Eröffnung Jahr der Bibel, Grusswort im Namen des SEK-Rats

25. Januar 2003 (Kommentare: 0)

Ich überbringe Ihnen die besten Grüsse des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Er vertritt 24 reformierte Landeskirchen der Schweiz und 2 Freikirchen. Mögen die Anstrengungen dieses Jahres der Bibel neu die Achtung verschaffen, die ihr zusteht!

Der Baum unserer Gesellschaft ist auf dem Mutterboden der Bibel gewachsen. Wenn die jungen Vögel, die oben in den Zweigen nisten, den Mutterboden ihrer Gesellschaft noch nicht kennen, so ist das gewiss bedauerlich. Ich sage bewusst: „noch nicht kennen“, nicht im Jammerton „nicht mehr kennen“. Seien wir ehrlich: schon früher hat sich nur eine kleine Elite mit der Bibel befasst! Wesentlich ist, dass die Bibel Einfluss hat, dass ihre religiösen und ethischen Anstösse unsere Werte, unser Verhalten und unser Recht prägen. Und die Bibel hat Einfluss, - meist ohne dass man es merkt - heute wie früher.

Die Kirchen haben allerdings schon Grund, die Alarmglocken zu läuten. Aber nicht, weil zu wenig Leute die Bibel lesen, sondern weil heute kritische, ungläubige Leute die Bibel lesen, Journalistinnen, Schriftsteller, streitsüchtige Akademiker. Sie wollen wissen, woher denn die Männerherrschaft stammt, der Sexismus, der latente Rassismus, der Antisemitismus, der Kapitalismus und die Gewaltexzesse in unserer Geschichte. Und sie finden Bibelstellen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Die Pfarrerschaft kennt diese Texte natürlich und sucht für die Sonntagspredigt harmlosere aus. Und die Gemeinde schaute Fernsehen statt in der Bibel nachzulesen. Das wird nun anders. Heute fragt man die Kirchen: Warum habt ihr uns nicht gesagt, was da alles in eurer Bibel steht? Warum habt ihr uns nicht gesagt, was eure Wissenschaft herausgefunden hat? Wollt Ihr uns für dumm verkaufen?

Darum dürfen wir in diesem Jahr nicht nur herumposaunen: „Lies die Bibel, lies die Bibel!“ Wehe, wenn sie einfach loslesen! Die Kirchen müssen dringend sagen, wie man liest. Die Bibel ist eben kein Buch wie Harry Potter. Man soll sie nicht ohne professionelle Anleitung lesen. Sie transportiert Brot des Lebens, gewiss, das Leben schaffende Wort Gottes! Sie zeugt von Christus, dem Retter. Aber sie ist keine Bäckerei, in der man alles essen kann.

Man muss die Bibel mit einer Apotheke vergleichen. Lebensmittel, Heilmittel sind da, Gott sei Dank. Aber wer wollte frisch fröhlich schlucken, was alles in der Apotheke herum liegt?! Entweder ‚es wirkt zu stark’, und der Glaube kriegt hohen Blutdruck. Denken Sie nur an Abraham, dem Gott befohlen habe, seinen Sohn zu schlachten! Oder ‚es wirkt zu schwach’, und man gähnt vor Langeweile. Etwa wenn man liest, Jesus habe das Reich Gottes verkündet, und man versteht nur Bahnhof.

Ohne wissenschaftliche Anleitung kann man 2000-Jahre alte Texte missverstehen. Da sind Kirchen und Akademiker heraus gefordert: Sagt uns allgemein verständlich, wie man die Bibel kritisch und ehrfürchtig zugleich liest. Wir wollen dabei nicht unsern Verstand an der Garderobe abgeben. Aber wir wollen auch nicht unseren Glauben kompostieren. Das Medikament braucht einen aktuellen Beipackzettel.

Guten Erfolg gebe Gott.

 

Interview zum Grusswort zur Eröffnung des Jahrs der Bibel 2003

Fragen von Thomas Hanimann, Idea-Spektrum

Thomas Hanimann: An der Eröffnung zum Jahr der Kirche sagten Sie, Ruedi Heinzer, essei "unmöglich, die Bibel "ohne Beizug wissenschaftlicher Erkenntnisse zu lesen und zu verstehen". Das tönt in meinen Ohren nicht ganz "reformatorisch". Wie soll im Jahr der Bibel die Bibel von einem Laien denn gelesen werde; nur mit 7 wissenschaftlichen Kommentaren und am besten in einem Bibelkurs der Landeskirche?

Ruedi Heinzer: Sarkasmus hilft niemandem. Tatsache ist, dass Frustration und Missverständnisse programmiert sind, wenn jemand ohne theologische Kenntnisse einfach zu lesen beginnt. Wozu schickt man denn Prediger in eine harte, vierjährige, biblische Ausbildung, wenn jeder die Bibel ohne weiteres vom Ladentisch weg verstehen könnte? Das Jahr der Bibel ist wichtig, wenn es nicht nur sagt, dass man die Bibel lesen soll, sondern auch wie.

Kommt der Laie um die Wissenschaft nicht herum oder gäbe es da doch nicht noch etwas einfachere Zugänge, die auch für einen Laien ohne theologische Vorbildung nachvollziehbar sind?

Texte, die doppelt so alt sind, wie die älteste Burgruine der Schweiz, brauchen selbstverständlich wissenschaftliche Verstehenshilfen. Um die herum kommt niemand. Es gibt sie längst, für Laien aufgearbeitet, manchmal allerdings wenig attraktiv. Aber man muss der Gemeinde sagen, dass sie die erklärenden Kommentare in den Bibelausgaben ernst nehmen muss und dass es genug Theologinnen und Bibelgelehrte im Land hat, die eine Telefonnummer haben. Bibellesen ist eigentlich eher Sache der Gemeinde, als von Einzelpersonen. Und in der Gemeinde gab es schon seit je Sachverständige. Lehren ist eine Geistesgabe, und noch nie galt in der christlichen Kirche, um die Bibel zu verstehen, brauche es die Lehrenden nicht!

Verfällt der Laie, der ohne wissenschaftliche Hilfe die Bibel liest, in Glaubensirrtümer? Besteht die Gefahr von Fanatismus?

Richtig. Denken Sie an die 5 Dämonenaustreibungen, die von Jesus berichtet sind. Sie wissen ja, wie noch heute psychologiefeindliche Möchte-Gern-Seelsorge daraus abgeleitet wird! Bibelwissenschaft könnte den Lesern nur schon sagen, dass es so etwas zwar bei Matthäus, Markus und Lukas gibt, dass aber im ganzen Alten Testament keine Geisteraustreibung vorkommt; dass das Johannesevangelium nichts Derartiges überliefert und dass Paulus den Exorzismus nicht nennt, sondern die „Unterscheidung“ der Geister, wenn er Geistesgaben aufzählt. Nur schon der Gebrauch einer Evangeliensynopse könnte blindem Fundamentalismus wehren. Auf der Bibel ist unsere Kultur aufgebaut. Die Bibel transportiert das Kostbarste, das Evangelium von Jesus Christus. Nur dank der Bibel wissen wir, dass Gott die Menschen bedingungslos liebt. Aber wenn ich Bibeltexte unterschiedslos und ohne geschichtlichen Hintergrund lesen wollte wie einen modernen Brief Gottes an mich persönlich, so fahre ich bedenklich nahe am Abgrund des Fanatismus.

Wollen die Reformierten (zumindest Nicht-Bibel-Wissenschaftler) damit ihren Grundsatz doch endlich aufgeben, dass die Bibel die letzte, höchste und alleinige Richtschnur im Bezug auf Glaubens- und Lebensfragen sein soll?

Ihre Frage scheint mir tendenziös (was wollen Sie andeuten mit „doch endlich“!?). Sie fahren ja auch Auto und begreifen ohne fachliche Hilfe wohl nicht, wie der Vergaser funktioniert. Wenn ich sage, fachlich-theologische Arbeit sei notwendig zum Verstehen der Bibel, ändert das kein Jota an der Tatsache, dass die reformierten Kirchen fest auf dem Fundament der Bibel stehen. In Bern sagten wir es kürzlich so: „Die Orientierung an der Bibel ist verbindlich. Sie erfolgt im Dialog.“ (Leitbild 1998).

Was raten Sie den Christen im Jahr der Bibel im Bezug aufs Bibellesen?

Lesen und diskutieren Sie Bibelabschnitte mit andern zusammen, die das gleiche Interesse haben und bestehen Sie darauf, theologische Literatur oder noch besser sachverständige Personen beizuziehen. Auf die Dauer gibt es keine spannenderen Inhalte für Kurse, Diskussionen und Veranstaltungen als Bibeltexte, mit denen man sich in ehrfürchtig-kritischer Haltung auseinander setzt.

Warum verbreitet man denn die Bibel so intensiv, wenn sie doch nicht so ganz fürs Volk ist?

Wenn ich sage, die Bibel sei mit theologischer Fachbegleitung zu lesen, so sage ich eben nicht, sie sei nicht „fürs Volk“. Rheuma-Mittel sind „ganz fürs Volk“, und man macht zünftig Werbung dafür, wie dieses Jahr für die Bibel. Aber das heißt nicht, dass man betet und dann diese Mittel einfach nach Lust und Laune schluckt. Man muss schon den Beipackzettel der Fachleute ernst nehmen. Erst dann ist ein Medikament echt „fürs Volk“.

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