So ihr einander beisset... pastorale Pluralität

5. September 2014 (Kommentare: 0)

„So ihr euch aber untereinander beisset…“
Gnädige Anschauung landeskirchlich-pastoraler Pluralität

(1. Fassung Dekanat Aarau, 17.3.2011, Neufassung Dekanat Zofingen 5.9.2014)

„Unsere Pfarrer sind wie Hund und Katz miteinander; das blockiert jeden Gemeindebau. Was der eine am Sonntag predigt, macht der andere am nächsten wieder platt.“ – „Was? In der Kirchensynode gibt es Parteien und Fraktionen wie in der Politik?! Da habe ich mir die Kirche schon anders vorgestellt.“ – „Ich arbeite nun seit 20 Jahren als Freiwilliger in der Kirchgemeinde; und ich muss sagen: im Fussballclub erlebte ich bei weitem mehr Kameradschaft und Gemeinschaft.“

Die Verunsicherung in der Gemeinde ist zuweilen beachtlich, wenn an den Tag kommt, wie viel Uneinigkeit, Gegensätze und Streit es gibt auf allen Ebenen der Kirche. Vom Klerus allerdings hoffe ich, dass er nicht unheimlich überrascht sein ist. Das Urbild der Kirche ist ja wohl die Gemeinschaft der Jünger. Jesus hatte erstaunlicherweise den Mut, Menschen aus sehr gegensätzlichen Richtungen seiner Zeit in die Nachfolge zu berufen: Anhänger der Zeloten, Pharisäer und Hellenisten. Lukas schildert anschaulich, wie der Richtungsstreit in der Urgemeinde sich dann verschärfte.

Wie die Messe schön erkennen lässt, weiss die Kirche schon immer, dass man sich Sonntag für Sonntag neu Frieden und Versöhnung zusprechen und mit Handschlag den „Gruss des Friedens“ geben muss.

Ein wichtiger Grund für Antagonismen sind gewiss die unterschiedlichen theologischen Richtungen, die unter dem weiten Dach unserer Landeskirchen ein Nest haben. Eine Spezialkommission der Zürcher Landeskirche wollte es 1994, vor 20 Jahren, genau wissen. Seither sind mir keine ähnlichen Erhebungen mehr unter die Augen gekommen. Sie hielt fest: In den Fünfzigern gab es 3 Hauptströmungen: Positive, Liberale und Religiös-Soziale. Die heutige Landschaft aber sei vielschichtig und schwer beschreibbar. Viele Strömungen seien erkennbar, benennten sich aber selbst nicht, durchmischten sich, hätten in sich selbst verschiedene Flügel und sorgten für „Patchwork-Identitäten“ im Klerus. Kirchenkämpferische Konflikte habe es in letzter Zeit verstärkt gegeben mit evangelikalen Strömungen. Die Kommission präsentierte dann eine Liste von heute benennbaren Strömungen und schützte sich mit der Bemerkung, die Liste sei weder differenziert genug, noch vollständig.

  1. Nüchtern-zürcherischer Protestantismus (im Alltag gelebtes Christentum)
  2. Positive Richtung, bekenntnisorientiert
  3. Theologischer Liberalismus, Aufklärung, Freiheit
  4. Missionarisch-landeskirchliche Richtung, persönl. Christusbeziehung
  5. Evangelikale Richtung, bibeltreu, Bekehrung, Gericht
  6. Fundamentalismus, wörtl. Inspiration der Schrift
  7. Religiös-soziale Richtung, herrschaftskritisch, pazifistisch
  8. gesellschaftskritisches Christentum
  9. Politischer Liberalismus, civil religon
  10. Befreiungstheologie, Option für die Armen, 3. Welt
  11. Feministische Theologie
  12. Mystisch-liturgische Richtung, Kontemplation, Taizé
  13. Charismatische Richtung, Heilung, Lobpreis, Gnadengaben
  14. Tiefenpsychologische Exegese
  15. Esoterische Theologie, Schamanismus, kosmischer Christus
  16. Pantheistische Naturfrömmigkeit
  17. Schöpfungsspiritualität, einfaches Leben, Vegi, WWF
  18. Ökumenisches Christentum, Dialog der Konfessionen und Religionen
  19. Jüdisch-christlicher Dialog
  20. Bernische Ergänzung: Atheistisches Christentum

„In allen der aufgeführten Richtungen werden einzelne Grundelemente des Evangeliums hervorgehoben, jedoch andere Aspekte vernachlässigt, ausgeblendet oder gegenüber anderen Richtungen bewusst bekämpft.“ Ein Satz voll Weisheit aus einer Kommission! Sie schließt ihren Bericht mit der Frage, wie die Kirche mit dieser Vielfalt, die sowohl Bereicherung wie Zerreißprobe sei, konstruktiv umgehen könne, und sie lässt die Frage bewusst und etwas resigniert offen.

1. Lex

Ich beginne mit unserer Tradition, der Hl. Schrift., das ist würdig und recht. Weil wir das aber hoffentlich alle kennen, bitte ich um Geduld; spannend im Sinne von neu wird‘s später.

„Dass sie eins seien, wie ich und der Vater eins sind…“ Das hohepriesterliche Gebet, vermutlich am Ende des 1. Jh. aufgeschrieben, wo Spaltungen schon an der Tagesordnung waren. Nicht nur ein Gebet, sondern eine mächtige Mahnung, die einem natürlich ans Herz geht.

„Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, daß ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.“ Phil 2

„Die Evodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, dieselbe Gesinnung zu haben im Herrn.“ Phil 4

„Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle mit einer Stimme redet und laßt keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. Denn es ist mir bekanntgeworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, daß Streit unter euch ist.“ 1 Kor 1

„Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Röm 15

„So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, daß ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung eurer Berufung; EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe; EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ Eph 4

Jeder Apostelbrief im NT ermahnt explizit zur Gleichgesinntheit (to auto phronein, homophronein), Einheit, Einmut, Einigkeit, zum Frieden. Ein grosser Teil der Briefe sind zudem Streitschriften. Ermahnung zur Einigkeit war also schon von Anfang an die christliche Standardparänese. Das zeigt, dass schon immer Konflikte eben an der Tagesordnung waren, aber auch, dass man sich einig war darin, dass Eintracht nötig und der Kirche angemessen wäre. Das ist nichts besonders Geistliches. Auch die säkulare Welt ist überzeugt, dass Einigkeit ein anzustrebendes Ziel ist: „Wir wollen sein ein einig Volk…“

Wie war die Wirkung dieser Ermahnungen? Sie überstieg das landesübliche Mass offensichtlich nicht. Das „Gesetz“ blieb weitgehend wirkungslos. Das Gesetz braucht es, aber nicht, um den Menschen zu bessern. Der Mensch ist ermahnungsresistent. Unsere Theologie sagt, es brauche das Gesetz primär, damit wir einen Massstab haben, eine Messlatte; „usus elenchtikus“. Das Gesetz zeigt an, wie weit man vom Soll-Zustand abgewichen ist.

2. Gratia

2.1. Trost aus der Bibel

Hier kann man mit Fug und Recht das Solothurnerlied singen: „S’isch immer so gsy...“ Es war schon unter den Jesusjüngern so: „Sie stritten unterwegs, wer von ihnen der Grösste sei“. Kaum waren die Gemeinden gegründet, kamen sich in Jerusalem die Judaisten und die Hellenisten in die Haare, in Rom die Vegetarier und die Götzenfleischesser, in Galatien die Judaisierer und die Pauliner, in Korinth die Pauliner, Apollonier und Jesuaner. Paulus verkracht sich mit Johannes Markus, dann seinetwegen auch mit Barnabas, und seine Beziehung zu Petrus war zumindest ein wenig distanziert. Fortsetzung folgt.

Wenn schon unsere Heilige Schrift voll ist von Konflikten, wieso wagen wir eigentlich zu hoffen, wir seien „besser als unsere Väter“? Dass die peinlichen Streitereien unter den Jesusnachfolgern ungeschminkt Eingang fanden in die Hl. Schriften, ist ein hieb- und stichfester Grund für ihre historische Glaubwürdigkeit. Und geistlich gesehen echter Trost: Sogar die Bibel sagt überdeutlich: Es ist schwierig; ihr seid wahrhaftig nicht die einzigen.

2.2.1 Der verflixte Arbeitsplatz. Warum eigentlich sollen Pfarrpersonen einander mögen? Es geht Geistlichen nicht besser als andern im Arbeitsprozess. Sie müssen mit anderen zusammen arbeiten. Sie sitzen mit andern im gleichen Boot. Diese anderen aber werden wieder von anderen gewählt und ihnen an die Seite (oder vor die Nase) gesetzt. Arbeitsplatz-Konflikte werden also auch in einer Kirchgemeinde auftreten: Wer arbeitet mehr, wer weniger? Wer hat beim Chef die besseren Trümpfe? Wer kann seine Ansprüche, seine Ideen und Vorstellungen durchsetzen, wer unterliegt? Wer kriegt mehr Geld, mehr Zeit? Wer darf wem Anweisungen geben? All das muss bei uns ausgejasst und ausgestanden sein wie überall. Nur gibt es einen markigen Unterschied zu „überall“. Wir stehen unter moralischem Hochdruck. Wir sollten eben gerade nicht streiten. Wir sollten nicht für unsere Vorlieben, nicht für unsere Ansprüche und schon gar nicht für unser Geld kämpfen. Dieser Druck ist sicher kontraproduktiv, er verleitet zu Heuchelei, aber wir haben mit ihm zu leben.

2.2.2 Die fehlende Hierarchie. Reformierte Pfarrer der Schweiz arbeiten zudem in einer weltweit gesehen höchst seltenen Kirchen-Struktur. Zum Vergleich: In römischen oder lutherischen Kirchengemeinden gibt es einen Pfarrer. Er ist dem Bischof unterstellt und hat Entscheidungsbefugnis für die Kirchgemeinde. Er ist „Gemeindeleiter“. Die andern sind ihm unterstellt: Pastoralassistenten, Kaplane, Diakone, Pfarreiräte, Kirchgemeinderäte usw. Auch in den meisten Freikirchen gibt es den Pastor, der ebenfalls in diesem Sinne der Gemeindeleiter ist. Wer aber ist in einer Schweizer reformierten Kirchgemeinde „Gemeindeleiter“, wer ist Chef? Ich will keineswegs unterstellen, wir hätten ein schlechtes System. Vermutlich wollten wir Demokraten gar keinen Chef. Wir finden unsere superdemokratische Struktur wahrscheinlich die beste der Welt, die fortschrittlichste. Mag sein, und es könnte zugleich sein, dass es die schwierigste ist. Ich werte nicht.

2.2.3 Konkurrenz. Pfarrpersonen in einer Kirchgemeinde (oft auch über Gemeindegrenzen hinweg), ganz besonders evangelische Pfarrpersonen!, sind de facto Konkurrenten. Sie konkurrieren um die Gunst von Publikum, wie Schauspieler. Sie sind nolens volens immer auch Veranstalter, die „möglichst viele Leute möglichst oft in möglichst kirchlichen Räumen“ versammeln möchten (so eine zynische Definition von Gemeindeaufbau). Aber diese Realität darf man nicht ansprechen. Der Klerus darf sie nicht offen leben. Die realexistierende Konkurrenz unter Pfarrpersonen ist tabu. Ihren anstrengenden Bemühungen wird nie applaudiert. Offiziell müssen alle am gleichen Strick und in die gleiche Richtung ziehen, nur geschwisterliche Zusammenarbeit ist akzeptiert. Die Realität wird aus dem Bewusstsein verdrängt, und wie alles Verdrängte kommt sie früher oder später zur Hintertür herein, wenn man sie am wenigstens brauchen kann. Das kirchliche Tabu verdrängt somit ganz reale Probleme ins Unbewusste. Da motten sie vor sich hin, erzeugen giftigen Dampf und brechen im dümmsten Moment in einer Fumarole aus. Dann gibt’s Kirchenkampf, vordergründig um Stellenprozente, Ferienansprüche, Amtswochenverteilung usw.

Es ist unvermeidlich, dass es unter Konkurrenten Gefühle gibt wie Neid, Eifersucht, Missgunst, Schadenfreude oder Triumph. Hat eine Pfarrperson sichtlich mehr Publikumsgunst, entsteht unweigerlich eine Mozart-Salieri-Konstellation. Der eine hat 15 Taufen und 10 Hochzeiten pro Jahr, der andere kaum je 2. Das kann ja nicht gut kommen. Aber alle müssen tun, wie wenn es kein Problem wäre.

Beispiel: Der erfolgreiche Pfarrer hat eine betörend schöne Stimme, ist ein begabter Rhetoriker, hat Vitamin B in der Gemeinde und eine sympathische Partnerin. Er hat Erfolg und wird vermutlich seinen Erfolg theologisch überbacken, etwa nach evangelikalem Modus: „Wo das Evangelium halt klar und rein gepredigt wird, kommen die Leute immer.“ Der Erfolglose ist vielleicht ein unhöflicher Klotz, der auf der Strasse nie zuerst grüsst, hat eine quäkende Stimme, ist ein Chaot und macht immer ein Durcheinander. Aber er merkt das ja nicht, niemand wagt es ihm zu sagen. So wird auch er sich theologisch schadlos halten: „Der andere ist ein Populist und schmeichelt dem Volk. Erfüllt man aber das prophetische Wächteramt und predigt ohne Rücksicht auf Personen, ärgern sich die Leute und bleiben aus. Ging allen Propheten so.“

Es ist anstössig, in der Kirche von „Erfolg“ zu reden (Buber). Aber Kleriker stehen mit dem, was sie produzieren, auf der Bühne und sie brauchen Publikum, brauchen Erfolg! Sie sind also selbstverständlich Konkurrenten und dürfen es nicht zeigen. Pfarrer haben darum ein Minenfeld von Beruf, sogar wenn sie zufällig derselben theologischen Richtung angehören, manchmal erst recht.

2.2.4 Kirchengeschichte: Ich versuche manchmal, Abstand zu nehmen und unsere Kirche aus Distanz zu betrachten. Vor 170 Jahren gingen protestantische Schweizer noch mit der Flinte auf die Katholiken los und zwangen sie militärisch zu ihrem Glück. Das ist noch nicht so lange her! Ich hatte in Frutigen noch Walliserfrauen, die von ihren Familien geächtet wurden, weil sie einen Protestanten geheiratet hatten: vorletzte Generation, kirchengeschichtlich ein Klacks. Erst 1948 wurde der ökumenische Rat der Kirchen gegründet, (da war ich schon in den Windeln), mit der neuen Grundüberzeugung, dass Kirchen sich als Schwesterkirchen anerkennen können, obwohl sie in zentralen Fragen der Glaubenspraxis und der Lehre unterschiedlich sind und bleiben. Die grösste Weltkirche glaubt diesen Schritt immer noch nicht vollziehen zu können.

1999 gab der SEK sein Büchlein heraus „Pluralismus in der Kirche“, mit misslichen Begleittönen und null PR-Unterstützung der SEK-Geschäftsstelle. Es kam glaub über eine erste Auflage nicht hinaus. Immerhin wurde widerwillig akzeptiert, dass man von den reformierten Landeskirchen schrieb, sie seien pluralistische Kirchen.

Einige Jahre vorher prägte ich für die Berner Kirche den Slogan, die Kirche sei eine „offene Such- und Weggemeinschaft“. Die Spannung zwischen Offenheit und Gemeinschaft wird damit ausgedrückt. Die Formel wurde, nicht ohne Opposition aus dem evangelikalen Lager, eine Zeitlang vom Synodalrat propagiert, sie ist noch heute in den Kirchgemeinden verankert. Aber Evangelikalen machte das Suchen und die Offenheit Angst. Und SR-Präsident Samuel Lutz, der unablässig betonte: „Wir können nicht offen genug sein“, wurde gegen den Begriff „Gemeinschaft“ misstrauisch.

De facto sind alle grösseren Kirchen pluralistisch. Aber immer noch wird Pluralismus als Sünde und Fehltritt der Kirchengeschichte beklagt, vor allem in Rom und Moskau. Protestanten auf der andern Seite haben sich leider angewöhnt, bei Meinungsdifferenzen den Hut zu nehmen und kurzerhand einen eigenen Laden aufzutun. Dass der realexistierende Pluralismus aller Grosskirchen akzeptiert und sogar begrüsst wird, ist kirchengeschichtlich noch ein sehr zartes, junges Pflänzli.

2.2.5 Dogmatik. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf eine zentrale theologische Differenz lenken, die selten offen angesprochen wird: den „soteriologischen Graben“, der Evangelikale von Universalisten trennt. Das Christentum ist eine Erlösungsbotschaft, Erlösung vom Zorn Gottes, von der Sünde, vom Gericht. Wer aber wird erlöst? Was sagen Evangelikale? Sie würden sicher unter sich unterschiedlich reden, aber sind sich doch wohl einig, dass es Menschen gibt, die nach Jesu drastischen Worten einmal in einer ewigen Gottferne landen, „wo ihr Wurm nicht stirbt und ihre Flamme nie erlöscht.“

Lausanner Verpflichtung: „Gott will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Busse kehre. Wer aber Jesus Christus ablehnt, verschmäht die Freude des Heils und verdammt sich selbst zur ewigen Trennung von Gott. Wenn Jesus als „Erlöser der Welt“ verkündet wird, so heißt das nicht, dass alle Menschen von vorneherein oder am Ende doch gerettet werden.“

Darin besteht heute das Schibbolet zwischen Evangelikalen und anderen: Glaubst du und lehrst du ein ewiges Gericht und Verlorensein? Ein Grossteil des Klerus in unsern Landeskirchen verkündet de facto Allversöhnung; ein beachtlicher Teil glaubt nicht einmal, dass unser Ich-Bewusstsein den Tod überhaupt übersteht. Die meisten predigen einen Gott der Liebe, der zwar gerecht ist und Gericht hält,aber kaum im Jenseits ein gräuliches KZ betreibt, wo Menschen in alle Ewigkeit schmoren, nur weil sie in ca. 80 Jahren Erdenleben einiges falsch gemacht, oder weil sie es aus irgendwelchen Gründen versäumt haben, den Satz auszusprechen: „Jesus, du bist mein Herr und Erlöser“. Auch die meisten evangelikalen Kolleginnen sind vorsichtig, in der Landeskirche Feuer- und Schwefelpredigten zu halten, auch wenn sie überzeugt sind, dass sie mit ihrer Arbeit Seelen aus ewiger Verlorenheit retten. Sie wollen einerseits Gott nicht ständig dem Folterknecht-Vorwurf aussetzen und sie haben andererseits auch eine gute Portion beruflichen Selbsterhaltungstrieb. Bei unsern Beerdigungen ruhen alle Verstorbenen in Gottes gnädiger Hand. Wie könnten wir den Trauernden sonst in die Augen sehen?

Aber den dogmatischen Unterschied schleckt keine Geiss weg: Es gibt unter uns welche, die mit einer ewigen Hölle rechnen. Und es gibt die offenen oder „verschleikten“ Universalisten, die glauben, dass alle einmal gerettet werden, vielleicht nach einem langen, aber irgendwie begrenzten Strafgericht. Apokatastasis panton gehört de facto zur ungeschriebenen Glaubensübereinkunft des landeskirchlichen Mainstreams.

Wie sollen diese theologischen Gegner zusammenarbeiten?! Ich weiss es nicht. Ich fürchte, die können nicht zusammenarbeiten; es gibt theologische Unverträglichkeiten, Pluralismus hin- oder her. Der Mainstreamler fragt sich, warum der evangelikale Kollege nicht endlich zu den Pfingstlern geht, und der Evangelikale weiss nicht, warum der Mainstreamler nicht von Anfang an Gewerkschaftssekretär geworden ist. Hätten wir noch einen Bischof, so müsste der aus Barmherzigkeit den einen nach Abländschen versetzen und den andern nach Guttannen.

2.2.6 Typenfrage.Nun habe ich noch nicht einmal das Naheliegende erwähnt: Es gibt unterschiedliche Menschentypen, die sich nicht ausstehen können, weil sie halt einfach total verschieden sind, wie es oft vorkommt, gerade in derselben Familie.

Fazit des gnädigen Abschnitts: Es ist schwierig, s’war immer so und manchmal ist’s unmöglich. Ist das eine frohe Botschaft? Für mich schon! Sie lautet: Du bist nicht persönlich verantwortlich dafür, dass es schwierig ist. Du hast diese Kirche nicht erfunden und bist nicht verantwortlich für ihr unendlich weites theologisches Spektrum. Du schaffst es vielleicht nicht, mit deinem Kollegen zusammenspannen, aber: „Ich verurteile dich nicht.“ Das ist doch Gnade?

3. Sanctificatio

Nun ist es ja mit Gnade und Freispruch noch nicht vollbracht.Die Rechtfertigung des Sünders ist das Fundament. Darauf muss nun gebaut werden: Reich Gottes, Heiligung. Wir wollen nun darüber nachdenken, was für menschliche Beiträge helfen können zu einem erquicklichen Miteinander von oft so unterschiedlichen Geistlichen. Ein Beitrag, den wir leisten können, ist Umdenken: „Verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes!“ Röm 12.

3.1 Der garstige Graben hat eine Brücken: die Bibel

Ich fange gerade mit unserem dogmatischen Beispiel an, dem soteriologischen Graben. Er ist zwar abgrundtief, aber es gibt Brücken. Und natürlich ist unsere Brücke über dogmatische Gräben die Bibel. Ein Allversöhner predigt ja auch aus der Bibel. Er kann in der Regel auch mit biblischen Texten über Strafe und Gericht Vernünftiges anfangen. Er glaubt nicht zwingend, Gott werde Hitler, Pol Pot und Stalin im Jenseits empfangen wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn. Auch er sieht den Ernst im Leben und glaubt, dass unsere individuellen Entscheidungen entscheidend sind.

Umgekehrt gibt es namhafte Evangelikale, die in den Bibelstellen über das Gericht nicht zwingend ewige Folter erkennen, vielleicht eher annihilatio (John R.W. Stott und andere). C.S. Lewis andererseits glaubt aufgrund der biblischen Tradition, dass der Mensch einst kriegt, was er sich wünscht. Das tönt nicht so mittelalterlich, nimmt Gott aus dem Schussfeld, und ist immer noch unheimlich genug, wenn man‘s bedenkt.

Wer die Bibel ernst nimmt, findet ja erstaunliche Belegstellen für beide Grundhaltungen, für die apokatastasis panton wie für das ewige Gericht. Somit könnte man die beiden Extrempositionen stehen lassen und sagen: Beides steht in der Bibel. Wir können und müssen uns nicht für die eine oder andere Lehre entscheiden. Barth plädierte meines Wissens für dieses Stehenlassen der Gegensätze, ohne Harmonisierungsversuche.

Die Soteriologie ist ja nur ein Beispiel, das krasse Beispiel eines Richtungsgrabens. Auch bei andern theologischen Konfliktpunkten kann gelten: Man findet in der Bibel unterschiedliche Aussagen. „Mit der Bibel kannst du alles beweisen,“ frotzelt man gern. Man kann kaum einer theologischen Richtung vorwerfen, sie gründe nicht auch ein wenig in der Bibel. Ich glaube eh, dass die Bibel für den Pluralismus der Kirche verantwortlich ist. Drei höchst unterschiedliche Schöpfungstexte, zwei widersprüchliche Geschichtstraditionen im AT, gegensätzliche Theologien im Deuteronomium und in den Weisheitsbüchern Hiob, Jona, Kohlet; vier Evangelien, davon eines ganz anders als die andern. Wenn die Bibel derart pluralistisch ist, darf es auch die Kirche sein. Pluralismus-Missionare wie ich sagen sogar: sie muss es sein. Die Idee, dass man die divergierenden biblischen Aussagen in ein praktisch widerspruchsfreies dogmatisches System bringen kann und soll, ist m.E. ein verheerendes griechisches, scholastisches oder gar germanisches Missverständnis.

Die Bibel ist die Quelle unserer Pluralität und zugleich ist die Bibel unsere Einheit. Wir haben ja kein gemeinsames, verpflichtendes, minimales Bekenntnis! Wir wären schon längst auseinandergeflattert ohne die Pflicht, Woche für Woche aus der Bibel zu predigen und immer wieder unsere persönliche Meinung im Dialog mit der Bibel zu reflektieren.

3.2. Umdenken: Häresie neu deuten

Eine theologische Herausforderung unserer Zeit ist, das Konzept der Häresie (Irrlehre) im NT neu zu interpretieren. Ich glaube, wir müssen die Bibel kritisieren mit der Bibel.

Etwa Paulus interpretieren mit Paulus:

„Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel.“ Gal 1,8

„Stückwerk ist unser Erkennen… Jetzt schauen wir in einem undeutlichen Metallspiegel nur rätselhafte Umrisse… Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen.“ 1 Kor 13,9-12

Oder Johannes interpretieren mit Johannes:

„Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß. Denn wer ihm den Gruß bietet, macht sich mitschuldig an seinen bösen Taten.“ 2 Joh

„Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Sagt jemand, ich liebe Gott, hasst dabei aber seinen Bruder, so ist er ein Lügner… 1 Joh 4,19 ff

Wir leben ja seit Kant mit einer unaufhaltsamen und unumkehrbaren erkenntnistheoretischen Skepsis. Das „Ding an sich“ ist dem Menschen unzugänglich. Er kann es nur durch seine Kategorien, durch seine beschränkten Sinne wahrnehmen. Es gibt also niemanden, der eine objektive Wahrheit so erkennen und erfassen könnte, dass er andern ihre Erkenntnis absprechen könnte. Es gibt für uns nur Wahrscheinlichkeit, nur subjektiv beschränkte Erkenntnis, eben Stückwerk. Ich glaube zwar (das ist eine Glaubensentscheidung), dass es objektive Wahrheit gibt, aber ich glaube auch, dass kein Mensch sie erschöpfend fassen kann. Heute müssten wir vielleicht sagen: Irrlehre gibt es natürlich nach wie vor. Aber es gibt niemanden, der behaupten darf, er selber sei vor Irrlehre gefeit, er selber stehe ausserhalb und über den Kirchen und könne säuberlich zwischen Lehre und Irrlehre unterscheiden.

Die römische Glaubenskongregation masst sich noch eine derartige Position an, gefährdet aber gerade damit ihre Glaubwürdigkeit. Glaubwürdig ist heute, wer danach handelt, dass alles Erkennen Stückwerk ist. Eigentlich hat Paulus mit diesem Diktum und Bildwort vom „Schauen nur wie in einem Spiegel“ für die Theologie begründet, was die moderne Wissenschaft epistemologisch erkannt hat: Das Erkennen des Menschen ist Stückwerk. Selbst wenn man alle Bischöfe der Welt zusammenruft, bleibt auch ihr Erkennen Stückwerk. Man kann durchaus noch sagen, dass eine Mehrheit anders denkt als eine Minderheit, aber die jahrtausendealte christliche Unsitte des Anathema über angebliche Irrlehrer und vor allem deren blutige Verfolgung ist selber grässlichste Irrlehre.

Anders gesagt: Wir müssten zurück finden zu einem Theologisieren wie bei den Juden. Die jüdisch-rabbinische Theologie stellt Aussagen grosser Rabbiner neben einander, auch wenn sie sich widersprechen, ohne zu entscheiden, wer nun Recht hat. Da wird keiner als Häretiker gebrandmarkt und verworfen. Theologie wird wieder, was sie sein soll: ein ernsthaftes Spiel.

3.3 Evangelische Streitkultur

Es wäre schön, wenn Theologen aus unterschiedlichen Richtungen sich annähern, genügt aber nicht. Die Gräben gehen auch mitten durch die Gemeinden. Es gibt zum Beispiel Leute, die möchten mit modernen Mitteln und Werbung evangelisieren und andere, die finden, solche Mittel seien dem Inhalt nicht angemessen. Werbung für Christus stelle unsern Meister auf eine Stufe mit Ketchup und Zahnpasta.

Oder Sie haben den Konflikt erlebt zwischen Befürwortern und Gegnern von privaten christlichen Schulen. Die Gräben gehen durch die Gemeinde und durch die Landeskirche, darum müssen wir lernen, Konflikt-Themen öffentlich zu bearbeiten. Pluralistische Kirchen brauchen eine öffentliche Streitkultur, um ihre Einheit zu stärken. Wir haben diese Streitkultur durchaus in unsern demokratischen Kirchenparlamenten, darauf dürfen wir stolz sein. Aber davon bleiben die Kirchgemeinden meisten unberührt. Lassen Sie mich noch etwas ausholen.

Die theologische Richtung der Gemeindepfarrer ist in der Regel „top secret“. Ich konnte viele Pfarrwahlverfahren mitverfolgen und staune, wie dabei praktisch nie nach der theologischen Richtung gefragt wurde. Kirchenpflegen und Pfarrwahlkommissionen sind vielleicht überfordert. Sie wissen, dass es so etwas gibt, haben aber verständlicherweise wenig Ahnung, wie sich die eine oder andere Richtung artikuliert. Man ahnt dumpf, dass die Pfarrschaft ihr theologisches Heu nicht ganz auf denselben Bühnen lagern. Aber nichts Genaues weiss man nicht. Alemannen sind eh etwas unbegabt, über ihren persönlichen Glauben zu reden.

Ich erinnere mich an eine wunderbare Tagung in Philadelphia, wo führende Theologen der reformierten Kirchen auf einem Podium sich lustvoll Argumente pro und contra Kindertaufe um die Ohren schlugen. „Ich vertrete hier reformiert-orthodoxe Linie von Calvin und erinnere Sie daran…; ich als liberaler Calvinist kann nicht verstehen, wie… ich von meinem evangelikal-reformierten Background muss betonen, dass…“. Jeder schwenkte unangefochten sein ideologisches Fähnchen, jeder hatte seine Pfeile gespitzt und gebündelt und schoss lustvoll in die Runde. Es wurde gelacht, auf die Schenkel geklopft. Alle genossen die gleiche Achtung trotz gegensätzlicher Haltungen, und alle wussten von vielen ähnlichen Tagungen, dass man selbstverständlich zu keiner Einigung kommen würde. Aber der Apero und das festliche Dinner kommen bestimmt. Kontroverse Anlässe sind Wegweiser für die Kirche unserer Zeit. So wird der Pluralismus unserer Kirche sichtbar und lebbar. So lernt man, wie man innerhalb der Familie fair streitet, ohne einander fertig zu machen. So wird die Zerreissprobe zum Reichtum.

Kirchenpflegen und Kirchenräte sind verpflichtet, Konflikte wahrzunehmen und öffentliche theologische Auseinandersetzungen zu inszenieren, an denen die Gemeinde teilhaben kann. Die Unterschiede müssen auf den Tisch, die Richtungen müssen ans Licht. Kontroverse Veranstaltungen gehörten in einer pluralistischen Kirche zur Tagesordnung! Das gibt randvolle Veranstaltungen, das kann ich garantieren! Sie alle sind Fachleute der Erwachsenenbildung, der Moderation und der Mediation. Sie wissen besser als ich, wie man das lustvoll macht.

3.4 Die liturgische Klammer

Die kontroversen Podium, die Theologenarenen sollten in der Kirche stattfinden, nicht im Bären, nicht im Kirchgemeindehaus. Unsere Verschiedenheit ist Reichtum unseres Glaubens und gehört zu unserer Kirche. Das muss man demonstrieren. Und nun sage ich, was erfahrungsgemäss schockiert: Kontroverse Anlässe sollen mit Abendmahl beschlossen werden, kurz und sec, liturgisch, geleitet von einem, der sich an der Debatte nicht beteiligte. Uns ist das Abendmahl eigens dazu gegeben, Freunde und Gegner zusammenzubringen an dem einen Tisch des Herrn, an den Tisch eines Höheren, den alle gleich ehren, obwohl sie in Alltagsfragen verbal die Klingen kreuzen. Der Berner Synodalrat habe sich – früher - nach gehabter Debatte vom Sitzungszimmer in die Beiz verschoben, zum Kegeln. Psychologisch gesehen wird das eine ähnliche Funktion gehabt haben.

Einige von Ihnen werden spontan denken, so ein Abendmahl sei Heuchelei. Man könne doch mit einem, mit dem man theologisch im Streit liegt, Abendmahl feiern; das sei Überschmieren, Übertünchen der Unterschiede mit einem liturgischen Mäntelchen. Ich achte diese verbreitete Ansicht, finde sie aber katzfalsch. Ich muss Sie daran erinnern, dass diese Haltung römisch ist. Rom sieht das Abendmahl als Ausdruck einer dogmatisch vollzogenen Einheit, einer Einheit, die irgendwo anders zustande kommen sollte. Protestanten aber sind überzeugt, dass Christus seiner Gemeinde das Abendmahl zur Stärkung auf den Weg der Einheit gegeben hat, nicht erst nachher. Da haben wir schon wieder einen klassischen christlichen Konflikt.

Walter Hollenwegers „Jüngermesse“, und „Konflikt in Korinth“ ist einigen vielleicht noch ein Begriff. Es ist das Abendmahl, das die Einheit ist und schafft für die zerstrittenen Jesusjünger, von denen einige aktive Widerstandskämpfer und andere Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht waren. Da bin ich gern Hollenwegerjünger.

Dass Menschen einander in Sachfragen oder Lehrfragen heftig bekämpfen und einander dennoch als Brüder und Schwestern annehmen (nicht als Freunde! Freunde sind wir selten), ist ein einzigartiges Zeugnis des Christentums für unsere Welt. Zur liturgischen Klammer gehört in der Kirche dann auch, dass Pfarrpersonen, die einander widersprechen, wechselseitig an ihren Gottesdiensten teilnehmen. Man soll öffentlich zeigen, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Man muss aber zugleich öffentlich demonstrieren, dass man auf einen gemeinsamen Meister hört, dem man zusammen mit dem Kontrahenten das Lob darbringt. Ziel könnte die Haltung sein: „Mein theologischer Gegner ist mein Bruder. Er betet das Unservater mit mir und Jesus ist für ihn gestorben wie für mich. Ich lasse nichts auf ihn kommen; die Familie hält zusammen. Und wir mögen einander nicht riechen, um ehrlich zu sein.“

Ruedi Heinzer, Pfr. em., General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez. 033 654 22 77, ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch

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