Das Geheimnis hegen. Von Wert und Wirkung der Liturgie

16. März 2011 (Kommentare: 0)

Vortrag reformierte Pfarrvereine Thun und Gürbetal, 16.3. und 16.8.2011

Einleitung

Seit ich Gottesdienst gestalte, hatte ich ein Rüebli vor der Nase, eine unausgesprochene Motivation. Ich wollte Menschen vom Wert des Gottesdienstes überzeugen; ich wollte bewirken, dass sie wieder kämen. Das ist eine „hidden agenda“, eine unausgesprochene missionarische oder propagandistische Absicht, die sich natürlich auswirkt auf die Gestaltung des Gottesdienstes. Wie sich das auswirkt, ist von Typ zu Typ verschieden. Der eine denkt: Wer nicht kommt, liebt Kirchenmusik nicht; also muss ich ihm einen Jazz- oder Pop-Gottesdienst bieten. Die andere denkt: Wer selten kommt, kann mit liturgischer Sprache nichts anfangen, also muss ichs auf Berndeutsch und Halbenglisch übersetzen. Der dritte: Wer selten kommt, kann nicht lange zuhören, also muss ich Bilder, Kunst und Theater in den Gottesdienst integrieren. Leider hat unsere praktische Theologie es nie für würdig gehalten, die wahren Gründe, warum 95% der Bevölkerung selten zur Kirche gehen, wissenschaftlich zu erheben. So wissen wir nichts, wir haben nur unsere oft gegensätzlichen Vermutungen. Aber darum geht es mir heute nicht. Was ich sagen will: Ich hatte das unausgesprochene Rüebli vor der Nase: Mach es so, damit mehr Leute zum Gottesdienst kommen.

Nun gäbe es aber auch anderes Gemüse, das man sich vor die Nase hängen könnte. Das ging mir auf, als unsere Tochter „Modern Dance“ und Choreografie studierte. Anstandshalber ging ich jeweils an ihre kunstvollen Aufführungen, obschon ich grundsätzlich wenig davon halte, andern bei ihren Freiübungen zuzuschauen. Tanz ist eine Kunstform, die auf zahlende Zuschauer angewiesen ist. Aber es kommen noch unvergleichlich viel weniger Leute als in den Gottesdienst. Modern Dance wird nie ein Strassenfeger werden, wie sehr sich Künstler auch anstrengen. Natürlich hätte unsere Tochter auch gerne mal mehr Publikum gehabt, aber sie versuchte nicht, ihre Choreografie darauf anzulegen. Es war eh aussichtslos. Sie hatte ein anderes Rüebli vor der Nase. Was für eines tut hier nichts zur Sache.

Mein altes schönes Rüebli wurde ein bisschen schrumplig und grau. Bei meiner Bibellektüre stieg zudem regelmässig die Frage auf: „Glaubst du eigentlich, du könnest mit deinen Künsten Menschen dazu bringen, den Gottesdienst lieb zu gewinnen? Seit wann steht das in Menschenhand?“

„Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ Apg 2,47.

Glauben wir reformiert, so ist ein Kernstück unseres Glaubens, dass Gott Menschen "hinzufügt", wie Werner Pfendsack in einer Predigt sagte:

„Gott sprach: Da nahm ich euren Vater Abraham jenseits des Stromes…“ Jos 24,3. Das ist das erste Glied in der Kette, „ich nahm!“ Gott selber hat ihn genommen. So fängt die Gottesgeschichte mit seinem Volk an, so fängt sie bis zum heutigen Tag an. Wir alle wären nicht hier (in der Kirche), wir hätten kein Interesse, kein Verlangen, keine Beziehung zum Wort Gottes, zum Gottesdienst der Gemeinde, zum Gebet und zum Lied, wenn die verborgene Hand Gottes nicht auch uns genommen hätte.“

So habe ich bei meinem Vortrag ein neues Gemüse vor der Nase: „Das Geheimnis hegen“. Wir haben auch den Auftrag, mit dem christlichen Gottesdienst etwas Kostbares am Leben zu erhalten und zu pflegen, Geheimnisvolles, älter als jede Ruine und Steinmauer in unserem Land, etwas, an dem schon Generationen herumgebastelt haben – und es lebt immer noch! Und wie. Synodalratspräsident Lutz rechnete seinerzeit aus, dass gleich viel Menschen im Bernbiet in einem landeskirchlichen Gottesdienst anzutreffen sind wie im Stade de Suisse zum Sportanlass.

„Liturgische Erosion“

Zum Thema Liturgie habe ich eine Vorgeschichte. Ich schrieb 2002 in einer Kolumne in einem SEK-Bulletin 2002 unter der Überschrift „Liturgische Erosion“:

„In Gottesdiensten der reformierten Deutschschweiz kann man erleben, wie Grundsteine der Liturgie vom Erguss persönlichen Empfindens fortgespült werden. Das Unser Vater fehlt. Die Einsetzungsworte werden originell verfremdet, umgedichtet oder weggelassen. Keine Festlegende erinnert daran, dass gerade Palmsonntag wäre. Gebet wird durch einen literarischen Text ersetzt. Wo einst der Schluss-Segen stand, gähnen kreative Wünsche und irische Sprüche….“

Was für ein Wespennest! 50 schriftliche und viele mündliche Reaktionen purzelten herein. Eine interessante, manchmal unfaire Debatte entspann sich. Die grosse Mehrheit stimmte mir zu und forderte Schutz der Liturgie, eine Minderheit aus mehrheitlich bernischen Pfarrern formierte sich in Gegenrichtung: „Keine Rückkehr auf den Ballenberg!“ Meine Beteiligung am Deutschschweizer Diskurs mit Artikeln und Vorträgen lief etwa zwei Jahre. Unterdessen stelle ich Anzeichen des Frühlings fest. In Zürich und Bern gibt es inzwischen Institute, die Gottesdienst und Liturgie thematisieren. Bücher wurden publiziert (Ralph Kunz, Der neue Gottesdienst, Plädoyer für den Wildwuchs, Zürich 2006). Man liest Martin Nicol, Weg im Geheimnis, Göttingen 2009, Josuttis, Steffensky. Azubis lernen bei Thomas Kabel den liturgischen Raum choreografisch zu nutzen. Man trägt wieder Talar… Morgenröte? Ich bin 10 Jahre älter, hoffentlich milder und werde kleiner und selbstkritischer, je mehr ich mich mit dem Thema befasse.

Juni 2010 schrieb ein David Signer in der NZZ am Sonntag unter dem perfiden Titel „Das Wort zum Einschlafen“ Vernichtendes über drei Gottesdienste in Zürich. Von den Predigten, die er wohl seit Jahren zum ersten Mal wieder konsumiert hatte, sagte er: „Sie sind zwittrig, eine Mischung aus SP-Verlautbarung und Lebenshilfekolumne. Ein grosser Teil perlt ab.“ Dann zitierte er ein schönes historisches Kirchenlied und fragte - wie ein Konfirmand: „Was sollen wir heutzutage mit solch seltsamen Texten anfangen?“ Und bemühte dann das andere Klischee: „Zweifellos ist die reformierte Kirche zeitgemässer, aufgeklärter, moderner als Katholizismus und Islam. Aber weil sie rituell wenig zu bieten hat, hängt ihr Gottesdienst zu weiten Teilen von der Predigt ab.“ Ich glaube weder, dass die reformierte Kirche zeitgemässer ist als die römisch-katholische, noch dass sie rituell wenig zu bieten hat, und langsam auch nicht mehr, dass der reformierte Gottesdienst zu weiten Teilen an der Predigt hängt.

Gottesdienst wirkt emotional

Im Gottesdienst passiert einiges mit den Feiernden, nicht immer, nicht bei allen, aber immer wieder. Wer allerdings professionell den Gottesdienst leitet, kann seiner Funktion wegen nicht leicht wahrnehmen, was der Gottesdienst mit den Feiernden macht. Josuttis‘ Schlagwort „Der Pfarrer ist anders“ gilt nirgends so sehr wie im Gottesdienst selbst. Ich versuche mit sechs Andeutungen mental in die Haut der „lieben Gemeinde“ zu schlüpfen.

1. Eine altgediente Katechetin erzählt, sie könnte jeweils schon beim Einzug der Mitwirkenden und den ersten Worten im Gottesdienst „grännen“, weil es soo schön sei. 2. Eine recht unkirchliche Taufgotte, die gern und „no problem“ ein Gebet sprechen will für ihr Taufkind, erlebt, wie ihr im Gottesdienst vor Rührung die Stimme versagt. 3. Ähnliches passiert einem alten Pfarrer, dessen Stimme an einer Trauung beim klassischen, alten Trauversprechen bricht, weil Bewegung ihn ergreift. 4. Ein alter Kirchgänger bekennt, immer beim gemeinsamen Unservater bekomme er Hühnerhaut. 5. Ein Hörbehinderter sagt, er komme zum Gottesdienst wegen dem Segen. 6. Schliesslich habe ich einige kennengelernt, und die Dunkelziffer wird hoch sein, die sagen, sie hätten „zu nahe am Wasser gebaut“ und seien deshalb selten in der Kirche, weil sie es peinlich fänden, ihre Rührung an gewöhnlichen Sonntagen zur Schau zu stellen.

Hilfe zu innerem Frieden

Das Spiel der Liturgie bewegt emotional, hie und da erschüttert es. Bei uns Alemannen äussert sich das allenfalls in Hühnerhaut oder wässernden Augen. Gottesdienst, wird er nicht bewusst als Vortrags-Veranstaltung gestaltet, die nur die Ratio ansprechen will, berührt das Unbewusste. Es passiert etwas im unbewussten Kommandozentrum, das ja bei der Verhaltenssteuerung mächtiger ist als Bewusstsein, Verstand und Wille. Was genau da passiert, lasse ich mal offen. Aber das Arrangement Gottesdienst hat unerwarteten Zugang zu seelischen Tiefenschichten. Als Glaubender sage ich: Das bewusste Ich kommt durch den Gottesdienst in Verbindung mit seinem Selbst, mit der Quelle des Lebens, mit Gott. Das geschieht, indem der Gottesdienst dem bewussten Ich seine unbewusste Seite öffnet. Nehmen Bewusstsein und Unbewusstes einander wahr, so achten sie einander, so sind sie auf gutem Weg zu innerer Harmonie.

Ich finde wichtig, dass Liturgen sich bewusst sind, dass das Gottesdienst-Arrangement Emotionales bewirkt. Ist man sich nämlich bewusst, dass Strom fliessen könnte, geht man anders mit Stecker und Kabel um. So glaube ich, wir sprechen und bewegen uns als Liturgen automatisch anders , schöner, wenn wir realisieren, dass unsere Gesten und Worte Subrationales anrühren, auch wenn wir in actu selber keine Zeit für solches haben. Oft sind es wohl nicht einmal „wir“, die etwas auslösen. Es ist das Arrangement Gottesdienst, dem wir dienen. Es sind die Glocken, der Kirchgang, der andere Raum, die Orgel, das Gewand, das feierliche Schreiten, der unerwartete Sitznachbar…. viele Faktoren. Die Liturgin ist ein wichtiger davon. Sie kann und muss gar nicht viel dafür tun, dass Wirkung entsteht; aber stören kann sie dieses Geschehen leider relativ leicht. Wer mitfeiert, ist in einem „Leichttrance-Modus“, wenn der Gottesdienst-Anfang gelingt. Menschen sind leicht aus dieser Trance zu kippen, indem man sie in den bewussten rationalen Modus schubst, zum Beispiel indem man, statt bekannte Formeln zu sprechen, anfängt ein Thema einzuführen.

Ex opere operato

Dass im Gottesdienst psychisch Wesentliches passiert, macht unsere ältere Schwesterkirche an Substanzen fest, am Sakrament: Das Sakrament verändere real den Menschen, der es empfängt. Für Protestanten schwer verdaulich. Der Grundaussage aber stimme ich zu: Gottesdienst macht objektiv etwas mit den Menschen, das ohne Gottesdienst nicht zustande käme. Gottesdienst hat (oft) eine erwünschte Wirkung auf emotionaler Ebene. Ich betone das, weil Protestanten dazu neigen, Beten und Glauben ganz in die unsichtbare Innerlichkeit der Einzelnen zu verlegen und es rationalistisch zu deuten: „Wenn die Teilnehmende etwas hört und versteht, es dann auch glaubt und vor allem tut, dann geschieht Wesentliches.“ Da hat sicher niemand etwas dagegen. Aber Tatsache ist, dass oft schon Wesentliches und Schönes geschieht, lange bevor die liebe Gemeinde etwas versteht, glaubt oder tut! Einfach dadurch, dass sie am Spiel der Liturgie teilnimmt.

Sinn und Zweck?

Das ruft der alten Frage, wozu denn Gottesdienst gut sein soll. Ich nähere mich der Frage aus dem Blickwinkel des Gottesdienst-Teilnehmers Clive Staples Lewis (englischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, gestorben 1963):

 „Every service is a structure of acts and words through which we receive a sacrament, or repent, or supplicate, or adore.“

Der Gottesdienst besteht aus einer Reihe von Handlungen und Worten, durch die wir ein Sakrament empfangen, Busse tun (uns neu ausrichten), Gott um Hilfe bitten oder ihn anbeten. Dafür kommt Lewis zur Kirche. Gottesdienst soll ihm ermöglichen zu beten, sich neu zu verhalten zu seinem Gott. Interessanterweise kommt er nicht zum Zwecke des Lernens. Wie ich ihn kenne, würde er lächelnd sagen: „Lernen kann ich besser und effizienter im Seminar, Hörsaal und bei der persönlichen Lektüre. Aber zum Beten brauche ich den Gottesdienst! Lewis kommt ausdrücklich nicht, um Neues zu Erleben. Er sagt, Neuheit könne höchstens unterhalten; aber die meisten wollten eben nicht unterhalten werden. Sie brauchten den Gottesdienst und kämen, um ihn „to enact“, ihn zu begehen, zu feiern: Das Heilige empfangen, beten, Busse tun, danken und loben.

„Kerngemeinde“

Vermutlich suchen das auch jene bei uns, die öfter kommen. Gewiss, es kommen auch andere. Die Könfis, die müssen. Götti und Gotte, die müssen auch. Hie und da eine, die sich gesagt hat: „Jetzt geh ich also wieder mal“. Welche Teilnehmenden hat wohl der Liturg beim Vorbereiten vor dem inneren Auge? Mal möchten wir den Könfis zeigen, dass Gottesdienst auch etwas für sie sein könnte. Mal möchten wir den seltenen Vogel dazu bewegen, nächstens noch einmal auf unserem Ast zu landen. Unser Hauptaugenmerk aber sollte doch jenen gelten, die öfter kommen. Sie sind es, die wissen, was ihnen der Gottesdienst gibt und sie kommen, um das regelmässig zu empfangen. Werden ihre Bedürfnisse penetrant missachtet, bleiben sie weg. Dann hätten wir uns in den Ast gesägt, auf dem wir sitzen.

Ehret die seltenen Vögel

Fulbert Steffensky, Hamburger Religionspädagoge, sagt von den vielen, die selten eine Kirche betreten, aber in besonderen Lebenslagen eben doch kommen, sie würden sich für eine Stunde unsere Kirchensprache borgen wie ein Kostüm.

„Wir sind nicht Meister ihres Glaubens. Wir haben ihren ‚Glauben auf Zeit‘ zu ehren und ihm zu dienen. Es ist eine Aufgabe der Kirche, mit ihrer überkommenen Sprache, mit ihren Gesten, Räumen und Zeiten zur Verfügung zu stehen, wenn Menschen uns brauchen. Dann sind diese Menschen auf Zeit Gast in einem Haus, das ihnen nicht gehört und in dem sie nicht zuhause sind. Sie leihen sich Sprache, Räume, Zeiten und Gesten für die Not oder das Glück ihrer Herzen.“

An einer Bestattung leitete Steffensky die Feier mit folgenden Worten ein:

„Ein Mensch, den Sie verehrt und geliebt haben, ist gestorben. Wir nehmen nun Abschied in einer alten Sprache, die für die wenigsten von Ihnen Muttersprache ist; den meisten ist sie fremd. Einige erinnern sich noch an die alte Sprache wie an eine alte Heimat. Der Tote hat sich nie ganz verabschiedet von dieser Sprache. Sie ist gewaschen mit den Tränen unserer Vorfahren. Sie kann die Wünsche unserer Toten ausdrücken, die vielleicht manchmal auch unsere Wünsche sind. Sie sind nun eingeladen, für eine Stunde Gast zu sein in dieser fremden Sprache. Legen Sie für den Toten die Maske der Hoffnung an. Singen Sie ihrem Herzen die Lieder der Toten vor. Sprechen Sie den Psalm und das Vaterunser als Worte, die wir uns ausleihen von unseren Ahnen für diese besondere Stunde. Wir wollen nicht auf unserer kärglichen Stummheit bestehen, auf die der Tod uns reduzieren will. Wir wollen ausgreifen in das Land des Glücks, wo die Wunden geheilt und die Toten geborgen sind. Spielen Sie für eine Stunde mit in diesem Glauben, auch wenn ihr Herz nicht mitkommt.“

Gottesdienst erfüllt einzigartige Funktionen

Das Geheimnis der Liturgie hilft, in Grenzsituationen gemeinsam weiterzugehen und nicht angesichts des Todes in Schockstarre zu verfallen. Der Gottesdienst ermöglicht uns, als Gemeinschaft Gefühle auszudrücken und zu leben, für die wir im Alltag kaum Gelegenheit finden: Dank, Ehrerbietung, Anbetung, Reue, Klage, Hoffnung.

Der Gottesdienst, den wir regelmässig inszenieren, ist die einzige Institution, sagt Fulbert Steffensky, wo gute Nachricht, Evangelium, wo uralte Texte noch regelmässig aufgeführt werden, jene Geschichten, die erzählen, dass das Recht kommen und fliessen wird wie Wasser, jene Lieder von der Würde der Armen. Da wird gesagt und gesungen, dass das Leben kostbar ist, dass einmal alle Tränen abgewischt, Tyrannen gestürzt und Hungrige genährt werden. Die Hoffnung wird gesät und am Leben gehalten, dass Lahme einmal tanzen, Verstummte wieder ihre Lieder finden, dass Blinden das Augenlicht geschenkt wird. Im Gottesdienst entstehen Träume und Lebensvisionen, Werte werden zurechtgerückt, Gewissen wird gebaut, meditative Phantasie fängt an zu spielen.

Was man nur „aufführen“ kann

Rationale Argumente können nicht so wirken. Das muss „enacted“ werden, gemeinsam aufgeführt, inszeniert, begangen. Dass wir Grund haben, auch Unmögliches zu hoffen, das können wir einander nicht einreden. Das muss man gemeinsam singen und zelebrieren. Walter Hollenwegers berühmter Satz gehört hierhin, den Afrikaner ihm nach einer Vorlesung in Birmingham sagten: „Was wir nicht getanzt haben, haben wir noch nicht begriffen.“ Das wäre wiederum ins Alemannische zu übersetzen, aber Träume und Visionen, Hoffnung und Gewissen kann man niemandem rational einreden, einpredigen. Nur wenn man gemeinsam den Alltag unterbricht und miteinander singt und betet, geschehen die wichtigen Dinge im Herzen, im Unbewussten, ohne dass jemand es gezielt geplant hätte.

„Was wäre, wenn keiner mehr die fremde Sprache der Hoffnung hütet? Was, wenn keiner mehr die Gebete kennt, die Poesie unserer Wünsche? Was, wenn nichts mehr den Alltag und die Gewöhnlichkeit unterbricht? Wenn Menschen ihre Lebenshoffnungen nicht mehr an alte Geschichten knüpfen können, wenn die Visionen unserer Toten keine Stelle mehr haben?“ Fulbert Steffensky

 Wir haben Einzigartiges zu hüten, ein Geheimnis zu hegen, eine Flamme am Brennen zu halten. Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes.“ 1 Kor 4,1

Liturgie als heiliger Ernst und Spiel

Ähnlich argumentiert der Journalist und Pallotiner Peter de Groot:

„Was die Liturgie ausmacht, hat nach Romano Guardini keinen Zweck, aber einen Sinn… Liturgie ist wie ein Spiel. Kinder sind ganz versunken in ihr Spiel, es gibt für sie im Moment des Spiels nichts Wichtigeres. In ihm verdichtet sich gleichsam das Leben. Das Spiel hat grossen Ernst und heitere Leichtigkeit zugleich. Eine als Spiel verstandene Liturgie schafft eine Gegenwelt zum Alltag, mit Spielregeln, die der Wert-Umkehr Jesu folgen: Da ist der Schwache stark, der Wehrlose kann ohne Angst sein, der Schuldige darf auf Barmherzigkeit hoffen, der Leidende ist wertvolles Glied der Gemeinschaft; ein wichtiges Signal in eine Gesellschaft, die „jung, gesund, reich, unabhängig“ als höchste Werte preist. Die Liturgie ist für die meisten Glieder der Kirche der einzige Ort, wo ihnen das Wort Gottes verkündet wird und wo sie zum Beten kommen.“ Interview von „Gottesdienst“ Chefredaktor Eduard Nagel, 2001

Ein kleiner Exkurs zum Spiel: Johan Huizinga hat 1956 („homo ludens“, Rowohlt) mit immensem empirischen Material gezeigt, dass

„die psychische Intensität, die durch das Spiel – bei Spielern wie bei Zuschauern – hervorgerufen wird, grösser ist als die im übrigen Leben auftretenden Affektgrössen.“

So viel geweint wie im Kino, hemmungslos getobt wie bei einem Länderspiel, schlimm geflucht wie beim Glücksspiel, ekstatisch angebetet wie bei einem Popkonzert wird kaum wo im „richtigen Leben“. Die gesteigerte affektive Intensität, die das Spiel erzeugt (!), bezeichnet Huizinga als „heiligen Ernst“. Dieser heilige Ernst, das Entzücken, die extreme Anteilnahme, die feierliche Ergriffenheit, die vom Spiel ausgelöst werden, ist in allen Formen der Kultur – etwa in Religion, Kunst, Sport – am Werk. Darum zog Huizinga sogar die Folgerung, dass das Spiel den Ursprung aller Kultur darstellen muss.

Das Spiel der Liturgie ist nun wahrhaftig „heiliger Ernst“. Der Gottesdienst hat alles, was Spiel konstituiert: Er zieht eine Grenze in der Zeit, markiert Beginn und Schluss. Er spielt im eingegrenzten Raum, auf einem Spielfeld, wo andere Regeln gelten als gewöhnlich. Die Spieler erfüllen besondere Rollen, die sie im Alltag nicht spielen. In einem solchen Arrangement kommt die emotionale Seele des Menschen wie ein Füchslein aus ihrem Loch, wo sie sich sonst mit guten Gründen versteckt, und fängt an mitzuspielen. Das Spiel ermöglicht dem Kind in uns, sich wieder einmal zu zeigen und ernst genommen zu werden.

Ist es nicht ungewöhnlich, wie Menschen bei einer Taufe affektiv dabei sind, obwohl sie alle zum Voraus wissen, was ablaufen wird? Es ist ja wahrhaftig kein erstaunliches, abenteuerliches Geschehen: Jemand im Talar nimmt ein Neugeborenes, benetzt es unter feierlichen Worten vor aller Gemeinde und gibt es der Gotte zurück. Wer Augen hat zu sehen, sieht das Spiel mit heiligem Ernst, das ergreift und fasziniert, weil es irgendwie lebendiger, wirklicher ist als das gewöhnliche Leben.

Natürlich hilft vor allem die Liturgie dieser heilsamen Regression, während eine gute protestantische Predigt sich (hoffentlich auch) an den Verstand richtet. Aber in gewissem Sinne ist auch die Predigt Teil des heiligen Spiels, erst recht natürlich, wenn sie narrativ ist wie die Geschichten von Jesus. Das merkt man daran, dass beim Zuhören Lachen und Weinen erstaunlich weit vorne sind. Das ist weniger der Fall bei Predigten im Stil ‚Römerbrief‘.

Barthianische „Kultkritik“

Spricht man so vom Gottesdienst, taucht bei protestantischen Theologen unwillkürlich ein Fragezeichen auf aus den Tiefen ihrer Bildung: Aber ist denn die emotionale Wirkung der Liturgie nicht, was Barth abschätzig als „Religion“ disqualifizierte?

Nun, mit Karl dem Grossen wage ich mich nicht herumzubalgen. Aber seine Abwertung des Religionsbegriffs hat sich nicht durchsetzen können. Nur: haben nicht auch biblische Propheten gegen diese gefühlsmässige Intensität einer liturgischen Feier mit ihrer „Kultkritik“ angepredigt?

Nein! Prophetische „Kultkritik“ trifft eindeutig nicht das Wie des Gottesdienstes, nicht das Feierliche, Ergreifende, Berührende einer Liturgie. Propheten hatten nichts gegen den Kult, nichts dagegen, dass er schön ist und des Menschen Herz ergreift. Sie hatten etwas dagegen, dass entweder der Kult den Götzen galt, oder dass auch der feierliche Jahwekult im Alltag keine ethischen Konsequenzen hatte, dass Feiernde heimgingen, Arme ausbeuteten und ihnen ihre Würde und ihren Lohn nicht gaben. Mangelndes Recht im Alltag wird kritisiert, nicht das heilige Spiel am Feiertag.

„Was soll ich mit euren Schlachtopfern?, spricht Er. Das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, Lämmer und Böcke ist mir zuwider. Ihr kommt, um mein Angesicht zu schauen - wer hat von euch verlangt, daß ihr meine Vorhöfe zertrampelt? Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!“ Jes 1

„Kultkritik“ ist ein Paradebeispiel für einen missglückten protestantisch-theologischen Topos. Nicht der Kult wird ja kritisiert, sondern die mangelhafte Ethik im Alltag. Das künstliche Theologenwort „Kultkritik“ hat unseren Gottesdiensten einen Bärendienst getan!

Ich habe nun von Wirkung und Funktion der Liturgie gesprochen, wie Protestanten sie normalerweise selten in Erwägung ziehen. Nun will ich auch die Frage stellen: Was fördert und was hemmt diese emotionale Wirkung der Liturgie?

Was die emotional erwünschte Wirkung fördert

  1. Pflege des Äusserlichen
  2. Gleichförmigkeit, Wiederholung, Formeln
  3. Objektivität
  4. Devotio der Liturgen

Zunächst eine gute Nachricht, zu der ich als Teilnehmer langsam komme: Die anrührende Wirkung des Gottesdienstes scheint mehr im Ereignis Gottesdienst an sich ihre Quelle zu haben, als in seiner Gestaltung. Kürzlich schnaubte ein enttäuschter kirchlicher Medienfachmann, er sei offenbar im falschen Film. Er sei gekommen, um Gottesdienst zu feiern und aus der Bibel zu hören, er wollte nicht ein Rilkekränzchen besuchen. Ich stimmte ihm voll zu, stellte aber fest, dass sogar dieses Rilkekränzchen bei einigen um mich herum erhöhte Kleenex-Aktivität zur Folge hatte.

Pflege des Äusserlichen

Es hilft, wenn man den Äusserlichkeiten anmerkt, dass grosser, liebevoller zeitlicher Aufwand dafür getrieben wurde. Wenn man es an der Kleidung sieht, dass jetzt nicht Sport und Chillen angesagt ist; an den Blumen, dass nun etwas zu feiern ist; an der Musik, dass da jemand für diese Stunde geübt hat; am Schritt der Mitwirkenden, dass man nicht im Supermarkt ist; am eingeprobten Mikrofon, dass jemand mir etwas zu sagen hat; an der gepflegten Sprache, dass diesmal nicht SF 1 vor der Nase flimmert; an der sorgfältigen und behutsamen Anrede Gottes, dass man nicht in einer kleinen frommen Bibelgruppe sitzt. Es ist gut, wenn man an rezitierten Formeln und Texten merkt, dass die Liturgin nicht nur sich selber vertritt und die karge Reichweite ihres persönlichen Glaubens und Verstehens, sondern dass sie eine Sache vertritt, die älter und grösser ist als unser aller Herz, geheimnisvoller, als dass man sie auf ein paar banale Sagbarkeiten reduzieren könnte.

An Äusserlichkeiten merkt die Psyche, dass es jetzt feierlich ist. Denn sie versteht Bilder und Symbole besser als Argumente. Protestanten müssen endlich begreifen, dass Feierlichkeit, Aufwand, Schmuck und Pracht nicht Anzeichen von Eitelkeit und Eigendünkel sein müssen. Dass jemand ungewöhnlich gekleidet ist und sich mit berechneter Würde bewegt, gehört zum Spiel. Wer aber feierliche Gelegenheiten in alltäglich-gewöhnlicher Art begeht, ist nicht ein demütiger Prophet, sondern ein Banause, der von Spiel und Psyche wenig versteht und der – vielleicht gutmeinend - auf den Gefühlen der Mitfeiernden herumtrampelt.

Dürfen Äusserlichkeiten für Protestanten so wichtig sein? Steffensky sagt treffend, ein älter werdender Glaube könne auch einmal „der Innerlichkeit überdrüssig“ werden.

„Und so sucht man sich Verbündete für die Seele: die Äusserlichkeiten der Räume, der Rhythmen, der Bauten, der Formeln, der Gesten und Rituale. Es ist eine Flucht in die Fremde, die uns mehr werden lässt, als wir sind. Man baut sich von aussen nach innen. Auch der Raum baut an meiner Seele.“

Er fügt allerdings bei:

„Jeder junge Glaube zweifelt mit prophetischer Geste an diesem Satz. Anfang und Bekehrung erzeugen einen antiritualistischen Impuls. Alle Anfänge stürmen die Bilder… Vielleicht wird es wieder einmal nötig, gegen die neue esoterische Substantialisierung von Orten, Quellen, Bäumen, Steinen und Vollmondnächten zu erinnern an den Bildersturm der 68er. Aber es gibt nicht nur deren Wahrheit. Es gibt auch die Wahrheit jenes älteren Glaubens, der die Orte, Räume und Zeiten sich als Zeugen sucht.“

Als Schnösel hätte ich nie geglaubt, dass ich mir einmal vor dem Gottesdienst einsam in der Sakristei laut Luthers Sakristeigebet vorlesen würde. Es hängt dort an der Wand. Der Synodalrat hatte es zur Ordination geschenkt. Heute sammelt diese Äusserlichkeit meine verfahrene und ängstliche Seele und macht sie bereit zu Einzug und Vollzug.

„Wir haben im Glaubensbekenntnis, in den Bildern, in den Psalmen, im Vaterunser, in den Kirchengebäuden die Mäntel der Toten. Man muss sich nicht nur an der eigenen Wärme wärmen. Man kann sich in sie hüllen, wenn das eigene Glaubenshemdchen gar zu kurz oder zerschlissen ist.“ F.St.

Gleichförmigkeit, Wiederholung, Formeln

Erinnern wir uns an das Gottesdienst-Verständnis von C.S. Lewis.

„Every service is a structure of acts and words through which we receive a sacrament, or repent, or supplicate, or adore.“

Er sagt weiter: Dazu verhilft ein Gottesdienst, wenn man mit seinen Strukturen so vertraut ist, dass man dazu nicht mehr denken muss. Solange man die Schritte und den Rhythmus zählen muss, tanzt man noch nicht, sondern lernt erst zu tanzen. Ein guter Schuh ist ein Schuh, den man überhaupt nicht spürt. Der gute Gottesdienst zieht keine Aufmerksamkeit auf sich, sondern lenkt meine Aufmerksamkeit auf Gott. Alles Neuartige aber hindert das. Ja, das Neue und Originelle könnte die Aufmerksamkeit nicht einmal nur auf den Gottesdienst lenken, sondern schlimmer: auf den Liturgen. Plötzlich fragt man sich: „Was um Himmels Willen hat er jetzt wieder im Sinn?“ Damit aber ist die Andacht im Eimer.

 „Jesus gab doch Petrus den Auftrag „weide meine Schafe“ und nicht „experimentiere mit meinen Ratten“ oder „bring meinen Vorführhunden neue Tricks bei.“

 „This is, what the Book of Common Prayer is for. It gives us the „trained habit“ of worship. It allows us to empty our minds and hearts and souls so that we can dedicate ourselves fully to the attempt to speak to and listen to God. And it allows us to feel part of a much greater whole, too: many others are saying the same prayers.“

Wir haben kein Book of Common Prayer, allerdings ein schönes dickes Gesangbuch. Und wir könnten durchaus Formeln haben an zentralen Punkten des Gottesdienstes: Eingangsvotum, Kanzelspruch, Taufformel, Einsetzungsworte, Segen. Und es täte auch dem reformierten Deutschschweizer Gottesdienst gut, wenn es noch ein paar Formeln mehr würden, zum Beispiel immer die gleichen Worte vor und nach der Lesung, ja vor und nach der Predigt „Und der Friede Gottes…“ Phil 4,7. Dann hätten wir endlich einen guten Grund, nach unseren Predigtworten Amen zu sagen, zu einem Segenswunsch nämlich, und nicht zu unsern eigenen Ausführungen. Und wir haben 5 Glaubensbekenntnisse und viele Psalmen, die man alle gemeinsam laut sprechen kann, damit alle spüren: Wir sind ein grösseres Ganzes.

Objektivität

Ich fand weder die Sache selbst, die ich meine, noch einen adäquaten Begriff dafür bei akademischen Liturgikern. Sicher habe ich nicht lange genug gesucht. Mit Objektivität meine ich, dass ein Gottesdienst erlebt werden sollte als etwas, das einfach in sich ist, was es ist. Weil es schon immer so war, weil man es hier halt so macht, weil es so sein muss, weil es reformiert ist oder was weiss ich, aber der Gottesdienst sollte sich jedenfalls nicht als originelle Veranstaltung des amtierenden Liturgen präsentieren. Jede Rechtfertigung und gut gemeinte Erklärung kratzt ein wenig an Objektivität, die für mein psychisches Dabeisein und Ergriffensein wichtig zu sein scheint.

Beispiel: „Ich habe heute für uns ein modernes Glaubensbekenntnis ausgewählt. Sie finden es bei Nr. XY. Mir ist es wichtig, für meinen Glauben Worte in der Gemeinde zu finden, die für alle tragen. Es tut gut, sich selber laut sprechen zu hören, dass man etwas glaubt, und es ist schön, dies auch von seinem Nachbarn zu hören. So lade ich Sie ein, gemeinsam diese Worte zu sprechen.“

Ich könnte inhaltlich hinter jedem Wort stehen. Aber da kommt viel Subjektivität daher, die mich ins Nachdenken schubst, ob das gut ist so und ob es anders nicht besser sein könnte, warum die Liturgin ausgerechnet dieses Bekenntnis auswählte usw. Für mein Beten hätte ich lieber eine kurze objektive Regieanweisung: „Die Gemeinde antwortet auf die Verkündigung des Evangeliums mit dem Glaubensbekenntnis Nr. XY. Dazu stehen wir.“

Zur Objektivität gehört, dass der Gottesdienst mit einer Eingangsformel beginnt, die nicht ich formuliert habe, die grösser ist als ich, etwa „Im Namen…“ oder „Unsere Hilfe steht…“. Persönliche Worte spreche ich allenfalls nachher. Scheinen kreative Taufbesinnungen oder kurze Abendmahls-Belehrungen nötig, so kommen sie vor dem eigentlichen sakramentalen Vollzug, wo dann nur noch gebetet wird in Worten, die möglichst viele wiedererkennen als ihre Tradition, als Worte ihrer Bibel. Zur Objektivität gehört wahrscheinlich eine innere Haltung der Liturgin, die man beschreiben könnte mit: „Hier mach ich es so, und so ist es gut.“ Diese Objektivität mag vielleicht sogar gespielt sein, aber sie hilft der Gemeinde, Gottesdienst zu feiern, statt sich über ihn Gedanken zu machen.

Devotio

Damit ist die innere Haltung des liturgischen Personals angesprochen. Fördernd für die wünschbare Wirkung der Liturgie scheint mir eine innerliche, andächtige Haltung der Liturgen. Wir haben es ja mit uralten, ungewöhnlichen und zuweilen unheimlichen Geheimnissen zu tun. Man hat sie sorgfältig zu rezitieren und zu inszenieren. Unzählige Generationen wurden mit diesen Worten durch Krieg und Frieden, Leben und Sterben geleitet. In der Synagoge hat die Devotio eine äussere Form, wenn die Schriftrolle feierlich aus dem Schrein gehoben, zum Lesepult getragen und nur mit silbernem Zeiger berührt wird. Katholiken und Orthodoxe inszenieren die Devotio, wenn sie das Evangelienbuch feierlich herbeitragen, begleitet von Ministranten mit Kerzen, wenn der Priester vor dem Lesen immer den gleichen Spruch betet, die Gemeinde sich erhebt und das Evangelium stehend anhört und dann mit dem immer gleichen Spruch „Ehre sei dir, Christus“ wieder Platz nimmt zur Predigt.

Ich meine nicht, Reformierte müssten solche Formen wieder einführen, obwohl ich persönlich nichts dagegen hätte. Aber wir brauchen eine besondere Anstrengung, wenn die äussere Form fehlt, um innerlich zur Haltung der Ehrfurcht zu finden, in der Gottesdienst gefeiert werden soll. Erleben moderne Menschen bei uns, dass wir den Ewigen, der den Kosmos geschaffen haben soll und die Quelle des Lebens sein soll, mit unseren ungelenken Worten direkt ansprechen, so wird ihnen das sehr archaisch vorkommen! Wenigstens am Timbre der Stimme sollten sie spüren, dass der Liturg sich ein wenig bewusst ist, was er da Ungeheuerliches tut. Man sollte mit ihm erschrecken können darüber, dass Gottesdienst eigentlich menschenunmöglich ist.

Schluss

Als Gottesdienst-Gemeinde treten wir hinzu zu einer höheren Liturgie. Wir schalten uns gewissermassen ein in die liturgia caelestis perennis, die längst im Gang ist, wie der Hebräerbrief zur Gottesdienst-Gemeinde sagt:

„Ihr seid zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung, zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler des neuen Bundes, Jesus.“ Hebräer 12,22ff

C. S. Lewis kriegt das Schlusswort, aus dem Gedächtnis zitiert:

„Wenn wir alles tun, um den Gottesdienst gut zu gestalten, so sind wir doch nur wie Bauern, die im Trockenen Bewässerungsgräben graben, damit das Wasser des Heiligen Geistes seinen Weg finden kann, wenn es dann einmal fliessen sollte.“

 

- C. S. Lewis, aus „Letters to Malcolm, Chiefly on Prayer“

- Fulbert Steffensky, „Der Seele Raum geben“, Vortrag in Kappel am Albis, 2004

- ders., „Kirche der Zukunft“, undatiertes Vortragsmanuskript

- ders., „Was liebe ich am Protestantismus“, Vortragsmanuskript, Schaffhausen 2010

 

Ruedi Heinzer, Pfr. em., General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez. 033 654 22 77; ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch

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