Kunstbetrachtung Mariä Verkündigung

1. November 2009 (Kommentare: 0)

Adventsbesinnung Ambassador Club Niesen (November-Lunch 2009)

Die Kunst hat wenig Motive so intensiv bearbeitet wie die Verkündigungsszene „Verkündigung an Maria“, die nur im Lukasevangelium vorkommt. Der Engel Gabriel wurde zu einer Jungfrau gesandt, die hiess Maria. Er trat bei ihr ein und sagte: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Sie erschrak und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel: „Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus („Gott rettet“) geben.“ Maria sagte: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Der Engel antwortete: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Für Gott ist nichts unmöglich.“ Da sagte Maria: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Der Gruss des Engels ist der berühmte „englische Gruss“, das Ave Maria. Es gehört zu den meist gesprochenen Worten der Welt: „Gegrüsst seist du, Maria, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Wie oft wurde es vertont von namhaften Komponisten? Was fasziniert die Künstler an dieser Szene?

Leonardo da Vinci

Wohl in jeder zweiten Kirche findet sich ein Bild dieser „Verkündigung Mariä“. Da Vinci stellt Maria in Haltung und Gestik wie eine Königin dar. Sie empfängt einen Gesandten.

John Collier, *1934

Als Kontrast dazu John Collier in unserer Zeit. Da ist die Maria sehr jung, modernes England als Szenario. Sogar moderne Maler brauchen die klassische Ikonografie: Die weisse Lilie kommt fast immer, das Symbol der Reinheit, der Jungfräulichkeit. Deutsch gesagt bedeutet das: Hier geht es nicht um das, woran alle Männer sofort denken.

Das blaue Gewand gehört zur Maria. Es war früher die kostbarste, teuerste Farbe, weil aus Lapis Lazuli gewonnen und aus Afghanistan eingeführt. Blau ist sonst überall die Farbe der Götter, im Evangelium die Farbe der einfachen Magd.

Henry Ossawa Tanner, 1898

Moderne Interpretationen verzichten zuweilen auf eine Engelsgestalt. Das Geheimnisvolle wird zum Beispiel durch Licht dargestellt. Etwas Unbekanntes platzt in das wohl geordnete Leben. Ungewohntes tritt ein. Man merkt es am Teppich! Der Störefried ist ein Engel, wörtlich ein Gesandter, ein Botschafter.

Was fasziniert die Künstler an dieser Szene?

Könnte es sein, dass die Verkündigungsszene abbildet, was jeder Mensch erlebt? Kann man auf dem Verkündigungsbild sehen, was man gut kennt, aus der eignen Seele, etwas, das man mit Worten nicht sagen, wohl aber als Bild malen kann? Der Himmel drängt sich in den Alltag. Es taucht etwas auf, das mit dem Verstand nicht einzuordnen ist. Das gibt es in jedem Leben, dass etwas aus der Tiefe auftaucht, aus dem Unbewussten, aus dem Jenseits. Ich will drei psychische Aspekten dieser Szene näher betrachten.

1. Aspekt: „Fürchte dich nicht, Maria.“

Wie reagiert der Mensch, wenn etwas Ungewohntes aus der Tiefe auftaucht?

Simone Martini, 1333

Er weicht zurück.

Wenn das Jenseitige sich aufdrängt, kommt es unerwartet, überraschend, befremdend. Das gewohnte Heim wird unheimlich. Und die unvermeidliche Reaktion ist Skepsis und Angst: Der Mensch weicht zurück, schaut mit skeptisch zusammengekniffenen Augen und abweisendem Gesichtsausdruck, rafft sein Gewand, bedeckt und schützt sich. „Ich will nichts und brauche nichts.“

Simone Martini

Martini hat dieselbe Szene noch einmal gemalt. Auch dann, wenn das Unbekannte, das im Alltag auftaucht, ein Einfall ist, eine Eingebung, eine Erleuchtung aus der Tiefe des Unbewussten, so ist Abwehr die normale Reaktion. Das Bild zeigt also etwas typisch Menschliches und warnt den Betrachter: Pass auf, Mensch, wenn etwas von Gott zu dir kommt, weichst du zurück, instinktiv; du wirst skeptisch. Der Verstand rebelliert. Maria bemüht ja dann ihre Logik gegen die Engelsbotschaft: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“

Jean Hey,  1505

Maria hier schaut den Engel nicht einmal an. Hier wird gestalterisch deutlich: Es hat etwas mit dem Unbewussten zu tun. Ihre Haltung demonstriert: Geht mich doch nichts an. Die Künstler sagen also: Gib acht auf das Unerwartete, das unversehens aufsteigt. Putz es nicht ärgerlich weg mit dem Verstand, deinem Besserwisser. Wenn es nämlich beim skeptischen Zurückweichen, beim abweisen bleibt, verblasst der Engel vielleicht und es wäre, wie wenn er nie gekommen wäre - ein flüchtiger Traum. Je häufiger er weggewischt wird, umso seltener wird er vielleicht wieder kommen.

Mathis Gothart Grünewald, 1512/16

2. Aspekt: „Du hast Gnade bei Gott gefunden.“

„Du wirst ein Kind empfangen. Du wirst ihm den Namen Jesus geben.“

Bei dem, was da passiert, geht es nicht allgemein um „Gott und die Welt“. Da ist ein Mensch als Person, ein Du angesprochen. Es gibt Bilder, da sieht man dieses „Du“ förmlich, und man sieht Maria direkt zurück weichen vor diesem „Du“.

Dante Gabriel Rossetti, 1850

Andere Marien sind perplex, wie erschlagen von diesem Du.

Edward Coley Burne-Jones, 1876

Diese Jugendstil-Maria zeigt wunderschön das typische Gesicht von jemand, dem etwas sehr zu denken gibt, 2 der sinniert, in sich hineinhorcht, 3 der entrückt ist, in „Trance“.

El Greco, 1590

Die Maria vom Greco deutet mit der Bewegung der rechten Hand und mit der Mimik die betroffene Frage an: „Meinst du mich?“ Wenn die Eingebung aus der Tiefe wahrgenommen wird, stellt sich sofort diese Frage: Ich soll diesen Einfall realisieren?

Jeder muss sich das jeweils fragen, und er wird erkennen: Ja, nur ich kann die Eingebung wiedergeben. „Du wirst einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben“. Jeder Künstler, jeder, der schöpferisch tätig ist, weiss aus Erfahrung, wie wahr das ist, und zugleich wie bedrängend: Was aus der geheimnisvollen Tiefe ins Bewusstsein steigt, dem kann nur ich Gestalt geben. Wenn ich‘s nicht mache, macht‘s niemand. Und zugleich der Zweifel: Wie schaff ich das? „Wie soll das geschehen?“

Karin Saeckl Kottmaier, *1964

Auch diese moderne Maria fragt mit der rechten Hand: Meint der mich? Und das Gesicht der Maria von Karin Saeckl spiegelt ausdrucksstark einen Cocktail von widerstreitenden Gefühlen: Negative Gefühle: Verwunderung, Zweifel, leise Angst; im Hintergrund erscheinen Kreuze. Die Frau realisiert, dass ihr Leben durchkreuzt wird. Das Kreuz im Hintergrund sagt: Wer seine Eingebung verwirklicht, riskiert sich, gibt sich hin für das, was Gott der Welt gibt. Denn die Welt wartet selten auf das, was du ihr zu bringen hast.

Und zugleich ist Faszination im Gesicht zu sehen, verhaltene Freude. Sie wird rot, wie sie feststellt: Der meint wahrhaftig mich. Was Gott der Welt gibt, gibt er immer durch Menschen, nein, nicht „durch Menschen“, durch dich.

Filippo Lippi, 1440

Aus der anfänglichen Ablehnung und dann der Ambivalenz kommt es im besten Fall zum Annehmen, das ist der

3. Aspekt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Die Jungfrau von Lippi akzeptiert gnädig die angebotene Lilie, oder der Engel empfängt sie aus ihrer Hand. Es ist ein Geben und Nehmen.

Aber nun braucht es das bewusste Ja, damit etwas auf die Welt kommen kann, was Hand und Fuss hat.

Sandro Botticelli  1510

Die Maria von Botticelli öffnet sich in der Haltung und schenkt dem Boten ein Ja. Es braucht meine bewusste Einwilligung: „Dein Wille geschehe“. Auch das weiss jeder Künstler, jeder Schriftsteller, aber auch jede Frau, die ein Brot backt und jeder Bauer, der einen Acker pflügt: Ich habe eine Vision empfangen. Es braucht nun mein Ja zu dem, was nun als Entwurf, als Vision in mir lebt. Ich muss mich bewusst dazu entscheiden, mit meiner Anstregung zur Welt zu bringen, was in mir Gestalt annimmt.

Interessant ist, dass im 16. Jh. der Engel unter Maria steht oder kniet. Die Frau schenkt ihm huldvoll ihr Ja. Sie ist die Königin. Er ist untertan. Damit drückt der Maler aus, wie entscheidend eben die Einwilligung, die Entscheidung des Menschen ist. Wenn der Mensch Nein sagt, muss der Himmel einen andern Weg einschlagen. Meistens aber sagt der Mensch weder Nein noch Ja, er sagt gar nichts, er geht gleichgültig zur Tagesordnung über. In dieser Situation, wenn das Göttliche in den Alltag tritt, ist Gleichgültigkeit eine härtere Ablehnung als ein erschrockenes Nein.

Philippe de Champaigne  1674

Dieser Maria (17. Jh.) aber sieht man das Ja sofort an. Sie entwickelt schon fast Begeisterung.

Brigid Marlin, *20. Jh.

Diese Maria aus unserer Zeit ebenfalls.

Und mit einer besonders eindrücklichen modernen Verkündigung komme ich zum Schluss.

Paul Chandler, O.Carm., 20. Jh.

Das Besondere an dieser Ave-Maria-Szene ist, dass sie in jedem Leben spielt, überall, Tag um Tag. Aus der Tiefe kommen Eingebungen. Man verscheucht sie oft wie lästige Fliegen. Wer aber sein „Ja“ dazu sagt, bringt in die Welt, was es sonst nicht geben würde. Alle Kultur ist so auf die Welt gekommen. So versuche ich zu verstehen, warum diese Ave-Maria-Szene so viele Künstler und unzählige Menschen fasziniert, mal ganz abgesehen von ihrem religiösen Gehalt.

Ich wünsche eine gute Adventszeit!

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