Gott und seine Schafsköpfe. Predigt zu Lukas 15,1 ff

15. August 2017 (Kommentare: 0)

Sie kommen zur Kirche. Sie sind gläubige Christen. Sie lieben Ihre Nächsten wie sich selbst. Ich aber muss mit einem Bekenntnis beginnen. Leider gibt es gewisse Menschen, die kann ich nicht lieben. Jene, die offen egoistisch nur ihren Spass suchen. Jene, die gutes Geld verschwenden für laute Autos, Töffs, Jachten, Flugzeuge, und damit die Luft verpesten und unsere Stille versauen. Ich hasse sie, sorry. Ärgern Sie sich auch über gewisse fiese Menschen? Und wie denken sie von ihnen? Sind das kranke, böse, dumme, oder unerzogene Menschen?

Die Gläubigen zur Zeit von Jesus hassten die Zolleinnehmer. Diese spotteten über Gott, über die Heilige Schrift, über die Frommen. Sie suchten nur das schnelle Geld. Sie kollaborierten mit Israels Feinden. Sie lebten in Saus und Braus auf dem Rücken ihrer Volksgenossen, die sie mit Roms Erlaubnis auspressten wie Zitronen. Eine abscheuliche Sorte Mensch. Mit diesem Abschaum trank Jesus Wein und hatte Freunde unter ihnen!

«Einmal waren bei Jesus alle Zolleinnehmer und andere Sünder und wollten ihn hören. Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer empörten sich: ›Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!‹ Ihnen erzählte Jesus ein Gleichnis: ›Stellt euch vor, einer von euch hat hundert Schafe und eines davon hat sich verlaufen. Lässt er dann nicht die neunundneunzig allein in der Steppe und sucht das verlorene, bis er es findet? Und hat er es gefunden, so freut er sich, nimmt‘s auf die Schultern und trägt es nach Hause. Dort ruft er Freunde und Nachbarn zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!‹ Ich sage euch: Genauso herrscht im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig andere, die es nicht nötig haben (Lukas 15).«

Wie deutet man, wie interpretiert man eine Welt, in der es einerseits uns gibt, die Gläubigen, und andererseits die andern, die Ungläubigen, die Gottlosen? Schauen wir mal, wie die Gesetzeslehrer und Pharisäer die Welt erzählten.

Das Leben ist ein Versteckspiel, sagt die Bibel. Gott schuf die Menschen, „damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden können,“ so der Pharisäer Paulus (Apg 17,27). „Sucht Gott, solange er sich finden lässt. (Jes 55,60)!“ Wer nicht mitmacht und Gott nicht sucht, geht selber verloren, ewig verloren. Zum Beispiel Leute wie die Zolleinnehmer. Sie suchen nicht Gott, nur ihren Profit. Sie tun, wozu sie Lust haben. Auf sie wartet ein schreckliches Ende. Von solchen muss man sich fernhalten; denn Gottlosigkeit ist ansteckend wie die Pest. Das ist die Welterzählung der Gläubigen.

Nun sitzt der Lehrer aus Nazareth, der Rabbi mit den Wunderkräften, ausgerechnet mit solchen Sündern an einem Tisch. Er kennt doch den 1. Psalm: „Wohl dem Mann, der nicht auf dem Weg der Sünder geht, der nicht im Kreis der Spötter sitzt.“ Wie kann er nur?

Jesus erzählt eben eine andere Geschichte über Gott und den Menschen. Er kann zwar die Welt auch deuten wie die Gesetzeslehrer: «Der Zweck des Lebens ist Gott zu suchen.» Gewiss, nichts dagegen. Aber in der Heiligen Schrift heisst es: «Er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt (Ps 95,7).» Das ist die Hauptgeschichte, sagt Jesus. Gott ist unser Hirt. Und jeder Hirt weiss: es gibt immer Schafe, die hauen ab, fort von den anderen. Ausprobieren, was Gott verboten hat; das Leben im Outback erkunden, wo Gott nicht hockt. Sie wollen testen: Wie weit weg von Gott kann man, bis es weh tut?

Wie unsere Kleinen, wenn sie laufen lernen. Sie hauen auch ab, aber wehe, wenn sie Mama aus den Augen verlieren! Später dann wollen sie die Welt sehen ganz ohne Mama und bald gehen die Ausreisser verloren. Auch wir haben einst unseren Jüngsten verzweifelt gesucht. Wir wollten schon zur Polizei, da fand man ihn gemütlich hinter einer Scheune spielen.

So erzählt Jesus die Welt. Das bedeutet: Die Gottlosen, die uns Gläubige nerven, «die Zolleinnehmer und Sünder», sind nicht dumm, nicht krank, nicht von Geburt an böse. Sie werden nicht von bösen Geistern getrieben. Sie sind Schafe, die verloren gingen. Der gute Hirt muss sie suchen. Jesus sagte: «Ich bin gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ging (Lk 19,10)». Wie selbstverständlich sagt er «ich». Kein Unterschied zwischen ihm und Gott.

Mir fällt auf: Wir reden von den andern, von den Zolleinnehmern, von den Gottlosen im Plural. Jesus aber erzählt von einem verlorenen Schaf. Typisch, wir sehen die Leute, die uns nerven, gern als Masse im Plural. Der Hirt aber schubladisiert seine Schafe nicht im Plural: «Schafe hier, Böcke dort, Gläubige hier, Sünder dort.» Er sieht das Einzelne, ruft jedes bei seinem Namen. Er sucht nicht die Verlorenen; er sucht dich.

Als unser Kind verloren war, war natürlich nichts wichtiger als das Suchen. Man muss sein verlorenes Kind suchen. Das verlorene Schaf ist nämlich das Problem des Hirten, obwohl es meistens selber abgehauen ist. Er ist für sein Schaf verantwortlich. Er kann nicht sagen: Ach, das dumme Schaf ist halt davongelaufen. Nein, er lässt die ganze übrige Herde zurück, um das Ausreißer Schaf zu suchen, „bis er es gefunden hat“! Das heisst doch: Die Tatsache, dass es Sünder und Gottlose gibt, betrachtet Gott als sein eigenes Problem. Gewiss haben wir das Leben erhalten, um Gott zu suchen. Wenn ich Gott nicht suche, wenn ich der Gemeinde der Glaubenden davonlaufe, muss ich umkehren und heimfinden. Aber in Gottes Augen bin ich sein verlorenes Schaf, bis er mich wiederhat. Als wir unser Kind endlich gefunden hatten: Welche Erleichterung – Freudentränen! Es hätte vielleicht Strafe verdient? Ach was, man schliesst es in die Arme und schluchzt: „Dummes kleines Luder, wo bist du nur gewesen.“ So hat es Gott mit uns.

Drei solche Geschichten bringt Lukas in der Mitte seines Evangeliums. Dreimal wird Verlorenes gefunden. Jesus konnte auch die Geschichte der Pharisäer predigen, vom Gericht, vom Rauswurf in die äusserste Finsternis, vom Zuspätkommen zur Hochzeit. Aber hier ist seine besondere, die übergeordnete Geschichte. Gott sucht seine Schafe, das kommt zuerst. Hat man das beherzigt, kann man auch andere Erzählungen der Bibel anhören.

Augustinus schrieb im 4. Jh.: «Du, Gott, der du denen auf den Fersen bist, die vor dir fliehen – «Gott der Rache» zugleich und Quelle des Erbarmens, du bekehrst uns zu dir auf wundersame Weise.» (Confessiones 7)

Findet Gott schliesslich den Ausreisser, so gibt es ein Riesenfest. Wissen Sie, unseren Kirchgemeinden fehlt ein wichtiger Budgetposten: «Unkosten für Heimkehrerfeste». Kürzlich trat Adolf Muschg, Schweizer Schriftsteller, überraschend wieder in die Kirche ein. Hat seine Kirchgemeinde mit ihm gefeiert? Warum nicht, um Himmels Willen? „Ich sage euch: Genauso herrscht im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig finden.“ Sie denken, Muschg sei doch kein Sünder? Fragen Sie ihn.

Können wir Leute, die uns nerven, sehen, wie Jesus sie sieht, mit diesem Gott-Vertrauen? Gott sucht seine vermissten eigensinnigen Schafsköpfe. Das gilt für deine Lieben, von denen du fürchtest, sie könnten verloren sein. Gott sucht sie, und was Jesus verspricht, gilt auch für Gott: „Wer sucht, der findet.“

Und es gilt gerade für dich, Schaf Gottes! Du kannst davonlaufen, wenn du willst. Er nimmt dich nicht an die Leine. Aber er wird dich suchen, bis er dich findet. Er lässt nicht auf sich sitzen, er habe eines seiner lieben Schafe in den Bergen verloren. Verlassen wir uns darauf!

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