Radiopredigt: Umkehrung (Markus 1,15)

1. August 2007 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio

Ohne Antibiotika keine moderne Medizin. Antibiotika sind chemische Stoffe, die Bakterien unschädlich machen. Und wie entdeckt man ein Antibiotikum? Einige sind gefunden worden mit einer primitiven Methode. Man nennt sie „Versuch und Irrtum“. Man behandelt eine Bakterienkultur ziemlich wahllos mit irgendwelchen Chemikalien, bis man auf etwas stösst, das den Bakterien offensichtlich das Leben schwer macht. Mit diesem Stoff und seinen Verwandten forscht man dann weiter. Die Methode „Versuch und Irrtum“ kennen Sie natürlich bestens. Wir brauchen sie laufend im Alltag. Gestern wollte ich zum Beispiel ein Plastikgefäss beschriften. Ich versuchte es mit Kugelschreiber. Geht nicht. Mit weichem Bleistift. Fehlanzeige. Mit Filzstift. Das geht, aber die Schrift verschmiert, wenn man sie berührt. Schließlich fand ich in der Weihnachtsschachtel einen Goldstift. Das funktioniert! „Versuch und Irrtum“ ist eine simple Methode, um Lösungen für Probleme zu finden. Nun will ich Ihnen aber sagen, worauf ich hinaus will. Sie hören ja eine Predigt.

Dank der Methode „Versuch und Irrtum“ konnte der Mensch die Welt verstehen und seinen Zwecken dienstbar machen. Diese Methode beruht nun auf einer genialen Fähigkeit: Der Mensch kann umkehren, das heißt, er kann erkennen, dass ein bestimmter Weg nicht zum Ziel führt, und einen andern wählen. Der Mensch kann innehalten, den Kopf schütteln und etwas anderes probieren. Sie denken vielleicht: „Das ist nun wirklich nichts besonderes. Natürlich können wir umkehren und neu anfangen!“ Ich weiß nicht, ob das Umkehren so natürlich ist. Umkehr ist jedenfalls in unserer Religion ein zentrales Thema, und beileibe kein selbstverständliches.

Hören Sie, wie das Markusevangelium die Botschaft von Jesus in einen Satz fasst:

„Nachdem Johannes ins Gefängnis gesperrt worden war, ging Jesus nach Galiläa, um das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes, zu verkünden. Er sagte: „Der Augenblick ist gekommen, die Zeit erfüllt. Die Gottesherrschaft ist nahe gekommen. Kehrt zum Leben um und vertraut dem Evangelium!“

„Kehrt um und vertraut!“ Dazu ruft Jesus die Menschen auf. „Kehrt um und vertraut!“ Faszinierend! Anscheinend Alltägliches, Gewöhnliches wird der Schlüssel zum Reich Gottes, zum Heil, zum Glück: Umkehren. Darüber will ich nun mit Ihnen nachdenken.

Ich habe fünf Päcklein geschnürt zum Thema Umkehr. Zuerst will ich den Begriff klären. Irgendwann im Mittelalter unterlief den Bibel-Übersetzern ein verheerender Missgriff. Sie nahmen das altdeutsche Wort „buoz“ für das biblische Wort „Umkehr“. „Buoz“ aber bedeutete für die Germanen eine materielle Wiedergutmachung. Eigentlich genau, was „Busse“ heute noch bedeutet. Auch wir denken ja bei „Busse“ an den Strafzettel, den die Polizistin unter den Scheibenwischer klemmt, wenn man ein wenig eigenwillig parkiert. Die Urbedeutung „Umkehr“ ging mit dieser Übersetzung glatt verloren. Unglücklicherweise übernahm Martin Luther die vertrackte „Busse“ für seine Bibel, und aus Ehrfurcht vor ihrem Reformator sind die deutschen Bibelübersetzer leider bis heute dabei geblieben. Nach der neusten Lutherbibel soll Jesus immer noch gepredigt haben: „Tut Busse und glaubt!“ Das kann doch nur missverstanden werden! Der neuen „Bibel in gerechter Sprache“ meinen nun ja viele Besserwisser am Zeug flicken zu müssen. Aber sie übersetzt nun endlich korrekt: „Kehrt zum Leben um und vertraut dem Evangelium.“ Die rechte Übersetzung ist „Umkehren“, „umdenken“ oder „neu anfangen“. Man muss dabei hören, wie einer zögert, innehält, den Kopf schüttelt und etwas Anderes probiert. Das ist Umkehr.

Und dann hat das biblische Wort weiteres Ungemach erlitten. In der neueren Zeit wurde es mit „Bekehrung“ übersetzt. „Bekehrt euch!“ Die Bekehrung wurde zum Schlagwort eines pietistischen Christentums, das den Einzelnen in die Mitte stellt. Heute heisst diese theologische Richtung evangelikal. Wer Jesus bewusst und persönlich als Retter und Heiland angenommen hat, gilt als einer, der sich bekehrt hat. Und siehe da: In der Christenheit gibt es plötzlich bekehrte Christen und andere. „Die“ Bekehrung wurde zu einem persönlichen Erlebnis, das man im Gepäck haben sollte. Das entspricht nicht dem biblischen Begriff „Umkehr“. Johannes und Jesus rufen zur Umkehr, und sie meinen immer alle, die zuhören. Da gibt es keine Bekehrten, die diesen Ruf nicht nötig hätten. Noch heute haben alle Umkehr nötig! Wenn Sie also das Wort „die Bekehrung“ hören, übersetzen Sie es mit „Umkehr“ oder „Neuanfang“. Soviel zur Begriffsklärung.

2. Im zweiten Päckli frage ich, wo der Mensch überall Umkehr erlebt. Beim Schreiben dieser Predigt bin ich sicher 100 mal umgekehrt; ich habe geschrieben, wieder gelöscht und den Satz neu angefangen. Wie viele Verbesserungen haben Sie geschrieben in der Schule? Ich unzählige, und ich habe sie gehasst. Ich hab’s noch heute so: Habe ich mal was zu Ende geschrieben, so will ich’s abschliessen. Aber dann gehen andere über den Text, und es gibt wieder Tausend Dinge zu verbessern. „Meister, die Arbeit ist fertig, soll ich sie gleich flicken?“ Irgendwie sollte die Schule uns lehren: „Du wirst nun eine Seite schreiben, und du wirst Fehler machen und sie dann verbessern. So kommst du ans Ziel. Du kannst nicht auf Anhieb perfekt sein.“ So sind wir Menschen. Ohne Umkehr geht es nicht. Große Leistungen der Menschheit sind dank immer neuer Umkehr zustande gekommen. Bekehrung ist keineswegs eine einmalige Anstrengung. Bekehrung ist ein Lebensstil. Haben Sie schon ein kleines Boot gerudert? Dann wissen Sie, dass „Kurs halten“ bedeutet, ständig zu korrigieren. Der einigermassen geradlinige Kurs besteht aus lauter kleinen Bekehrungen. Das sieht man übrigens gut, wenn der Mensch zu Fuss einen Trampelpfad ins Gelände legt. Er wird nie schnurgerade. Fein gewundene Kurven deuten an, dass Umkehr zu unserem Weg gehört. Wer nicht mehr umkehrt, nicht mehr neu anfängt, wer nichts mehr zu verbessern findet in seinem Leben, der ist wirklich alt.

3. Im dritten Päckli will ich nun der Vermutung nachgehen, dass Umkehren eine Fähigkeit ist, die vor allem dem Menschen gegeben ist. Lassen wir im Sommer die Balkontür offen, so geschieht immer dasselbe. Ein Falter fliegt in die Stube und sucht einen Ausweg. Er fliegt dem Licht entgegen, wie sein Instinkt es ihm vorgibt, und putscht unvermeidlich in die Glasscheiben der Dachfenster. Unaufhörlich, bis seine Lebensenergie aufgebraucht ist. Ständig liegen tote Insekten herum. Lebewesen, die nicht umkehren können. Sie können nach der vierten Kollision mit der Scheibe nicht denken: „Halt, hier geht’s nicht. Soll ich’s mal unten probieren?“ Unten wäre die Tür offen.

Säugetiere korrigieren ihr Verhalten eher, wenn sie den Kopf einrennen. Ich war kürzlich auf dem Bundesplatz. Da spritzen ja Wasserfontänen aus Löchern. Unregelmässig. Man weiß nie, wann es wieder kommt. Da war ein Hund. Seine Neugier zog ihn unwiderstehlich zu dem unheimlichen Loch. Er musste hinunter äugen und ergründen, was da Spritziges drin liegt. Und unverhofft kam die Fontäne, traf den Hund mitten auf seine Wundernase und warf ihn tropfnass in die Luft. Der Hund erschrak und zitterte am ganzen Leib. Aber die Neugier zog ihn wieder zum Loch. Das grausame Spiel wiederholte sich, immer und immer wieder. Sein Besitzer schüttelte den Kopf und sagte: „Du bisch doch e tumme Cheib!“ Dumm? Vielleicht! Menschen haben die natürliche Fähigkeit, umzukehren. Aber um sie auch einzusetzen, braucht es Intelligenz. Und Intelligenz ist halt nicht gleichmässig verteilt.

4. Zum vierten Päckli: Wie unser ganzes Leben Umkehr braucht, so braucht auch unsere Beziehung zu Gott Umkehr. Ruft Jesus zur Umkehr, wie die Propheten, so werden wir zurück gerufen zu Gott, zum Vertrauen auf Gott: „Vertraut der frohen Botschaft“!

Wie ist das zu verstehen? Wir leben ja aus Gott. Das Leben jeder einzelnen Zelle unseres wunderbaren Körpers entspringt aus Gott, aus der Quelle des Lebens. Gott ist in allen und wirkt durch alle, wie die Schrift sagt. Aber der Mensch kann diese wunderbare Wahrheit nicht unmittelbar wahrnehmen. Der Mensch hört das Evangelium. Es wird ihm verkündet, dass dieser Gott, der in allen ist, auch alle liebt, wie eine Mutter ihre Kinder. Es wird verkündet, dass wir uns auf seine Liebe verlassen sollen. Es wird verkündet, dass wir das Leben in vollen Zügen genießen sollen, weil nichts uns von dieser Liebe Gottes trennt; dass wir mit vollen Händen schenken können, weil ja das höchste Gut uns zugesagt und zugesichert ist.

So höre ich aus der Botschaft des Evangeliums, was mein Leben trägt, was meine Freude nährt. Doch über kurz oder lang vergesse ich das Evangelium. Oder, ich zweifle daran, wenn es mir übel geht. Ich zweifle daran, weil mein Verstand es nicht begreift. Und schon ertappe ich mich dabei, wieder halbwegs gottlos meine Termine abzuhetzen.

Nun höre ich aber Jesus predigen: „Vertraut dem Evangelium“, vertraut der frohen Botschaft von Gottes Liebe. Und Vertrauen braucht nun wahrhaftig Umkehr. „Stopp! Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir.“ Es braucht eine Neubesinnung, eine Ausrichtung am Ziel des Lebens und ein neues Sich-Verlassen auf den wahren Grund unseres Lebens. Es ist anstrengend und ärgerlich, den gleichen Weg wieder zurück zu gehen, weil man merkt, dass man auf einem Holzweg ist. Aber das Gefühl danach, nun wieder auf dem rechten Weg zu sein, ist unvergleichlich! Umkehr ist wie Aufwachen aus einem Alptraum, wie tiefes Einatmen nach einem Gewitterregen.

Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal diesen Ruf gehört hatte und dann umkehrte zu Gott. Und seither musste ich immer wieder diesen Ruf hören, mich wieder bekehren, zurück zum Vertrauen auf Gottes Liebe. Viele wissen natürlich nicht mehr, wann sie zum ersten Mal bewusst dem Ruf zur Umkehr gefolgt sind. Das ist unwichtig. Heute sind alle gleich weit: Wir hören den Ruf zur Umkehr und setzen heute neu unser Vertrauen auf den Gott und Vater, der mit seiner Treue in allen und durch alle wirkt. Der verlorne Sohn in meinem Innern läuft ab und zu davon und hütet Schweine. Er kann und muss wieder heimkehren und zum Vater sagen: Ich habe gesündigt. Unsere Gottesbeziehung, wenn sie gut ist, ist ständige Umkehr.

5. Und nun das fünfte Päckli: Reformierte Theologie erinnert an jene Wahrheit, die gern vergessen geht: Gott selber wirkt die Umkehr in uns, durch seinen Geist. Dass Menschen überhaupt umkehren zu Gott, bewirkt eigentlich Gott. Ihm gebührt die Ehre. Er schenkt uns die Fähigkeit, umzukehren, und er schafft auch den Willen und die Kraft dazu. Er spricht sein Wort, beruft Menschen, es zu verkünden und berührt sie im Innersten. Dass Sie mir jetzt zuhören ist kein Zufall. Wenn Sie mich verstehen, ist es eine Gabe des Geistes Gottes. Er macht Lust, wieder neu anzufangen; er lockt zur Heimkehr, er bewirkt, dass wir alte Gewohnheiten wieder mal ablegen und sagen: „Jetzt fange ich neu an. Ich will auf Gott vertrauen. Ich will danken, das Leben genießen und fragen, was ich meinem Nächsten sein kann. Ich bin heimgekommen, ich bin wieder da.“ Und Gott wird sagen: „Und erst ich: ich bin da, ich bin auch in deiner Umkehr.“

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