Radiopredigt: „Ich bin dein Schild“ (Genesis 15,1)

20. Juni 2010 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio,

Man soll sich kein Bild machen von Gott, gebietet die Hl. Schrift. Im wörtlichen Sinne können wir dieses Gebot halten, indem wir verzichten auf Gemälde und Statuen, die Gott darstellen. Im übertragenen Sinne aber brauchen wir Bilder; denn nur mit Vergleichen und Metaphern können wir von der unsichtbaren Wirklichkeit reden. Wenn Gott sich offenbart, nimmt der Mensch immer ein Bild wahr. So erhielt Abram nach Genesis 15 ein Bild, als er Gottes Stimme hörte: „Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild.“ Wussten Sie das? Ein eigenartiges Bild für Gott, der Schild. Und was mich zudem erstaunt: Es heisst nicht, Gott sei „wie“ ein Schild für Abram. Das „wie“ fehlt. „Ich bin dein Schild.“

Der Schild war ein wichtiges Ausrüstungsstück für den Kampf. Noch heute braucht die Polizei bei gewalttätigen Demonstrationen Schilde, um vor Schlägen, Stein- und Flaschenwürfen Schutz zu finden. Ein Schild muss massiv, hieb- und stichfest sein. Ist aber der Schild zu schwer, so macht er den Kämpfer unbeweglich. Schilde in alten Zeiten waren aus Weidengeflecht, überzogen mit Leder. Damals musste also ein Schild geölt und gewichst werden, wie die Bibel öfter sagt. Ungeöltes Leder wird mit der Zeit faltig und fleckig, wie wir von unserem Gesicht wissen, wenn es älter wird. Eine Art Gesicht war auch der Schild des Kriegers. Sein wahres Gesicht blieb verborgen unter dem Helmvisier. Von weitem aber sah man den Schild, bemalt mit den Erkennungsfarben, mit dem Wappen. So war von weitem wahrzunehmen, „was einer im Schilde führte“, zu welcher Seite er gehörte.

Wie kann nun der Schild ein Name für Gott sein? Der Schild ist eine Schutz-Waffe. Verteidigen und schützen kann man sich damit. Zum Angreifen braucht es natürlich anderes Kriegsgerät. Ich kenne nun kein Wort, wo Gott sagen würde: Ich bin dein Schwert oder dein Spiess. Angriffswaffen können nicht Symbol für Gott sein. Wohl aber der Schild, und wie ein Streifzug durch die Bibel ergibt, andere militärische Verteidigungshilfen.

Nach einem militärischen Erfolg soll David folgendes Lied gesungen haben: „Gott, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, bei dem ich mich berge, mein Schild und sicheres Heil, meine Feste, meine Zuflucht, mein Helfer, der mich vor der Gewalttat rettet“ (2 Sam 22,2). „Mein Fels.“ Auf dem Felsen fühlt sich der Kämpfer sicherer als darunter. Burgen wurden auf Felsen gebaut. So ist auch der Fels ein Verteidigungs- und Schutzsymbol. „Fels“ war ähnlich wie „Schild“ ein alter Name für Gott. Dann die Burg, ein Schutzraum, in dem sich birgt, ein Schutzschild aus Stein. Offenbar erlebten die Israeliten ihren Gott, ihre Religion als Deckung, Obhut und Schutz.

Nach der Erfindung des Schiesspulvers verschwanden die Schilde aus den Zeughäusern. Gewehrkugeln durchschlagen jeden Schild. Kanonen zertrümmern selbst die Schildmauer einer Burg. Nun brauchte es massivere Schutzbauten: Festungen, Bastionen, Kasematten, Bunker. In Sderot, Israel, sind Bus-Häuschen ausgebaut als Betonbunker, um Schutz zu bieten, wenn Fanatiker in Palästina Kassam-Raketen auf Israel abfeuern. Auch bei uns in Stechelberg habe ich an der Strasse Bunker wie Bus-Häuschen gesehen, damit sich retten könnte, wer von einer Staublawine überrascht würde.

Der Mensch wappnet sich mit seiner Technik gegen die Gefahren, die sein Leben bedrohen. Wir kommen halt nackt zur Welt. Die Schildkröte ist besser gerüstet! Sie hat ihren Bunker immer auf Mann. Dass auch wir ab und zu einen Schutz brauchen, um uns darin zu bergen, ist klar. Würde Gott einem modernen Abram sagen: Ich bin dein Bunker, dein Schutzraum?

Die handfesten Schutzbilder fasst die Bibel zusammen im abstrakten Wort „Zuflucht“. In den Psalmen heisst es über 25 mal, Gott sei Zuflucht, Schild und Burg für alle, die beim ihm Schutz suchen. Vielleicht haben Sie noch jenes andere biblische Bild im Ohr, das Gott als Schutz beschreibt: „im Schatten seiner Flügel“. Das stell ich mir so vor, obwohl ich nie neben einem Hühnerhof wohnte: Gott ist eine Henne, die ihre zarten Küken unter ihre Flügeln sammelt und in Schutz nimmt vor dem Raubvogel: „Sei mir gnädig, o Gott; denn ich flüchte mich zu dir. Im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht“ (Ps 57,2).

Wie kann Gott unser Schild sein? Dumme Frage, könnte man denken, Gott ist simpel und einfach mein Schild, wenn er mich befreit von meiner Angst, wenn er mein Problem löst, wenn er meinen Feind schachmatt setzt. Ganz recht! So konkret reden die Psalmen. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

Gut, nun hat jedoch der gleiche Gott mir auch die Vernunft gegeben, und die sagt halt: „Möglich, dass Gebete erhört werden, aber längst nicht immer. Es gibt auch viele, die schwer enttäuscht sind von ihrem Gott.“

Gott offenbart sich als Schild. „Fürchte dich nicht, ich bin dein Schild.“ Offenbar ist mit Krieg zu rechnen, nicht mit Frieden: Bei schöner Musik und einem Glas Wein unter guten Freunden brauche ich keinen Schild. Ich brauche einen, wenn es fürchterlich wird, wenn Steine und Pfeile fliegen. Gott ist der Schild für die Seele, meine Deckung, meine Zuflucht, wenn ich keinen Erfolg habe, kein Verständnis finde, wenn sie mich in die Enge treiben, wenn ich Angst habe, wenn mein Leben mir verleidet.

Der Schild ist eine Defensiv-Waffe, haben wir gesehen. Man versteckt sich dahinter, man hält ihn vor sich, um sich zu decken. Nun steht der Schild zwischen mir und dem Feind, und das Übel, das mir gegolten hätte, schlägt auf den Schild, nicht auf mich. An meiner Stelle, stellvertretend, fängt er das Unheil auf, mit seinem Leib sozusagen, und macht es unschädlich für mich. Klingt da nicht schon bei Abram das Christusgeheimnis an, die Mitte unseres Glaubens, mit der man sich heute eher schwer tut? Abram hörte ja nicht: „Ich bin wie ein Schild für dich,“ sondern „Ich bin dein Schild.“ Fängt Gott selber das Unheil auf? Trifft ihn, was mir gegolten hätte? Christus stirbt für uns, auch wenn wir vielleicht nicht fassen, was die dürren Worte in ihrer Tiefe bedeuten.

Das eigenartige Gottesbild „ich bin dein Schild“ führt nun auch zu einer eigenartigen Spiritualität. Wie sieht eine Religion aus, wenn Gott ein Schild ist? Wie erfährt man den Schutz, der da verheissen ist? Die Psalmen betonen, dass man Gott anrufen soll in der Not. Indem man Gott anruft, tritt man in seine Gegenwart. Ich eile mit meinem weichen, verletzlichen, ungeschützten Leben unter das geistige Schutzdach. Mir kommt spontan der Dolmen in den Sinn, jener Steintisch aus vorgeschichtlicher Zeit, jener mächtige Schild aus Fels, der auf massigen Blöcken ruht und einen Hohlraum bedeckt. So berge ich mich unter ihm und bringe mit mir meine Angst, meine Sorgen, mein Leid, wie ein Psalm sagt: „Schüttet euer Herz vor Gott aus! Er ist unsere Zuflucht“ (62,9).

Vielleicht wird es deutlicher, wenn man es kontrastiert mit etwas ganz anderem. Gott als Schild ergreifen ist ganz anders als zum Beispiel Positives Denken. Nun habe ich nichts gegen Positives Denken. Wer die Kraft dazu hat, soll um Himmelswillen positiv denken! Er soll sich sagen: „Nichts kommt so schlimm, wie man befürchtet. Alles kann man überstehen. Alles geht vorbei, auch diese Not.“ Er soll meinetwegen seiner Seele vorsingen: „Weg mit den Grillen und Sorgen!“, oder „Warum sollt ich mich denn grämen?“Es geht mir von Tag zu Tag besser und besser und das Universum meint es gut mit mir.“ Das ist gewiss eine Art, spirituell mit schwierigen Tagen umzugehen, und keine schlechte, so weit sie reicht.

Aber Gott als Schild ist anders. Man steigt in den eigenen Seelenkeller und schaut ehrlich hin, was für Schmerz und Angst sich da angesammelt haben. Man versucht, die Not seiner Seele möglichst in Worten zu fassen. Dann ruft man den Schild an, den Schutzgott, und klagt ihm die Not, wie etwa Psalm 88: „Mein Gott und Retter, Tag und Nacht schreie ich zu dir! Ich habe mehr als genug gelitten, mit einem Fuß stehe ich schon im Grab. In den tiefsten Abgrund hast du mich gestürzt, dein Zorn drückt mich zu Boden, meine Freunde hast du mir entfremdet.“ Auf diese Weise – darf ich es sagen? – auf diese Weise distanziere ich mich von meiner Not, indem ich Gott vor mich hinhalte, Gott zwischen mich und die Not stelle. Der Schild fängt die Schläge ab, die mir gegolten hätten. Er löst meine Angst. Hoffnung erwacht. Tränen trocknen. Mut flackert auf im Dunkel, Mut, den man sich nicht selber gemacht hat.

Wer Gott als Schild ergreift, beschönigt nichts, er übertreibt oft sogar, klagt und jammert, jedenfalls verschliesst er die Augen nicht vor dem Kummer seiner Seele, sondern schaut genau hin, was da weh tut. Und er versucht nicht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Er glaubt an einen andern, der sagte: „Ich bin dein Schild.“ Amen.

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