Download: Die Datei HalloweenPDF.pdf herunterladen HalloweenPDF.pdf

Halloween – Grusel-Import aus der Coca-Cola-Kultur

1. August 2002 (Kommentare: 0)

Volksbräuche sind im Kommen. Davon haben evangelische Kirchen ohnehin nicht zu viel, im Herbst schon gar nicht. Erntedank gäbe es zwar noch im Gesangbuch. Aber inzwischen wurde die Marktlücke „Spätherbst“ durch Halloween besetzt, via kommerziellen Import. In einigen Kirchgemeinden nehmen Diskussionen um Halloween Aspekte eines Glaubenszwistes an und man fragt: Was sagt die Landeskirche?

Der Name ist eine Verballhornung von „All Hallows Eve“. Gemeint ist der Abend vor Allerheiligen, vor dem ersten November. In Nordamerika ist Halloween ähnlich wie Weihnachten eine Zeit, da Volksbräuche von einer Mehrheit der Bevölkerung beachtet werden. Zugleich entspinnt sich darum Jahr für Jahr ein Zwist unter Christen. Evangelische, missionarisch aktive Christen unternehmen viel, um anglikanische, katholische oder evangelisch liberale Geschwister aufzuklären über den dämonisch-okkulten Hintergrund von Halloween und sie davon abzuhalten, sich durch Mitfeiern dunklen Todes- und Satansmächten zu öffnen. Einschlägige Texte werden inzwischen auch bei uns herum gereicht. Die Debatten in einigen Kirchgemeinden zeigen, dass Halloween nicht nur ein Thema der Schaufensterdekoration, sondern des kirchlichen Pluralismus geworden ist, nicht nur ein ökonomisches, sondern schon ein ökumenisches Thema.

Historische Herkunft

Wahrscheinlich stammen Halloween-Bräuche aus dem keltischen Grossbritannien, aus vorgeschichtlicher Zeit. Mit dem 1. November begann damals das neue Jahr. Alle Herdfeuer wurden gelöscht. Die Dorfgemeinschaften feierten und entfachten im Freien grosse Feuer. Mit einem brennenden Holz aus dem Dorffeuer wurde dann das Herdfeuer neu entfacht.

Der Tag, der sowohl zum Sommer gehört wie zum Winter, an dem Altes zu Ende geht und Neues herauf steigt, galt als Zwischenzeit, in der Diesseits und Jenseits sich begegnen. Man fürchtete die Rückkehr von Totengeistern. Überall ist Brauchtum bekannt, das der Geisterabwehr diente: Lärm machen, Lichter aufstellen, sich verkleiden mit abstossenden Masken. Zum Feiern gehören natürlich Musik, Tanz, Essen und vor allem Trinken und zum Jahreswechsel gibt Halloween wird ausserdem mit dem keltischen Erntedank in Verbindung gebracht, mit dem Samhain-Fest (viele Schreib- und Ausspracheformen sind im Umlauf).

Vielleicht aus dem keltischen Erntedank blieb ein „Heischebrauch“ erhalten. Kinder und Arme zogen von Tür zu Tür und durften eine Gabe ‚heischen’, d.h. erbitten. Über die keltische Herkunft von Halloween wird allerdings Unsinn herum geboten, aus fragwürdigen Quellen, vorab fantasievollen Texten des 19. Jahrhunderts. Die Druiden-Religion hat nichts Schriftliches hinterlassen. Historisch gesichert weiss man kaum etwas von Druidenbräuchen an diesem Fest, nichts von Menschenopfern und gar nichts von einem Toten- oder Unterweltsgott Samhain. Samhain bedeutet schlicht „Sommer-Ende“.

Im 8. Jahrhundert n.Chr. verlegte die westliche Kirche ihr Allerheiligenfest auf den 1. November, wohl um die Jenseitsfaszination der Bevölkerung von den Toten auf die himmlischen Heiligen zu lenken. Aber schon im 10. Jahrhundert wurde der folgende Tag zum Allerseelentag bestimmt. Die Toten waren halt das seelische Thema dieser Jahreszeit. Auf dem Kontinent wurden besondere Seelenbrote gebacken und Familien hielten auf den Gräbern ihrer Toten ein Mahl. Heischegänge der Jugend sind auch in diesem Zusammenhang überliefert. Mit den Festen zur Totenjahreszeit wollte die Kirche die alte Bräuche nicht ausrotten, aber sie mit Gottesdiensten christlich deuten.

Halloween heute

Die heutigen Halloweenbräuche stammen aus Irland. Tausende von katholischen irischen Einwanderern brachten sie um 1840 nach Amerika. Zu Halloween gehören heute die mit illuminierten ausgehöhlten Kürbissen („Jack’o’lantern“, in Irland waren es noch ‚Räbeliechtli’) geschmückten Häuser und alle Versatzstücke einer durchschnittlichen Geisterbahn, angereichert mit Gestalten aus Gruselfilmen, die drüben jedes Kind, bei uns jedoch niemand kennt, wie etwa „the Mummy“, die lebende Mumie. Drüben gehören als Geister und Hexen verkleidete Kinder dazu, die nachts von Tür zu Tür gehen und schreien „Trick or Treat“, d.h. spende uns was, oder wir spielen dir einen Streich. Dazu gehören schliesslich die Partys, wo man oft verkleidet erscheint und blutig rote oder schleimig grüne Drinks konsumiert.

Die Halloweenbräuche in Amerika haben heute nichts mehr zu tun mit den katholischen Feiertagen Allerheiligen oder Allerseelen. Halloween ist kommerzielles Dekorationsthema, Mummenschanz der Kinder und Anlass zu Feten mit einem durchgängigen Thema. Da nun halt Europa kulturell eine Kolonie der Weltmacht geworden ist, müssen auch unsere Geschäfte halloweenig dekorieren und die Jungen Gruselpartys feiern. Unsere Kinder sind bislang noch nicht zum „Trick or Treat“-Betteln zu bewegen, aber gern zum Kürbis-Aushöhlen und zum garstig Verkleiden.

Gesellschaftlich

Unsere Kultur ist arm geworden an Volksbräuchen und allgemeinen Feierlichkeiten zum Wechsel der Jahreszeiten. Acht Monate liegen zwischen dem Osterhasen und dem Samichlaus. Dazwischen gibt es keinen thematischen Aufhänger, den alle gleichzeitig nutzen, um Häuser und Schaufenster zu dekorieren. Protestantische Stammlande begehen auch keine Fasnacht.

Wahrscheinlich füllt Halloween da ein Vakuum. Man mag beklagen, Halloween sei unserer Kultur fremd, man müsste Besseres, vor allem Eigenes dagegen setzen. Aber das gelingt selten. Bräuche wandern seit eh und je wie von selbst mit den Krämern. Und wir kaufen ja auch sonst, was die Amerikaner produzieren.

Der Tod und die Toten sind heute angstbesetzte Themen, aus dem Alltag verdrängt. Aber es sind Themen, die alle elementar betreffen. So sucht man Wege, mit ihnen harmlos umzugehen. Kinder spielen Beerdigung. Jugendliche und Erwachsene lassen sich faszinieren von okkulten Themen, schauen Katastrophen- und Horrorfilme und kreischen auf der Achterbahn. Es scheint ein seelisches Bedürfnis zu sein, sich dann und wann zu Tode zu erschrecken, aber auf eine Weise, die mit dem wirklichen Tod garantiert nichts zu tun hat. Unser Alltag bietet wenig Gelegenheiten, sich mit dem Sterben zu befassen und mit der Frage, was für eine Rolle den Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen eigentlich zukommt. Das inszenierte Unheimliche und Spukige an Halloween mag dem halbbewussten seelischen Wunsch entgegen kommen, die echte Angst vor dem Tod und den Toten auf
ungefährliche Weise spielerisch ins Bewusstsein zu heben.

Theologisch

Niemand wird behaupten, biblische Religion erfordere eine Verdrängung des Todes. Im Gegenteil: Weise ist nur, wer das Dunkel kennt. Ein berühmtes Gebet sagt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90). Es wäre allerdings blauäugig zu meinen, Halloween-Klamauk könnte ernsthaft solchem Bedenken dienen.

Fördert Halloween aber ein tieferes Bedürfnis zutage, so hat die Kirche bessere Mittel, diesem zu entsprechen: Karfreitag, Totensonntag, Bestattungsgottesdienst. Kirchliche Bildung soll sich doch mutiger an ‚morbide’ Themen wagen: Wie lernt man, gut zu sterben (die alte ‚ars moriendi’)? Wie trauert man gut? Wo sind die Verstorbenen? Was für eine Rolle spielen die Ahnen in unserem Leben? Besser als kritisieren ist besser machen.

Halloween beschwört das Unheimliche: Teufel, Dämonen, Gespenster, Hexen, Leichen, Untote... Werden damit Magie, Okkultismus, Satanismus verharmlost? Hexerei und Magie sind heute esoterische Möglichkeiten im freien Angebot via Internet, Bücher und Kurse. Sektenartige Gruppierungen propagieren neues Heidentum und Satanismus scheint immer wieder Zuzug zu finden. Die Manipulation verborgener Kräfte ist keineswegs harmlos, ob man sie nun als reale Gegenmächte gegen Gott begreift oder als innerseelische Energien und Dynamiken. Vor diesem Hintergrund ist Halloween gewiss eine Verharmlosung des Okkulten. Die Kirche macht Aufklärungsarbeit und hilft in der Seelsorge Menschen, die irgendwie in Okkultismus Schaden genommen haben. Sie würde unglaubwürdig, wollte sie zugleich Halloweenbräuche fördern.

Können Christen Halloween feiern? Sollen sie ihren Kindern erlauben, zur Halloweenparty des Kindergartens zu gehen? Soll man eine Kerze im Kürbis ins Fenster stellen? Darf die Tochter sich als Hexe verkleiden? Auf solche Fragen brauchen nie alle gleich zu antworten.

Das gleiche Dilemma, in das Christen auch bei der Fasnacht geraten können, wird im Wesentlichen in der Bibel beschrieben. Die frühe Kirche stand vor dem Problem, ob Christen Fleisch essen können, das heidnischen Göttern geopfert worden war. Paulus geht ausführlich darauf ein im 1. Korintherbrief und im Römerbrief, 14 und 15. Seine Einsichten haben an Gültigkeit und Aktualität nichts verloren. Er sagt, Christen hätten Freiheit. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf“. Es gibt keine harten Regeln, man muss selber entscheiden. Der Massstab muss die Liebe sein. Jede und jeder aber kann zu andern Schlüssen kommen. Will man aus Liebe ein Zeichen setzen und sich Halloween-Bräuchen verweigern? Oder will man ebenso aus Liebe die Beziehungen höher gewichten und sich nicht pharisäisch abgrenzen? Die Entscheidung will vielleicht in jeder Situation neu getroffen werden. Ist sie einmal gefallen, soll man unbeirrt dazu stehen. „Jedes sei seiner Meinung gewiss,“ sagt Paulus, im Wissen, dass die Meinungen gegensätzlich sein können. In der Theologie werden solche Fragen nicht zu den ethischen Grundfragen, sondern zu den ‚Adiaphora’ gezählt, d.h. zu den notwendigen Lebensverschiedenheiten, von denen das Heil nicht abhängt. Das heisst, man kann nicht beistimmen, wenn aus einem Halloween-Dilemma eine entscheidende Glaubensfrage gemacht werden soll.

Wird man unmerklich mit dämonischen Mächten infiziert, wenn man Halloween mitmacht? Paulus gibt eine differenzierte Antwort: „Auf Jesus, unsern Herrn, gründet sich meine Überzeugung, dass an sich nichts unrein ist. Unrein ist es nur für den, der es als unrein betrachtet“ (Römer 14,14). Sollte jemand fürchten, er könnte sich irgendwie religiös verunreinigen, ‚okkult belasten’, dann rät der Apostel zum Verzicht. Folgt man der Sicht des Apostels, so ist klar: Mitmachen kann denen nicht schaden, die entschieden auf den Schutz Gottes vertrauen. Sollte aber dieses Vertrauen fehlen, wäre vom Mitmachen abzuraten.

Pragmatisch

Das amerikanische Importbrauchtum wird kaum zu bremsen sein durch kirchliche Abwehr-Anstrengungen. Zeit und Geld, gutgemeint investiert, um wenige zu gewinnen, gegen Halloween Front zu machen, dürften verschwendet sein. Hingegen lohnt sich jede Anstrengung, den konfessionellen Frieden zu bewahren.

Ist es sinnvoll, dass eine Kirchgemeinde harmlose Alternativanlässe gestaltet, etwa für Kinder, wie es da und dort versucht wird in Gegenden, wo Fasnacht zum Brauchtum gehört? Solche Alternativen werden nicht umhin kommen, ebenfalls unter der Marke Halloween zu laufen, was für strenggläubige Gegner Grund zur Opposition sein wird. Bietet eine Kirchgemeinde eigene Halloween-Events an, wird sie sich dem Vorwurf aussetzen, sie verharmlose Okkultes und mache sich dadurch unglaubwürdig, auch wenn sie genau das Gegenteil bezweckt. Verhält sich umgekehrt eine Kirchgemeinde passiv, kann ihr auch das zum Vorwurf gemacht werden. Jede Kirchgemeinde muss also je nach ihrer besonderen Situation entscheiden.

Landeskirchliche Gemeinden können jedenfalls nicht gut gemeinsame Sache machen mit Gruppierungen, die Halloween undifferenziert prinzipiell bekämpfen. Ein Teil der eingesetzten Aufklärungsliteratur, gerade aus dem Internet, strotzt von haltlosen ‚Informationen’ und unevangelischer Angstmacherei. Manche Texte transportieren naive antikatholische Propaganda, andere gleichen zeitlosen Verleumdungskampagnen, wie sie schon immer gegen unliebsame Volksgruppen angestrengt wurden. Pluralistische Kirchen müssen entschieden auf ihrer Offenheit für alle bestehen und dürfen sich nicht instrumentalisieren lassen. Indessen kann es nicht ihre Aufgabe sein, bekennenden Gruppierungen, die sich gesendet wissen, gegen Halloween zu agieren, Steine in den Weg zu legen. Auch hier gilt es, den schwierigen Mittelweg zu suchen und viel Energie einzusetzen zur besseren Verständigung unter Andersdenkenden und zur pragmatischen Toleranz.

Herausgeber: Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern – Jura
Autor: Ruedi Heinzer, Pfr., Synodalrat, Departement Theologie

Einen Kommentar schreiben

*
*
Was ist die Summe aus 1 und 1?
*