurde schwanger vom Heiligen Geist. Das könnte auch Ihnen passieren, liebe Männer und Frauen, liebe Gemeinde am Radio. Weinachten haben wir zwar glücklich hinter uns, aber ich hätte da noch einen Nachgedanken, eine Zweitmeinung sozusagen: Sinnbildlich verstanden kann jedem von uns passieren, dass wir schwanger werden vom heiligen Geist.

Das predige ich aber nicht zu Weihnachten. Denn die Weihnachtsbotschaft übersteigt die Einzelseele. Der Retter der Welt ist geboren. „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“, und zwar alle zu versöhnen, nicht nur meine kleine arme Seele. Weihnachten hat für mich objektive Qualität. Es gilt für die Welt, Punkt. Auch, wenn ich mal nicht weihnächtlich aufgelegt sein sollte, was gelegentlich der Fall ist. Vermutlich aber hat die Geschichte um Marias Schwangerschaft und Christi Geburt auch psychologische Tiefen. Vielleicht ist die heilige Nacht das grösste Fest der Christen, weil sie bildlich darstellt, was wir auch am eigenen Leib erleben: Gott legt etwas in uns, und wir bringen es dann zur Welt.

Der Engel kommt zu Maria und sagt: „Gegrüsst seist du Maria, der Herr ist mit dir.“ Engel sind vorübergehende Boten Gottes. Man nimmt sie selten wahr, aber sie bringen eine Botschaft, sie legen etwas vom Geist Gottes in unseren Geist; eine Eingebung, einen Geistesfunken. Mit einem Mal ist etwas Neues da, man weiss nicht, woher, etwas aus dem Jenseits. Die Botschaft ist manchmal flüchtig wie der Engel, der sie bringt. Man muss auf die Eingebung achten und darauf reagieren, sonst verflüchtigt sie sich. Manchmal aber bleibt die Botschaft hartnäckig. Sie entwickelt ein Eigenleben, sie beschäftigt einen, auch wenn man es nicht will. Man kann sich nicht wehren. Sie nistet sich in unserem Leben ein. Wir sind - bildlich gesprochen - schwanger, guter Hoffnung.

So war es wohl bei Martin Luther King. Er empfing die Botschaft, den Traum, wie er es nannte („I had a dream…“), dass schwarz und weiss in Frieden miteinander leben. Das war damals ziemlich unerhört, für viele sogar unanständig. Rassentrennung war selbstverständlich. Dass Weisse bessere Menschen seien als Farbige, galt sogar bei vielen Schwarzen als erwiesen. Aber die himmlische Botschaft liess Pfr. King nicht los, sie bestimmte sein Leben, ja, sie brachte ihm schliesslich den Märtyrertod. Aber er hat die Botschaft des Engels zur Welt gebracht.

Engel erscheinen zwar gerne, um Weltgeschichte zu machen, aber sie bringen zuweilen auch bescheidene Eingebungen. Eine Frau musste miterleben, dass ihre Nachbarn plötzlich die Küche umbauten. Man kannte sich schlecht, grüsste sich flüchtig, das war alles. Nun musste sie fast Tag und Nacht das Hämmern und Bohren mit anhören, und ärgerte sich grün und blau. Zum Auswandern sei es, nirgends habe man mehr Frieden, wie lange das noch so gehen solle. Da flog ein Gedanke vorüber, den sie gleich wieder fortscheuchte wie eine Fliege: „Seit Wochen können die Nachbarn nicht mehr recht kochen. Wie machen die das nur?“ Der Gedanke liess sich nicht vertreiben, bis die gute Frau einkaufen ging, eine ihrer berühmten Schokoladetorten buk und am andern Tag mit dem Kuchen vor Nachbars Tür stand. Seither ist man befreundet.

Geht ein Engel vorbei, so empfangen wir eine göttliche Idee. Zu Maria sagte der Engel: „Dominus tecum. Der Herr ist mit dir.“ Die göttliche Idee, die wir empfangen, sagt: „Ja, zu dir will ich. Du bist gemeint!“ Der Herr ist nicht einfach mit „Euch“ allen, „Dominus vobiscum“; das natürlich auch. Aber jetzt ist er mit dir. Gott hat mit dir etwas vor, das du, nur du verwirklichen wirst. Du bist auserwählt. Zu dir kam die Eingebung, und an dir ist es nun, sie auszutragen.

Ist in der Theologie von „Auserwählung“ die Rede, so hat nicht ein Auserwählter das grosse Los gezogen und alle andern gehen leer aus. Erwählung von Gott ist jeweils ein Auftrag, nicht selten ein schwieriger. Als der Engel zu Mose kam, befahl er: „Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk aus Ägypten heraus!“ Und Mose versuchte mit allen Ausreden, sich den Auftrag vom Hals zu halten. Auch Maria reagierte zunächst kritisch auf die Botschaft des Engels und fragte realistisch: „Wie soll denn das geschehen? Ich habe mit keinem Mann geschlafen.“

Will sich eine Idee Gottes bei uns einnisten, so wehren wir sie oft instinktiv ab: „Das geht nicht. Ich kann nicht. Warum ausgerechnet ich? Such dir einen anderen. Ich will nicht.“ Es wird gut sein, dass der Mensch so reagiert. Maria brachte jemanden zur Welt, der nicht einfach nur ihr Kind war. Es war gut für sie, von Anfang an eine gewisse Distanz zu wahren. Sie musste ihr Kind ja früh und unter Schmerzen wieder loslassen. Es wird gut sein, dass wir uns mit einer göttlichen Idee nicht völlig identifizieren. Wir tragen sie nur aus, wir sind sie nicht. Für Mose war es gewiss wichtig, später einmal zu Gott sagen zu können: „Es war deine Idee. Ich war eigentlich dagegen. Das ist dein Volk. Nicht ich trage die Verantwortung.“ Menschliche Abwehr sind Engel sich gewöhnt, und sie lassen sich nicht leicht abschütteln. „Der Hl. Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten,“ sagt Gabriel. Das heisst: „Du hast recht. Es ist eigentlich unmöglich.“ „Nicht durch Menschenmacht, nicht durch Kraft, aber durch meinen Geist!“ Etwas für dich Unmögliches kommt nun durch dich zur Welt.

Maria sagt: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Früher oder später sagen auch wir ja zu Gottes Eingebung. Wir nehmen sie auf, wir „empfangen“. Mehr gibt es noch nicht zu tun. Ja sagen genügt. So nistet sich die göttliche Eingebung bei uns ein, wächst und wird immer mehr Teil von uns. Der Same fällt auf guten Boden. Vielleicht merken wir eine Zeitlang nichts mehr davon. Vielleicht wird uns schlecht und wir wissen nicht recht, was mit uns los ist. Vielleicht merkt mit der Zeit auch unsere Umgebung, dass wir in andern Umständen sind. Dann wollen wir sicher da und dort von unserer Eingebung reden. Das ist ein kritischer Moment. Maria ging zu Elisabeth. Von ihr wurde sie sofort verstanden, weil auch sie schwanger war.

Aber andere sind weniger begeistert, wenn sie davon hören. Sie schätzen es nicht, dass wir anders werden, als sie uns kennen. Bemerken sie Veränderungen an uns, die nicht sie selber verursacht haben, so werden sie sauer. Josef reagierte verständlicherweise sauer und wollte seine Verlobte in die Wüste schicken. Eingebungen von Gott sind gefährdet, wenn sie andern kund werden. Da kommen Widerspruch und Spott, da wird Zweifel gesät: „Wie stellst du dir das vor? Wem soll das nützen, wer hat schon auf das gewartet?“ Nun müssen wir der göttlichen Eingebung Schutz und Wärme schenken. Sie muss lange in uns reifen, auch wenn alle Josefs der Welt die Nase rümpfen. Neun Monate später, oft auch länger, wird es Zeit.

„Es kam die Zeit, da sie gebären sollte“. Nun soll ich ans Licht bringen, was in mir gewachsen ist. Geburten sind unterschiedlich schwierig. Maria war ausgerechnet unterwegs. Sie hatte nicht einmal „Platz in der Herberge.“ Vielleicht will die Eingebung Gottes im dümmsten Moment auf die Welt kommen. Man fühlt sich nicht daheim in seiner Haut, nicht ausreichend vorbereitet, nicht genügend angenommen. Die Wiege ist nicht bereit, nur eine dreckige Krippe steht da. Aber wenn es heraus muss, muss es heraus. Und das ist selten ein Glücksmoment, das tut weh. Es ist meist viel schwieriger, eine Eingebung zur Welt zu bringen, als man sich das vorgestellt hat. Wehen, Schmerzen, vielleicht Blut. Ich fantasiere, dass Maria während der Geburt nicht so gut zu sprechen war auf diesen Engel Gabriel. Alte Weisheit sagt, jede Frau verfluche während der Geburt den Mann, der ihr solche Schmerzen eingebrockt habe. Wir Männer fürchten, dass das stimmt. Wir hoffen einfach sehr, dass die Wut nachhaltig nachlässt, wenn dann das Kleine selig am Trinken ist.

Und nun kommen Leute und freuen sich mit uns, dass wir etwas mit Hand und Fuss in die Welt gesetzt haben. Es sind allerdings nicht die Leute, die man gerne an der Wiege gesehen hätte. Hirten, Menschen ohne Namen und Bedeutung. Die freuen sich. Die Einflussreichen aber, jene, denen man gerne Eindruck gemacht hätte mit seinem Kind, die schmieden schon Pläne, um es bald wieder loszuwerden. Jede neue Idee macht einer alten Konkurrenz. Jeder Fortschritt, auch wenn er vielen sehr entgegen kommt, verdirbt anderen wieder ihr Geschäft. Und die machen nun mobil gegen unser Kind, wie Herodes gegen den „neugeborenen König der Juden“. Vielleicht muss man eine Zeitlang mit seinem Kind flüchten, untertauchen, bis der Sturm sich legt.

Viel Neues, das die Menschheit einen Schritt näher zum Reich Gottes brachte, kam auf diese Weise in die Welt. Ich denke an Entwicklungen in der Pädagogik, in der Rechtsprechung, an Entdeckungen in der Wissenschaft, an die Abschaffung der Sklaverei, an die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Oft fängt es damit an, dass Gott einem Einzelnen einen Engel schickt. „Gegrüsst seist du, Maria, der Herr ist mit dir.“ Das kann auch Ihnen passieren. Gottes Geist schafft durch uns Neues, im Kleinen und im Grossen; Neues, das rettet und weiterhilft oder auch nur ein wenig wohltut. Christus wird wahrhaftig auch in uns geboren.

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