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    <title>ruediheinzer Predigten</title>
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    <link>http://www.ruediheinzer.ch/</link>
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    <pubDate>Thu, 17 May 2012 09:45:00 +0000</pubDate>
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      <title>Damit ihr seid, wo ich bin. Radiopredigt zu Joh 14,1-3</title>
      <description><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde am Radio</p> <p>Die Himmelfahrt Jesu, die am heutigen Feiertag betrachtet wird, habe ein verborgenes Thema, sagt der Evangelist Johannes, nämlich das Durcheinander des Herzens, die unterschwellige Angst vor dem Tod. Auf den ersten Blick erzählt Johannes gar nichts über „Auffahrt“, wie wir hierzulande sagen, so wenig wie Matthäus und der ursprüngliche Markus. Lukas ist der einzige biblische Autor, der erzählt, Jesus sei emporgehoben und von einer Wolke aufgenommen worden. Johannes aber schreibt, der Meister habe seine Jünger darauf vorbereitet, dass er sterben und sie verlassen müsse. Und dabei habe er ein Wort gesagt, das ich als Himmelfahrtswort des Johannes verstehe. Am Anfang von Kapitel 14 lesen wir:</p> <p><em>„Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen! Vertraut auf den Höchsten, vertraut auch auf mich! Im Hause meines Vaters können viele sich niederlassen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt. Ich gehe nun hin, um für euch eine Bleibe vorzubereiten. Und nachdem ich euch verlassen und den Ort für euch zubereitet habe, komme ich zurück und nehme euch bei mir auf; damit auch ihr seid, wo ich bin.“</em> </p> <p>„Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen!“ Was hätte denn das Herz der Jünger erschrecken oder durcheinanderbringen können? Natürlich das bevorstehende schreckliche Sterben ihres Meisters. Jesus musste klar vorausgesehen haben, was auf ihn wartete, darin stimmen alle Berichte überein. Er versuchte mehrfach, seine Leute mental auf sein schlimmes Ende vorzubereiten. „Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen,“ sagt er hier, denn ich muss euch verlassen, ich muss hinüber gehen, um euch im Hause meines Vaters ein Zuhause vorzubereiten. Hier haben wir nun eine einzigartige Deutung des so schwer verständlichen Kreuzestodes Jesu. Es gibt in der Bibel sicher ein Dutzend weitere sehr unterschiedliche Deutungen für den Kreuzestod. Hier sagt Johannes gewissermassen: Mit seinem Sterben und Weggehen öffnet Jesu allen den Himmel, das Haus des ewigen Vaters, allen, die ihm vertrauen, und er verschafft ihnen dort einen Platz, eine Bleibe, eine „Wohnung“, wenn Sie wollen. Bildersprache ist das! Vom Sterben und von dem, was dahinter liegt, kann man nur in Bildern reden.</p> <p>Schreibt nun einer ein Buch, wie Johannes, so will er natürlich Leser ansprechen. Wir sollen heute für uns hören, was Jesus damals zu den Jüngern sagte: „Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen!“ Was könnte denn unser Herz durcheinander bringen? Wohl weniger das Sterben Jesu vor 2000 Jahren, als unser eigenes. Die Angst vor dem Tod könnte mein Herz durcheinanderbringen. Habe ich Angst vor dem Tod? Haben Sie Angst vor dem Tod? </p> <p>Sagen Sie noch nicht ja oder nein! Zunächst eine Vorbemerkung: Es wird kein Zufall sein, dass hier vom Herzen die Rede ist. Angst ist ein Gefühl, und Gefühle sind nicht im Denken, nicht im Geist zuhause, sondern in tiefen Schichten unseres Gehirns. Diese Tiefenschichten spricht man an, wenn man Herz oder Bauch, Seele oder Gemüt sagt. Heute wissen wir, dass wir aus einem unbewussten Wesenskern leben, der unsern ganzen Körper steuert und uns die Gefühle beschert. In diesem Wesenskern gibt es kein sprachliches Denken, da gibt es nur Gefühle und Bilder. Daneben aber denken wir in logischen Sätzen. Mit diesem Denken haben wir nur sehr beschränkt Zugang zu unserem Wesenskern. Diesen Wesenskern meint Jesus, wenn er hier sagt, unser Herz soll nicht durcheinandergebracht werden. Es ist der Ort, wo sich allenfalls eine Angst vor dem Tod verbergen würde.</p> <p>Nun zurück zur Frage: Haben wir Angst vor dem Tod? Mit dem Denken bluffen wir uns ja gern rotbackig über das Thema Sterben hinweg. Wer darf schon zugeben, er habe Angst vor dem Tod? Taucht das Thema auf, so hört man überall, und Sie haben es vielleicht auch schon gesagt, mit Feldweibelstimme: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Nein, Tod gehört zum Leben, es gibt nichts Natürlicheres als Sterben und was nachher kommt, ist mir egal.“ „Jaja, ruf nur laut!“, würde unser Wesenskern, das Herz da entgegnen, „pfeif nur weiter im Dunkeln, du Knirps im finstern Keller! Dass du keine Angst zu haben vorgibst, ist ja kein Wunder. Fühlen tust du eh nichts, Gefühle sind meine Sache. Ob du, Mensch, Angst hast vor dem Tod oder nicht, musst du mich fragen, dein Herz.“ Und wie es im Herzen wirklich aussieht, liebe Hörer, davon weiss der Kopf erschreckend wenig.</p> <p>Ich las mit Staunen das Buch von Julian Barnes: „Nichts, was man fürchten müsste“. Er gibt offen zu, dass er vor dem Tod Angst hat. Autoren, die englisch schreiben, sind manchmal wunderbar ehrlich und lebensnah. Barnes ist Atheist. „Ich glaube nicht an Gott,“ schreibt er, „aber ich vermisse ihn.“ Der Tod sei „Nichts, was man fürchten müsste“, versuchte er sich einzureden; ohne Erfolg. Er kam im Gegenteil zur Erkenntnis, dass es ja gerade dieses Nichts ist, vor dem er sich fürchtet. Die Angst seines Herzens vor dem Vernichtet-Werden lässt ihn nachts schweissgebadet aufschrecken und drückt ihm ständig aufs Gemüt. Julian Barnes beschreibt andere Autoren, die sich ähnlich vor dem Tod fürchteten; er ist nicht der einzige. Könnte es sein, dass die Angst vor dem Ausgelöscht-Werden viel häufiger in den unbewussten Tiefen der Herzen mottet, als die flapsigen Sprüche der Oberfläche vermuten lassen?</p> <p>Nun lernen wir eben von den Neurowissenschaften, Denken oder Glauben, Logik oder Emotion, Kopf oder Herz seien zwei ganz unterschiedliche Bereiche unseres Hirns, die oft ziemlich unabhängig voneinander funktionierten. Könnten wir nicht einmal versuchen, beim Thema Tod die beiden inneren Bereiche, das Denken und das Fühlen, Kopf und Herz auch unterschiedlich einzusetzen?</p> <p>Der Verstand denkt, Sterben sei etwas Natürliches. Er kann sich ein Auferstehen vom Tod, ein Weiterleben des Bewusstseins schlicht nicht vorstellen. Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wie ein Scheinwerfer. Aber es gibt wohl Wirklichkeiten, in die kein Scheinwerferlicht der Logik dringen kann. In diesen jenseitigen Wirklichkeiten aber bewegt sich unsere Psyche mit ihren Bildern. Und Bilder sind es auch, die Jesus predigt. Seine Bilder, und überhaupt die meisten Bilder und Erzählungen der Bibel sind zum Herzen gesprochen, nicht zum Verstand.</p> <p>Für das Herz also gibt es hier das berührende Bild vom Prinzen, der zum Palast seines Vaters reist, um dort für seine Freunde „eine Stätte zu bereiten“, für sie „Suiten einzurichten“. Stellen Sie sich vor, Sie wären auf einem langen, anstrengenden Marsch durch die Wüste. Nun hören Sie, wie einer sagt: „Ich laufe nun voraus und mache Essen und Zimmer bereit - für euch!“ Wie schön. Dass die schwarzen Sklaven in Amerika dieses Bild beherzigt haben, zeigen ihre Gospellieder: „I’ve got a home in gloryland…“ Ich habe einen Heimatort, ein Zuhause in der Herrlichkeit, im Hause des Vaters eine Wohnung. Mit Liedern kann die Psyche etwas anfangen. Solche Lieder sind Balsam für das furchtsame Herz. „Swing low, sweet chariot, comin’for to carry me home…“ Ein prächtiger Wagen rauscht herab vom Himmel, wozu?, um mich abzuholen und heimzubringen. Eine Schar von Engeln kommt extra für mich und nimmt mich begeistert in Empfang. Das sind die Bilder, die unser Herz braucht, wenn es ans Sterben geht; denn so sagt auch Er: <em>„Und nachdem ich den Ort für euch zubereitet habe, komme ich zurück und nehme euch bei mir auf, damit auch ihr seid, wo ich bin.“ </em></p> <p>Ich will euch bei mir haben. Wenn Jesus sagt, er wolle seine Jünger bei sich haben, so heisst das: Gott will seine Menschen bei sich haben. Weil mir das verkündet wird, dass Gott mich in seiner Nähe haben will, darum vertraut mein Herz darauf, dass kein „Nichts zu fürchten“ ist, lieber Herr Barnes. </p> <p>Natürlich knurrt und kläfft auch mein Verstand im Hintergrund! Soll er ruhig, dazu haben wir den Wachthund. Aber vom Sterben versteht der nichts. Er soll unser Herz nicht durcheinander bringen und uns die Bilder nicht vermiesen, die uns der Meister gibt, der sagt: „Vertraut auf Gott und vertraut auch auf mich.“</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/85.html</link>
      <pubDate>Thu, 17 May 2012 09:45:00 +0000</pubDate>
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      <title>Das Unrecht unter der Sonne. Gemeindepredigt, anhand von Psalm 73</title>
      <description><![CDATA[<p>Psalm 73, nach eigener Übersetzung:</p> <div><em>Es heisst doch: „Gott ist lauter Güte für Israel, </em></div> <div><em>für die Menschen mit reinem Herzen.“ </em></div> <div><em>Aber über dieses Wort bin ich gestolpert </em></div> <div><em>und wäre beinah zu Fall gekommen, als ich sah, </em></div> <div><em>dass es im Gegenteil den Gottlosen gut ging! </em></div> <div><em>Ich ereiferte mich über diese Angeber. </em></div> <div><em>Die leiden natürlich keine Qualen, </em></div> <div><em>die sind doch fit und kerngesund! </em></div> <div><em>Mühe und Plage der gewöhnlichen Leute kennen die nicht. </em></div> <div><em>Dafür hängen sie sich Grosstuerei wie Schmuck um den Hals </em></div> <div><em>und kleiden sich in Rücksichtslosigkeit. </em></div> <div><em>Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett und planen ständig neue Raubzüge. </em></div> <div><em>Sie grinsen und machen von oben herab alles lächerlich. </em></div> <div><em>Nichts auf Erden bleibt verschont vor ihrem Geifern, nicht einmal der Himmel ist ihnen heilig. </em></div> <div><em>Das Volk schlürft nichtsahnend ihre Worte und hängt an ihren Lippen, wenn sie prahlen: </em></div> <div><em>„Gott? Der alte Herr? Der hat doch keine Ahnung.Der ist ja schwerhörig!“ </em></div> <div><em>Hab ich nicht Recht?! </em></div> <div><em>So sind doch die Abzocker: Häufen Geld auf Geld und suhlen sich im Glück.</em></div> <p> &nbsp; </p> <div><em>Und ich?! Ich habe brav Herz und Hände rein erhalten. </em></div> <div><em>Was habe ich davon? </em></div> <div><em>Nichts als Plage Tag für Tag, jeder Morgen liegt mir neu schwer auf. </em></div> <div><em>Bitter wurde mein Gemüt und es stach mich in den Nieren. </em></div> <div><em>Warum? Weil ich dumm war vor dir, unvernünftig wie das Vieh. </em></div> <div><em>Ich quälte mich, um das Unrecht zu begreifen. </em></div> <div><em>Bis mir im Tempel Gottes endlich aufging: </em></div> <div><em>„Auf das Ende der Gottlosen musst du schauen!“ </em></div> <div><em>Ja Gott, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund. </em></div> <div><em>Unversehens packt sie der Schreck und sie nehmen ein böses Ende. </em></div> <div><em>Wie ein Traum beim Aufstehen, so lösen sie sich auf in Nichts. </em></div> <div><em>Ich aber bleibe immer bei dir. </em></div> <div><em>Du leitest mich an meiner rechten Hand wie du es gut findest für mich. </em></div> <div><em>Du nimmst mich am Ende auf in Schönheit und Pracht. </em></div> <div><em>Ja, fern von dir geht man zugrunde. Du machst zunichte, die dir die Treue brechen. </em></div> <div><em>Ich aber finde mein Glück darin, dir nahe zu sein. </em></div> <div><em>Ich setze auf Gott mein Vertrauen. Amen.</em></div> <p>Ein unmögliches Thema habe ich mir da wieder vorgenommen. Ich habe es schon bitter bereut. An der Ungerechtigkeit dieser Welt haben schon grössere als ich sich die Zähne ausgebissen. Sei’s drum: Wie in jeder Predigt biete ich Ihnen meine Überlegungen an und hoffe, Sie damit zu eigenen Gedanken anzuregen.</p> <p>&nbsp;In manchen Psalmen der Bibel wird die frustrierte Frage gestellt: „Was hat man vom Glauben? Was hat man von einem anständigen Leben der Nächstenliebe?“ Und unser Psalm gibt gleich die Antwort: „Nichts als Plage Tag für Tag.“ Aber den Spöttern geht es blendend, denen, die sich grinsend über Religion und Ethik hinwegsetzen: Denen geht es prächtig. Ja, da singt man andächtig: „Gott, deine Gerechtigkeit, wie die Berge stehet sie…“ Aber mal ehrlich: Wo sieht man etwas von dieser Gerechtigkeit? Das Gegenteil sieht man, Ungerechtigkeit! Dieser Aufschrei ging um die Welt, als 1755 ein Erdbeben von der Stärke 8.5 Lissabon in Trümmer legten und 100‘000 das Leben kostete. Kirchen lagen in Schutt und Asche, und ausgerechnet das Rotlicht-Viertel blieb verschont! Die Welt ist voll stossender Ungerechtigkeit: Die einen werden auf der Sonnseite geboren, die andern im Schatten. Der eine heisst Mozart und erobert mit seiner Musik spielend die Welt; der andere heisst Salieri, gibt sich eine Heidenmühe und kommt auf keinen grünen Zweig. Die eine kommt mit einem hübschen Frätzchen auf die Welt, der andere ohne Augenlicht. Die einen werden in der Schweiz geboren, andere in Burkina Faso. Von Ihnen könnte ich irgendjemanden aufrufen und sagen: Erzählen –Sie uns aus Ihrem Leben eine Ungerechtigkeit! Sie müssten wohl kaum lange nachdenken! „Das Leben ist ein Würfelspiel, wir würfeln alle Tage. Dem einen bringt das Schicksal viel, dem andern nichts als Plage.“</p> <p>&nbsp;Wie denken moderne Menschen darüber? Es gibt drei verbreitete Denkmuster: Verdrängen, Atheismus und Buddhismus.</p> <p>1. So lange es einem gut geht, versucht man gern, das schreiende Unrecht der Welt zu verdrängen. Man kann sich die Ungerechtigkeit, das unermessliche Leid, das uns die Glotze ja täglich in die Stube flimmert, nicht unaufhörlich vor Augen halten, sonst wird man depressiv! Dass Verdrängen keine gute Lösung ist, wissen wir alle. Ich bin der reiche Mann, der Fenster schliesst und Vorhänge zieht, damit er den armen Lazarus vor seiner Tür nicht ständig sehen muss. Solchen Reichen drohte Jesus mit der Hölle. Das weiss ich, aber ich will halt meine Pension nicht verschenken und will nicht nach Afrika ziehen wie Albert Schweizer. Ich muss das Unrecht zeitweise verdrängen, um hier leben zu können. Nur darf ich es ja nicht ganz vergessen.</p> <p>2. Wer sich das Unrecht ungeschminkt bewusst macht, kommt leicht zum Atheismus. Es werde halt keinen „Schöpfer Himmels und der Erde“ geben, „der alles so herrlich regieret“. Nach den Gräueln der Nazizeit liebäugelte auch die evangelische Theologie mit dem Atheismus. Nach Auschwitz könne man nicht mehr an einen Gott glauben, der über dieser Welt stehe, sagte man. Ja, dem Verstand muss es tatsächlich so scheinen. Der Holländerpfarrer, der ein atheistisches Christentum predigt, hat einen grossen Fanclub. Aber - mit dem Schöpfergott beerdigt man halt auch das Gebet, die Hoffnung, die Freude der Erlösung, alles, was den Christenglauben schön macht. Übrig bleibt ein fades Süpplein Moral. Wenn aber die ganze Religion nur noch daraus besteht, dass man lieb und nett sein sollte, dann kann ich gern darauf verzichten.</p> <p>&nbsp;3. Nun gibt es ein drittes Denkmuster, das man schon in der Bibel findet und in allen östlichen Religionen: Man glaubt, hinter dieser ungerechten Welt gebe es eine verborgene unbestechliche Gerechtigkeit, das gerechte Gesetz der Wiedervergeltung, im Osten nennt man es „Karma“: Was immer du tust, das musst du auch einmal erleiden. Du erntest heute, was du einmal gesät hast, vielleicht in einem früheren Leben. Was einer leidet, hat er also auch früher einmal verdient. Dieses Denkmuster ist verlockend einfach, es kann das Böse in der Welt erklären; allerdings zu einem sehr hohen Preis: Nach dieser Sicht ist der Arme oder Kranke selber schuld an seinem Leid, und ich bin umgekehrt auch selber die Ursache dafür, dass es mir heute in der reichen Schweiz gut geht. Das ist eine unbarmherzige und gefährliche Weltanschauung!</p> <p>Wie geht nun die Bibel mit der Ungerechtigkeit der Welt um?<br />Drei Kerngedanken der Bibel möchte ich Ihnen heute vorstellen.</p> <p>1. Dem ersten begegnen wir in der Geschichte Hiobs. Hiob verliert ja Hab und Gut, Kinder und Gesundheit. Da klagt er vor Gott: „Das habe ich nicht verdient, das ist ungerecht.“ Seine Freunde aber kommen von der Karma-Fraktion und reden auf ihn ein: „Nein, nein, Gott ist absolut gerecht. Irgendeine Sünde muss bei dir verborgen sein, sonst ginge es dir nicht so schlecht.“ Hiob aber bleibt dabei: „Nein, es ist ungerecht.“ Und siehe da! Gott erscheint selber und sagt zu Hiobs Karma-Freunden: „Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob“ (42,7). Hiob bekommt Recht, er, der sein Schicksal als ungerecht einklagte. Allerdings: eine Erklärung für das Unrecht bekommt auch Hiob nicht. Hiob bekommt also Recht, wenn er Gott im Gebet das Unrecht der Welt zum Vorwurf macht. Das ist der Hammer! Das heisst also für mich, auch ich darf sagen: Ich habe diese Welt nicht erfunden. Ich bin vielleicht ein Sünder wie alle andern, aber so viel Leid haben wir nicht verdient. Ich habe das Unrecht dieser Welt nicht eingebrockt und möchte es auch nicht auslöffeln. Muss ich es trotzdem auslöffeln, so beharre ich vor dem ewigen Richter darauf, dass es nicht recht ist. Auch Jesus starb mit der vorwurfsvollen Klage auf den Lippen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie Hiob erhielt er keine Antwort. Das ist eine unheimlich wichtige Lehre der Bibel: Erkläre nicht das Unrecht dieser Welt! Lerne leben ohne Erklärung, wie ein gerechter Gott all das Unrecht zulassen kann! Das fällt uns schwer. Unser Hirn ist richtiggehend programmiert, hinter allem und jedem eine Erklärung zu suchen. Aber hier gibt es keine Erklärung und wir sollen uns auch keine zusammen basteln. Warum denn nicht?!</p> <p>Immer wieder heisst es: Die Menschen sind schuld an der Ungerechtigkeit unserer Welt. Die Hexen, sagte man. Was daraus wurde, wissen wir. Die Juden sind schuld. Als mein Vater jung war, wurden 5 Millionen Juden vergast. Heute ist es chic zu sagen: die Kapitalisten sind schuld. Weil Menschen derartige Egoisten seien, sei die Welt ungerecht. Und dann schiebt noch einer nach: „Würden alle die 10 Gebote halten, so wären wir doch im Paradies!“ Tönt auf den ersten Blick sympathisch, stimmt aber einfach nicht! Auch wenn zwei in gleicher Weise die 10 Gebote halten: der eine hat Krebs, der andere nicht. Und wir sollen nicht wissen warum, wir sollen am ehesten Gott dafür verantwortlich machen wie Hiob. Denn wenn wir die Schuld Menschen geben, verdoppeln wir das Unrecht!</p> <p>&nbsp;2. Der zweite biblische Leitgedanke ist „prophetisch“. Im Alten wie Neuen Testament lesen wir, Gott selber wolle Neues schaffen: „Siehe, ich mache alles neu“ (Off 21,5; Jes 43,19). Aha! Mit der Welt, wie sie jetzt ist, ist auch der Ewige nicht zufrieden? Die Welt muss neu werden, der Mensch muss neu werden. Aus dieser Quelle stammen prophetische Worte, die den Reichen Bauchweh machen, weil sie lieber hätten, alles bliebe, wie es ist. Maria singt im Magnifikat: „Gott stürzt Mächtige vom Thron und erhöht Niedrige. Hungrigen schenkt er seine Gaben und Reiche lässt er leer ausgehen“ (Lk 1,52). „Erste werden Letzte sein und Letzte Erste“ (Mt 19,30), sagte Jesus.</p> <p>Ist denn dieser Gott ein Linker?! Ja, er hatte einst die billigen Arbeitskräfte aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit und zu seinem Volk gemacht. Er ist dagegen, dass man Menschen zu billigen Arbeitskräften macht. Jesus sitzt bei Zöllnern und Sündern, er preist die Armen selig und sagt, ein Kamel gehe eher durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Gottesreich. Das ist schon linkes Denken! Die Bewegung Gottes, die man „Gottes Reich“ nennt, will das Unrecht auf der Erde ausgleichen. Gott selber sei dran, auszugleichen. Viel zu langsam aus meiner Sicht, aber Umsturz ist im Kommen, daran will ich glauben, und einmal wird alles Unrecht ausgeglichen. Verhelfe ich heute meinem Nächsten zum Recht, so bin ich ein Agent des Reiches Gottes, das kommt.</p> <p>3. Der dritte Leitgedanken kommt von Jesus: „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.“ In jedem Armen und Leidenden begegnet dir Gott. Du kannst das Unrecht im Bauplan dieser Welt nicht verstehen und nicht ändern. Aber heute begegnest du einem Menschen. Gib ihm, was du hast und was ihm fehlt, und du nimmst Teil an der Neuschaffung der Welt. Was du deinem Nächsten tust, tust du Christus. Wenn du in einem Durstigen Christus erkennst und ihm einen Becher Wasser gibst, legst du einen Baustein zur neuen Welt. Das heisst also: Gib acht, dass dein Herz nicht hart wird vor lauter Unrecht in der Welt! Siehst du, wie ein Mitmensch leidet, so dreht sich doch dein Herz um. Halte dieses Mitgefühl warm und lass dich davon leiten. Das Mitgefühl ist vom Kostbarsten, was du hast; es macht dich wahrhaft zum Menschen. Wozu dein Mitgefühl dich leitet, weiss ich nicht. Aber es ist dein bester Leitstern angesichts des Unrechts in dieser Welt.</p> <p>Das war nun eine geballte Ladung Bibel, aber ich kann mit fünf einfachen Sätzen zusammenfassen:</p> <p>1. Die Welt ist wahrhaft ungerecht, ich muss das nicht schönreden, ich darf es beklagen.</p> <p>2. Ich habe diese Welt nicht erfunden und kann sie auch nicht ändern.</p> <p>3. Gott verspricht, er werde alles neu schaffen und die Ungerechtigkeit ausgleichen.</p> <p>4. Gott gab uns Mitgefühl, damit wir den leidenden Christus erkennen in dem Menschen, der uns heute begegnet.</p> <p>5. Lassen wir uns vom Mitgefühl leiten, so nehmen wir teil am Projekt Gottes, am Bau einer gerechteren Welt.</p> <p>&nbsp;Gnädiger Gott: Drück bitte ein Auge zu, wenn deine Zweibeiner sich Gedanken machen über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Wir versuchen halt, das Bisschen Verstand zu gebrauchen, das du uns zugeteilt hast. </p> <p>Und dein Friede, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.</p> <p>&nbsp;</p> <p>&nbsp;</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/84.html</link>
      <pubDate>Sun, 04 Mar 2012 10:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Dinge, die da kommen. Radiopredigt Neujahr 2012 DRS 2, zu Lukas 21</title>
      <description><![CDATA[<p>Liebe Gemeinde am Radio, </p> <p>jedes Volk feiert im Jahreslauf einmal Neujahr. Irgend ein Tag wird als Übergang vom alten zum neuen Jahr gedeutet. Es entsteht eine sogenannte Schwellensituation. 2011 ist nicht mehr, 2012 noch nicht recht - Zeit dazwischen - Zeit, zurückzublicken und vor allem: vorauszuschauen. Orakelbräuche gehören zu Neujahr. Man fragt die Sterne oder den Zufall: Habe ich Glück im neuen Jahr? Man würfelt, zieht Karten oder giesst geschmolzenes Zinn ins Wasser und versucht zu deuten, was dabei herauskommt. So richtig ernst nimmt das keiner: „Ist ja nur ein Spiel,“ sagt man, „eigentlich glauben wir gar nicht daran.“ Aber mitspielen ist reizvoll, sogar für Menschen, die grundsätzlich gegen alles sein müssen, was nach Wahrsagerei riecht, für gläubige Christen. </p> <p>Es gibt doch seit 280 Jahren die Losung, den ausgelosten Bibelspruch für jeden Tag des Jahres? Ich möchte den sehen, der das neue Losungsbüchlein kauft und nicht zuerst voll Neugier seinen Geburtstag aufschlägt! Ebenfalls Gläubige haben für Neujahr das Bibelstechen erfunden. Mit geschlossenen Augen sticht man eine Stricknadel in die Bibel, schlägt auf und tippt auf irgendeinen Vers. Den versucht man dann als Losung fürs neue Jahr zu deuten. Das tönt frommer als Bleigiessen, ist aber im Grunde dasselbe. Auf der Schwelle versuchen die meisten, spielerisch in die Zukunft zu gucken. Und ich will auch mitspielen, mit meiner Predigt. Jesus spricht über die Zukunft in der sogenannten Endzeitrede. Lassen wir uns doch vom grössten Propheten die Zukunft voraussagen!</p> <p><em>„Jesus sagte zu seinen Jüngern: Passt auf, dass euch niemand in die Irre führt! Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen „ich bin’s“. Lauft ihnen nicht nach! Und ihr werdet von Kriegen und Unruhen hören. Es wird gewaltige Erdbeben und vielerorts Seuchen und Hungersnöte geben. Schreckliche Dinge, aber lasst euch nicht erschrecken! Solches muss zuerst geschehen, das ist erst der Anfang der Wehen. Ihr aber, macht euch darauf gefasst: Man wird euch verfolgen und ins Gefängnis werfen, vor Gerichte und Könige schleppen, damit ihr vor ihnen Zeugnis ablegt. Sogar Verwandte und Freunde werden euch verraten und manche von euch wird man töten. Um meines Namens willen werdet ihr von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“</em></p> <p>Die ganze Endzeitpredigt Jesu ist länger. Sie haben nun eine verdichtete Fassung von Lukas 21,7-19 gehört, mit Elementen aus Matthäus und Markus.</p> <p>Es werden welche kommen, sagt der Meister, denen man nicht nachlaufen soll. Sie geben sich als Messias, als Heiland, als Retter aus. In den Jahrzehnten nach Jesus gab es mehrere messianische Führergestalten im Judentum, die viele anstifteten, Waffen zu ergreifen und sich gegen die römische Besatzung zu erheben. Aber ihr Triumph dauerte nie lange. Legionen aus Rom erstickten die Aufstände jeweils mit brutaler Gewalt.</p> <p>Die Voraussage Jesu bewahrheitete sich wörtlich, damals, und bis auf den heutigen Tag. Es gab und gibt immer Männer, die kund tun, sie seien der wiedergekommene Christus; und ich fürchte, sie alle finden Leute, die ihnen nachlaufen und ihnen ein luxuriöses Leben finanzieren.</p> <p>Damit könnten wir zur nächsten Prophezeiung gehen. Aber spielen wir doch noch ein wenig mit den Worten! „Es kommen welche, die euch das Glück versprechen. Lauft Ihnen nicht nach.“ Woran denken Sie? Ich denke an Werbung. Unser Wirtschaftssystem muss ja auf allen Kanälen Glück versprechen, damit wir kaufen. Werbeversprechen haben etwas unterschwellig Religiöses. Nicht selten zitiert Werbung aus der Bibel, etwa wenn neben einem Cabriolet geschrieben steht: „Nichts ist unmöglich.“ Oder wenn Mercedes sagt: „Ihr guter Stern auf der Strasse.“ Das Rote Kreuz warb einmal mit dem heiligen Satz: „Mein Blut für dich“! Und der angebissene Apfel von Apple ist natürlich ein geniales Zitat der Versuchung im Garten Eden. Ja, die Konkurrenz schläft nicht, und je massiver man Glück und Heil verspricht, umso grösser die Chance, dass man im Markt überlebt. Ich mache den Werbern keine Vorwürfe. Ich sage auch nicht: „Lauft ihnen nicht nach.“ Wir müssen ja kaufen, sonst steht die Wirtschaft still. Verrückt! Unsere Gesellschaft funktioniert nur mit quasireligiösen Versprechungen, von denen alle wissen, dass sie nicht stimmen. Zahnpasta kann man kaufen, Glück nicht. Mir persönlich flüstere ich schon zu fürs neue Jahr: „Lauf ihnen nicht nach!“ Heute wäre überhaupt Gelegenheit, sich in einer stillen Viertelstunde zu fragen: Wem laufe eigentlich ich nach? Oft sind es Stimmen in meinem Innern, denen ich nachlaufe. Will ich das wirklich?</p> <p>Zur nächsten Prophezeiung: „Es wird Unruhen geben, Kriege, Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte.“ „Lieber Meister“, möchte ich antworten, „dafür braucht man aber kein Prophet zu sein!“ Das trifft ja leider mit hundertprozentiger Sicherheit ein, jedes Jahr, irgendwo in der Welt. Fragt man Jesus über die Zukunft, so verspricht er nicht das Blaue vom Himmel. Er holt auf den Boden und erinnert daran, dass auf diesem Planeten der Teufel los ist. </p> <p>Das hören Sie nun &nbsp;wohl nicht gern, was? Unheilsprophezeiungen am ersten Tag des noch jungfräulichen Jahres? Da möchte man doch mit Gutem rechnen, das es ja wahrhaftig auch gibt. Können Sie meinetwegen gern! Ich überlasse Ihnen die Hufeisen, Säuli, Kleeblättli, Herrgottkäferli, Kaminfegerli und Fliegenpilzli. Mit diesen Neujahrssymbolen betteln wir ja: „Wünsch mir doch bittebitte Glück fürs neue Jahr!“ Wollen wir nicht lieber realistisch bleiben? Schlimmes wird auch dieses Jahr in der Welt passieren, und weit weg ist die Welt nie. Auch in meinem kleinen Leben sollte ich damit rechnen, dass ich mir die Finger verbrenne, den falschen Finger verbinde, dass ich mir ins eigene Fleisch schneide, dass mir ein Klotz am Bein hängt oder dass mir einer ein Bein stellt. Haben nicht die Briten dazu eine treffende Redensart? „Hope for the best, and be prepared for the worst.“ Hoffe immer das Beste, und rechne mit dem Schlimmsten. Keine schlechte Maxime.</p> <p>Und dann weissagt Jesus seinen Jüngern: „Ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen.“ „Von <em>allen</em> gehasst“ ist wohl orientalische Übertreibung. Bei uns ist es Gott sei Dank nicht so. Dass man als Christ zuweilen belächelt wird, ist hier nicht gemeint. Nein, Diskriminierung und Attentate drohen vielen, nicht allen, die sich zu ihm bekennen. Wir wissen, welch unheimliche Blutspur die Geschichte des Christentums durchzieht, und noch nie wurden so viele Christen blutig verfolgt wie in den letzten hundert Jahren. Gewiss, umgekehrt haben auch Christen andere verfolgt; das beschämt mich. Aber es darf die Tatsache nicht verschleiern, dass in diesen Tagen Geschwister wegen ihres Glaubens terrorisiert werden, während wir hier eine ruhige Kugel schieben. In Pakistan, im Irak, in Indien, Ägypten und andern Ländern sind Mitchristen ihres Lebens nicht sicher. Ich möchte ihnen dieses Jahr mit einer Spende oder wenigstens einer Unterschrift Solidarität bekunden.</p> <p>Unvermittelt dieses Wort: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“ Es ist zuerst zu den Märtyrern gesprochen, die in Angst und Sorge sind um ihr Leben, um ihre Lieben. Wieder erstaunt mich die überspitzte Redeweise: „kein Haar gekrümmt“. Und der Satz versetzt mich unwillkürlich in die Bilderwelt des Märchens, wo es eine Tarnkappe gibt, die unsichtbar, einen Harnisch, der unbesiegbar oder einen Trank, der unverletzlich macht. Schlimmes wirst du erleben, aber eigentlich passiert dir nichts. Materialisten wittern da billige Vertröstung und Sie, Sie mögen es irgendwie kitschig finden. Man müsste es mit den Ohren eines Menschen hören, der an Leib und Leben bedroht ist. Für mich gehört diese Botschaft zum Kern meines Glaubens. Paulus sagt einmal: „Wir werden nicht müde; wird auch unser äusserer Mensch aufgerieben, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“ (2 Kor 4,16). Ich bin mehr als mein äusserer Mensch, mehr als mein Leib. Mein Bewusstsein, meine Seele, mein eigentliches Ich erlöscht nicht, wenn mein Auge bricht. Gott liebt mich, und zerfällt mein Leib, so liebt er mich wie eh und je. Darum wird mir kein Haar gekrümmt. In diesem Vertrauen singe ich „Trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu! Tobe Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh…. Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod, soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesus scheiden.“ Amen.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/83.html</link>
      <pubDate>Sun, 01 Jan 2012 09:45:00 +0000</pubDate>
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      <title>Dankbarkeit, hinter dem warmen Ofen? Radiopredigt zu Luk 17,11</title>
      <description><![CDATA[<p>Heute gedenken Protestanten der Reformation vor 500 Jahren, jener Bewegung, welche die Kirche von Grund auf erneuern wollte. Sie forderte unter anderem, die Bibel müsse im Gottesdienst wieder deutsch und deutlich gepredigt werden, heute eine Selbstverständlichkeit in katholischen wie protestantischen Kirchen. Mein heutiger Bibeltext steht im Lukasevangelium, Kapitel 17.&nbsp; </p> <p>„Als Jesus in ein Dorf hinein gehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Er schaute sie an und sagte: „Geht und zeigt euch den Priestern!“ Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Und einer von ihnen - als er sah, daß er geheilt war - kehrte um und lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich Jesus zu Füssen und dankte ihm. Der Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: „Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott die Ehre zu geben, außer diesem Fremden?“ Und er sagte: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ </p> <p>Auf den ersten Blick eine harmlose Geschichte mit moralischem Schwänzchen, das jedes Sonntagschulkind begreift: „Man sollte mehr danken.“ Ja, gewiss, aber so fromm und fraglos sollten wir die Bibel nicht lesen. Haben Sie nicht auch kritische Fragen? Zehn Aussätzige sollen da geheilt worden sein!? Jesus war gewiss ein gesegneter Heiler, aber er heilte doch normalerweise einen nach dem andern. Hier heilt er im Multipack! Da spitze ich doch die Ohren und frage: „Warum zehn? Die Geschichte würde eher besser funktionieren mit zweien, von denen einer dankt, der andere nicht. Was hat die Zehn zu bedeuten?“ Wir werden sehen. </p> <p>Aussätzige mussten die Dorfgemeinschaft verlassen. Man hatte Angst vor Ansteckung. War man unterwegs, wurde man also vor jedem Kaff von Aussätzigen angebettelt. „Erbarme dich unser,“ riefen die Aussätzigen von ferne. Das bedeutete vermutlich: „Hesch mer e Stutz?“ Malen Sie sich die abstossende Szene lieber nicht aus, wie ein Mitleidiger den Aussätzigen eine Münze hinüber warf und die armen Schreckgestalten sich balgend darauf stürzten. „Erbarme dich,“ könnte auch meinen: „Heile uns doch.“ Aber Aussatz war <em>die</em> unheilbare Krankheit. „Eher steht einer von den Toten auf, als dass ein Aussätziger gesund wird“, sagte man damals. </p> <p>Jesus warf kein Geld. Und er heilte sie auch nicht! <em>„Er schaute sie an und sagte: &lt;Geht, zeigt euch den Priestern!&gt;“</em> Priester? In jenen Dörfern gab es keine Priester. „Die Priester“ waren in Jerusalem. Sie waren die Amtsstelle, wo Hautkrankheiten diagnostiziert wurden: Ist es wirklich Aussatz? Muss der Betroffene die Dorfgemeinschaft verlassen? Oder: Ist ein Ausgestossener wirklich wieder gesund? Kann er zurück ins Dorf? Wenn Jesus sagt: „Zeigt euch den Priestern,“ mutet er ihnen also eine vielstündige Wanderung in die Hauptstadt zu! </p> <p><em>„Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie gesund.“</em> Sie gingen also tatsächlich. Ich hätte erwartet, dass sie Jesus verhöhnt und sich dann enttäuscht abgewendet hätten. Sie waren ja voller Geschwüre. Was für einen Sinn sollte es haben, sich den Priestern zu zeigen!? Warum gab er kein Geld? Aber sie taten, was er sagte und auf ihrer Wanderung, viele Stunden entfernt von Jesus, wurden sie gesund. Einer hielt verblüfft inne und kehrte um, um Jesus zu danken. </p> <p>Nun setze ich mal die dicke Brille der Reformation auf, und was sehe ich damit? <em>Gott</em> heilt. Gott rettet Verstossene aus ihrer Hölle, obwohl hier von Gott und Religion nicht die Rede ist. Jesus predigt nicht, er betet nicht, legt nicht Hände auf, ja er heilt gar nicht! Er sagt nur: „Geht und zeigt euch!“ Unterwegs werden die Kranken gesund, wie von selbst, das heisst: Gott rettet ohne menschliches Zutun. Das entdeckte die Reformation neu in der Bibel und predigte es in einer Kirche, die buchstäblich vom schlechten Gewissen der Gläubigen lebte und ihnen unsägliche religiöse Pflichten und Satzungen auferlegte. Gott selber rettet, ohne menschliches Zutun! Das war zur Zeit der Reformation eine neue und notwendige Botschaft.</p> <p>Und heute? Mir scheint, heutige Kirchen aller Couleur predigen dieses Evangelium zuweilen homöopathisch verdünnt. Gott rettet den Menschen? Manche Predigten erwecken vielmehr den Eindruck, es seien die frommen Menschen, die ihren lieben Gott retten müssten.</p> <p>Nein, Gott rettet, sagt Lukas, der Mensch muss nur darauf vertrauen. Glauben muss er. „Allein aus Glauben“ war Schlagwort der Reformation. Was aber heisst „glauben“? Das schildert nun unsere Geschichte treffend: Jesus mutet den Aussätzigen etwas zu, was ihnen gar nicht eingeleuchtet haben wird: „Geht in die Stadt, zeigt euch den Priestern!“ Der ungewöhnliche Befehl weckt Hoffnung, und auf diese Hoffnung hin brechen sie auf. Und während sie gehen, erleben sie, dass Gott rettet. So geht „glauben“.</p> <p>Das sagen auch andere Geschichten: Jesus befahl Petrus, sein Netz auszuwerfen. Petrus aber hatte schon die ganze Nacht für die Katz gefischt. „Auf dein Wort hin“ tat er es dennoch, und wie es Fische gab! Der Prophet Elischa sagte dem aussätzigen General, er solle im Jordan untertauchen. Der fand das völlig sinnlos, aber tat es schliesslich und wurde gesund. Diese Geschichten illustrieren das abstrakte Wort „glauben“ in einem Dreischritt: Der Mensch hört ein Gotteswort. Es macht ihm Hoffnung, obwohl er auch zweifelt. Und dann handelt er aufgrund dieser Hoffnung. So geht glauben.</p> <p>Nun zum Hauptthema: Einer kehrt um, um Jesus zu danken. Aber „<em>es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Ausländer?“</em> Sind diese neun andern undankbare Stöcke?! Nein, glauben Sie das nicht! Wer sich gesund fühlt nach langer Krankheit, das haben Sie selber erlebt, ist immer voller Dankbarkeit. Auch die Neun werden unendliche Dankbarkeit empfunden haben. Nicht darin waren sie anders als der Samariter. Worin denn? Ihre Dankbarkeit blieb frommes Gefühl, sie hatte nicht Hand und Fuss. Der Samariter aber verliess seinen Weg und kehrte um, er lobte Gott mit lauter Stimme, er kniete nieder vor Jesus.</p> <p>Nun habe ich ja noch die Brille der Reformation auf. Sind es nicht die Reformierten, die immer betonen, es brauche nur den Glauben im Herzen? Am Sonntag zur Kirche zu springen sei eigentlich unnötig? Äusserliche Frömmigkeit sei für religiös Zurückgebliebene, wahre Religion spiele sich im Innern ab? Da mag ja mal was dran gewesen sein. Hier aber hält Jesus wenig von der innerlich gefühlten Dankbarkeit der Neun. Aber er rühmt den Ausländer, der äusserlich umkehrt, laut hörbar Gott lobt und ihm auf den Knien dankt.</p> <p>Nun setze ich noch einmal die Brille des Bibelwissenschaftlers auf und was sehe ich da? Der Text ist voll geheimer Anspielungen auf den Gottesdienst der ersten Christen! Zehn Männer brauchte es, damit überhaupt gefeiert werden konnte. Die Gemeinde singt im Gottesdienst „Kyrie eleison“, wie auch die zehn Aussätzigen rufen. „Zeigt euch den Priestern!“ heisst doch: Geht zum Gottesdienst! Der Samariter wirf sich vor Jesus nieder. Auch die Gläubigen gingen damals vor dem Priester auf die Knie, der dann wie Jesus sagte: „Steh auf!“ Der Samariter „lobte Gott mit lauter Stimme“, das war der Fachausdruck für den Psalmengesang der Gemeinde. Er kam, um Jesus zu <em>danken</em>, und Dankfeier, „Eucharistie“, ist Fachausdruck für Gottesdienst. Jesus sagt: „Geh hin!“, und „Geht hin in Frieden“ ist das Schlusswort der Messe. Am Reformationssonntag muss ich den Reformierten also sagen, was unser heutiges Evangelium sagt: Willst du Gott ernsthaft danken, so kehr um und nimmt teil am äusserlichen Gottesdienst der Gemeinde. Wer seine Wege verlässt und hingeht, wo die Gemeinde Gott lobt und dankt, dem gilt die Zusage Jesu: „Dein Glaube hat dich gerettet.“</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/82.html</link>
      <pubDate>Sun, 06 Nov 2011 09:45:00 +0000</pubDate>
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      <title>Unvernünftiger Glaube und trotziger Dank; Erntedank 2011</title>
      <description><![CDATA[<p>Zum Erntedank hören wir Worte des Propheten Joel, der seine Predigt vor zweieinhalbtausend Jahren aufgeschrieben hat. Ich wähle den Text als Trostwort nach den schrecklichen Wasserfluten, die der Oktober brachte. Joel predigte auch nach einer Katastrophe, nach einerm Heuschreckeneinfall, der fruchtbares Land zur Wüste machte (2,21ff): </p> <p><em>„Fürchte dich nicht, fruchtbares Land! Freu dich und juble; denn der Herr tut Großes. Fürchtet euch nicht, ihr Tiere auf dem Feld! Denn das Gras der Steppe wird wieder grün, der Baum trägt seine Frucht, Feigenbaum und Weinstock bringen ihren Ertrag. Jubelt, ihr Kinder Zions, und freut euch über den Herrn, euren Gott! Denn er gibt euch Nahrung, wie es recht ist. Er schickt euch den Regen, Herbstregen und Frühjahrsregen wie in früherer Zeit. Die Tennen sind voll von Getreide, die Keltern fließen über von Wein und Öl. Ich ersetze euch die Ernten, die von der Wanderheuschrecke und der Larve, von Raupe und Grashüpfer gefressen wurden, von meinem großen Heer, das ich gegen euch sandte. Ihr werdet essen und satt werden und den Namen des Herrn, eures Gottes, preisen, der für euch solche Wunder tut.“</em></p> <p><em>&nbsp;</em>Auch wir haben gegessen und sind satt geworden, allem Hochwasser zum Trotz. Wir sind die Generation, die das Wort Hunger nur vom Hörensagen kennt. Wir hätten durchaus Grund, „Gott zu preisen für die Wunder, die er an uns getan hat“. Wir könnten danken für ein gutes Jahr. Der Sommer war gewiss recht. Winzer rühmen den guten Elfertropfen, den sonnengereifte Trauben versprechen. Auf vielen Alpen war man beim Kästeilet zufrieden. Der Juli ist zwar wettermässig versoffen, aber guten Käse habe es dennoch gegeben. Wir könnten dem Propheten Joel auch heute beipflichten: „Das Gras wird wieder grün. Der Baum trägt seine Frucht. Feigenbaum und Weinstock bringen guten Ertrag. Die Tennen sind voll von Getreide. Die Keltern fliessen über von Wein und Öl. Jubelt, ihr Kinder Zions und freut euch über den Herrn, unsern Gott.“</p> <p>Ja, freuen wir uns und danken wir! Aber dieses Danken für einme gute Ernte, das mir vom Bauch her nahe liegt, will mir nicht in den Kopf. Mein Verstand rebelliert.</p> <p>Danken wir nämlich Gott für die Ernte, so gehen wir ja davon aus, dass er für das Wetter verantwortlich ist. Ist Gott aber für das Wetter verantwortlich, sollen dann auch unsere lieben Mitholzer Gott danken, und die von Gastern? War es Gott, der ihre Keller geflutet und ihre Weiden metertief mit Schlamm und Schutt überführt hat? Es kamen zum Glück keine Menschen zu Schaden. „Gott sei Dank“, möchte ich spontan sagen, aber zugleich glaube ich ja auch, der Allmächtige habe das Hochwasser geschickt, oder es zumindest nicht verhindert. Wieso soll ich ihm danken, dass keine Menschen verletzt wurden, ausgerechnet ihm, der ja das ganz Unglück hätte verhindern können!? Ich bin doch kein Hund, der schleimig die Hand leckt, die ihn schlägt!</p> <p>Und überhaupt. Können wir Gott für gute Ernten danken, wenn grosse Augen ausgemergelter Hungerkinder vom Horn von Afrika, von Mogadischu oder Somalia einem aus dem Fernseher auf die vollen Teller schauen!? Hier eine erfundene Szene, aber sie kommt vor: Im Zweierzimmer auf der Gynäkologie hält die eine junge Frau glücklich ihr Neugeborenes im Arm und telefoniert: „Ja, danke, es ist alles gut gegangen. Es ist gesund und gfräss, gelt du. Wir sind Gott ja so unendlich dankbar!“ Und dann geht die Tür auf, der Mann der anderen jungen Frau kommt herein, mit ihm die Spitalseelsorgerin und eine Schwester. Sie trägt ein mit Blumen geschmücktes Körbchen. Und darin bringt sie das Kindlein der anderen Frau, tot auf die Welt gekommen. Auch über die Freude der glücklichen jungen Mutter nebenan schiebt sich natürlich eine schwarze Wolke und verdunkelt ihre Dankbarkeit. </p> <p>Wie kann ich Gott danken für das Gute, das ich unbestritten seit Jahren erlebe? Ein lieber Mitchrist aus einer Thuner Gemeinde hat vor drei Jahren in die Zeitung geschrieben: „In einer Zeit, da immer noch ein grosser Teil der Menschheit an Hunger und Mangelernährung leidet, haben wir allen Grund, Gott für unseren Wohlstand hier in der Schweiz herzlich zu danken.. Wir feiern zusammen ein Dankfest für all das Gute, das Gott uns immer wieder schenkt: Nahrung, Arbeit, Sicherheit und ein Dach über dem Kopf.“ Tut mir leid, so einfach, wie der es sieht, kommt mir das Dankfest feiern nicht vor!</p> <p>Mein Verstand sieht zwei Probleme: 1. ist es schwer zu glauben, dass ein liebender Gott hinter der ganzen Natur steckt. Das Leben der Erde hat sich offenbar über Milliarden von Jahren entwickelt. Unvorstellbare Katastrophen haben immer wieder unzählige Lebewesen vernichtetn. Mehr Arten von Lebewesen sind ausgerottet worden, als heute auf der Erde leben.</p> <p>2. Auch wenn ein allmächtiger Gott hinter der Natur stecken würde - ich fände es immer noch schwierig zu danken, weil ich um das Elend weiss, das andere trifft. Wie könnte ich drinnen fröhlich feiern und Gott danken für die Gabe einer reichen Ernte, wenn vor meiner Haustür der kranke arme Lazarus liegt und bettelt!?</p> <p>Ginge es also nur nach meinem Verstand, so müsstet Ihr heute ohne mich Erntedank feiern. Ich würde zum Atheisten, wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins oder unser zynischer Berner Immunologe Beda M. Stadler. Für einfache Gemüter ist es offensichtlich attraktiver, an den Zufall zu glauben statt an Gott.</p> <p>Aber ich bestehe halt nicht nur aus Logik und Verstand. Ich spüre ich in mir auch das Bedürfnis, jemandem, der grösser ist als ich, für das Gute zu danken. Ich habe eine Ahnung, wie Schiller in seiner „Ode an die Freude“: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Wir spüren und ahnen, dass ein wohlwollender Blick auf uns ruht, dass wir begleitet sind auf unserem kurzen Weg durch die Welt, und dass diese Welt, die wir sehen, vermessen und ganz wenig auch begreifen können, bei weitem noch nicht alles ist. Mit diesem Glauben sind wir nicht allein. Die meisten Menschen stimmen uns darin zu. Uralte heilige Schriften rufen uns zu diesem Glauben. Ihre Wahrheit erscheint uns tiefer als die Gedanken unseres rastlosen Verstands. Ja, mein Verstand sagt&nbsp; mir sogar, dass der Verstand die Tiefen des Lebens nicht verstehen kann. Was versteht denn der Verstand vom Leben, von Liebe, Ehrfurcht, Treu und Glauben? Der Verstand arbeitet in einem kleinen Areal unseres Hirns. Der ganze Rest, was der Psychologe das Unbewusste nennt, bleibt ihm unzugänglich. Und doch wird praktisch unser ganzes Leben aus diesem unverständlichen Unbewussten gesteuert. Geht es um Gott und um unsern Glauben und um das Leben, ist unser Verstand ein ratloser Ratgeber.</p> <p>Darum lasse ich mir von meinem lieben logischen Rationalisten im Dachstübchen meinen Erntedank nicht vermiesen. Ich empfinde Gefühle wie Dankbarkeit, Freude, Ehrfurcht. Die sind Teil von mir; die möchte ich nicht verdrängen und verleugnen, nur weil mein logisches Denken für diese Gefühle keine passende Schublade findet. Ich will Gott danken für seine Güte, „denn seine Huld währt ewig“. Ich will klagen über seine Schläge und trotzdem glauben, „seine Huld währt ewig“. Ich will mich freuen mit denen, die sich freuen. Und weinen mit den Weinenden, auch wenn mein Verstand flüstert: „Das ist doch ein Widerspruch.“</p> <p>Ja, ein Widerspruch; Leben <em>ist</em> Widerspruch! Wir widersprechen den Todesmächten, dem Unglück und der Not mit dem Satz: „Seine Huld währt ewig!“ Wir spüren wohl, was die Bibel „Gottes Zorn“ nennt. Aber mit der Bibel sagen wir: „Sein Zorn dauert einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Freude“ (Ps 30,6). Das ist Hoffnung, und sie ist unlogisch, aber lebensnotwendiger Widerspruch gegen den Tod.</p> <p>So feiern wir trotzig Erntedank und danken Gott für seine Güte. Hat da jemand gesagt, ich würde so den Verstand ausschalten? Nein, ich schalte den Verstand nicht aus. Aber ich hole ihn herab von dem Podest, das er gern besteigt und weise ihn auf den Platz, wo er hingehört. Er darf mir meinen Glauben und meine Dankbarkeit nicht madig machen. Er soll dem Glauben dienen und ihn kritisch begleiten. Er soll mir z.B. sagen:</p> <p>Hör mal, Dankbarkeit ist gut und recht, aber mit Orgelgeblöke und frommen Worten ist es nicht getan. Der arme Lazarus liegt noch immer vor deiner Tür. Wenn es dir Ernst ist mit deinem Dank, so macht das etwas mit deinem Bankkonto. Wenn hinten in der dritten Reihe die Herren Ospel und Vasella mit uns Erntedank feiern und dann beim Ausgang einen Fünfliber oder mira eine Fünfzigernote einwerfen würden, was würdet Ihr da sagen? Ich würde sagen: Ihr seid ausgekochte Heuchler. Ihr habt so viel auf der hohen Kante, dass Ihr ganze Völker ernähren könnt. Da könnt ihr doch nicht kommen und nur fromme Danklieder singen! Ein Schweizer, der praktisch alles, was er braucht, kaufen kann, und so einer bin ich, der muss es auch mit dem Portemonnaie zeigen, dass er Gott dankbar ist. Sonst ist sein Dankgebet nichts weiter als warme Luft.</p> <p>Noch etwas hat mein Verstand zu sagen: Wenn es dir wirklich Ernst ist mit deiner Dankbarkeit, dann bemühst du dich, fortan einfacher zu leben. Du glaubst doch, dass Gott dir deine Nahrung und dein Dach über dem Kopf schenkt? Dann kannst du aber nicht „geuden“ mit diesen Gaben, darfst sie nicht verschwenden. Du sollst sie dankbar und fröhlich geniessen, ja, aber du wirst nicht hemmungslos Geld ausgeben für Luxus, für Schnickschnack, der nur die Nachbarn beeindrucken soll.</p> <p>Danke, lieber Verstand, da gebe ich dir Recht. Ein reich Beschenkter kann Gott nur mit dem Portemonnaie ernsthaft danken. Und Geschenke will ich nicht vergeuden. Erinnere mich, wenn ich vergessen sollte!</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/81.html</link>
      <pubDate>Sun, 23 Oct 2011 10:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>&quot;Der reiche Jüngling&quot; Radiopredigt zu Markus 10,17 und parr.</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>„Der reiche Jüngling“</strong>, oder "Diesmal ohne Happyend"</p> <p>In den Evangelien finden wir die harte Geschichte vom „reichen Jüngling“. Die ersten Christen waren ja meistens Häuflein von armen Nobodys. Hier wird nun erzählt, warum nicht mehr Reiche und Prominente Christen werden und zur Gemeinde stossen. Und zugleich wird den reichen Leuten an den Karren gefahren. Das hört man ja immer gern. Die Geschichte geht so: </p> <p>Der Meister hatte ein kleines Kind auf die Arme genommen und gesagt: „Schaut, eigentlich muss man wieder werden wie ein Kind. Gottes Reich ist nur für Menschen, die es annehmen wie ein Kind.“ Wenig später kommt ein elegant Gekleideter, geht ehrerbietig vor Jesus auf die Knie und sagt: „Rabbi, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus sagt: „Du bist Jude wie ich und weisst doch, was die heilige Schrift sagt. Wer die Gebote befolgt, wird leben. Halte die Gebote!“ „Die Gebote habe ich schon immer befolgt“, erwidert er. Da sagt Jesus: „Dir fehlt noch eines: Verkauf deinen Besitz und gib alles den Armen; und dann komm und werde mein Jünger!“ Da verfinstern sich die Züge des Mannes, er erhebt sich und geht traurig davon. „Er besitzt halt viele Güter“, meinen die Umstehenden, und Jesus, auch enttäuscht, sagt: „Ja, wie schwer haben es die Reichen! Da geht wahrhaftig eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Wohlhabender ins Reich Gottes.“&nbsp; </p> <p>Mein alter Schulkamerad würde nun zu mir sagen: „Jaja, damit kannst du nun wieder über die Abzocker herziehen, ein paar sozialdemokratische Gemeinplätze verbreiten und dann Schleichwerbung machen für die Wiedereinführung einer Erbschaftssteuer.“ Klar! Wo er Recht hat, hat er Recht. Aber nun ist der Schuss schon raus. Vielleicht stecken in der Geschichte Einsichten, die darüber hinaus meinen vermögenden Kameraden interessieren könnten?</p> <p>Es ist ja eine merkwürdige Frage, die der junge Mann da stellt. Ja übrigens: Nur Matthäus schreibt, jung sei der Mann gewesen. Lukas schreibt, er sei ein Chef gewesen und Markus, Jesus habe ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen. So stelle ich mir einen vermögenden Prominenten vor, einen sympathischen Mann, der es schon jung zu Einfluss und Ansehen gebracht hatte, einen, den Jesus gern unter seine Jünger aufgenommen hätte.</p> <p>Was ist das nun für eine Frage, die der junge Arrivé stellt? „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Offenbar hat <em>er</em> nicht den Eindruck, er sei ein Arrivé, er sei schon angekommen. Von aussen mag es so aussehen. Er aber sucht noch das Eigentliche. Er spürt eine Sehnsucht und weiss nicht, wonach. Er nennt es „das ewige Leben“. Das war eine gängige Redewendung für erfülltes Leben, für das Glück, das Heil, die Seligkeit, die Gott denen gibt, die nach ihm fragen. Jesus nannte dieselbe Vorstellung „ins Reich Gottes kommen“ oder „gerettet werden“. Dieses ersehnte Heil erwartete man nach dem Tod als Belohnung für gute Taten. Und Jesus lehrt, das Reich Gottes sei auch hier und jetzt schon versprochen; das ewige Leben fange vor dem Tod an. Nur hat es der junge Prominente noch nicht gefunden. Er hat zwar alles erreicht, wovon die grosse Masse träumt. Aber er bleibt unbefriedigt, voll Sehnsucht nach irgendetwas, nach mehr. „Es muss im Leben doch noch mehr als alles geben.“ Genau. Gibt es auch.</p> <p>„Was muss ich tun, um es zu ergattern?“ Die Frage könnte verkehrter nicht sein. Aber so haben wir‘s halt gelernt: Bist du gut in der ersten, steigst du auf in die zweite Klasse. Machst du gute Noten, schaffst du‘s in die Sekundarschule. Wenn du dort gut bist, darfst du aufs Gymnasium, dann an die Uni. Wenn du dein Networking geleistet und genug Vitamin B erarbeitet hast, kriegst du einen gut bezahlten Job. Dann kauf dir einen heissen Ofen und mach zünftig Krach; vielleicht dreht eine Hübsche das Köpfchen nach dir? Dann lade sie ein zu einem sackteuren Ausgang; eventuell kriegst du sie ins Bett. „Was muss ich <em>tun</em>?“ Penetrant hat man uns eingebläut, was wir tun müssen, um Stufe für Stufe unserer Sehnsucht entgegen zu steigen. Aber: Unser junger Mann hat die Stufen alle erklommen, seine irdischen Ziele erreicht und dabei erst noch die Gebote gehalten! (Das ist nun eine Rarität; wer bleibt schon moralisch sauber und erreicht gleichwohl seine irdischen Ziele!?)</p> <p>Nur eines fehlt ihm, das Entscheidende. Darum stellt er seine sinnwidrige Frage: „Was muss ich noch <em>tun</em>?“ Solange wir der Welt glauben, dass wir etwas tun müssten, um das wahre, erfüllte Leben zu finden, dass wir es irgendwie kaufen, abverdienen könnten, so lange schuften wir für die Katz. Solange wir der Welt glauben, dass wir irgendwann einmal, wenn wir dies oder jenes erarbeitet haben, das Glück finden, so lange mühen wir uns vergeblich im Hamsterrad. Denn Glück liegt nicht in der Zukunft. Es ist da. Es findet statt, während wir anderes suchen.</p> <p>Ich verstehe nicht, warum Jesus da nicht deutlicher wird. Diesem sympathischen Suchenden müsste er nun doch sagen, was er zuvor mit dem Kind auf dem Arm sagte: „Wie ein Kind musst du das Reich Gottes annehmen; es wird nur geschenkt und kann nur in Empfang genommen werden, heute, jetzt, nicht morgen.“ Stattdessen geht er auf die verkehrte Frage ein und setzt noch eins drauf: „Eines fehlt dir noch: Verkauf deinen ganzen Besitz und gib’s den Armen.“ Nun verlangt er geradezu Unmögliches! Wer viele Güter hat, kann sie doch nicht einfach verkaufen. Da stecken Vorfahren drin, die die Güter zusammen getragen haben. Da sind viele beteiligt. Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Es <em>gibt</em> ja Vermögende, die plötzlich entscheiden, alles einem neureichen Russen zu verkaufen. Aber da schreit man doch auf, mit Recht. Alles verkaufen kann verantwortungslos sein. Jüdische Rabbiner wussten das. Sie schrieben vor, wenn ein Vermögender von übermässiger Barmherzigkeit überwältigt werden sollte, so dürfe er maximal einen Fünftel seines Vermögens verschenken. Die Gesellschaft ist ja nicht daran interessiert, einen, der gut für sich und andere sorgen kann, plötzlich als Sozialfall durchzufüttern, nur weil er eine religiöse Marotte hat. Nein, er <em>kann</em> nicht alles verkaufen.</p> <p>Vielleicht wollte Jesus ihm drastisch vor Augen führen, wie fest er in den Fängen seines Besitzes gefangen ist? Ein Reicher ist eben nicht frei wie der einfache Fischer Petrus, der von heute auf morgen seine Schaluppe liegen lassen und Jesus nachlaufen konnte. Besitz verpflichtet und bindet. Je mehr wir davon haben, desto mehr haben wir zu hüten und zu verwalten, desto mehr haben wir zu verlieren. Von einer gewissen Grösse an wird Besitz zum Götzen, von dem man besessen ist. Dann steht man vor der Weggabelung: Gott oder Mammon; beiden Herren dienen geht nicht. Kein Mensch kann Millionen scheffeln und zugleich frei sein für Gott. Was heisst das? Für den reichen Jüngling heisst es: Zurück auf seine Güter; den wilden, ungebundenen Jünger-Trip mit Jesus vergessen.</p> <p>„Traurig, denn er hatte viele Güter.“ Hören Sie das Tragikomische? Wir würden doch sagen: „Glücklich, denn er hat viele Güter!“ Nein, es ist auch traurig. Denn das Glück des fünfjährigen Kindes, das Reich Gottes, die Freiheit der Habenichtse bleibt ihm unzugänglich, weil er reich ist. Wohl uns, wenn wir etwas von dieser Traurigkeit nachempfinden; denn auch wir haben viele Güter. Ich weiss schon, es gibt auch in der Schweiz arme Menschen; zu ihnen sage ich das nicht. Aber wir anderen haben unheimlich viel zu verlieren, sogar mehr als der reiche Jüngling damals. Und wir wären geistlich blind, wollten wir uns vormachen, wir wären frei, Jesus nachzufolgen. Es gibt kein Happyend. Wir wollen ja unsere Güter auch nicht verschenken. </p> <p>Für Gott sei zwar auch die Rettung eines reichen Menschen möglich, sagte Jesus, der den jungen Mann liebte. Vielleicht gibt Gottes Geist uns die Fähigkeit, wenigstens innerlich all den Plunder loszulassen, der sich bei uns angehäuft hat. Dann stehen wir geistig in Hemd und Hose da und haben nichts vorzuweisen, haben nur, was Gott uns gibt, um das Leben zu feiern, wie ein Kind, oder vielleicht wie ein ganz alter Mensch. Im Thomasevangelium heisst es: „Ein Greis wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen nach dem Ort des Lebens zu fragen. Und er wird leben!“</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/80.html</link>
      <pubDate>Sun, 28 Aug 2011 09:45:00 +0000</pubDate>
      <guid>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/80.html</guid>
    </item>
    <item>
      <title>&quot;Feinde lieben?&quot; Radiopredigt 19. Juni 2011</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>„Feinde lieben?“</strong> Radiopredigt zu Lukas 6,27.28 19. Juni 2011</p> <p>Liebe Gemeinde am Radio</p> <p>haben Sie schon das antik bemalte Schild gesehen, das Wildwest-Fans gern an die Wand hängen: „LOVE YOUR ENEMIES, BUT KEEP YOUR GUN OILED“? „Liebe deine Feinde, aber vergiss nicht, den Revolver zu fetten.“ Der Spruch könnte von mir sein, so gut gefällt er mir, als neckische Reaktion auf folgendes Jesuswort aus Lukas 6:</p> <p><em>„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, segnet, die euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“</em></p> <p>&nbsp;&nbsp; Ich habe zur Zeit keine Feinde, soweit mein Überblick reicht. Ich glaube, es hasst mich auch niemand besonders. Aber Leute gibt es, die ich hasse, von ganzem Herzen. Über die schimpfe ich, manchmal fluche ich und bitte anschliessend den Herrn Jesus kleinlaut um Vergebung. Wollen Sie meine Liste von Verhassten hören? Es sind zum Beispiel Hundehalter, die rücksichtslos den schönsten Strand verscheissen; oder Charakterlumpen, die ihren Abfall in unser Ambiente schmeissen und auf unsern Boden spucken, oder die Quadfahrer, Töfffahrer, Geländekarrenfahrer, sogenannte „Sport“-Wagenfahrer, Privatpiloten, Motorsenseler und Laubbläser - nein nicht alle - aber die vielen, die sich einen Spass daraus machen, uns Wehrlosen mit ihren Motoren die kostbare Stille zu versauen; oder jene Abzocker, die meinen, eine Million Einkommen pro Jahr sei für sie angemessen. Ja, das sind die Typen meiner kleinen Welt, die ich bedenkenlos ausschaffen würde - nach Sibirien. Ich weiss, es gibt schlimmere Bösewichte auf der Welt. Die Verhassten auf meiner Liste haben es auch nicht auf mich persönlich abgesehen. Sie vergällen mir nur meine Lebensqualität, auf hohem Niveau, zugegeben. In meinem Bauchgefühl aber sind es Feinde. Fangen wir mit denen an! Haben Sie auch solche Feinde? Und die lieben Sie nun? Eine Zumutung, lieber Herr Jesus.</p> <p>&nbsp;&nbsp; Früher hatten wir einen Sammelnamen für diese Typen: „Orks“. In Tolkien‘s Epos „Herr der Ringe“ sind „Orks“ menschenähnliche scheussliche Monster, die nur dazu da sind, die guten Helden zu bedrohen, die Spannung zu erhöhen und irgendwann vernichtet zu werden. Das ist das Schlimme an Tolkien‘s Geschichten. Seine Orks werden unwillkürlich zu Projektionsbildern für Menschen, die man verabscheut, ähnlich wie die Gegner in Computerspielen, die man einfach virtuell abknallt. Die Orks werden auch reihenweise abgeschlachtet, um den Sieg des Guten zu ermöglichen. Schlimm ist das! Wir wissen doch hoffentlich, dass es so eben nicht geht. Erstens können Lärmer, Spucker, Geldvergaser und Regelbrecher nie ausgerottet werden, die gibt es immer; und zweitens sind sie nicht Orks, es sind Menschen. Man muss mit ihnen leben, irgendwie lernen, sie zu ertragen. Nun soll man sie auch noch lieben?!</p> <p>&nbsp;&nbsp; Das Gebot der Feindesliebe ist realitätsfremd, im wahren Sinn des Wortes widernatürlich. Naturgemäss wäre der studentische Wahlspruch: „Amico pectus, hosti frontem“, dem Freund die Brust, dem Feind aber die Stirn. Das wäre selbstverständlich, das ist natürlich, und diesem Natürlichen in uns widerspricht Jesus. Seit ich auf ihn höre, ist mein Ärger nicht mehr so natürlich, so selbstverständlich, nicht mehr unbestritten. Ich betrachte meinen Ärger plötzlich von aussen und komme nicht umhin, mich in Frage zu stellen: Was nützt mein Ärger? Nichts, aber er macht ausgerechnet mich selber unglücklich. </p> <p>&nbsp;&nbsp; Könnte ich vielleicht stattdessen versuchen, einen persönlichen Beitrag zu leisten, um diese Orks (pardon, es ist so ein praktischer Sammelbegriff!) zu bessern? Ich könnte bewusst ein Vorbild sein und mich ein bisschen zur Schau stellen. Ich könnte den Orks meine Missbilligung ausdrücken, ihnen ins Gewissen reden, wenigstens durch Leserbriefe. Kurz: ich könnte versuchen, die Welt zu verbessern. Macht man daraus einen Lebensentwurf, so wird man Pfarrer, Lehrerin, Polizist, Richterin, Sozialarbeiter, wunderbare Berufungen, denen wir viel verdanken. Und es sind typische Burnout-Berufe. Denn hat man <em>einen</em> Ork zum Menschen gemacht, tauchen zehn neue auf, schlimmer als der erste. Weltverbesserung ist wahrhaftig ein transzendentes Ziel, d.h. man kommt nie dahin in nur einem Menschenleben. Man muss gegen allen Anschein glauben, dass die Bemühungen irgendwann mal fruchten, nach mir, vielleicht am St. Nimmerleinstag. Dazu kommt, dass Weltverbesserer oft Pharisäer werden. Man klopft sich insgeheim auf die Schulter und dankt Gott, dass man nicht ein Ork ist. Das aber ist nichts anderes als getarnte Verachtung. Verachtung ist allenfalls ein wenig bekömmlicher als roher Ärger, aber mit Verachtung im Herzen wird man auch nicht glücklich, kommt man nicht ins Reich Gottes. Weltverbesserung ist ein schwieriger Weg voller Fallgruben. </p> <p>&nbsp;&nbsp; Man müsste sie wahrhaftig lieben können, die da randalieren, lärmen, spucken oder sich hemmungslos bereichern. Vielleicht könnte man sie lieben wie ein Maler die schwarze Farbe liebt? Oder wie eine Biologin Mäuse, Vogelspinnen und Schlangen liebt? Wie Eltern ihr Kind (manchmal) lieben, obwohl es ihnen ständig Schwierigkeiten macht? Ach ich weiss nicht, ich bin halt nicht der liebe Gott, „der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse, der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.“ Ich müsste da und dort auch ein wenig hageln. </p> <p>&nbsp;&nbsp; So, nun habe ich mein allzu menschliches Fleisch hinlänglich spazieren geführt. Es ist klar: meine natürliche Veranlagung bringt es nicht zustande, Menschen zu lieben, die mich ärgern. Was Jesus fordert, Liebe zum Feind, richtet sich wohl zunächst nicht an meine Gefühle, nicht ans „Fleisch“. Angesprochen ist zuerst mein Geist, mein Denken. Es gilt, neu und anders zu denken über sogenannte Feinde. Man könnte zum Beispiel denken, wie ein Freund das tut: „Der Kerl, der mich ärgert, sucht doch auch nichts anderes als ich, nämlich sein Glück. Ich bin zwar überzeugt, dass er es am falschen Ort sucht, aber <em>meine</em> Suche nach Glück führt ja auch nicht immer geradewegs zum Ziel.“ Da entsteht schon mal Gemeinsamkeit zwischen mir und dem Feind, solange der mir nicht gerade an den Kragen will.</p> <p>&nbsp; Neu über den Feind zu denken hilft vielleicht auch eine psychologische Richtung. Sie sagt: Im Unbewussten möchte ich selber vielleicht auch egoistisch und rücksichtlos sein, aber als braver Netter habe ich diesen Wunsch in den Keller meiner Seele verdrängt. Und wenn dann einer mir mit Lärm und Gestank um die Ohren knattert, erwacht mein verdrängter Wunsch, bricht aus und speit wie ein Vulkan glühenden Ärger. Es kann einen weiter bringen, wenn man sich bemüht, denkerisch freundlicher umzugehen mit dem Feind oder mit dem Ärger; das ist immerhin schon etwas. Liebe ist es natürlich noch nicht.</p> <p>&nbsp;&nbsp; Ich vermute übrigens, dass Jesus mit Liebe hier eh nicht gefühlsmässige Zuneigung meint, nicht romantische Freundschaft. Jesus spricht nämlich nicht von Freundesliebe, er spricht von Verwandtenliebe: „Damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Aus dem Glauben an Gott muss die Erkenntnis wachsen, dass der Abzocker kein Ork ist, kein Unmensch. Er ist mein Bruder. Er geht mir zwar gewaltig auf die Nerven, aber er ist mein Bruder. Damit fange ich an, die Welt aus der Perspektive der Ewigkeit zu betrachten. Dereinst, wenn wir sehen, was wir hier erst glauben, dereinst stehen er und ich vor dem gleichen Vater. Sein Leben wird nach demselben Massstab beurteilt wie meines. Dann kommt an den Tag, dass wir Brüder, und mehr, dass wir beide Sünder sind, jeder auf seine Art. Gottes Vergebung tut sich auf, das Evangelium, für ihn wie für mich. Schaue ich also aus der Glaubensperspektive zu meinem Feind hinüber, so erkenne ich: wir sind verwandt. Wenn nun seine ohrenzerreißende Maschine mir wieder Adrenalin in die Adern jagt, werde ich sicher zuerst mal fluchen; ich habe mich leider nicht im Griff. Aber dann will ich versuchen zu beten, Gott möge den verflixten Bruder segnen. Sollte er stürzen, würde ich meine natürliche Schadenfreude überwinden wollen und hingehen, ihm zu helfen. Schliesslich ist er mein Bruder. </p> <p>&nbsp;&nbsp; Aber ich muss Ihnen gestehen: Für das Thema Feindesliebe hätte ich nur Hohn und Spott übrig, wenn ich nicht glauben könnte, dass da ein Gott und Vater über allen ist.</p> <p>Und der Friede dieses Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/78.html</link>
      <pubDate>Sun, 19 Jun 2011 09:27:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Placebo und Glaube</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>„Placebo und Glaube“</strong> Radiopredigt, reformiert, zu Markus 9,14-29. 10.April 2011</p> <p>Ein Knabe litt an epileptischen Krämpfen, an sogenannter Fallsucht. Sein Vater wollte ihn zum Heiler Jesus bringen; nur war der gerade nicht da. Nun versuchten die Jesusjünger, dem Buben zu helfen, aber es wollte nicht gelingen. Inzwischen kam Jesus zurück und hörte, seine Jünger hätten den Buben nicht heilen können. Da regte er sich nun auf und rief: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange muss ich noch bei euch sein, wie lange muss ich euch noch ertragen!?“ Der Vater des Buben liess sich nicht irritieren und sagte: „Jesus, wenn du es kannst, so hilf uns bitte!“ Das verstimmte Jesus erst recht. Er konterte: „Was heisst da ‚wenn du kannst!?‘ Wer glaubt, für den ist nichts unmöglich.“ Da rief der Vater unter Tränen: „Ich glaube ja, hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus heilte den Buben.</p> <p>„Wer glaubt, für den ist nichts unmöglich.“ Einen solchen Satz würde ich in einem Buch über positives Denken erwarten. Aber dass mein verehrter Meister derart vollmundig über den Glauben spricht, finde ich merkwürdig. Ich ging dem ein wenig nach. Die ersten drei Evangelien stellen Jesus dar als Prediger, der Heilungen und Wunder vollbrachte. Öfter heisst es, Kranke, die er geheilt hatte, habe er entlassen mit dem Wort: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Er sprach nicht von Gott, sondern vom Glauben der Menschen. Und er konnte nicht begreifen, warum andere nicht so fraglos wie er glauben konnten an Gottes Nähe und Hilfsbereitschaft. Seinem Freund Petrus mutete er zu, auf die Wellen hinaus zu schreiten, als wären sie Balken. Als Petrus dann binnen kurzem versank, sagte Jesus: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?!“ Der Kleinglaube der Jünger war ein häufiges Thema. Und jedes Mal sagte Jesus Dinge, die mir Kopfzerbrechen machen: „Wahrhaftig, das sage ich euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Heb dich empor, und stürz dich ins Meer!, und es wird geschehen.“ Oder: „Egal, worum ihr bittet, glaubt nur, dass ihr es schon empfangen hat, und ihr bekommt es!“</p> <p>Halten wir zwei Dinge fest: Jesus war der Überzeugung, seine Wunderkräfte seien nicht einzigartig. Jeder müsste Wunder wirken können wie er, der auch nur ein wenig Glauben hätte, „Glauben nur schon wie ein Senfkorn“ im Originalton. Jesus schrieb diesem menschlichen Glauben nichts weniger als Allmacht zu: nichts ist unmöglich, alles bekommt ihr, Berge könntet ihr versetzen. Er rechnete damit, seine Jünger würden dereinst sogar noch grössere Wundertaten wirken als er selbst.</p> <p>Was Jesus lehrte über die Allmacht des Glaubens wird gern unter dem Deckel gehalten. Mit gutem Grund; denn immer wieder fassen Fundamentalisten diese Jesusworte als Rezept auf, gehen zu Krebskranken oder Behinderten und sagen: „Wenn du nur richtig glaubst, wirst du gesund.“ Damit richten sie nichts als Unheil an; denn nun lastet auf den Leidenden nicht nur ihre Krankheit, sondern auch noch der Vorwurf: „du glaubst halt nicht recht“. Man kann diese Worte des Meisters offensichtlich leicht missbrauchen. Sollen wir sie deswegen schamhaft verschweigen? Jesus war überzeugt, wenn wir Menschen mehr Glauben hätten, könnten wir in ungeahntem Masse heilen und helfen. Vielleicht sah er, was wir nicht sehen können? Vielleicht hatte er Recht? Müssten wir nicht versuchen, die Kraft des menschlichen Glaubens wissenschaftlich zu untersuchen und allenfalls in guter Weise zu gebrauchen?</p> <p>Die Kraft des menschlichen Glaubens ist tatsächlich Forschungsobjekt, leider weniger in der Theologie, aber in Medizin und Psychologie. Die NZZ berichtete kürzlich, 72% der Zürcher Ärzte würden zuweilen Medikamente verschreiben, die nach medizinischer Erkenntnis wirkungslos sind. Das tun sie, weil sie wissen, dass allein schon der Glaube der Patienten, sie hätten etwas Wirksames bekommen, heilende Wirkung hat. Da ist er doch wieder, dieser wunderwirkende Glaube! Medizinisch heisst dieser Glaube Placebo-Effekt. Allein die unbewusste Erwartung der Patienten hat eine medizinisch messbare Wirkung, positiv oder negativ. Man schätzt, bei einer Heilung sei zu 30-60% der Placebo-Effekt beteiligt, also die unbewusste, innere Erwartung der Patienten. Warum setzen sich nun nicht Theologen mit Medizinern und Psychologen an einen Tisch, um gemeinsam zu forschen? Das Problem ist: Wie kann man diese wunderbare, heilsame innere Erwartung, den Placebo-Effekt oder Glauben, bei Erwachsenen erzeugen und erhalten, ohne ihnen einen Bären aufbinden zu müssen?</p> <p>Jesus hätte den heilenden Glauben kaum Placebo genannt. Er vertraute auf Gott, nicht auf wirkungslose Zuckerpillen. Er vertraute auf die heilende Kraft, die Gott in seine Schöpfung gelegt hatte. Der menschliche Glaube ist vielleicht wie eine Antenne, die diese Heilkraft empfangen und aufnehmen kann. Was im Grunde heilt, scheint die Fähigkeit unserer Seele zu sein, ihr Vertrauen auf ein Heilmittel oder eine heilkräftige Person zu setzen. Für eine Heilung scheint es weniger wichtig, worauf sich unsere innere Erwartung richtet. Hauptsache, der Mensch entwickelt eine innere positive Erwartung. „Dein Glaube hat dir geholfen.“</p> <p>Als Theologe muss ich nun anmerken, dass wir mit dem Wort Glauben nicht immer dasselbe meinen. Jesus meint hier sicher nicht jenen Glauben, den wir mit einem Glaubensbekenntnis ausdrücken, etwa den Glauben an die Dreieinigkeit Gottes oder an die Jungfrauengeburt. Gemeint ist nicht ein Für-Wahr-Halten religiöser Glaubenssätze. Das griechische Wort, das die deutschen Bibeln leider mit „Glaube“ wiedergeben, wäre treffender zu übersetzen mit „Vertrauen“. Gemeint ist eine innere Gewissheit, eine zuversichtliche Erwartung.</p> <p>Eine zuversichtliche Erwartung, wie sie manchmal bei Kindern zu finden ist. Ich vergesse nie, wie vertrauensvoll unser Vierjähriger zu mir aufschaute, als ich sagte: „Nein, zur Oma können wir leider nicht. Du hast hohes Fieber. Nun will ich beten, dass du gesund wirst.“ Ich legte ihm die Hand auf die heisse Stirn, sprach ein Gebet und wollte gehen. Aber schon stand das Kind im Bett und wollte zur Oma. „Ich sagte doch, heute nicht,“ sagte ich, „du bist krank“. „Nein, gehen wir,“ sagte er bestimmt. Wir mussten dreimal Fieber messen, bevor wir es glauben konnten: das Fieber war weg. Der Vierjährige konnte seinem Papa aufs Wort vertrauen, als er diesen sagen hörte: „Beten, damit du gesund wirst.“ Zweifel kannte er nicht, noch nicht. Und so erlebten wir ein kleines Wunder. „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder..!“ Ja, so müsste man an das Heil glauben können!</p> <p>Aber wir sind keine Kinder mehr. Mit sechs gingen wir zur Schule. Nun wurde die äussere, junge Schicht des Gehirns, die Grosshirnrinde, ausgebildet. Wir lernten, mit Sätzen, Argumenten und Logik zu arbeiten. Der gesunde Menschenverstand bildete sich aus. Die Hauptfunktion des Verstandes ist das Zweifeln. Er hat dafür zu sorgen, dass wir nicht jeden Quark glauben, den uns einer angibt. Wir glauben nicht mehr an den Osterhasen.</p> <p>Nun haben wir einerseits einen Funken Glauben in der Tiefe unseres Hirns. „Im Herzen“, würde die Bibel sagen, lebt noch unser alter Kinderglaube. Meistens aber leben wir mit der Grosshirnrinde und beurteilen die Welt logisch und vernünftig. Und genau das führt immer mal wieder zu diesem Konflikt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“</p> <p>Wir sollten Vertrauen haben zur Pille, die uns verschrieben wird, oder zum Chirurgen, der uns operiert. Vertrauen fördert die Heilung. Aber unser Verstand erinnert uns halt an wenig erbauliche Tatsachen: Viele Medikamente bringen nichts ausser Nebenwirkungen. Chirurgen vergessen auch schon mal eine Schere in einem Bauch.</p> <p>„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Das Evangelium lehrt uns, unseren Glauben wie unsere Zweifel wahrzunehmen und beides Gott zu bringen. In unserer Tiefe glüht ein Funke Vertrauen, solange wir leben. Das Kind, das wir einmal waren, kann immer noch felsenfest glauben. Der Same des Glaubens ist klein, wie alle Samen. Aber er wird ausschlagen und wachsen! Und unsere Zweifel? Die brauchen wir halt auch! Wir halten sie Gott hin und bitten ihn um Hilfe. „Hilf du meinem Unglauben!“ Romano Guardini sagte schön: „Glauben ist die Fähigkeit, die eigenen Zweifel zu ertragen.“</p> <p>Ruedi Heinzer, General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez. 033 654 22 77 ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch </p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/77.html</link>
      <pubDate>Sun, 10 Apr 2011 09:45:00 +0000</pubDate>
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      <title>Silvesterandacht zur Jahreslosung &#40;Röm 12,21&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>Kyrie</strong></p> <p>Guter Gott, du Licht des Lebens, in Christus bist du mit uns alle Tage bis ans Ende der Welt.<br />Für dich ist selbst das Dunkel heller Tag.</p> <p>Wir aber, wenn wir uns vortasten im Nebel der Verwirrung,wenn Schmerz die Farben des Lebens verdunkelt,<br />wenn wir wie gelähmt sind im Schatten der Angst: Herr, erbarme dich.</p> <p>Wenn wir die Quelle der Tränen zurückstauen aus Angst vor spöttischen Blicken, gefangen im Kerker von Selbsucht und Hader, im Gefängnis von Sucht und Gier, wenn wir Liebe und Versöhnung verraten, die du in unsere Herzen gelegt hast: Christus, erbarme dich.</p> <p>Wenn wir kleinmütig um uns selber kreisen, bequem und mutlos und gleichgültig die Welt sich selber überlassen, wenn wir vergessen, dass wir Königskinder sind, wild und stolz und frei! Herr, erbarme dich.</p> <p>Gott, guter Vater,</p> <p> All unsere Quellen entspringen in dir. Du nimmst dich unser an mit unseren Schwächen und Grenzen, in dem, was wir vermögen und in dem, was uns entgleitet.</p> <p>Du stellst unsere Füsse auf weiten Raum. Du führst uns neue Wege. Du bist unser Friede im Auf und Ab des Lebens. Du bist das Licht, das Nebelschleier aufreisst.</p> <p>Wir danken dir und loben dich durch Christus im Hl. Geist. Amen.</p> <p>Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus.</p> <p>Christus spricht: Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.</p> <p>Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.</p> <p>Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (aus Matthäus 5)</p> <p>"Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) Das Jahresmotto wäre wohl in jeder höheren Religion zu finden. Je nachdem, wie man es übersetzt, könnte es auch ein Merksatz aus der griechischen Philosophie sein: „Lass dich nicht unterkriegen von der Schlechtigkeit der Welt, sondern in Güte überwinde das Übel.“ Das Böse kann nicht mit Bösem überwunden werden. Im Gegenteil: Wer einem andern eine böse Tat heimzahlen will, löst eine Welle von weiteren Racheakten aus. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt, ein schrecklicher Teufelskreis, wie die Geschichte beweist. Die theoretische Erkenntnis, dass nur Vergebung gutmachen kann, dass nur Liebe Frieden schaffen kann, hat sich über Jahrtausende langsam verbreitet. </p> <p>Petrus schreibt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Statt dessen segnet; denn dazu seid ihr berufen“ (1 Pe 3,9). Paulus zitiert einen Satz aus der jüdischen Weisheit, 400 Jahre vor Christus: „Hat dein Feind Hunger, so gib ihm zu essen. Hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Spr 25,21). Wenn Paulus bei Jesus in die Schule gegangen wäre, hätte er sicher das Jesuswort zitiert, das wir im Evangelium gehört haben: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). Jesus ist für uns Christen das eindrückliche Vorbild, wie er für die Soldaten betete, die ihn kreuzigten: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Sein Beispiel übertrug sich auf seine Jünger. Der 1. Märtyrer, Stefanus, betete ebenfalls für jene, die ihn zu Tode steinigten. Sein letztes Wort war: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“</p> <p>Seither ist das der geheime Echtheitstest für Christen. Vor lauter Glaubensfragen, Bekehrung und Wiedergeburts-„gkifel“ rutscht das gern in den Hintergrund: Wir werden nicht daran gemessen, liebe Gemeinde, ob wir den Herrn Jesus im Gebet als Erlöser angenommen haben, obwohl ich das schon wichtig finde. Wir werden daran gemessen, ob wir dem Befehl und Beispiel unseres Meisters folgen, unsere Gegner lieben und Unrecht mit Wohltat vergelten, oder ob wir, wie es normal und natürlich wäre, Böses mit Bösem vergelten nach dem Motto „umegä gilt“.</p> <p>Ja, „umegä“ ist natürlich. Ich bin überzeugt, dass wir in unserem unbewussten Schaltzentrum ein Programm haben, so etwas wie einen Instinkt: Wenn uns einer zu nahe tritt, uns gar etwas wegnimmt oder uns eine haut, dem müssen wir einen Denkzettel verpassen, dass er uns nicht mehr vergisst und künftig respektiert. Dass der Mensch sich aktiv und wenn nötig mit Gewalt seiner Haut wehrt, ist ihm angeboren. Da sind wir wohl von denselben Programmen gesteuert, wie es auch die Reptilien uns alle höheren Tiere sind. Ein Teil von unserem Hirn heisst ja auch Reptilienhirn. Es steuert Körpervorgänge, die wir mit dem Willen kaum beeinflussen können. Vielleicht ist das Steuerungs-Programm, das uns sagt: „Sofort zurückschlagen!“, tief in unserem Unbewussten angelegt. Darum ist es so schwer, geduldig und tolerant zu bleiben, wenn einem Unrecht getan wird. Die Einsicht ist da: Es wäre sicher besser, ruhig und tolerant zu bleiben. Aber Einsicht ist ein Gedanke in unserem Denkhirn, und Gedanken steuern höchstens zu 5% unser Verhalten.</p> <p>Dann kommt dazu, dass dieses fromme Böses-Mit-Gutem-Vergelten unserem Rechtsempfinden widerspricht. Die Bösen haben Strafe verdient. Es geschieht doch dem Gessler recht, wenn Tells Geschoss ihn vom hohen Ross holt! Stellt euch vor, der Tell wäre dem Gessler in der hohlen Gasse aufgelauert, wäre ihm in den Weg getreten und hätte gesagt: „Herr Landvogt, ich möchte euch einen meiner Qualitätskäse schenken.“ Ich glaube nicht, dass man so etwas heute noch in Tellspielen aufführen würde. Unser Rechtsempfinden ist auch nicht falsch, auch aus christlicher Sicht nicht. Unser Jahresmotto „Böses mit Gutem überwinden“ gilt vor allem für uns Einzelne. Wenn man dir Unrecht tut, bist du berufen, als Christ mit Liebe zu reagieren. Wenn du aber beobachtest, dass ein Starker ein wehrloses Mädchen angreift, dann gilt ein anderes Gesetz. Dann musst du dem Bösen widerstehen, schlimmstenfalls mit Gewalt. In dieser Situation ist auch die Staatsgewalt. Sie hat die Wehrlosen zu schützen. Sie muss der Gewalt und dem Betrug mit Gewalt widerstehen, sonst übernimmt sofort die Mafia. Unser Jahresmotto ist „Individualethik“, es gilt für den Einzelnen Christen, und es ist die erfolgreichste Langzeitstrategie für die Politik, aber das gäbe dann eine längere Predigt.</p> <p>Ich möchte mir die Jahreslosung gross hinter die Ohren schreiben, oder vielleicht besser vor Augen stellen. Leider habe ich in meinem Leben zu oft „Gleiches mit Gleichem“ vergolten und damit bewiesen, dass die Liebe Gottes noch nicht wirklich in die Tiefenschichten meiner Schaltzentrale gedrungen ist. Im Kopf hätt ichs schon, wie wir alle.</p> <p>Gerald G. Jampolsky hat im Stamm der südafrikanischen Babemba eine rührende Sitte beobachtet: Handelt ein Stammesmitglied unverantwortlich und schädigt jemandem im Stamm, so bringt man es in die Dorfmitte, nicht mit Gewalt, es könnte auch davonlaufen. Dann hören alle im Dorf auf zu arbeiten und versammeln sich um den Angeklagten. Dann müssen alle, Greise, Frauen, Männer, auch Kinder erzählen, was der Angeklagte in der Mitte in seinem Leben Gutes getan hat. Ausführlich mit allen Einzelheiten hören nun alle rundum, und vor allem natürlich der Angeklagte in der Mitte, Geschichten über seine positiven Eigenschaften, über seine Güte, seine Stärken und Talente. Man darf nichts erfinden und auch nichts übertreiben. Man muss einfach erzählen, was man mit dem Angeklagten Gutes erlebt hat. Die Zeremonie läuft so lange, bis alle gesagt haben, woran sie sich erinnern konnten; manchmal geht es sogar tagelang. Am Ende wird der Kreis geöffnet und der Betreffende wieder formell in den Stamm aufgenommen, und dann wird gefeiert, gegessen und getrunken.</p> <p>Der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/73.html</link>
      <pubDate>Fri, 31 Dec 2010 20:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Abschiedspredigt Frutigen: &quot;Kampf des Glaubens&quot;  &#40;1 Tim 6,12&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.“ 2000 Jahre später wüsste ich nichts Besseres zu predigen zum Abschied: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! Das Wort „Glauben“ ist für euch natürlich ein Kirchenwort, ein religiöser Begriff. Das geht aber auf einen Übersetzungsfehler zurück. eigentlich hätte Luther übersetzen müssen „Vertrauen“. Gemeint ist das Ur-Lebensthema für alle, auch für Atheisten, Humanisten, Maoisten, Dentisten, Prokuristen, für jeden, egal, ob religiös oder nicht. Unser Leben ist immer ein Kampf, den Glauben nicht zu verlieren. </p> <p>Was für einen Glauben? Den Glauben, dass es gut kommt. „Glauben bedeutet, feststehen in dem, was man hofft,“ steht im Hebräer. Vertrauen, dass es gut kommt, ermöglicht uns Menschen erst Kultur, Zivilisation, Fortschritt.</p> <p>1. Beispiel: Die Ökonomie, die Wissenschaft von Handel und Wirtschaft, redet neuerdings vom Glauben. Man entdeckt, dass das Vertrauen grundlegend ist für die Wirtschaft. Eigentlich wundert das niemanden! Wer macht schon ein Geschäft, wenn man Angst hat, der andere wolle einen über den Tisch ziehen?! Vertrauen ist grundlegend für jeden kleinen Tauschhandel und erst recht für die grosse unheimliche Börse. Die Börse stürzt ab, wenn das Vertrauen gestört ist. Wenn sich der Unglauben breit macht, wenn plötzlich niemand mehr glaubt, dass es gut kommt; dann crasht die Börse. Psychologische Tests können das Vertrauen messen. Und es ist verblüffend: In Nationen mit guter Handelsbilanz gibt es ein hohes Mass an Vertrauen. Aber wo man einander nicht über den Weg traut, und deshalb schmiert und lügt, da liegt die Wirtschaft am Boden. Der Glaube ist nicht frommes Halleluja. Er ist das Fundament jeder Volkwirtschaft.</p> <p>Glauben bedeutet Vertrauen, oder präziser: „die Erwartung des Guten“. 2. Beispiel: Mediziner kennen die Placebo-Forschung. Der Glaube spielt mit bei jeder Heilung. Kann der Mensch unbewusst erwarten, dass es gut kommt, kommt es meistens gut. 30%-60% jeder Heilung gehen aufs Konto des Placebo-Effekts. Und das ist Glauben, die unbewusste Erwartung, dass es gut kommt. Sie kann sogar so wirksam sein wie eine Operation! Einer Reihe von Meniskuspatienten hat man das Knie aufgeschnitten und wieder zugebüetzt, ohne irgend etwas daran zu machen. Die Patienten aber glaubten, sie hätten eine Meniskusops mit der neusten Technik bekommen. Denen gings nachher auch besser, gleich viel besser wie den andern, die man wirklich operiert hatte. Diese unerhörte Kraft der inneren Erwartung kennt man seit Jahrzehnten. Nicht zufällig sagte Jesus oft: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Ich wundere mich nur: Warum erforschen Wissenschaftler nicht endlich, wie man diesen Glauben in die Seele pflanzen kann!? Das würde doch allen nützen!</p> <p>„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ Schau, dass du zum Glauben kommst, dass deine Seele in deiner Tiefe erwarten kann, dass es dir morgen besser geht als heute. Dann „hüte deinen Glauben wie deinen Augapfel“, damit er noch funktioniert, wenn das Leben den Teppich unter den Füssen wegrupft.</p> <p>„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ Ja, es ist wahrhaftig ein Kampf, den Glauben zu behalten. Die innere Erwartung, dass es gut kommt, muss ständig geschürt und genährt werden wie ein Feuer, sonst geht es aus. Aber unsere Seele und die Welt sind ständig daran, unser Fürli auszublasen und uns zur Verzweiflung zu bringen.</p> <p>Unsere Seele ist nämlich eine geborene Schwarzmalerin. Das ist auch verständlich. Unsere Gesundheit ist ja so ein zartes, diffiziles Pflänzli! Rund um uns kämpfen Menschen mit schlimmen Krankheiten. Was kann nicht alles passieren! Mit den Jahren wird unsere Seele immer ängstlicher. Und wenn es einen dann mal trifft, so malt unsere Seele ein Schreckensszenario an die Wand, dass einen nur schon die Angst ins Grab bringen könnte. Wenn das Schicksal einen in den Schwitzkasten nimmt, heisst es kämpfen. Sag deinem inneren Schisshas jeden Abend: „Es kommt gut. Morgen ist’s besser. Und wenn ich im schlimmsten Fall sollte sterben, dann kommts erst recht gut, dank der Gnade Gottes in Jesus Christus!“ „Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.“ So muss man kämpfen „innefür“.</p> <p>Aber dann steht der Glaube natürlich von aussen unter schwerem Beschuss. Sie kommen und sagen: „Der Wald stirbt!“ Glaub ihnen nicht. „Der saure Regen lässt unsere Seen umkippen!“ Glaub‘s nicht! „Die Weltbevölkerung explodiert; es gibt Krieg um Wasser und Nahrungsmittel.“ Sie sagen: „Vor lauter Deutschen, Italienern, Tamilen, Jugos, Türken, Spaniern, Portugiesen und Afrikanern kann bald niemand mehr jodeln in der armen Schweiz!“ Glaub‘s nicht! Sie sagen, es gebe bald mehr Muslime bei uns als Christen. Glaub‘s doch nicht! Sie haben nämlich auch gesagt, eine Pandemie werde kommen, Ebola-Virus, Rinderwahnsinn, Säuligrippe, Vogelgrippe; Bazillen werden resistent gegen Antibiotika; weltweit stürzen Computer ab, Asteroiden fallen uns auf den Kopf; der Grundwasserspiegel sinkt; die Wüste breitet sich aus; Killerbienen kommen; bald gibt’s keine Bienen mehr und nach 5 Jahren auch keine Menschen, kosmische Strahlen kommen durchs Ozonloch und würden alles mikrowellelen.</p> <p>Was wir nicht schon alles glücklich überlebt haben! In meinen 63 Jahren haben wir nun schon so viele Weltuntergänge überstanden, dass ich mich auf den nächsten gar nicht mehr richtig freuen kann. </p> <p>Lebenserfahrung! Ich glaube das Zeug nicht mehr. Früher glaubte ich viel mehr davon und entwickelte zünftig Angst. Ich vergesse nie, als das Waldsterben Mode war, wie ich unter einer alten Eiche hockte und heulte wie ein kleines Kind. Nein, ich glaube, dass es gut kommt!</p> <p>Natürlich wollen wir immer gut hinhören, wenn die Katastrophiker vom Dienst Alarm geben. Viele sehen ein echtes Problem, das gelöst werden muss. Aber an ihre Katastrophen darf man nicht glauben. Die Welt tut einfach gern alle Jahre mal ein wenig verzweifeln! Gewiss gibt es schlimme Katastrophen. Da wollen wir helfen mit all unsern Mitteln. Und die Probleme, welche die Untergangspropheten aufzeigen, wollen wir lösen miteinander. Wir Menschen sind nämlich lernfähig. Aber lernfähig sind wir nur, wenn wir uns den Glauben nicht madig machen lassen, wenn wir tief innen erwarten, dass es gut kommt mit uns allen. Kämpfe den Kampf des guten Glaubens!</p> <p>Ihr denkt vielleicht: das ist doch platter, oberflächlicher Optimismus. Moment: nichts gegen Optimismus, bitte! Wenn man unsere Welt wissenschaftlich statistisch genau anschaut, so leben wir im Schnitt alle länger und gesünder, wohnen bequemer und sicherer und der Natur und dem Wald geht es besser denn je. Es geht uns in jeder Hinsicht doppelt und dreifach so gut wie unseren Großeltern. Und nicht nur uns, statistisch gesehen der ganzen Menschheit. Nein, pflegt die paar Optimisten, die es noch gibt und stellt sie unter Naturschutz!</p> <p>Aber ich predige nicht Optimismus. Ich predige Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Optimismus allein trägt halt nicht, wenn das Schicksal zuschlägt, an der eigenen Familie, am eigenen Leib oder an der eigenen Seele. Es ist schwer, einfach optimistisch zu bleiben, wenn der Krebs langsam wächst oder Depression alles verdunkelt. Auf den schweren Etappen unseres Lebens brauchen wir Glauben, Gottvertrauen, die innere Gewissheit, dass ein Grösserer als wir es gut machen wird mit uns; dass nichts Schlimmes uns trennen kann von Gottes Liebe. Die Botschaft, die seit 2000 Jahren um die Welt geht, die gute Nachricht, sagt: Christus hat uns erlöst „von Sünde, Tod und Teufel“. Darum kommt es gut! Diesen Glauben brauchen wir zum Leben und zum Sterben, und auch damit wir unterwegs etwas zum Lachen haben.</p> <p>Die schlechte Nachricht: Es nützt leider wenig, wenn wir im Kopf den Gedanken denken: „Es kommt gut. Das muss unser Herz glauben. Das muss unser Unbewusstes schnallen, muss in unsere Träume hinunter sinken. Blosse Gedanken im Oberstübli sind nett, aber unheimlich wirkungslos. Den Kampf des Glaubens kann man nicht gewinnen mit Verstand und Logik. Wir müssen unsere Tiefenschichten imprägnieren mit dem Evangelium. Und nach allem, was ich weiss, geht das nur über jahrelange Übung, wie beim Geige-Spielen. Durch Lied und Gebet, Musik und Predigt, durch regelmässigen Gottesdienst durchdringt Christus und sein Evangelium unsere Hirnschranke und sinkt langsam hinunter ins Herz, ins unbewusste Motivationszentrum, das alles Wesentliche steuert. Der Kampf des Glaubens besteht darin, den Gottesdienst nicht aufzugeben. „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.“</p> <p>Ich habe nun 6 Jahre versucht, mit Euch zusammen diesen Glauben zu finden und zu stärken, mit Predigen. Fuhrers und Sprungers haben als Sigristen den gleichen Glauben verkündet mit Putzen und Schmücken. Ein gefälliger schöner Raum predigt auch für den Glauben. Es ist eine Glaubensstärkung, wenn man in den Räumen der Gemeinde durchs Fenster die Berge sieht, und nicht den Dreck an den Scheiben. Miteinander haben wir probiert, so gut wir konnten, Euch im Kampf des Glaubens zu unterstützen. Dabei ist etwa Manches daneben gegangen, tut uns leid. Es kommt aber trotzdem gut, Gott sei Dank. Tragt uns nichts nach!</p> <p>Nun nehmen wir Abschied. In einem Jahr lesen wir dann in der Zeitung, eine neue Katastrophe sei im Anzug, und die ganze Schweiz sei von Panik ergriffen. „Die ganze Schweiz? Nein! Ein von unbeugsamen Helvetiern bevölkertes Dorf, Frutigen, hört nicht auf, Widerstand zu leisten“ und zu glauben, dass es gut kommt. Das hören wir dann gern.</p> <p>Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 19 Dec 2010 10:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Den Weisen und Klugen verborgen &#40;Lukas 10,21&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/100917_heinzer_ev.mp3">(hören)</a></p> <p>Liebe Gemeinde am Radio,</p> <p>der heutige Sonntag will, dass man dankt und betet, und er heisst auch Busstag. So will ich mal Busse tun, und zwar in meinem Fach, dem Predigen. Ich nehme heute ein Jesuswort, zu dem ich noch nie predigte, weil es mich nervt. Ich bin ja reformierter Pfarrer in der Deutsch-Schweiz. Wir sind - weltweit gesehen - jene seltene Abart von Geistlichkeit, jene „species rara“, die das einzigartige Privileg hat, den Bibeltext zur Predigt frei und ohne jegliche Vorgabe selber auswählen zu dürfen. Diese liebenswerte Freiheit bringt mich oft in Versuchung. Dann durchforste ich die 1800 Seiten meiner Bibel und suche einen süffigen Text, der mir gefällt und zu dem ich hoffe, 15 Minuten Vernünftiges sagen zu können. </p> <p>Sie werden denken, von einem Pfarrer sollte man würdigere Suchkriterien erwarten dürfen. Er sollte doch im Gebet fragen, welches Bibelwort heute Gott zur Sprache und der Gemeinde Trost und Stärkung bringt. Sie haben völlig recht. Der Geist ist schon willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich predige halt schon lieber zu einem Bibelwort, dem ich auch zustimmen kann. Heute nun tu ich Busse und nehme auch mal ein Jesuswort hervor, das mir gegen den Strich geht.</p> <p>Wir lesen in Lukas 10,21, nach eigener Übersetzung: </p> <p>„In jener Zeit triumphierte Jesus im Hl. Geist und sagte: „Vater, König über Himmel und Erde, ich preise dich, dass du das alles vor Weisen und Gelehrten verborgen, aber einfachen Ungebildeten offen gezeigt hast.“</p> <p>Sie können sich vorstellen, was mir Mühe macht damit? Da werden wir wieder einmal in zwei Gruppen eingeteilt, schwarz-weiss, die Gebildeten und die Ungebildeten. Im Alten Testament werden die Weisen gelobt, die Lernbegierigen, und die ungebildeten Toren kommen schlecht weg. Hier ist es umgekehrt: die Gebildeten haben die Zwei am Rücken: Vor den Gebildeten habe Gott „das alles“ verborgen.</p> <p>Was meinte Jesus mit „das alles“? Das weiss niemand genau; die meisten Ausleger sagen, Jesus meinte seine ganze Botschaft, das Reich Gottes, das er verkündigte, Gottvertrauen und Feindesliebe, das Kommen einer neuen Zeit, das Evangelium. „Das alles“ also, was Jesus brachte, habe Gott vor den Gelehrten verborgen. </p> <p>Vor den Gelehrten, zu denen natürlich ich selber gehöre. Ich habe studiert und den Beruf des Schriftgelehrten gewählt. Wozu hätte man mich sonst brauchen können? Ob ich auch ein „Weiser“ bin? Da darf man natürlich nicht Ja sagen; denn wer sich selber weise vorkommt, ist es schon mal nicht. Aber zu den Gebildeten im Volk gehöre ich durchaus. Und nun sagt Jesus, das Evangelium, „das alles“, was er verkündigte, liege für einfache Ungebildete offen da, aber Gebildete könnten es nicht sehen. Haben wirklich Nichtakademiker etwas, was einem Gebildeten von vorneherein verschlossen bleiben muss, nur weil er auf die Uni ging? Ist wirklich, was Jesus für wesentlich hält, nichts für Akademiker? Auf welche Seite gehören denn Sie? Als Nichtakademiker lächeln sie vielleicht hämisch auf den Stockzähnen, und als Akademikerin sind sie gespannt, wie ich mich nun aus der Schlinge herauswinde, die ich mir selber gelegt habe.</p> <p>Vielleicht verstehen wir die altgriechischen Wörter nicht recht? Ich habe nachgeschlagen. „Weise und Gelehrte“ sind eindeutig Angehörige der Oberschicht; religiös Gebildete wie Schriftgelehrte, oder weltlich Gebildete, Unternehmer und Machthaber. Das andere Wort, das ich mit „einfache Ungebildete“ übersetze, bedeutet zunächst unmündige Kinder, dann Einfältige. Gebildete brauchten das Wort gern etwas abschätzig, man könnte mit „Simpel“ übersetzen. Wir verstehen also schon recht, wenn wir den Gegensatz gebildet-ungebildet heraushören. Aber etwas fiel mir immerhin auf: Der bestimmte Artikel steht nicht da! Es heisst nicht, Gott habe das alles vor „den“ Gebildeten verborgen und „den“ Ungebildeten offenbart, wie die meisten deutschen Bibeln ungenau sagen. Nicht alle Gebildeten sind offenbar blind für das Evangelium (vielleicht bin ich eine Ausnahme?!) Und nicht allen Ungebildeten ist das Evangelium offenbart. Es braucht vielleicht auch da ein bisschen mehr, als nur geistig ein Simpel zu sein.</p> <p>Schon 700 Jahre vor Christus sagte Jesaja: </p> <blockquote> <p>„Gott spricht: Weil dieses Volk mich nur mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fernhält von mir, lasse ich die Weisheit seiner Weisen vergehen und die Klugheit seiner Klugen verschwinden“ (29,13ff). </p> </blockquote> <p>Paulus sagt: </p> <blockquote> <p>„Gott hat die Ungebildeten erwählt, um die Weisen zu beschämen, die Schwachen, um die Starken zu beschämen. Die nichts gelten in der Welt, hat Gott erwählt, um denen, die etwas sind, die Macht zu nehmen“ (1 Kor 1,27ff).</p> </blockquote> <p>Nun waren ja weder Jesus noch Paulus „einfache Ungebildete“. Beide waren hochgebildete Schriftgelehrte. Was haben sie nur gegen Lernen, Wissen und Weisheit?</p> <p>Ich kann mir zwei Antworten denken. Die erste ist weniger theologisch als neurologisch. Ein gebildeter Mensch lebt normalerweise intensiv aus seiner Vernunft, aus der Ratio; aus der „linken Gehirnhälfte“. Er betrachtet die Welt zunehmend durch die Brille seiner logischen Gedanken. Für alles sucht er eine Ursache, alles wird erklärbar. Jeder wünscht sich mit Recht eine hochentwickelte Vernunft. Aber sie hat einen ernsten Nachteil: Die Vernunft neigt dazu, totalitär zu werden. Sie will die ganze Welt verstehen, und was sie nicht versteht, blendet sie aus und behauptet, es existiere nicht. Sie kennen vielleicht gebildete Rationalisten, die höhnisch lächeln über alles, was nicht in ihr vernünftiges Weltbild passt? Rationales Denken entwickelt ein anmassend diktatorisches Wesen, lässt man es ungezügelt wuchern. Ein wahrhaft scharfer Verstand dagegen erkennt wie Sokrates: „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Kierkegaard sagt: „Will die menschliche Vernunft nicht anerkennen, dass es etwas gibt, das sie nicht verstehen kann, oder genauer, dass es etwas gibt, von dem sie eindeutig verstehen kann, dass es nicht verstanden werden kann, dann ist alles auf den Kopf gestellt. Es ist somit Aufgabe der menschlichen Erkenntnis zu verstehen, dass es Dinge gibt und wie diese Dinge sind, die sie nicht verstehen kann.“ Zu den Dingen, die „nicht verstanden werden können“, zählen natürlich Gott und sein Reich, das Evangelium und religiöse Gefühle. „All das“ habe Gott vor Gebildeten verborgen, sagt Jesus. Weil sie sich auf ihren Verstand verlassen und glauben, ihr Verstand würde die ganze Wirklichkeit erfassen.</p> <p>Beispiel: Stephen Hawking, den ich hoch schätze, sagt in seinem neuen Buch, das Universum habe sich selbst aus dem Nichts erschaffen können, einen Gott brauche es dazu nicht. Hier überschätzt er nun seine Vernunft. Er kommt mir vor, wie wenn er mit einem Sieb Wasser schöpfen wollte und nach vielen vergeblichen Versuchen den glorreichen Schluss verkündete, Wasser gebe es gar nicht. Im Sieb des rationalen Denkens bleibt viel hängen, aber halt längst nicht alles. Kinder und Ungebildete nehmen noch anderes wahr, mit dem Herzen, mit jener intuitiven Erkenntnisfähigkeit, die elend verkümmern kann, wenn die Vernunft alles beherrscht.</p> <p>Verstehen sie mich nicht falsch. Ich blase nicht ins Horn von Sekten, die den Verstand verteufeln und predigen, alles würde gut kommen, wenn wir nur endlich mit Denken aufhören wollten. Das ist lächerlich. Es ist zwar schon so: Menschen, die weniger vernunftgeleitet sind, nehmen leichter Übersinnliches wahr. Aber ihnen kann man leider auch jeden Quark predigen. Es ist verrückt, wie viele Menschen bereitwillig den grössten Unsinn glauben. Gott bewahre; wir brauchen Bildung und Verstand, um Fantasieblasen von Möchtegernpropheten aufzustechen. Trotzdem gilt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“</p> <p>Und nun zur zweiten Antwort auf die Frage, warum die Bibel bildungskritisch ist: Bildung macht hochmütig. Sie und ich sind natürlich Ausnahmen! Aber allen andern kann man generell sagen: Bildung macht hochmütig. Das müsste gross über jedem Hochschulportal stehen. Es ist nicht ehrenrührig. Wir Menschen sind nach diesem Muster gestrickt: Zu wissen, was andere nicht wissen, gibt ein gutes Gefühl, gibt Macht und&nbsp; bewirkt, dass man sich besser vorkommt. Hochmut wächst wie Unkraut, und gerade der Verstand sieht sie nicht. „Man sieht besser in einer schwarzen Nacht auf einem schwarzen Stein einen schwarzen Käfer, als die Hochmut im eigenen Herzen,“ sagen die Araber. Hochmut aber ist das Gegenteil von Gottvertrauen, von dem, was die Bibel Glauben nennt. Uns Gebildeten fällt es schwer anzuerkennen, dass es Dinge gibt, die unserem Verstand nicht zugänglich sind. Wollen wir zum Glauben kommen, so müssen wir zwar nicht den Verstand an der Garderobe abgeben, aber ganz sicher den Hochmut. Wir müssen erwarten, in einfachen Geschichten vom Reich Gottes und bei ungebildeten Leuten Wesentliches zu erfahren, das wir selber uns nicht hätten ausdenken können. „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder, könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen,“ sagt der Meister, und „werden wie ein Kind“ ist ähnlich schwer wie den Führerschein abgeben.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 19 Sep 2010 15:48:00 +0000</pubDate>
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      <title>Gemeindepredigt: Gott und das Spiel &#40;Spr.8.27-31 u.a.&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Hat Jesus mit seinen Jüngern hie und da auch gejasst? Was würden Sie vermuten? Ihre Vermutung würde Einiges über Ihren Glauben, über Ihre unbewusste Theologie verraten. Auch ich verrate meine Theologie mit jeder Predigt, und ich erinnere gern daran, dass ich in der Predigt nicht sage, wie es ist und was sein soll, sondern was mein Glaube ist. Sie prüfen alles, und behalten, was gut ist für Sie. </p> <p>Ob Jesus mit seinen Jüngern gespielt hat, können wir nicht wissen. Bei der Synagoge von Kafarnaum, in der Jesus ein- und ausging, hat man ein in Stein geritztes Mühlespiel ausgegraben. Es sieht genauso aus wie die heutigen. Aus jener Zeit gibt es Funde von Backgammon-Spielen (Trictrac). Die römischen Legionäre verspielten ihren Sold mit Würfeln, die sich nicht unterscheiden von unseren. Spiele können unglaublich alt sein. Das Spiel gehört zum Menschen. Und spielen nicht auch Tiere? Selbstverständlich. Geben Sie einem Kätzchen einen Knäuel Wolle. Oder beobachten Sie Raubvögel, wie sie im Sturm segeln. Die ganze Schöpfung spielt; wunderbar. </p> <p>Es ist komplizierter. Die Kirche hat ein gespanntes Verhältnis zum Spiel. Zeitweise wollte sie es verbieten. Die Bischofssynode von Trier (1310) beschloss: „Wir verbieten den Mönchen alles Spielen mit Brettsteinen, Schachfiguren, Würfeln und Kegelkugeln…“ 1452 sammelte der spätere Heilige Johannes Kapistran in Erfurt und Umgebung alle Spiele ein, errichtete einen Berg von 3640 Brettspielen, an die 40.000 Würfel, Kartenspiele ohne Zahl und 72 Schlitten und verbrannte dieses ’sündhafte Luxuswerk’.“ Auf einem Bild aus dem 15. Jh. sieht man Backgammonspieler und den Teufel, der über ihnen schwebt. Kennen Sie noch den frommen Ausdruck für ein Ries Jasskarten, des Teufels Gesangbuch? Der fromme Pietist Francke wetterte im 18. Jahrhundert gegen „allerley Art von Spielen, die das Gemüth von Gott divertiren und abkehren, dahin auch das Weltübliche Tantzen gehört, alles eitele spazieren gehen, reiten, fahren; und im Winter das unnützliche, eitele und also auch sündliche Schlitten-fahren.“ Im Internet findet man noch heute gottesfürchtige Warnungen, wer jasse, begebe sich unter einen teuflischen Bann! </p> <p>Was ist denn so teuflisch am Spiel? Nun, spielen ist unproduktiv. Es bringt nichts ein, es verschwendet kostbare Arbeitszeit. Es ist noch nicht so lange her, da konnten sich die meisten finanziell nur über Wasser halten konnten, wenn sie Tag und Nacht arbeiteten. So lag es nahe, Spiel und Müssiggang zu ächten, um die Armen moralisch an der Arbeit zu halten. Dann wissen Sie, dass Spielen kann unheimlich süchtig machen. Unzählige Familien zerbrechen noch heute an der Spielsucht. Wo um Geld gespielt wird, werden immer Einzelne gepackt von einer unwiderstehlichen Spielbesessenheit. Sie wirkt sich verheerend aus wie Alkoholismus. Da liegt es nahe, den Teufel im Spiel zu sehen und die Menschen davor zu warnen, zu ihrem Schutz. </p> <p>Die Zeiten haben sich geändert. Wollte die Kirche heute ihre Schäflein vor dem Müssiggang bewahren, müsste sie das Fernsehen Sünde nennen. Wollte man hinter allem, was süchtig macht, den Teufel sehen, müsste man auch die Arbeit verbieten; denn Arbeit kann wahrhaftig süchtig machen. Heute zerbrechen vielleicht so viele Familien an Arbeitssucht wie an Spielsucht. Alles Gute und Notwendige kann süchtig machen; Arbeit, Sport, Essen, und halt auch das Spiel. </p> <p>Die Kirche hatte also nicht ganz Unrecht. Ich bin der Meinung, dass Christen auch heute nicht alles mitmachen können, was da gang und gäbe ist. </p> <p>1. Man spielt nicht mit dem Brot, haben wir gelernt. Man spielt überhaupt nicht mit Nahrungsmitteln, würde ich meinen. Dass man mit Tausenden von Eiern eine Riesenomelette backt, um in dieses öde Guiness-Rekordbuch zu kommen, finde ich nicht lustig. Das verspottet die Armen in der Welt, die Hunger haben. Das ist Sünde.</p> <p>2. Man spielt nicht mit lebenswichtigen Ressourcen. Dazu gehören Erdöl und die Stille. Auch wenn Sie es chic finden mögen, mit Flugzeugen, Motorbooten, Quads, Motorrädern und Oldtimern herumzuspielen: Ich finde es Sünde, weil lebenswichtige Ressourcen unwiederbringlich verspielt werden und weil wenige Reiche mit ihren Motoren unzähligen andern die Stille versauen.</p> <p>3. Und man spielt nicht mit Geld. Sie werden zwar an unserer Landeslotterie nichts Sündhaftes finden. Nun, ich bin nicht sicher, ob nicht auch Löslikaufen süchtig machen kann. Aber warum halten wir uns nicht an den Grundsatz: Mit Geld wird nicht gespielt? Es ist Sünde. Und damit meine ich nicht nur Pokern oder Jassen um Geld, damit meine ich zuerst das Spekulieren und Handeln mit unseren Währungen. Wenn die Reichen mit ihrem Geld spielen an den Börsen, muss immer jemand darunter leiden. Eine Wirtschaftsordnung, die auf das Spiel mit Geld aufbaut, wird immer wieder zusammenkrachen und Menschen ins Elend stürzen. Wer löffelt die Suppe aus, welche die Spieler einbrocken? Nicht die spieler, sondern die einfachen Steuerzahler, die gar nicht mitspielen können. Sie müssen bezahlen. Beispiele dafür entnehmen Sie bitte der Tagespresse.</p> <p>Sie werden sagen: „Du kannst das Rad nicht zurück drehen. Man hört nicht auf die Kirche.“ Ich weiss. Die Masse hält sich nicht an Spielregeln. Aber es könnte doch eine kleine Gruppe von Christen geben, die es wagt, laut und deutlich zu sagen: Für uns ist das Sünde, das Spiel mit Brot, das Spiel mit Motoren und das Spiel mit Geld. </p> <p>Nachdem ich nun die Gefahren von manch üblicher Spielereien an die Wand malte, habe ich die Frohe Botschaft zu verkündigen: Das Spiel selber aber ist etwas Heiliges, Göttliches. Spiel kommt in der Bibel nur andeutungsweise vor, aber an zentralen Stellen: Am Anfang, in der Mitte und am Ziel. Psalm 104, gewissermassen der 3. Schöpfungsbericht, sagt, Gott habe den Leviathan (ein Ungeheur, ein Urviech) geschaffen, um mit ihm zu spielen (V. 26). Das Buch Sprichwörter erzählt peotisch, wie die Weisheit vor Gott spielte am Anfang der Schöpfung: </p> <blockquote> <p>„Als Gott den Himmel baute, war ich dabei. Als Er den Erdkreis abmass über den Wassern, als Er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen liess aus dem Urmeer, als Er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als Er die Fundamente der Erde abmass, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (8,27-31).</p> </blockquote> <p>Am Anfang, als der Kosmos erschaffen wurde, war Spiel mit im Spiel. Und wenn die Geschichte einst an ihr Ziel kommt und das Heil, der ewige Friede real wird, erkennt man das daran, dass wieder gespielt wird. Sacharja prophezeite: „So spricht der Herr: Greise werden wieder auf den Plätzen Jerusalems sitzen; jeder hält wegen seines hohen Alters einen Stock in der Hand. Die Straßen der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf den Straßen spielen“ (Sach 8,4). Und dass einmal sogar die Feindschaft zwischen Mensch und Natur überwunden wird, erkennt man daran, dass das Lamm beim Löwen liegt, und dass „das Kind spielt am Loch der Otter“ (Jes 11,8).</p> <p>&nbsp;Wir sind noch unterwegs zwischen Anfang und Ende. Für uns hat Jesus das Reich Gottes begründet und gesagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen“ (Matth 18,3). Werden wie die Kinder bedeutet manches, aber es bedeutet ganz sicher: wieder spielen lernen.</p> <p>Spielen ist nämlich die schönste Weise des Gottvertrauens. Spielen ist ein Aggregatzustand des Glaubens. Spielen wir, so vergessen wir die Sorgen des Alltags und werfen sie auf Gott. Im Spiel tauchen wir in eine andere Welt ein, in eine einfachere Welt. Beim Spielen vergessen wir, uns selber zu rechtfertigen und glauben ganz praktisch, dass Gott uns in Christus annimmt, wie wir gerade sind. Indem wir spielen, glauben wir, dass wir erlöst sind und dass nicht wir uns anstrengen müssen, um uns selber zu erlösen. Spielen ist ein Akt des Gottvertrauens. Und Spielen ist auch eine wunderschöne Form der Meditation, der Mystik, zweckfreies Dasein. Aber dazu vielleicht ein andermal.</p> <p>&nbsp;Luther erkannte das Göttliche im Spiel. Er sagt: „Suche also die Gesellschaft, spiele Karten oder irgendetwas, was dir Spaß macht. Das sollst du mit gutem Gewissen tun – denn Depressionen kommen nicht von Gott, sondern vom Teufel.“</p> <p>&nbsp;Was geschieht denn, wenn wir miteinander spielen? Wir und unsere Kinder lernen mit Lust und ohne Anstrengung sieben grosse Weisheiten der Welt.</p> <p>1. Nicht alle haben dasselbe Glück; die Welt ist ungerecht. Es nützt nichts, den Kopf hängen zu lassen, wenn man schlechte Karten kriegt. </p> <p>2. Aus dem, was dir in die Hand gegeben wird, musst du das Beste machen. </p> <p>3. Versuche, fair mit deinem Partner zusammen zu spielen; mit ihm kommst du weiter als allein. </p> <p>4. Spielen kann man nur, wenn es Regeln gibt, die für alle gelten. Ohne Regeln kein Spiel.</p> <p>5. Es gibt immer Leute, welche die Regeln zu ihren Gunsten biegen wollen. Rechne damit: Es wird beschissen in der Welt. Und da muss man was dagegen tun, sonst geht das ganze Spiel baden.</p> <p>6. Es gibt gute und schlechte Verlierer. Versuche immer, zu den ersteren zu zählen. </p> <p>7. Und man lernt eine grundlegende christliche Wahrheit: Manchmal verlierst du. Wenn du verloren hast, kannst du die andern fragen, ob sie noch bei einem weiteren Spiel helfen. Du lernst, dass man noch einmal von vorn anfangen darf.</p> <p>&nbsp;Schiller: „Der Mensch ist nur dann an Leib und Seele gesund, frisch, munter und kräftig, fühlt sich nur dann glücklich im Genuß seines Daseins, wenn ihm alle seine Verrichtungen, geistige und körperliche, zum Spielen werden.“ Ich habe gelernt, dass aus einer gewöhnlichen Arbeit ein Kunstwerk wird, wenn das Spielen dazu kommt. Normalerweise darf zwar niemand spielen beim Arbeiten. Aber bringt jemand es fertig, seine Arbeit als Spiel aufzufassen, wird Besonderes daraus. Beispiel: Gehen Sie essen zu einem Koch, der mit Sternen, Kochmützen oder Goldfischen ausgezeichnet wurde. Sie werden erleben, dass seine Menu-Kreationen spielerisch sind! Der kocht nicht nur, der spielt zugleich.</p> <p>Vielleicht nutzen Sie den Herbst, um wieder öfter zu spielen, vielleicht sogar ganz allein, an einem Bach. Vielleicht denken Sie darüber nach, wie bei der Arbeit Ihres Alltags Ihr inneres Kind mitspielen könnte, das Kind, das Sie nämlich immer noch sind.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/67.html</link>
      <pubDate>Sun, 12 Sep 2010 14:57:00 +0000</pubDate>
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      <title>Gemeindepredigt: Der Vorübergehende &#40;Exodus 33&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Es gibt doch Augenblicke, wo man etwas sieht, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, etwas unglaublich Schönes, oder etwas Unheimliches, oder einfach etwas Aussergewöhnliches - und es läuft einem kalt über den Rücken, „es hüendrhutnet“ einen. Da sitzen etwa sechs Leute zusammen und quatschen und quasseln fröhlich durcheinander - und plötzlich ist es ein paar Sekunden totenstill, weil gerade niemand ein Wort sagt. Passiert so etwas im Welschen, so flüstert jemand: „Un ange passe!“ Ein Engel geht vorüber.</p> <p>Unzählige Geschichten erzählen von Engeln, die Menschen begegnet sind und Engel gehen immer vorüber. Engel und anderen Erscheinungen aus der anderen, jenseitigen Welt sind für uns immer flüchtige Eindrücke. Man kann sie nicht festhalten, auch nicht im Bild, nicht wiederholen. Flüchtige Eindrücke sind darum für die Wissenschaft uninteressant und unser anmassender Verstand sagt verächtlich: „Alles Hirngespinste!“ </p> <p>So strohdumm kann der Mensch sein! Unzählige Menschen haben Übersinnliches wahrgenommen. Übersinnlich heisst, dass es sich unseren fünf normalen Sinnen entzieht. Man bräuchte einen sechsten Sinn, oder ein drittes Auge, ein „abnormales Gspüri“, um solche Wirklichkeiten wahrzunehmen. Die unendliche übersinnliche Welt erscheint selten, und sie geht rasch vorüber. Davon hören wir in einem vielleicht 3000 Jahre alten Text unserer Bibel.</p> <blockquote> <p><em>&nbsp;„Gott sprach zu Mose: Du hast meine Gnade gefunden und ich kenne dich mit Namen. Da sagte Mose: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen! Er gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Heiligen vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Aber du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.“ </em>Exodus 33,18ff</p> </blockquote> <p>Mose möchte mal was sehen. Das kann ich gut nachfühlen. Religion kann einem mit der Zeit auf die Nerven gehen. Da wird ständig viel Trara gemacht um Dinge, die man nie und nirgends sieht! Wissen Sie, Lehrer und Pfarrer beneiden manchmal insgeheim den Schmied. Der hat doch einen schönen Beruf. Er kann feuern und stinken, mit dem Hammer auf das glühende Eisen hauen, dass die Funken stieben, und ist er fertig, so schimmert ein Kunstwerk in seiner Zange, das man anschauen und sogar anrühren kann, wenn es dann kalt ist. „Lass mich doch deine Herrlichkeit <em>sehen</em>!“ </p> <p>Jesus dagegen versuchte, seinen Jüngern diese Lust am Schauen auszureden. Zu Thomas sagte der Auferstandene: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Und zu uns sagt er: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das heisst also: Willst du Gott sehen, so schau deinen geringen Bruder an! Im Nächsten, der dich braucht, begegnet dir Gott. Keine Frage, die beste Religion ist die praktische Liebe, das tatkräftige Helfen und Dienen; alles klar. Wunder und mystische Erlebnisse brauchen wir eigentlich nicht, um Gott zu dienen. Und trotzdem: könnte man nicht doch mal nur kurz, einfach so als Zugabe, mal was zum Schauen kriegen? „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“</p> <p>Zwei Argumente bringt unser Text, warum man Gott nicht einfach so sehen könne. Das erste: „Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ Warum nicht? Ich weiss es nicht. Theologen reden schön darum herum, ohne zu erklären: Sterbliches kann das Unsterbliche nicht ertragen, es wird davon verzehrt. Unsere grobstofflichen Augen würden durch das ewige Licht geblendet. Die Herrlichkeit Gottes wäre für uns Sünder ein unerträgliches, verzehrendes Feuer. Erst in der Ewigkeit „werden wir ihn schauen, wie er ist.“ So schützt Gott Mose vor dem Verderben: „Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin.“</p> <p>Wenn man doch einmal etwas Jenseitiges, Ungewöhnliches zu Gesicht bekommt, sollte man es auf keinen Fall festhalten wollen, sonst würde man vom Jenseitigen wie verschluckt, aufgesogen. Begegnungen mit dem Jenseits müssen vorübergehend sein, damit der Mensch sich darin nicht verliert. Dreimal kommt das Wort „vorüber gehen“ in diesem Abschnitt. Ist es dann vorüber, realisiert man hinterher, von der Rückseite, dass man Ungewöhnliches erlebt hat. „Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du darfst meinen Rücken sehen.“</p> <p>Und das andere Argument: „Ich gewähre Gnade, wem ich will.“ Die einen sehens, alle andern nicht. Die Gabe, Jenseitiges sehen zu können, ist leider ungerecht verteilt, wie alle andern Gaben übrigens auch. Nie sehen alle alles.</p> <p>Aber Einzelne erleben Unheimliches, wie jener Arzt, der in der ARD Sendung „Unglaublich, aber wahr“ folgendes erzählt. Er war mit dem Auto in einer Berggegend unterwegs. Da steht ein Kind an der Strasse und stoppt ihn. Der Arzt öffnet die Tür und das Kind steigt wortlos ein. Bei der nächsten Abzweigung deutet das Kind nach rechts. Er will eigentlich links, fährt nun aber rechts. Noch zweimal folgt er dem Zeigefinger des Kindes, dann deutet das Kind an, er soll halten. Es steigt aus, geht zu einem Abhang und zeigt hinunter. Der Arzt steigt aus und sieht tief unten einen demolierten Bus und verletzte Kinder. Er rennt zum Wagen, telefoniert der Polizei, nimmt seine Arzttasche und steigt zu den verunfallten Kindern ab, um erste Hilfe zu leisten. Der Fahrer und die verletzten Kinder kommen mit dem Leben davon. Nur ein einziges Kind ist tot. Als die Bahre mit dem toten Kind am Arzt vorüber getragen wird, erkennt dieser verblüfft genau jenes Kind, das ihn zur Unfallstelle gelotst hatte. Spukig!</p> <p>Am liebsten möchte ich nun Ihre Geschichten hören, wo Sie vielleicht etwas von Drüben wahrnehmen durften. </p> <p>Vor Jahren ging ich in Spiez zur Beerdigung einer alten Nachbarin. Die Feier war irgendwie lieblos und trocken. Keine Träne floss, als die Urne beigesetzt wurde. Ich hatte den Eindruck, der Sohn der Verstorbenen könne es kaum erwarten, bis man wieder zur Tagesordnung übergehen konnte. Er hatte immerhin eine Cello-Spielerin engagiert, die nun am Grab ein Stück spielte. Und Sie werden es nicht glau-ben: da fings aus heiterem Himmel an zu tröpfeln. Niemand wurde ernsthaft nass, aber alle schauten zum blauen Himmel und fragten sich, woher denn diese Tropfen kämen. Es schien nur gerade auf die Trauergesellschaft zu regnen und als die Musik verklungen war, hörte auch der Regen wieder auf.</p> <p>Sie werden denken: Geistergeschichten sind aber nicht dasselbe wie die Schönheit Gottes, die dem Mose gezeigt wurde, oder wenigstens ihre Hinterseite. Vermutlich nicht. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Ab und zu darf ein Mensch Übersinnliches wahrnehmen. „Manchmal sehen wir Gottes Zukunft, manchmal sehen wir nichts“ (K. Marti). Etwas geht vorüber. Einige sehens, andere nicht. Wer etwas sieht, sieht nur die Rückseite. Was man sieht, ist nie eindeutig. Man soll keine weitreichenden Schlüsse daraus ableiten, keinen Glauben daraus machen. Unser Glaube soll auf dem Wort Gottes ruhen, auf dem, was Jesus sagt, nicht auf Rückseiten-Wahrnehmungen.</p> <p>Und doch ist es faszinierend, einmal überraschend schauen zu dürfen, dass das Sichtbare nur Teil einer viel grösseren Wirklichkeit ist. Es müssen nicht Geistergeschichten sein. Manchmal wird einem geholfen, wenn man es nicht erwartet; manchmal erkennt man plötzlich Zusammenhänge und fragt sich, ob man denn vorher blind gewesen sei. Manchmal hört man von ferne eine Melodie, die einen zutiefst rührt und ein Tor aufstösst in eine Traum-Welt. Manchmal steigt einem ein Duft in die Nase und man steht plötzlich wieder als Kind in der Küche der Grossmutter. Auch unsere Vergangenheit ist noch da! Sie ist eine Wirklichkeit gleich hinter der sichtbaren Welt.</p> <p>Kann man lernen, Jenseitiges besser wahrzunehmen? Man kann offenbar darum beten wie Mose: „Lass mich doch (wenigstens den Rücken) deiner Herrlichkeit sehen!“ Man kann lernen, achtsam zu leben. Wenn man ständig in Gedanken in der Vergangenheit stochert oder die Zukunft plant, übersieht man, was vielleicht zu sehen wäre. Aufmerksam, neugierig und mit gespitzten Ohren leben. Jesus mahnt oft, man solle wach sein, den wir wüssten ja nicht, wann der Herr komme. Aber es ist paradox: Wenn er kommt, kommt er unerwartet, ungesucht. Das Jenseits zeigt sich wohl wie junge Füchse erst, wenn es sich unbeobachtet fühlt. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“</p> <p>Und ich bin zum Scluss gekommen, dass man lernen muss, das Vorübergehende zu geniessen. Man muss der menschlichen Neigung wiederstehen, alles Schöne festhalten zu wollen. Wir hörten in der Lesung (Luk 9,33): Petrus wollte die Erscheinung von Mose und Elija festhalten: „Meister, hier ist für uns gut sein! Laßt uns drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“ Aber er redete offensichtlich Unsinn. </p> <p>Unsere Digitalkameras sind genial, aber sie unterstützen unsere fatale Neigung festzuhalten. Man sieht doch Touristen, welche die Welt nur noch durch die Kamera anschauen. Wollen sie eigentlich zuhause am Bildschirm die Reise erleben, oder hier und jetzt?</p> <p>Geniessen und zugleich loslassen. Das Festhalten zerstört den besonderen, einzigartigen Moment. Das Jenseitige will vorüber gehen. Es will später wieder kommen, dann aber sicher in ganz anderer Gestalt.</p> <p>Verlegen wir uns aufs Festhalten, so geraten wir in Teufels Küche. Sie kennen vielleicht den Pakt, den Dr. Faust mit dem Teufel schloss? „Werd ich zum Augenblicke sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn. Wenn ich beharre, bin ich dein Knecht.“ </p> <p>Stösst Gott ein Fensterlein auf zur Ewigkeit, so gibt er uns einen Vorgeschmack auf das, was kommt. Was wir einmal sehen durften, können wir einander erzählen, aber wir wollen uns dabei nicht aufhalten, sondern uns offen halten für das ganz Andere, das kommt!</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 04 Jul 2010 16:12:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: „Ich bin dein Schild“ &#40;Genesis 15,1&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;"><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/010620_heinzer_ref.mp3">(hören)</a></p> <!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --> <p style="margin-bottom: 0cm;">Liebe Gemeinde am Radio,</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Man soll sich kein Bild machen von Gott, gebietet die Hl. Schrift. Im wörtlichen Sinne können wir dieses Gebot halten, indem wir verzichten auf Gemälde und Statuen, die Gott darstellen. Im übertragenen Sinne aber brauchen wir Bilder; denn nur mit Vergleichen und Metaphern können wir von der unsichtbaren Wirklichkeit reden. Wenn Gott sich offenbart, nimmt der Mensch immer ein Bild wahr. So erhielt Abram nach Genesis 15 ein Bild, als er Gottes Stimme hörte: „Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild.“ Wussten Sie das? Ein eigenartiges Bild für Gott, der Schild. Und was mich zudem erstaunt: Es heisst nicht, Gott sei „wie“ ein Schild für Abram. Das „wie“ fehlt. „Ich <em>bin</em> dein Schild.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Der Schild war ein wichtiges Ausrüstungsstück für den Kampf. Noch heute braucht die Polizei bei gewalttätigen Demonstrationen Schilde, um vor Schlägen, Stein-  und Flaschenwürfen Schutz zu finden. Ein Schild muss massiv, hieb- und stichfest sein. Ist aber der Schild zu schwer, so macht er den Kämpfer unbeweglich. Schilde in alten Zeiten waren aus Weidengeflecht, überzogen mit Leder. Damals musste also ein Schild geölt und gewichst werden, wie die Bibel öfter sagt. Ungeöltes Leder wird mit der Zeit faltig und fleckig, wie wir von unserem Gesicht wissen, wenn es älter wird. Eine Art Gesicht war auch der Schild des Kriegers. Sein wahres Gesicht blieb verborgen unter dem Helmvisier. Von weitem aber sah man den Schild, bemalt mit den Erkennungsfarben, mit dem Wappen. So war von weitem wahrzunehmen, „was einer im Schilde führte“, zu welcher Seite er gehörte.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wie kann nun der Schild ein Name für Gott sein? Der Schild ist eine Schutz-Waffe. Verteidigen und schützen kann man sich damit. Zum Angreifen braucht es natürlich anderes Kriegsgerät. Ich kenne nun kein Wort, wo Gott sagen würde: Ich bin dein Schwert oder dein Spiess. Angriffswaffen können nicht Symbol für Gott sein. Wohl aber der Schild, und wie ein Streifzug durch die Bibel ergibt, andere militärische Verteidigungshilfen.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nach einem militärischen Erfolg soll David folgendes Lied gesungen haben: „Gott, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, bei dem ich mich berge, mein Schild und sicheres Heil, meine Feste, meine Zuflucht, mein Helfer, der mich vor der Gewalttat rettet“ (2 Sam 22,2). „Mein Fels.“ Auf dem Felsen fühlt sich der Kämpfer sicherer als darunter. Burgen wurden auf Felsen gebaut. So ist auch der Fels ein Verteidigungs- und Schutzsymbol. „Fels“ war ähnlich wie „Schild“ ein alter Name für Gott. Dann die Burg, ein Schutzraum, in dem sich birgt, ein Schutzschild aus Stein. Offenbar erlebten die Israeliten ihren Gott, ihre Religion als Deckung, Obhut und Schutz.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nach der Erfindung des Schiesspulvers verschwanden die Schilde aus den Zeughäusern. Gewehrkugeln durchschlagen jeden Schild. Kanonen zertrümmern selbst die Schildmauer einer Burg. Nun brauchte es massivere Schutzbauten: Festungen, Bastionen, Kasematten, Bunker. In Sderot, Israel, sind Bus-Häuschen ausgebaut als Betonbunker, um Schutz zu bieten, wenn Fanatiker in Palästina Kassam-Raketen auf Israel abfeuern. Auch bei uns in Stechelberg habe ich an der Strasse Bunker wie Bus-Häuschen gesehen, damit sich retten könnte, wer von einer Staublawine überrascht würde.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Der Mensch wappnet sich mit seiner Technik gegen die Gefahren, die sein Leben bedrohen. Wir kommen halt nackt zur Welt. Die Schildkröte ist besser gerüstet! Sie hat ihren Bunker immer auf Mann. Dass auch wir ab und zu einen Schutz brauchen, um uns darin zu bergen, ist klar. Würde Gott einem modernen Abram sagen: Ich bin dein Bunker, dein Schutzraum?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die handfesten Schutzbilder fasst die Bibel zusammen im abstrakten Wort „Zuflucht“. In den Psalmen heisst es über 25 mal, Gott sei Zuflucht, Schild und Burg für alle, die beim ihm Schutz suchen. Vielleicht haben Sie noch jenes andere biblische Bild im Ohr, das Gott als Schutz beschreibt: „im Schatten seiner Flügel“. Das stell ich mir so vor, obwohl ich nie neben einem Hühnerhof wohnte: Gott ist eine Henne, die ihre zarten Küken unter ihre Flügeln sammelt und in Schutz nimmt vor dem Raubvogel: „Sei mir gnädig, o Gott; denn ich flüchte mich zu dir. Im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht“ (Ps 57,2).  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wie kann Gott unser Schild sein? Dumme Frage, könnte man denken, Gott ist simpel und einfach mein Schild, wenn er mich befreit von meiner Angst, wenn er mein Problem löst, wenn er meinen Feind schachmatt setzt. Ganz recht! So konkret reden die Psalmen. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Gut, nun hat jedoch der gleiche Gott mir auch die Vernunft gegeben, und die sagt halt: „Möglich, dass Gebete erhört werden, aber längst nicht immer. Es gibt auch viele, die schwer enttäuscht sind von ihrem Gott.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Gott offenbart sich als Schild. „Fürchte dich nicht, ich bin dein Schild.“ Offenbar ist mit Krieg zu rechnen, nicht mit Frieden: Bei schöner Musik und einem Glas Wein unter guten Freunden brauche ich keinen Schild. Ich brauche einen, wenn es fürchterlich wird, wenn Steine und Pfeile fliegen. Gott ist der Schild für die Seele, meine Deckung, meine Zuflucht, wenn ich keinen Erfolg habe, kein Verständnis finde, wenn sie mich in die Enge treiben, wenn ich Angst habe, wenn mein Leben mir verleidet.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Der Schild ist eine Defensiv-Waffe, haben wir gesehen. Man versteckt sich dahinter, man hält ihn vor sich, um sich zu decken. Nun steht der Schild zwischen mir und dem Feind, und das Übel, das mir gegolten hätte, schlägt auf den Schild, nicht auf mich. An meiner Stelle, stellvertretend, fängt er das Unheil auf, mit seinem Leib sozusagen, und macht es unschädlich für mich. Klingt da nicht schon bei Abram das Christusgeheimnis an, die Mitte unseres Glaubens, mit der man sich heute eher schwer tut? Abram hörte ja nicht: „Ich bin wie ein Schild für dich,“ sondern „Ich bin dein Schild.“ Fängt Gott selber das Unheil auf? Trifft ihn, was mir gegolten hätte? Christus stirbt für uns, auch wenn wir vielleicht nicht fassen, was die dürren Worte in ihrer Tiefe bedeuten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das eigenartige Gottesbild „ich bin dein Schild“ führt nun auch zu einer eigenartigen Spiritualität. Wie sieht eine Religion aus, wenn Gott ein Schild ist? Wie erfährt man den Schutz, der da verheissen ist? Die Psalmen betonen, dass man Gott anrufen soll in der Not. Indem man Gott anruft, tritt man in seine Gegenwart. Ich eile mit meinem weichen, verletzlichen, ungeschützten Leben unter das geistige Schutzdach. Mir kommt spontan der Dolmen in den Sinn, jener Steintisch aus vorgeschichtlicher Zeit, jener mächtige Schild aus Fels, der auf massigen Blöcken ruht und einen Hohlraum bedeckt. So berge ich mich unter ihm und bringe mit mir meine Angst, meine Sorgen, mein Leid, wie ein Psalm sagt: „Schüttet euer Herz vor Gott aus! Er ist unsere Zuflucht“ (62,9).</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Vielleicht wird es deutlicher, wenn man es kontrastiert mit etwas ganz anderem. Gott als Schild ergreifen ist ganz anders als zum Beispiel Positives Denken. Nun habe ich nichts gegen Positives Denken. Wer die Kraft dazu hat, soll um Himmelswillen positiv denken! Er soll sich sagen: „Nichts kommt so schlimm, wie man befürchtet. Alles kann man überstehen. Alles geht vorbei, auch diese Not.“ Er soll meinetwegen seiner Seele vorsingen: „Weg mit den Grillen und Sorgen!“, oder „Warum sollt ich mich denn grämen?“Es geht mir von Tag zu Tag besser und besser und das Universum meint es gut mit mir.“ Das ist gewiss eine Art, spirituell mit schwierigen Tagen umzugehen, und keine schlechte, so weit sie reicht.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber Gott als Schild ist anders. Man steigt in den eigenen Seelenkeller und schaut ehrlich hin, was für Schmerz und Angst sich da angesammelt haben. Man versucht, die Not seiner Seele möglichst in Worten zu fassen. Dann ruft man den Schild an, den Schutzgott, und klagt ihm die Not, wie etwa Psalm 88: „Mein Gott und Retter, Tag und Nacht schreie ich zu dir! Ich habe mehr als genug gelitten, mit einem Fuß stehe ich schon im Grab. In den tiefsten Abgrund hast du mich gestürzt, dein Zorn drückt mich zu Boden, meine Freunde hast du mir entfremdet.“ Auf diese Weise – darf ich es sagen? – auf diese Weise distanziere ich mich von meiner Not, indem ich Gott vor mich hinhalte, Gott zwischen mich und die Not stelle. Der Schild fängt die Schläge ab, die mir gegolten hätten. Er löst meine Angst. Hoffnung erwacht. Tränen trocknen. Mut flackert auf im Dunkel, Mut, den man sich nicht selber gemacht hat.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wer Gott als Schild ergreift, beschönigt nichts, er übertreibt oft sogar, klagt und jammert, jedenfalls verschliesst er die Augen nicht vor dem Kummer seiner Seele, sondern schaut genau hin, was da weh tut. Und er versucht nicht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Er glaubt an einen andern, der sagte: „Ich bin dein Schild.“ Amen.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 20 Jun 2010 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Glück und Unglück &#40;Deuteronomium 30,15-20&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;"><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/100418_heinzer_ref.mp3">(hören)</a></p> <!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --> <p style="margin-bottom: 0cm;">Liebe Gemeinde am Radio</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">heute lese ich mit Ihnen den pathetischsten Text, der mir je untergekommen ist; pathetisch im Sinne von hochgespannt, überspitzt, vielleicht anmassend. Himmel und Erde werden da beschworen, Glück und Unglück, Leben und Tod. Das Wort ist das Fazit einer langen Predigt im 5. Buch Mose (oder Deuteronomium), einer Predigt von Mose selber, so stellt es der Schriftsteller dar, der dem Volk Israel nach der Wüstenwanderung die Leviten liest. Was mir auffällt, ist die Häufung des Wörtleins „heute“. Es bewirkt, dass ich die Bibel nicht gleich wieder zuklappe.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aus dem Deuteronomium, Kapitel 30; Mose spricht zu Israel:</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Hier und heute habe ich dir Leben und Glück vorgelegt, oder Tod und Unglück. Hörst du auf die Gebote Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, indem du deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden, und Gott wird dich segnen in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen. Wendest du aber dein Herz ab und hörst nicht; lässt du dich verführen und wirfst du dich nieder vor anderen Göttern und dienst ihnen - so erkläre ich heute: Dann werdet ihr ausgetilgt; ihr werdet nicht lange leben in dem Land, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst. Himmel und Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben oder Tod lege ich dir vor, Segen oder Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Mein Gott, Zuckerbrot und Peitsche! Hältst du die Gebote, so belohnt dich Gott, aber wehe, wenn du sie nicht hältst, dann setzt es Hiebe. Da haben wirs. Von diesem Text also stammt die landläufige Religion. Dieser Text ist also verantwortlich für die hartnäckige Vorstellung, Gott sei der allwissende Polizist im Himmel, der Samichlaus und Schmutzli zugleich, der die Braven belohnt und die Rüpel bestraft.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Hier haben wir den Text, der fromme Eltern verführt, Gott als Erziehungshilfe zu missbrauchen. Mussten Sie das erleben in Ihrer Kindheit? Die strengen Eltern, die für ein kleines Kind eh schon allmächtig sind, verstärken ihre Macht und Kontrolle, indem sie Gott beschwören, der alles weiss, alles sieht und alles kontrolliert, was du tust? Was du tust, das ginge ja noch, aber auch alles, was du flüsterst und träumst und denkst! Und ereilt dich die Strafe nicht heute oder morgen, dann umso schlimmer und unwiderruflich in der Ewigkeit. Grauenhaft.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich selber hatte Gott sei Dank eine gnädige Kindheit. Meine Eltern kennen diese Bibelstelle nicht. Sie reden selten von Gott. Sie missbrauchten Gott nicht, um ihre eigene Macht über uns Kinder auszubauen. Ich bin ihnen dankbar. Aber als Pfarrer kenne ich natürlich viele, die mit einem allgegenwärtigen, allwissenden unheimlichen „grossen Bruder“ im Genick aufwachsen mussten, den sie zu guter Letzt auch noch lieben sollten, um nicht ewig in der Hölle zu schmoren. Was das mit einer Kinderseele machen kann, davon wissen Psychiater schlimme Geschichten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Hier steht es ausdrücklich: „Der Herr, dein Gott“, mit Zuckerbrot und Peitsche. Übrigens: Was Eltern mit ihren Kindern machen, hat über Jahrhunderte die christliche Obrigkeit mit ihren Untertanen gemacht. Sie erklärte ihre eigenen Vorstellungen von Moral und rechtem Glauben für Gottes Willen. Sie drohten, wenn das Volk diesem Willen widerstrebe, werde es von Gott gestraft, mit Unwetter, Hungersnot und Erdbeben. Daraus leitete die Obrigkeit ihr Recht ab, all jene mit Gewalt zu verfolgen, die ihren Vorstellungen zuwider lebten. Sittenmandate, Ketzer- und Hexenverbrennungen sollten nur dazu dienen, drohende göttliche Strafen und Katastrophen vom Volk abzuwenden. Man meinte es in den Ratsstuben also nur gut mit dem Volk. Auch in den Kinderstuben meinen es die Eltern ja nur gut. Ich sage das nicht zynisch. Leider passieren die grössten Dummheiten den Menschen, die es aufrichtig gut meinen mit uns.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Mose-Predigt, die wir betrachten, steht also hinter der Idee, ein allwissender Richter im Himmel belohne die Guten und bestrafe die Bösen. Wollen wir diesen Text nun aus der Heiligen Schrift herausreissen und verbrennen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Erstens: Das ist zu spät, es nützt nichts mehr. Jedes Kind, das auch nur einen Schluck Religion mitkriegt, weiss, dass Gott belohnt oder bestraft. Daran ist vermutlich nicht einmal Mose schuld. Wir scheinen in unserem Gehirn ein Denkmuster zu haben, das zwingend so arbeitet. Wenn es „höhere Wesen“ gibt, dann wissen sie alles über uns und belohnen oder strafen, segnen oder fluchen. Wir denken automatisch so vom Himmel, und die Mose-Predigt spricht nur aus, was die Religiösen in aller Welt denken, dass uns nämlich aus dem unwägbaren Jenseits Zuckerbrot lockt oder Peitsche droht.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Zweitens: Was ich etwas abfällig die Zuckerbrot-und-Peitsche-Religion nenne, enthält halt auch eine tiefe Wahrheit, auf die niemand verzichten sollte. Sie heisst: Es kommt drauf an, was du tust. Es ist nicht Wurst, wie du dich entscheidest. Dein Leben hat Bedeutung. Dein Tun löst Unberechenbares aus, das auf dich und viele andere zurück wirkt. Diese Überzeugung kann man nicht hoch genug schätzen. Religiös wird sie begründet damit, dass Segen und Fluch auch von dir und deinen Entscheidungen abhängen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich habe skizziert, wie Obrigkeiten und wohlmeinende Eltern diese Wahrheit missbrauchten, um Kleine zu unterdrücken. Wissen Sie, es sind immer Wahrheiten, die missbraucht werden. Unsinn eignet sich kaum zum Missbrauch. Nun gilt aber der alte Satz auch hier: Dass eine Wahrheit missbraucht wird, macht sie nicht zur Lüge. Sie bleibt wahr, und die Wahrheit unseres Bibeltextes will ich nun am Wort „heute“ darlegen, das in unserem Bibelwort hervorsticht.</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Hier und heute habe ich dir Leben und Glück vorgelegt, oder Tod und Unglück.“ „Hörst du auf die Gebote Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, so wird Gott dich segnen.“ „Wirfst du dich aber nieder vor andern Göttern und arbeitest für sie, so erkläre ich heute: Ihr werdet nicht lange leben…“ „Himmel und Erde rufe ich heute als Zeugen an gegen euch.“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Himmel und Erde“, haben Sie’s geachtet? Nicht Himmel und Hölle. Von der Hölle wusste man damals noch nichts. Das Thema hier ist der Segen der Erde, das gute Leben hier und jetzt, das Glück. Für dein Glück ist entscheidend, wie du dich heute entscheidest. Dieses „heute“ gibt dem Tag eine einzigartige Bedeutung. Auf die kleinen Entscheide, die du heute fällst, kommt es an. Heute gewinnst du, oder du verlierst. Heute stellst du Weichen. Mach dir nichts vor! Nimm dir nichts vor für morgen. Tu heute, was recht ist. Gib heute von dem, was du hast. Bringe heute jemanden zum Strahlen. Verzichte heute auf das, was schadet. Hör heute auf, andere Götter zu bewundern, die nur dein Geld und deine Zeit fressen. Du sollst nicht anderen Göttern „dienen“, heisst es, du sollst also heute aufhören zu arbeiten für Mächte, die dich klein machen und knechten. Deine Arbeit soll deinen Nächsten dienen, arbeite heute so gut für sie, wie auch für dich. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagt Jesus zum Schächer, der neben ihm am Kreuz hängt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das „Heute“ entscheidet, und das vertreibt die Wurstigkeit, die sich ausbreitet wie giftiger Nebel: „Ist doch alles Wurst, ist doch alles egal, kommt doch nicht drauf an“. Gleichgültigkeit ist hochgefährlich. Sie ist der Keim zur Depression. Ja, wir wollen glauben, dass es drauf ankommt, was wir tun, wie wir entscheiden. Wer einem Durstigen heute einen Becher Wasser gibt, der gibt Christus zu trinken, der wirkt Segen in himmlischen Dimensionen, der wirkt Glück.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das Gestern gehört den Dämonen, das Morgen gehört noch Gott. Aber das Heute gehört mir. Schön hat Andreas Gryphius gesagt: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein. Und nehm ich den in Acht, so ist Der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Amen.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 18 Apr 2010 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt Karfreitag: Eine Antwort auf das Leiden? &#40;Markus 15,33-39&#41;</title>
      <description><![CDATA[<!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --> <p style="margin-bottom: 0cm;"><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/100402_heinzer_ref.mp3">(hören)</a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Liebe Gemeinde am Radio</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Heute kann man nicht ausweichen. Heute steht die alte, sperrige Frage auf der Traktandenliste der Kirchen: Wie kann ein guter Gott das furchtbare Leid in der Welt zulassen? Normalerweise gehe ich dem verflixten Thema auf Zehenspitzen aus dem Weg. Man kann ja nicht ständig probieren, mit seiner Taschenlampe die ewige Nacht des Universums auszuleuchten. Aber heute ist Karfreitag. Schenken wir der leidigsten Frage der Welt zehn Minuten Aufmerksamkeit! Ich glaube, dass das Sterben des Propheten Jesus am Kreuz, des „Sohnes Gottes“, wie Christen sagen, das Leid der Welt in ein besonderes, neues Licht taucht. Vielleicht kann man die unvermeidlichen Leiderfahrungen des Lebens anders tragen mit Karfreitag vor Augen. Hören wir den Evangelisten Markus, Kapitel 15.</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Sie kreuzigten Jesus, zusammen mit zwei Aufrührern, den einen links, den andern rechts von ihm. Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“, das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: „Hört, er ruft nach Elija!“ Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: „Laßt uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.“ Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riß der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das letzte Wort von Jesus war die verzweifelte Frage aus Psalm 22: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So erzählt das älteste Evangelium. Und Jesu letzte Lebensäusserung war dieser gottverlassene Schrei. Keine Antwort gab es auf seine Frage. Jede schlimme Antwort wäre besser als dieses Schweigen: keine Antwort. Wer Tod, Trennung und Schmerz erfährt, weiss, wie es ist. Die Frau, die ihr Totgeborenes auf den Arm nimmt; das Kind, das zuschaut, wie man die Leiche seiner Mutter aus den Trümmern gräbt; der Mann, der versteinert die Diagnose aus dem Mund des Arztes vernimmt, – alle fragen „Warum?“ und kriegen keine Antwort. Gott lässt seine Leidenden schmoren in Sinnlosigkeit.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das andere grosse Drama der Bibel, das Buch Hiob, erzählt, wie Unglück und Krankheit über den gerechten Hiob kommen und ihn ins Elend stürzen. Wie er da in der Asche sitzt und seine bösartigen Geschwüre kratzt, kommt seine Frau und schreit:“Wie lange willst du dich noch an deinen Glauben klammern!? Fluche Gott und stirb!“ Aha, diese Frau kenne ich! Es ist meine Ratio, meine Vernunft. Sie sagt hämisch: „Es kann doch alles nur Zufall sein, sinnloser Zufall. Ein so genannter guter Gott, eine irgendwie geartete, höhere Intelligenz könnte doch nie zuschauen, was da unten abläuft! Denk an die Erdbeben, denk an die grauenhaften Gefängnisse, Konzentrationslager, an die unzähligen brutal zu Tode Gefolterten. Hör doch auf mit deinem „allmächtigen lieben Vater“, „der alles so herrlich regieret“. Gib endlich deinem logischen Denken Recht, vergiss diesen Gott und heiz den Ofen mit deiner Bibel.“ Frau Hiob ist nicht leicht zum Schweigen zu bringen. Vielleicht höre ich ihre Stimme noch auf dem Totenbett.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Hiob hörte sie, aber er hörte nicht <em>auf</em> sie. Und auch ich höre hier mal nicht auf die Logik meines Denkens. Warum nicht? Weil gerade die Logik meines Denkens selber sagt: Gibt es einen Gott, so kann er mit logischen Gedanken nicht erfasst werden. Die Logik unseres Spatzenhirns kann nur mit Raum und Zeit arbeiten. Und heute sagen es Astronomie und Quantenphysik, dass Raum und Zeit unzureichende Begriffe sind, um das ganz Grosse oder das ganz Kleine der Schöpfung zu erfassen. Das gilt erst recht von der schaffenden Kraft selbst, hinter allem, was ist! Liebe Frau Hiob, liebe Ratio: Zum Geld zählen und Krimi lesen möchte ich auf dich nicht verzichten! Aber bitte, halt am Karfreitag den Mund. Heute fragen wir nach Dingen zwischen Himmel und Erde, von denen die Schulweisheit nicht einmal träumt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Irgendwie stirbt da Gott am Kreuzgalgen, an den ihn seine Menschen hängten. Das sagt der Glaube. An jenem Kreuz, im tiefsten Leid – da ist irgendwie Gott drin. Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Ich weiss schon: Manche denken, Jesus sei ein Mensch gewesen, nichts weiter, ein Prophet. Mit dieser Ansicht ist natürlich nicht zu erkennen, dass Gott im Leiden ist. Aber die Botschaft des Evangeliums ist deutlich anders. Haben Sie es beachtet? Im Jesusbüchlein des Markus ist es ein römischer Hauptmann, der erste Nichtjude, der die Erkenntnis ausspricht: „Wahrhaftig; dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Und zwar sagte er das, heisst es, als er Jesus „auf diese Weise sterben sah“, also sterben in Verzweiflung, mit der unbeantworteten Frage auf den Lippen. Da am Kreuz ist Gott: im Leiden ist Gott, sagt das Evangelium.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ist das eine frohe Botschaft? Ich weiss es noch nicht, jedenfalls stellt es die übliche Religion auf den Kopf. Die übliche Religion sagt: Gott ist jene Macht, die dir hilft und dich belohnt, wenn du anständig bist und dir Mühe gibst. Die übliche Religion gibt es in tausend Abarten auf der Welt und die meisten von uns liebäugeln mit ihr für ein paar Jahre ihres Lebens: Gott hilft dir, wenn du gut bist. Diese Religion fällt am Karfreitag zusammen wie ein Kartenhaus. Markus sagt es mit dem Bild der alten Religion: Der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste verdeckte, riss entzwei von oben bis unten. Nun sieht man ins Allerheiligste und was ist zu sehen? Der leidende Christus.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Da hängt er inmitten von Verbrechern. Es ist nicht zu verstehen, warum es ihm so gehen muss. Er hätte es wahrhaftig anders verdient. Hält sich Gott denn an gar keine Regeln? Jesus brachte Tausenden das Gottvertrauen, er gab ihnen neue Hoffnung. Er war ein beliebter Rabbi und missbrauchte seinen Einfluss nicht zum eigenen Vorteil. Er war der Mensch, an dem „Gott Wohlgefallen“ hatte, wie Markus schreibt. Und dieser Sohn Gottes geht unter Schmerzen kläglich zugrunde! Das ist nicht zu verstehen. Aber etwas Neues berührt unser Herz. Gott ist zwar die Macht, die wir anrufen, um uns vor Leid zu bewahren. Aber zugleich ist Gott auch in unserem Leid. In Leid und Schmerz berühren wir Gott selbst. Ostern wird dann sagen: Gott ist es, der das Leid wendet. Aber Karfreitag sagt: Gott ist es, der in uns leidet. Logisch ist es nicht, vielleicht aber wahr.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Diese Ahnung, dass Gott im Leid ist, hilft ertragen. Der Weg des Sohnes Gottes führt durch Leiden und Tod. Er ist auch mein Weg. Zwar scheuen selbst meine Freunde vor meinem Leiden zurück. Man wechselt die Strassenseite, wenn ich komme. Nobody Knows the Trouble I‘ve Seen - Keiner kann ermessen, was ich durchmache. Aber: Gott ist da mit drin. Im Leiden ist Gott mir sehr nah; so nah, dass ich ihn auch im Glauben nicht mehr wahrnehme. Nur die Ahnung bleibt noch: Er leidet in mir.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und bei dieser Ahnung sollten wir es belassen. Sie wissen ja, wir Theologen haben ein Flair für Übertreibungen. Ich bin drauf und dran, weiterzufahren: „Nur im Leiden kann man dem wahren Gott begegnen!“ Oder: „Der Gott von Jesus ist kein nützlicher Gott. Nicht im Erfolg ist er zu finden, nur im Scheitern!“ Aber das sind doch dumme Sprüche. Auch als Jesus einem Blinden das Augenlicht wiedergab, war Gott drin. Und wer abends „uf em Bänkli vorem Huus“ sitzt und dankt für einen friedlichen Tag, berührt ebenfalls Gott. Trotzdem: Karfreitag - auch im Leiden ist Er.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das hören nun vielleicht „Pan-Theisten“ und rufen: „Sagen wir ja schon immer. Überall und in allem ist Gott.“ Nein, tut mir leid. So weit geht meine Ahnung nicht. Das ist mir wieder eine rationale Übertreibung. Ich ahne Gott im leidenden Jesus, ja. Aber diese Ahnung würde ihren Trost verlieren, wenn Gott einfach überall wäre. Wie soll ich es sagen? Es ist tröstlich zu wissen, dass ein Mensch bei mir bleiben will, auch wenn ich sterbe. Aber dass es immer und überall Menschen hat, auch wenn ich sterbe, tröstet mich nicht. Das ist mir zu abstrakt. Und gibt es nicht auch Gottloses in dieser Welt, Orte und Zeiten und Absichten, wo Gott nicht ist?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Dass Gott auch im Leiden ist; ist eine Ahnung, und bei der sollten wir es belassen. Sonst kommt noch einer auf die Idee, das Leiden zu verherrlichen, das Leiden gar zu suchen, um Gott zu finden. Es habe seinerzeit Kirchen gegeben, welche die neuerfundene Pockenimpfung ablehnten, weil sie das Leiden als Strafe Gottes verstanden und meinten, man dürfe doch Gott nicht ins Handwerk pfuschen. Aber das ist doch Masochismus, nicht Evangelium! Das Evangelium des Karfreitags, dass Gott auch im Leiden ist, soll man nur erzählen. Bastelt man daraus irgendein rationales Dogma, tappt man mit Sicherheit in eine Falle.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Ahnung, dass Gott auch im Leiden ist, enthebt uns übrigens der leidigen Notwendigkeit, in jedem Leiden einen Sinn zu suchen. Unser Hirn ist halt so gestrickt, dass es uns leichter fällt, Leiden zu ertragen, wenn wir einen Sinn darin erkennen. Unser Hirn sucht von selber eifrig nach Sinn, sobald wir Leid sehen oder erfahren. Habe ich mir das Leid selber zuzuschreiben? Will Gott vielleicht strafen? Will er, dass ich mein Leben ändere? Will der Schmerz mich erziehen? Wozu? Habe ich in früheren Leben Dummheiten angestellt? Muss ich mein Karma abarbeiten?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Karfreitag sagt: Du musst dir keinen Sinn für das Leiden ausdenken. Dein Leid ist nicht sinnlos, weil der, welcher das Leben selber ist, auch für sich den Weg des Leidens und Sterbens gewählt hat. Sinn-Antworten aber, die der Mensch sich ausdenkt, sind meistens Holzwege. Der Sohn Gottes bekam keine Antwort auf seine verzweifelte Warum-Frage. Aber halte dich offen für die Ahnung, dass du im Leiden Gott selber berührst. </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Amen.</p>]]></description>
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      <pubDate>Fri, 02 Apr 2010 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Lästig sein &#40;Jesaja 46,3-8&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/010214_heinzer_ref.mp3">(hören)</a></p> <p>Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio</p> <p>Kürzlich sagte ich zu einem jungen Mann: „Sie habe ich schon auf dem Arm getragen, Herr Bissegger!“ Er schaute mich entgeistert an. Er meinte, ich wolle ihn – im übertragenen Sinn – auf den Arm nehmen. Wie sollte er wissen, dass ich ihn einst getauft hatte! Es gibt nicht mehr viele, ausser meinen Eltern, die zu mir sagen können: „Dich habe ich auch schon auf dem Arm getragen.“ Die meisten sind gestorben, und inzwischen habe ich ziemlich an Volumen zugelegt, so dass ich eigentlich nicht mehr tragbar bin – ausser es wollten mehrere Träger mit anpacken.</p> <p>Sie hören es: „Tragen“ brauchen wir oft im übertragenen Sinn, als Bildwort, als Metapher fürs Leben. Unsere erste Erfahrung war ja, dass wir buchstäblich getragen wurden, zunächst im Leib der Mutter, dann auf ihren Armen. Selber stehen – „Selbständigkeit“ ist uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen das mühsam lernen. Noch lange schleppten uns wohl Geschwister und Verwandte herum. Und fielen unsere kleinen Torkelschritte allzu zögerlich aus, packte uns vielleicht der starke Arm eines Mannes und hob uns auf seine Achseln, damit es endlich wieder vorwärts ging. „Getragen werden“ ist ein Gleichnis der Geborgenheit. Wir mögen uns „wie getragen“ vorkommen, wenn wir Hindernisse überwunden und Durststrecken ertragen haben. In diesem Sinne braucht der Prophet Jesaja das Wort „tragen“, wenn er Gott Worte gibt, ziemlich energische Worte, um seinem Volk eine spirituelle Tatsache einzuprägen:</p> <blockquote> <p>„Hört, Volk Israel – sagt Er – ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Und ich bleibe derselbe in alle Zukunft! Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Da schütten sie Gold und Silber aus ihrem Beutel, beauftragen den Goldschmied und der macht ihnen einen Götzen draus. Vor dem werfen sie sich nieder! Sie heben ihn auf ihre Schultern, sie tragen ihn feierlich umher, sie setzen ihn wieder ab - und da steht er dann und rührt sich nicht. Ruft jemand um Hilfe? Der antwortet nicht! Der rettet keinen aus der Not. Macht euch das einmal klar, und nehmt es euch zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!“</p> </blockquote> <p>Der Prophet legt hier ein Urwort aus, das er in heiligen Schriften findet. Das Wort wird dem Mose zugeschrieben. Er habe rückblickend zu Israel gesagt: <em>„Durch die Wüste hat Er euch getragen wie ein Vater sein Kind, den ganzen langen Weg bis hierher“</em> (Dt 1,31). Andernorts lesen wir sogar: <em>„Auf Adlerflügeln habe ich euch getragen.“</em> (Ex 19,4). „Getragen sein“. Wie klingt eine Stimme, die sagt: „Die ganze Zeit hat Gott uns getragen“? Ich höre eine alte Stimme. Junge würden kaum so etwas sagen. Wer vom Getragen-Sein spricht, der blickt zurück in die Vergangenheit, der gedenkt eines begangenen Weges.</p> <p>Sie kennen wohl die weltbekannte moderne Geschichte „Spuren im Sand“? Da blickt einer zurück auf sein Leben. Er sieht im Sand die Spur seiner Füsse, und erstaunlicherweise daneben eine zweite Spur. Dankbar realisiert er: „Ich war nie allein. Gott ging immer an meiner Seite“. Doch dann sieht er Wegabschnitte, die schwierig waren in seinem Leben, und da sieht er nur eine einzige Spur. „Wo ist die zweite Spur?“, sagt er, „warum hast du mich allein gelassen, Gott, ausgerechnet auf schwierigen Strecken?“ Und Gott antwortet: „Auf schwierigen Strecken habe ich dich getragen.“</p> <p>Schön, wenn ein Leben bis zu diesem Aussichtspunkt gelangen kann: Man ist angekommen, man kann zurückblicken. Dankbarkeit vergoldet die Vergangenheit wie Abendsonne das Tal und man kann mit Überzeugung sagen: „Eigentlich bin ich getragen worden“, „durchgetragen“, sagen manchmal fromme Alte. Es ist der Rückblick, der die Erkenntnis wachsen lässt, dass einen nicht nur die eigene Kraft so weit gebracht hat. „Bis hierher hat uns Gott geholfen“. Ich kann mir das denken und stelle es mir auch schön vor, so eine dankbare Rückschau auf einen Weg, den man bewältigt hat. Aber ich rede nicht so, beileibe nicht, noch nicht! Im Augenblick, in meiner Gegenwart ist das Gefühl des Getragen-Seins für mich nicht so unheimlich eindrücklich; im Gegenteil. Ich muss meine Beine selber unter den Arm nehmen, ich muss mich in den Hintern klemmen, ich muss mich selber schleppen. Wollte mir einer sagen, ich sei doch wunderbar geborgen und getragen, würde ich verdrossen zurück fragen: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“ Israel wanderte wahrhaftig auf seinen eigenen müden Füssen durch jene Wüste! Erst im Rückblick, lange nachher, erdreistet sich einer zu behaupten: „Durch die Wüste hat Er euch auf Adlerflügeln getragen wie ein Vater sein Kind.“ Darüber muss nun gestritten sein! Diese rosarote Fantasie von Gott als Adler, der seine Jungen auf seinen Flügeln trägt, solange sie noch nicht recht fliegen, die Vorstellung von Gott als Porteur, als Träger, als Dienstmann ist sicher nett. Aber sie funktioniert eh nur im Rückblick, haben wir gesehen. In der Maloche der Gegenwart merkt man nichts davon.</p> <p>„Ich bin durchgetragen worden“ sagt sich doch wohl die alternde Seele, um sich leichter mit ihrem schlimmen Weg des Lebens zu versöhnen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber den Kämpfern und Krampferinnen in der Blüte des Lebens komme man damit nicht! Uns kommt Gott nicht so sehr vor als Vater, der uns trägt, eher als Aufseher, der uns antreibt; das muss doch mal gesagt sein! Die Worte Jesajas haben umgekehrt auch einen ärgerlichen Unterton. Da zankt Gott mit seinem Volk, weil es eben nicht wahrnehmen kann und wahrhaben will, dass es schon immer getragen war, ausgetragen und durchgetragen von seinem Gott. „Hört, Volk Israel, ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Macht euch das einmal klar, und nehmt es euch zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!“ Da läuft offensichtlich eine heisse Debatte.</p> <p>Nun will ich mich mal auf die Seite des Propheten stellen und auf seiner Seite argumentieren gegen mich selber. Du merkst es nur nicht, Mensch, in deinem eingebildeten Dünkel, wie du ständig getragen bist! Du meinst, du allein seist es, der aus eigener Kraft lebt und kämpft und vorwärts schreitet, alles hänge von dir und deinem grossmauligen Ich ab. Wenn es dir gut geht, sagst du selbstgefällig: „Man muss halt auch etwas tun dafür!“, und wenn es dir schlecht geht, fragst du dich, was du wohl falsch gemacht haben könntest. Realisierst du denn nicht, was für eine kleine Nebenrolle dein anmassendes Ich spielt im Drama deines Lebens? Wenn du auf gesunden eigenen Beinen stehen kannst, hast du das dir selber zu verdanken? Lernst du nichts, wenn du Menschen im Rollstohl begegnest? Unzählige arbeiten und schwitzen für dich, auch in entfernten Erdteilen, damit du dich ausgewogen ernähren kannst. Tag für Tag schorren Bauern zweimal den Mistgraben für dich, damit du deinen plastikverpackten Käse kaufen kannst. Wie viele Tiere haben wohl schon ihr Leben gegeben, um dich zu ernähren? Zellen, von denen du null Ahnung hast, sorgen dafür, dass du Milligramme von jenen Spurenelementen aufnimmst, die du nichtsahnend, aber unbedingt brauchst. Streiken einige von ihnen und fehlt dir ein Milligramm, so versinkst du im Strudel einer Depression. Was nützt es dann, dass du dich zusammenreisst; kannst du es überhaupt noch? Du weisst doch, dass Hunderttausende täglich ihr Leben lassen für dich? Ich meine die Fresszellen deines Immunsystems. Sie werfen sich auf Viren und Bakterien, umarmen sie und sterben mit ihnen wie Winkelried, damit du lebst. Hast du ihnen das beigebracht? Weisst du überhaupt von ihrem Opfer? Wie lange noch willst du auf die Weisheit des Alters warten, damit sie dich lehrt, dass du getragen bist? „Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“ Keiner ist weise, der nicht realisiert, wie getragen er ist. Keine ist vernünftig, die sich nicht verbeugt vor dem Geheimnis, das uns trägt.</p> <p>Ich gebe mich geschlagen, sicher überredet. Im Moment fehlen mir Gegenargumente. Aber begeistert bin ich halt auch nicht. Getragen werden ist gar nicht so lustig! Ich möchte lieber auf eigenen Beinen stehen und gehen, wohin ich will. Und ich will ja niemandem zur Last fallen. Ja, oft habe ich das schon gehört bei alten Leuten: Ich will niemandem zur Last fallen. Manchmal lässt dieser Wunsch sogar an Suizid denken. Und ich höre den Propheten schon donnern: Wer getragen wird, ist immer eine Last! Du warst deinen Eltern eine Last, du bist deinem Partner eine Last, du bist deinen Kindern eine Last, von deinen Mitarbeitern gar nicht zu reden.</p> <p>Keiner ist weise, der nicht merkt und dazu ja sagt, dass man andern immer auch lästig ist. Natürlich nicht nur. Überspitzt gesagt sind wir einander oft Lust und Last zugleich. Aber auch die süsseste Last wird dem Träger früher oder später lästig. Ich durfte soeben die süsseste Last tragen: Unseren neugeborenen ersten Enkel. Und nach einer halben Stunde – was denken Sie nun von mir? – war ich ganz froh, die liebe leichte Last in andere Arme legen zu können. Im Moment meiner Zeugung wurde über mich entschieden, dass ich andern zur Last fallen werde, lebenslänglich. Dafür kann ich nichts, aber die Wucht dieser Erkenntnis holt mich vom goldenen Sockel, auf dem ich so gern stehe. Sie macht mich hoffentlich verständnisvoller, geduldiger mit meinen Lieben. Ich bemühe mich ja gern, für sie ein wenig mehr lustig zu sein als lästig. Aber getragen bin ich immer, ob ich es merke oder nicht, getragen von meinen Mitmenschen, vom Leben, von Gott. Und ich will doch dankbar sein dafür, dass man meine Last noch nicht abgeworfen hat.</p> <p>Amen.<br /><br /></p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 14 Feb 2010 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Adventspredigt: Gott ist im Kommen &#40;Lukas 17, 20-21&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>„Gott selbst wird kommen und euch erretten,“ haben wir gehört. Das letzte Buch der Bibel braucht eine ähnlich geheimnisvolle Umschreibung Gottes: „Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt.“ Kann man von Gott sagen, er komme? Er ist doch längst da. Er ist in uns, um uns, in ihm „leben, weben und sind wir“. Vom Winter kann man sagen, er komme, und vom Frühling. Was aber soll es bedeuten, von Gott zu sagen, er komme? In Weihnachtsliedern singen wir: „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“, oder „Herbei, o ihr Gläubigen, o kommet, o kommet nach Bethlehem!“, „Kommet ihr Hirten, kommet das liebliche Kindlein zu schaun.“ Kinder und Hirten und Gläubige sollen kommen. Dabei ist wohl die Weihnachtsbotschaft gerade nicht, dass wir kommen, sondern dass Er kommt. Georg Schmid (er war kürzlich bei uns zu einem Vortrag) sagt in seinem Weihnachtslied zu Gott: „Komm du zu uns, weil wir zu dir nicht finden.“ Wenn wir sorgfältig darauf horchen, wie die Bibel von Gott redet, glauben wir an einen Gott, der nicht darauf wartet, dass seine Menschen endlich zu ihm kommen, sondern an einen Gott, der selber kommt, der in der „Zukunft“ wohnt, in dem, was kommt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wir hören den Predigttext aus dem Evangelium nach Lukas 17:  </p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. 21 Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Liebe Gemeinde,</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Pharisäer fragen: Wann kommt das Reich Gottes? Die haben wenigstens noch auf etwas Schönes gewartet! Sie waren überzeugt, dass bald eine neue Zeit anbrechen werde, dass Gott einen starken Mann in die Welt schickt, der die Römer zum Tempel hinaus wirft und Wohlstand und Frieden bringt für Gottes Volk. Gespannt beobachteten sie, was in der Welt passierte und fragten dabei ständig: Ist das ein Zeichen, dass jetzt das Reich Gottes kommt? Und Jesus teilte ihre Erwartung! Er lehrte seine Jünger beten: „Dein Reich komme“, und die Zusammenfassung seiner Verkündigung war: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt dieser frohen Botschaft!“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Heute, 2000 Jahre später: Ist das Reich Gottes jetzt gekommen? Darüber streiten die Theologen. Und wir beten noch immer: „Dein Reich komme!“ Nun nimmt mich aber Wunder: Rechnen wir überhaupt damit, dass da noch etwas kommt?  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">In Eurem Leben: gibt es etwas, das kommt? Kinder würden sofort sagen: Weihnachten! Die Adventszeit ist für sie das Wartezimmer vor dem „Gschänkli-Abe“. Jugendliche würden vielleicht sagen: Schulschluss, Konfirmation kommt, die Lehre kommt auf mich zu, das Leben in der Erwachsenenwelt. Ich warte darauf, dass wohl bald unser erstes Grosskind auf die Welt kommt. Ältere Leute wissen: Vielleicht kommt Krankheit, sicher aber kommt der Tod. Die Frage ist auch hier nur: Wann? Das sind Erwartungen in einem Einzelleben. Worauf wartet Ihr gerade?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Es gibt immer etwas zu erwarten, und solange wir noch auf etwas warten, so lange sind wir lebendig. Ich vermute, „Erwartung“ oder „Hoffnung“ sind andere Namen für die Lebenskraft, für das, was uns am Leben hält, für den „Élan vital“. Dazu gibt es vielleicht auch in Eurer Familie Geschichten wie diese: Mutter war alt und schwach geworden. Im Oktober hat sie „es Schlegli“ erlitten und musste in den Rollstuhl. Ihr Jüngster wollte im nächsten Mai Hochzeit feiern. Sie freute sich wie ein Kind auf diese Hochzeit, aber ihr Körper wurde immer schwächer. Man musste damit rechnen, dass sie bald in die obere Heimat abberufen würde. Aber nein: sie konnte an der Hochzeit dabei sein! Kurze Zeit später aber starb sie. War es die Hoffnung, die Erwartung dieser Hochzeit, die sie noch am Leben erhalten hatte?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Dass wir vorwärts schauen, in die Zukunft, und auf etwas warten, das auf uns zu kommt, das erhält uns am Leben, und wenn es nur die Erwartung ist, dass es endlich Schnee gibt auf die Pisten, oder dass es endlich wieder Frühling wird und warm. Erwartungen sind Treibstoff für unsere Seele.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber Jesus und die Pharisäer hatten noch eine andere Erwartung, eine Erwartung, die über ihr persönliches Leben hinausging. Sie warteten auf das Reich Gottes für ihre Welt. Sie konnten glauben, dass eine bessere Welt im Kommen war, eine neue Gesellschaft, wo die Blinden sehen und die Armen vor Freude tanzen. Sie warteten darauf, dass irgendwie Gott kommt. Für sie war Gott nicht einfach überall. Das wohl auch, aber Gott „kommt“. Spricht man so von Ihm, so ist er ist nicht einfach da, noch nicht. Er ist unterwegs. Die Haltung der ersten Christen kann man vergleichen mit Leuten, die ihre Verwandten abholen auf dem Flughafen. Man redet von denen, „die da kommen sollen“, wie wenn sie schon da wären. Geistig sind sie präsent, obwohl sie erst noch kommen. Sie sind unterwegs, im Sinkflug, sie liegen in der Luft. Können wir auf einen Gott warten, der in der Luft liegt? Es ist wohl leichter zu glauben, dass die Schweinegrippe in der Luft liegt, was?  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich muss gestehen, dass mir die kindliche Hoffnung auf den Gott, der bald kommt, abhanden gekommen ist, wenn ich sie je hatte. Aber ich spüre auch, wie mir diese Hoffnung fehlt, wie meine Seele sie eigentlich nötig hätte. Vorfreude ist die beste Freude. Das Fiebern auf eine spannende, bessere Zukunft hin ist etwas einzigartig Schönes. Ich wollte, ich hätte mehr davon. Hoffnung ist ein Jungbrunnen für die Seele.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Vielleicht entsteht deshalb wie von selber alle zehn Jahre irgendeine Form von „New Age“-Hoffnung. Esoterisch Gläubige können sich jetzt wieder auf 2012 freuen. Entweder geht da die Welt unter, oder ein völlig neues Bewusstsein macht sich breit, glaubt man. Ich muss ehrlich sagen, dass ich für diesen Glauben zu alt bin, schon etwas zynisch: Zu viele Weltuntergänge habe ich schon überlebt, ich kann mich nicht mehr recht freuen auf den Nächsten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber die Hoffnung für eine neue, bessere Welt (nicht nur für unser privates Leben) ist notwendig! Sie ist nicht freiwillig. Wir müssen sie aus der Bibel saugen, müssen sie pflegen und schützen, wie eine Kerzenflamme vor dem Wind! Die Welt braucht Menschen mit Hoffnung.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">In Rom diskutierten die Mächtigen unserer Welt darüber, wie man den Hunger überwinden, wie man allen genug zu essen geben könnte. Habt Ihr die Erwartung, dass eine Welt kommt, wo niemand mehr Hunger muss haben? Schwer zu glauben.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Bald reisen die Mächtigen nach Kopenhagen zum Diskutieren, wie man die Erwärmung unseres Planeten stoppen kann. Wenn wir weiter motoren und heizen, hat das apokalyptische Folgen, das heisst katastrophale. Glaubt Ihr, dass die Menschheit ihre Motorensucht überwinden wird? Schwer zu glauben, oder nicht?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber es ist schlimm, wenn man nicht an eine bessere Zukunft glaubt! Wir müssen daran glauben, dass wir einmal den Hunger besiegen werden. Wir müssen daran glauben, dass die Menschen aufhören, mit ihren Motoren das Klima anzuheizen. Wir müssen daran glauben, dass nicht immer nur Dummheit und Selbstsucht regieren, sondern auch einmal Vernunft und Liebe. Wir müssten ans Reich Gottes glauben, das kommt!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Man darf die Hoffnung nicht aufgeben“, sagen wir den Kranken, und das ist wahr. Man darf eben auch die Hoffnung für die Welt nicht aufgeben. Wer die Hoffnung für die Welt verliert, wird zum Problem für diese Welt, statt zur Lösung. Es sind nämlich immer die Menschen ohne Hoffnung, die selbstsüchtig alles verbrauchen, die ohne Rücksicht die Welt verdrecken und kaputt machen, ohne Rücksicht auf die Folgen, ohne Voraussicht auf unsere Nachkommen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich möchte euch dazu mitgeben, was Albert Schweizer sagt: „Sie sollen wissen, dass Sie den Reichtum des Herzens brauchen, um zu leben. Werden Sie keine Skeptiker! Seien Sie Leute, die nach Idealen suchen. Das Leben wird versuchen, Ihnen diese Ideale zu nehmen, halten Sie deshalb an ihnen fest. Sie werden Ihre Ideale verteidigen müssen, und sie werden in Gefahr sein, sich im Leben nur von äusserlichen Gedanken leiten zu lassen. Lassen Sie das nicht zu, nie! Ich sage Ihnen, dass Sie Ideale brauchen, und ich sage Ihnen gleichzeitig, dass sie dienen müssen. Sie werden arm im Leben sein, wenn Sie nur daran denken, wie Sie erfolgreich sein können. Der wirkliche Zweck des Lebens ist dienen, für andere da sein, verwirklichen helfen, was verwirklicht werden soll.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Adventszeit erinnert uns jedes Jahr, dass wir auf etwas warten, dass wir in unsern Herzen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft brauchen. Advent erinnert uns an die Verheissungen und die Zusagen Gottes in der Hl. Schrift. Advent sagt: Gott kommt!, und das muss heissen, dass es besser wird, dass das Heil kommt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Vielleicht ist das zu schwer zu glauben für die ganze grosse Welt. Aber dann müssen wir es wenigstens glauben für unsere kleine Welt, für Frutigen und fürs Bernerland. Wir müssen irgendwo mitarbeiten daran, dass die Ideale, die der Geist von Gott in uns gelegt hat, lebendig werden und Gestalt annehmen. So werden wir mit neuem Feuer und lebendiger Hoffnung beten: „Dein Reich komme!“</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 06 Dec 2009 23:48:00 +0000</pubDate>
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      <title>Bettagspredigt: Esel sieht mehr als Reiter &#40;4. Mose 22&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Drei Botschaften bringe ich heute. Ich hoffe, sie berühren Euch wie mich: 1. Gott ist unsere Hilfe, aber manchmal steht Er einem im Weg, dass man meinen könnte, es wäre der Teufel. 2. Tiere sind manchmal näher bei Gott als wir Menschen, sie verdienen eine würdige Behandlung. Und 3. Am Dank-, Buss- und Bettag sollten wir das schwierige Wort einüben: „Ich habe gesündigt.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Diese drei Botschaften findet man in einer ironischen Geschichte im 4. Buch Mose 22. Sie handelt von einem berühmten Propheten: Bileam, der Sohn Beors.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aus Numeri 22, gekürzt:</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">In der Nacht sprach Gott zu Bileam: „Geh mit den Männern, die dich abholen.“ Am Morgen sattelte Bileam seinen Esel und ging mit den Hofleuten aus Moab. Aber da wurde Gott zornig, weil Bileam mitging, und der Engel des Herrn trat Bileam als Widersacher in den Weg. Als der Esel den Engel mit gezücktem Schwert in der Hand sah, wich er aus ins Feld. Da schlug ihn Bileam, um ihn auf den Weg zurückzubringen. Darauf stellte sich der Engel des Herrn auf den Mauern gesäumten Weg zwischen den Weinbergen. Der Esel sah den Engel, wich aus und drückte das Bein Bileams gegen eine Mauer. Da schlug ihn Bileam wieder. Da stellte sich der Engel des Herrn an eine Stelle, wo man nicht ausweichen konnte. Der Esel sah ihn und ging unter Bileam in die Knie. Der wurde wütend und schlug den Esel mit dem Stock. Da öffnete Gott dem Esel den Mund, und der sagte zu Bileam: „Was habe ich dir getan, daß du mich schon zum drittenmal schlägst?“ Bileam erwiderte: „Du hältst mich zum Narren! Ich hätte dich schon abgestochen, wenn ich ein Schwert hätte.“ Der Esel antwortete: „Bin ich nicht dein Esel, auf dem du seit Jahren geritten bist? War es etwa je meine Gewohnheit, dich zum Narren zu halten?“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nun öffnete Gott dem Bileam die Augen, und er sah selber den Engel des Herrn auf dem Weg, mit gezücktem Schwert. Da verneigte sich Bileam tief. Der Engel sagte: „Warum schlägst du deinen Esel? Ich bin dir als Widersacher in den Weg getreten. Wäre der Esel mir nicht ausgewichen, hätte ich vielleicht dich umgebracht, ihn aber am Leben gelassen.“ Bileam antwortete: „Ich habe gesündigt, aber nur, weil ich nicht wußte, daß du mir im Weg stehst. Jetzt aber will ich umkehren, wenn dir mein Vorhaben nicht recht ist.“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Da sind wir in einer Märchenwelt, wo Engel einem im Weg stehen und Esel reden können. Für Leute, die Fernsehen schauen, muss man zu solchen Geschichten immer wieder sagen: Von den tiefen Wahrheiten des Lebens, gerade von Gott, können wir nur in Bildern reden, in Beispielen, Geschichten. So, wie unsere Seele in der Nacht zu uns redet mit Bildern und märchenhaften Geschichten. Vielleicht war das ja ein Traum von Bileam! Traumbilder können einem Dinge sagen, die man sich mit der Vernunft nicht ausdenkt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das erste, was unsere Geschichte sagt: Manchmal widersteht einem Gott. Er hilft einem nicht, sondern steht einem breitbeinig im Weg. Hat man uns in der Sonntagschule nicht gesagt, was? Natürlich nicht. Grosse Teile unseres Glaubens sind für Erwachsene, die auch Widersprüchlichkeiten ertragen können, die wissen, dass im wirklichen Leben nicht jede Rechnung aufgeht. Bei Bileam ist es besonders pikant: Zuerst sagt ihm Gott, er solle mitgehen mit den Leuten aus Moab. Wie er aber mit ihnen geht, wird Gott plötzlich zornig und stellt ihm einen Engel in den Weg. Irrational, widersprüchlich! Der Engel sagt zudem: „Ich bin dir als Widersacher in den Weg getreten.“ Nett übersetzt, aber im Hebräischen steht für Widersacher „Satan“! Irgendwie verrückt: Wer steht jetzt im Weg? Gott oder Satan? Oder beide zugleich? Kennen wir das nicht? Wir möchten etwas unternehmen, wir haben ein Ziel, wir sind auf bestem Weg, und da fängt es plötzlich an zu harzen. Leute fangen an zu meckern. Freunde springen ab. Man verknackst sich den Fuss. Unerwartet Hindernisse bauen sich auf. In solchen Situationen weiss niemand genau: Warnt mich jetzt ein guter Geist? Soll ich umkehren? Oder ist es ein gewöhnlicher Widerstand, den man auf jedem Weg überwinden muss? Gott oder Teufel? Man erfährt es oft erst lange hintendrein. Im Moment könnte der Widerstand von unten oder von oben sein. Diesen Zwiespalt, den man erleben kann, bildet die Bibel ab und warnt uns, es könnte auch uns so gehen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ähnlich merkwürdige Geschichten: Im Buch „Könige“ heisst es, Gott habe David beauftragt, das Volk zu zählen. Im Buch Chronik heisst es von der gleichen Volkszählung, der Satan habe David dazu verführt. Wenn die Reisen des Apostels Paulus nicht planmässig verliefen, sagt er gern, der Heilige Geist habe ihn gehindert. Aber einmal schreibt er, es sei der Teufel gewesen. Man weiss es nicht so genau. Und wenn Gott uns im Weg steht, brauchen wir oft besonders lange, bis wir‘s begreifen. Sogar der hochsensible Seher Bileam sah den Engel nicht, der ihm den Weg versperrte. Umso mehr müssen wir damit rechnen, dass wir blind sind für die feinen Mächte, die unser Leben leiten. Für heute wollen wir uns merken: Manchmal könnte ein Hindernis von oben sein und es gut meinen mit uns. Sicher nicht alle Widerstände kommen von Gott. Es gibt auch Mächte, die es nicht gut meinen mit uns. Aber schon manches scheinbare Unglück hat sich hintendrein als Fingerzeig vom Himmel erwiesen. Der Herrgott schaut zu uns wie eine Mutter zum Kind. Er lässt uns nicht immer gehen, wohin wir wollen. Manchmal steht er uns im Weg und sagt: Hier kommt‘s nicht gut, kehr um! Glücklich der Mensch, der das merkt und umkehrt!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Oder glücklich der Mensch, der mit einem Esel unterwegs ist! Das ist das zweite. Der Esel sieht mehr als der grosse Prophet. Tiere sind in gewisser Weise näher bei Gott. Hat nicht der Grossatt erzählt, plötzlich habe die Katze den Buckel gemacht, die Haare gesträubt und gefaucht. Sie habe das Gespenst gesehen. Aber er habe erst an der Katze gemerkt, dass da offenbar etwas ughüürig sei. Die Alten erzählen viel solches. 373 v. Chr. hat man einen merkwürdigen Zug beobachtet von Ratten, Schlangen und Käfern, die von der griechischen Küstenstadt Helike nach Koria wanderten. Fünf Tage später riss ein gewaltiges Erdbeben Helike ins Meer. Am 6. Mai 1976 strömten im Friaul aus allen Löchern Mäuse in die Stube, und die Katze war nirgends mehr zu finden. Die Säue taten verrückt und bissen sich die Schwänze ab. Feurige Zuchtstiere waren völlig apathisch. Am Abend riss ein Erdbeben 1000 Menschen in den Tod.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Tiere merken oft mehr als der Mensch. Sie waren schon Millionen Jahre auf dieser Erde, als es noch keinen Menschen gab. Die Bibel sagt im ersten Schöpfungsbericht, die Tiere seien vor dem Menschen erschaffen wurden. Und der Mensch habe im Sündenfall gegen Gottes Gebot verstossen und die Welt ins Chaos gestürzt. Tiere aber kennen keinen Sündenfall! Vielleicht leben sie in ungetrübter Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer. Vielleicht kann darum ein Esel die Engel sehen. Und wir Menschen können leider nur noch sehen, was man fotografieren kann?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wie geht der Mensch mit den Tieren um, mit seinen älteren Geschwistern? So wie Bileam, der mit dem Stecken auf den Esel losschlägt und ihn abmurksen wollte, wenn er ein Schwert gehabt hätte? Wie würden wir Menschen dastehen im jüngsten Gericht, wenn auch zwei Tiere im Richtergremium sitzen würden? Können wir verantworten, was man mit Millionen Tieren macht in der Forschung für Pillen und Schminksalben? Könnten wir zuschauen, wie man aus lauter Gewinnsucht die Tiere in industriellen Schlachthöfen massakriert und so schön in Plastik verpackt, dass der Fritzli meint, das Fleisch wachse im Garten? Findet Ihr es recht, dass wir uns daran gewöhnt haben, so viel Tierfleisch zu essen? Weil wir immer mehr Tierfleisch essen, holzen sie den Regenwald ab, dass sie Rinderherden weiden können. Die grüne Lunge der Erde geht dadurch kaputt. Und mit dem Getreide, das man den Schlachttieren der Reichen verfüttert, könnte man allen Armen der Welt zu essen geben! Man muss als Christ nicht Vegetarier sein. Aber unsere Grosseltern haben es besser gemacht: Da gabs höchstens am Sonntag Fleisch, und wenn Gäste kamen. Wir müssen neu lernen, allen Tieren mit Respekt und Achtung zu begegnen; sie sind oft näher bei Gott als wir Menschen. So, wie wir jetzt mit den Tieren umgehen, sind wir Menschen nicht die „Krone der Schöpfung“, sondern vielmehr die „Dornenkrone der Schöpfung“.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Damit sind wir beim dritten Punkt: Als Bileam endlich den Engel sah, konnte er sagen: „Ich habe gesündigt. Jetzt aber will ich umkehren, wenn dir mein Vorhaben nicht recht ist.“ Aber der Mensch kann seine Fehler schlecht zugeben. Darum heisst der heutige Tag „Busstag“. Er erinnert uns: „Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung.“ Selbsterkenntnis ist der einzige Weg. Wer nicht ehrlich bereuen und sagen kann: „Ich habe gesündigt,“ wird die gleiche Sünde wieder und wieder machen. Aber schon im Garten Eden sagte der Mensch: „Die Frau hat mir gegeben.“ Und die Frau sagte: „Die Schlange ist schuld.“ Keines konnte sagen: „Ich habe gesündigt.“ Das erste Wort, das ein Mensch lernt, ist meistens „Mama“. Das Wort, das wir zuletzt lernen, ist: „Ich habe gesündigt.“ Man hat herausgefunden, dass unser Grosshirn zur meisten Zeit damit beschäftigt ist zu rechtfertigen, was der Mensch gesagt und getan hat. Wir haben einen perfekten Verteidiger da oben, der für alles eine Entschuldigung findet, was wir anstellen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Am 7. Mai 1931 gelang es der New Yorker Polizei nach mörderischem Schusswechsel, endlich den sog. Doppelschuss-Crowley zu verhaften. Er war wohl der grösste Kriminelle, der New York je unsicher gemacht hatte. Dutzende hatte er kaltblütig erschossen. Noch während er aus allen Rohren auf die Polizisten schoss, schrieb er auf einen Zettel: „In meiner Brust schlägt ein gütiges Herz, ein Herz, das niemandem Unrecht tun könnte.“ Stellt Euch vor, sogar dieser Schwerverbrecher bildet sich ein, er sei ein guter Mensch. Um wie viel mehr meinen wir doch, wir seien gute Menschen; ich habe noch nie auf jemanden geschossen. Solange ich nicht sagen kann: „Da habe ich einen Fehler gemacht“, solange bleibe ich ein unreifer, pubertierender Höseler, auch wenn ich Runzeln habe und weisses Haar! Fehler machen ist keine Schande, es ist menschlich. Aber den Fehler ableugnen, Ausreden erfinden und anderen in die Schuhe schieben, das ist eine Schande. Ein ehrenwerter Mensch kann sagen wie Bileam: „Ich habe gesündigt; ich will umkehren.“ Der Dank- Buss- und Bettag 2009 wäre der beste in deinem Leben, wenn er dich für immer daran erinnert: Gib deine Fehler offen zu; denn „Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte“.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 20 Sep 2009 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Nicht verzagen! &#40;Jesaja 35,3-5&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p><a href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/090906_heinzer_ref.mp3" onclick="window.open(this.href); return false;">(hören)</a></p> <p>Liebe Gemeinde am Radio</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich habe mir sagen lassen, Manager hätten in ihrer Werkzeugtasche ein paar Fragen, die man sich überall stellen sollte. Eine davon sei die Frage nach dem „Worst Case“, zu deutsch: „Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?“ Hat man sich seine schlimmsten Befürchtungen bewusst gemacht, so kommt natürlich die nächste Frage: „Und was würdest du tun, wenn der schlimmste Fall tatsächlich eintreten sollte?“ Das finde ich spannende Fragen, die man auch im Lebensmanagement brauchen kann, auch im Glauben, in der Religion. Was wäre das Schlimmste im Leben für Sie? Es braucht ziemlich Mut, sich dieser Frage zu stellen. Weicheier wagen es nicht, den Befürchtungen ihrer seelischen Abgründe in die Augen zu schauen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Fragen wir die Heilige Schrift, so wäre das Schlimmste nicht etwa das Sterben. Das schlimmste wäre die Trennung von Gott, das sogenannte ewige Verlorengehen. Vor diesem schlimmsten Fall muss allerdings nie mehr Angst haben, wer auf die Gnade Gottes vertraut, die Jesus verkündigt. Er ist gerettet durch den Glauben, durch sein Vertrauen, heisst es in der Sprache des Evangeliums. Nun kann einem dieses Vertrauen aber auch abhanden kommen. Das wäre nun der „Worst Case“ für einen Gläubigen. Das Gottvertrauen kann sich abnützen, es kann dünn und schäbig werden. Zweifel nehmen überhand. Man verliert den Mut. Die Hoffnung erodiert. So könnte man in Angst versinken, verzagen und verzweifeln. Das wäre schlimm. Davor möge Gott uns bewahren. Das ist nun ein Hauptthema der Bibel. Wenn sie erzählt, wie Gott zu Menschen gesprochen habe, hören wir meistens zuerst: „Fürchte dich nicht!“ Oder mit Jesajas Worten:</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Man spricht im Alltag selten davon, aber eigentlich bin ich ständig damit beschäftigt, meinen Mut beisammen zu halten; meine Zuversicht zu schützen vor den hartnäckig anrennenden Zweifeln; meinen Humor nicht zu verlieren, meine guten Lebensgeister bei Laune zu halten. Das Leben kommt mir vor wie ein Balance-Akt. Immer die gute Spannung aufrecht erhalten, nicht ängstlich in die Tiefe schauen, nie das Ziel aus den Augen verlieren. Ständig muss man sorgfältig balancieren und auf dem Balken bleiben, sonst stürzt man ins Netz. Ja, ins Netz. Ich glaube fest, dass Gott mich nicht fallen lässt. Aber abzustürzen ist eh schlimm, auch wenn es da unten irgendwo ein Sicherheitsnetz geben mag. Es ist schlimm, zu verzagen. Das Leben ist eine Geisterbahn und an jeder Ecke wollen einen neue Schrecken um den Mut bringen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Vermuten Sie nun, ich sei depressiv? Nein, Gott sei Dank geht es mir ausgezeichnet, ich fühle mich gesund und getragen. Wie soll ich es Ihnen erklären? Natürlich gibt es überaus schwere Lebensumstände, die zum Verzweifeln sind. Denken wir an Eltern mit einem behinderten Kind. Denken wir an Schwerkranke und ihre Angehörigen. Denken wir an Menschen, deren Schmerzen nicht mehr zu therapieren sind. Denken wir an Jugendliche, die ihren Weg nicht finden und immer wieder abstürzen. Gar nicht zu reden von den geknechteten, hungernden Millionen, die für uns Reiche in der westlichen Welt schuften und nie auf einen grünen Zweig kommen. Da braucht es gewiss übermenschliche Kräfte, um nicht zu verzagen. Wie man es schafft, in tragischen Lebensumständen Hoffnung zu bewahren, weiss ich eigentlich nicht aus erster Hand. Vor wirklich Schwerem blieb ich bis heute verschont. Mir fehlt die Erfahrung, wie man sich in grosser Not vor dem Verzagen schützt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Darum rede ich ja nicht von den grossen Dramen. Ich meine den dornigen Alltag, das gewöhnliche Hamsterrad, in dem sich viele abstrampeln. „Eigentlich“ geht es mir ja gut, sehr gut. Und doch finde ich es nicht einfach, die Hoffnung aufrecht zu erhalten. Wenn ich zum Beispiel etwas Kreatives anpacke, auch nur etwas Kleines, Gewöhnliches, merke ich, wie ich mich oft hart am Abgrund des Verzagens bewege. Da nehme ich mir vor, mal was Besonderes zu kochen und stehe drei Stunden in der Küche. Nun fehlt mir ausgerechnet das entscheidende Gewürz. Tapfer suche ich einen Ersatz. Da kocht mir die Sauce über und ich verplempere viel Zeit mit Aufputzen. Dass ich mir einmal mit dem scharfen Messer, das ich höchstpersönlich angeschafft hatte, in die Finger schneiden würde, kommt nicht ganz unerwartet. Aber ausgerechnet jetzt! Man muss sich auch nicht wundern, was das Omelett am Boden macht, man muss nur wieder putzen und sich tapfer neu motivieren, weiter zu machen und nicht zu verzagen. Dann wird die Sache serviert und ist in zehn Minuten verspeist. Und käme es jemandem in den Sinn, für drei Stunden Küchenarbeit zu danken?!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich leite eine flotte Gruppe mit einem grösseren dreijährigen Projekt. Begeistert waren wir an die Aufgabe herangegangen. Tapfer ermutigten wir einander unterwegs, als dem einen oder anderen der Schnauf auszugehen drohte. Jetzt, kurz vor Schluss, erheben sich neue Hindernisse, und ich habe schon lauthals gedroht - schlimm von einem Gruppenleiter! -, ich würde den ganzen Bettel hinschmeissen und meinetwegen einen Scherbenhaufen hinterlassen. Ich bin nahe am Verzagen, was dieses Projekt betrifft.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Eine Bekannte schmückte mit viel Geld, Zeit und Eifer den Platz vor dem Haus mit Blumen, so schön, dass Leute stehen blieben und sich freuten. Eines Morgens war alles ausgerissen und verwüstet. Tapfer schluckte sie die Wut herunter und begann von vorn. Als der Platz aber ein weiteres Mal von Vandalen verheert war, fehlte ihr die Zuversicht, noch einmal anzufangen. Wer könnte es ihr verdenken?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Solche Dinge meine ich, wenn ich das Leben eine Geisterbahn nenne, nichts Tragisches, gewöhnliche Widerstände, Ärger und Verdruss. Aber an jeder Ecke lauert wieder ein neues Monster, das mir den Mut, die Freude am Leben, den „élan vital“ ausblasen will. Immer ist es verlockend zu kapitulieren, zu resignieren und zynisch zu sagen: „Ach, wer in dieser Welt nicht den Verstand verliert, hat vermutlich keinen!“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wahrhaftig, „den Verstand“! Da liegt doch der Hase im Pfeffer. Wir Menschen haben unseren Intellekt, unsere Vernunft, um uns besser an veränderte Lebenslagen anzupassen. Wir können voraus denken, drohende Gefahren im Geist erkennen und uns darauf einstellen, noch bevor sie sich zeigen. Und mit genau dieser Fähigkeit machen wir uns halt auch Sorgen und fragen uns ständig, ob das Ganze noch einen Sinn hat. Das Verzagen ist die Schattenseite unseres Verstandes. Man muss einen Verstand haben, um ihn verlieren zu können.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und wenn nun unser Verstand sagt: „Es ist sinnlos, gib‘s auf, du schaffst es eh nicht, es hat doch keinen Wert, was willst du dich plagen…“, dann fängt der Glaube an. Nicht der grosse religiöse Glaube, der Berge versetzt. Nicht der Glaube, dass der liebe Gott nun eine Engelpatrouille in Gang setzt, um dir beim Aufputzen der Sauce zu helfen. Aber der feine, hartnäckige Alltagsglaube, der mir sagt: „Doch, du wirst es schaffen, nur nicht schlapp machen, dran bleiben!“ So kämpft der feine Glaube mit den Monstern des Verzagens. Ich habe ein wenig Hemmungen, diesen Alltagsglauben mit jenem Glauben zu vergleichen, von dem die Bibel spricht. Paulus schrieb an Timotheus, er möge „den guten Kampf des Glaubens kämpfen und das ewige Leben ergreifen“ (1 Tim 6,12). Das ewige Leben? Ich habe schon Mühe genug, das alltägliche Leben zu ergreifen! Auch das ist wahrhaftig ein Kampf des Glaubens, und wenn ich daran denke, dass er Tag für Tag, oft Stunde um Stunde gekämpft sein muss, dann ist es ein ehrenwerter, beachtlicher Kampf, und der Glaube, um den da gekämpft wird, mag klein und alltäglich sein, aber er hat vielleicht schon mehr Berge versetzt, als man denkt!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Sonne des Glaubens ist gewiss das Vertrauen, mit dem wir auf das Evangelium reagieren, Gottes Gnade aufnehmen und Jesus als Meister annehmen. Aber die feinen Strahlen, die uns die alltägliche Geisterbahn erleuchten, der feine Glaube, der sich dem gewöhnlichen Verzagen entgegen stellt, stammt vom gleichen Licht. Wenn es darum geht, im Kleinen tapfer weiterzumachen und nicht aufzugeben, braucht es auch eine Zuversicht, eine feine Begeisterung, die wir uns selten selber geben können. Es ist zwar mein Glaube, ich muss vertrauen, ich muss hoffen gegen alle Verzweiflung. Die Kraft dazu kommt wohl aus meiner Tiefe, aber nicht aus meiner Anstrengung. Sie kommt im Grossen wie im Kleinen von Gott. Paulus sagt das vom grossen rettenden Glauben: „Aus Gnade seid ihr gerettet, durch den Glauben, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt“ (Eph 2,8). Die gleiche Glaubenskraft von Gott hilft mir, im Alltag nicht zu verzagen. Alle Menschen brauchen sie ständig, sonst würden sie verzagen. Aber wer realisiert schon, woher der Glaube kommt, die Kraft, weiterzumachen? Viele würden sagen: „Nur um mich am Riemen zu reissen und in der Küche aufzuputzen, muss ich also nicht den lieben Gott bemühen!“ Warum denn nicht? Warum wende ich meine Aufmerksamkeit nicht immer bewusst der Quelle zu, aus der grosser wie feiner Glauben quillt? Warum bete ich nicht gegen das Verzagen an im Alltag, in der Küche, am Computer, am Pflegebett? Ich brauche wahrhaftig überall die Zuversicht, dranzubleiben, wie sie im Lied von Zinzendorf zum Ausdruck kommt:</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Wir woll‘n uns gerne wagen in unsern Tagen, der Ruhe abzusagen, die s Tun vergisst. Wir woll’n nach Arbeit fragen, wo welche ist. Nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">&nbsp;</p> </blockquote>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/nicht-verzagen-reformierte-radiopredigt-6909.html</link>
      <pubDate>Sun, 06 Sep 2009 12:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Gemeindepredigt: Neid, der das Leben verkürzt &#40;Genesis 4, 1-10&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Es gibt Schweizer, die verdienen im Jahr etwa 20 Millionen. Normalerweise sage ich: „Das ist ungerecht! Es ist unsozial, das führt zu einem gefährlichen Ungleichgewicht, das früher oder später explodiert.“ So redet mein Kopf. Aber ich spüre auch etwas im Bauch: Ich ärgere mich grün und gelb, und bin kaum der Einzige hier drin. Gelb ist die Farbe des Neides. Ja, hier kann ich es zugeben: ich bin auch neidisch. Alle kennen Neid aus eigener Erfahrung, aber man spricht nicht davon. Man gibt es nicht zu, dass man dem Herrn Vasella seine Millionen vergönnt. Vergleiche ich mich mit Vasella, so werde ich neidisch. Warum vergleiche ich mich nicht mit dem Briefträger? Ich verdiene erklecklich mehr als er.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Man vergleicht sich eben mit denen, die weiter oben stehen auf dem Leiterli. Und so entstehen Neid, Missgunst, Eifersucht. Das läuft automatisch ab, niemand muss in der Schule lernen, neidisch zu sein. Das können wir alle schon sehr früh. Ich war noch kein Jahr alt und konnte noch kein vernünftiges Wort sagen. Aber als meine Schwester zur Welt kam, war ich schon mustergültig eifersüchtig auf dieses kleine überflüssige Bündel, auf diese unerwartete Konkurrenz! Der gelbe Neid spielt in jedem Leben eine Rolle, oft eine Hauptrolle. Wollen wir den Neid doch mal genauer anschauen!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Schon die erste Geschichte der Bibel handelt vom Vergleichen. Die Schlage sagt zu den Menschen: „Ihr werdet sein wie Gott,“ wenn ihr die verbotene Frucht esst. Der Vergleich mit dem einzigen, der damals mehr hatte als der Mensch, mit Gott, verfehlte die Wirkung nicht, es kam zum Sündenfall.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Schon die nächste Geschichte der Bibel handelt wieder vom Neid (Genesis 4, 1-10):  </p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Eva, Adams Frau; wurde schwanger und gebar Kain. Sie gebar ein zweites Kind: Abel, seinen Bruder. Er wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar. Auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Höchste schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich… Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: „Gehen wir aufs Feld!“ Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Der Höchste sprach zu Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Er entgegnete: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Aber Er sprach: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das erste, was die Bibel vom Menschen erzählt, betrifft den Neid; das wird nicht Zufall sein. Neid ist eine Schlüssel-Emotion, will man den Menschen und sein Verhalten verstehen. Eine Emotion ist eine Empfindung, die im Körper zu spüren ist. Die Geschichte sagt es schön: „Da überlief es Kaïn ganz heiß, und sein Blick senkte sich“. Kain denkt, sein Bruder Abel werde bevorzugt. Da geschieht etwas im Innern, das Herz pocht, der Blutdruck steigt. „Da überlief es Kain ganz heiss, und sein Blick senkte sich.“ Man versuchte, den Neid zu messen! Wenn in einer Gruppe einer als Chef anerkannt ist, hat der einen hohen Serotoninspiegel im Blut, d.h. viel Glückshormon. Dann untersuchte man die Leute in der Gruppe, die gerne Chef wären, es aber nicht waren: sie hatten weniger Glückshormon im Blut als der Chef. Die Wissenschaft beweist wieder mal, was wir schon wussten: Beneidenswert sein macht glücklich, beneiden aber, neidisch sein aber ist weniger lustig.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Emotion Neid entsteht, sobald wir uns vergleichen mit einem, von dem wir meinen, er habe es besser als wir. Der ältere Bruder findet, seine neugeborene Schwester erhalte mehr Aufmerksamkeit als er. Der Fritzli im Sandkasten sieht, dass der Hansli schönere Märmeli hat als er, oder mehr. Der Sepp findet, der Koni habe das schönere Bärbeli als er, und der Toni habe mehr Macht und Ansehen. Es gibt nichts, auf das man nicht neidisch sein könnte. Der Volksmund sagt ja, man vergönne einander noch das Zahnweh. Wenn wir den Eindruck haben, dass ein anderer es besser hat als wir, steigt in uns eine Art Minderwertigkeitsgefühl auf, vermischt mit Aggression. Man kommt sich zurückgesetzt vor und hat zugleich Lust, dem andern eins auszuwischen. Das ist Neid, und er ist nicht lustig.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Neid ist ungesund. Ungesund ist nicht die kurze Emotion, die im Moment aufsteigt, wenn wir vergleichen. Da kann man wenig dagegen tun. Aber gefährlich wird es, wenn dieser Emotion Aufmerksamkeit schenkt, sie pflegt und kultiviert. Was man immer wieder denkt, schleift sich ein im Gehirn. Und dann produzieren wir selber Gifte, die sich langsam im Körper ausbreiten und unsere Gesundheit beeinträchtigen. Da sagt die Bibel: „Neid und Ärger verkürzen das Leben“ (Sirach 30,24)!  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Um 1300 malte Giotto den Neid als Frau, die in einem lodernden Feuer steht. Eine Schlage kommt ihr aus dem Mund und beisst sie in ihre eigene Nase. In der alten Theologie war der Neid („Invidia“), eine der sieben Todsünden. Der Volksmund sagt: „Der blasse Neid schaut ihm zu den Augen heraus“. Neid kann einem zur zweiten Natur werden, dann wird man ein „Neidhammel“. Eine Redensart sagt: „Den wird der Neid noch auffressen“, und ein Sprichwort: „Neid ist sein eigen Leid.“ Alte Bilder und Sprüche zeigen: Neid kann für die Psyche wirklich gefährlich sein; damit ist nicht zu spassen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nun möchten Sie sicher wissen: Hat die christliche Religion Rezepte gegen den Neid? Was kann man machen dagegen, wenn der Neid einen „heiss überläuft“?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Sie kennen das zehnte Gebot: „Du sollst nicht verlangen nach der Frau deines Nächsten; du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört“ (Dt 5). Du sollst nicht begehren nach etwas, was einem anderen gehört. Das ist auf den ersten Blick ein merkwürdiges Gebot. Ich erklärte doch, der Neid, das Begehren sei eine Emotion, also etwas, das von selber in uns aufsteigt, das einen überfällt wie der Abscheu, wenn ich eine grosse Spinne sehe. Was nützt es da zu sagen: „Du sollst nicht…“?! Ich kann die Emotionen ja nicht verhindern. Stimmt. Gegen die Emotion können wir nichts. Aber schauen wir genau hin. Das Gebot heisst ja nicht: „Du sollst nicht Neid empfinden,“ sondern „du sollst nicht begehren nach dem, was deinem Nächsten gehört.“ Da gibt es zwei wichtige Unterschiede.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">1. Neid empfinden, die Emotion spüren, ist nicht Sünde. Neid allein ist nicht dasselbe wie „begehren“. Begehren entsteht aus dem Neid, wenn ich ihn hätschle und immer wieder hervorhole. Die Emotion Neid müsste ich einfach wahrnehmen und dann bewusst wieder loslassen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">2. Und auch das Begehren an sich ist noch keine Sünde. Aber wenn ich mein Begehren auf etwas richte, das einem anderen gehört, wird es heikel. Beispiel: Mein Freund streift im Grimselgebiet umher, voller Begehren nach einer schönen Kristallkluft. Sein Begehren ist ein flotter innerer Motor. Er treibt ihn an zu suchen. Nun findet er eine Kluft. Bis da gibt es kein Problem mit dem Begehren. Aber in der Kluft liegt nun ein Hammer. Er zeigt, dass ein anderer die Kluft vor ihm gefunden hat. Wenn er sie nun immer noch begehrt, dann beginnt das Begehren „nach Gut mit Sünde“. Neid auf den, der die Kluft gefunden hat, könnte ihn etwa verleiten, einen Kristall mitlaufen zu lassen: „Nur einen. Hat ja noch viele, merkt der doch gar nicht.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat,“ sagt klar und unmissverständlich: Hier wird’s negativ. Wissen Sie, das ist nötig; denn der Mensch ist ein geborener Spezialist darin, zu rechtfertigen, was immer er gerade tut. Unglaublich: für was für Quark und Dummheiten der Mensch mühelos eine Rechtfertigung findet, eine Entschuldigung, eine Begründung. Sie haben es von Kaïn gehört: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Wir brauchen klare Gebote, um die man nicht herumkommt: „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat.“ Wenn du ständig gierig geiferst nach dem, was andern gehört, begibst du dich auf einen glitschigen gefährlichen Pfad. Hör auf, deine Begierde zu rechtfertigen. entweder sie verführt dich dazu, dem andern zu schaden, und wenn es nur mit übler Nachrede wäre, oder sie versaut dir die Freude an dem, was du hast, was dir gegeben ist! Begehren ist falsch.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Also, die Religion hilft mir als erstes, gefährliches Verhalten nicht zu rechtfertigen. Unser Christenglaube gibt uns zudem eine geniale Methode, mit gefährlichem Verhalten umzugehen, Es ist ein Zweischritt: „Erkennen, bekennen.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">1. Schritt „erkennen“: Es ist zentral, dass wir unseren Neid überhaupt erkennen, dass wir überhaupt merken, wie neidisch wir sind. Achten Sie sich einmal in Ihren Gesprächen: Wie spricht man vom Neid? In 90% der Fälle werden sie hören oder selber sagen: „Ich bin überhaupt nicht neidisch, aber…“. Wir haben uns daran gewöhnt, jeden Neid abzustreiten. Wir erlauben uns so gar nicht mehr wahrzunehmen, wie Neid sich anfühlt. Aber wir sind psychisch nur gesund, wenn wir unsere Emotionen wahrnehmen, erkennen!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">2. Schritt „bekennen“: Als nächstes muss unsere Seele hören, dass der Mensch seinen Neid auch benennt, anerkennt, zugibt, eben „bekennt“. Wir müssen ihn Gott bekennen, uns selber, und, wenn wir stark genug sind, auch einem Menschen. Das wäre der Sinn der alten Beichte. Es ist wichtig, dass ich hörbar bekenne: „Ja, ich bin neidisch, ich begehre...“ Das ist schwierig. Dafür braucht es auch nicht mehr. Die Vergebung, die Gott uns gewährt dank Jesus Christus, wird uns motivieren, uns unmerklich zu ändern, zu bessern. Das ist das Werk des Hl. Geistes. Aber wir müssen erkennen und bekennen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Schliesslich kann das Christentum den Neid mit der Zeit ersetzen durch eine bessere, gesunde Emotion, durch die Zufriedenheit. Sie entsteht durch „Danksagung“. Ich sage bewusst nicht „Dankbarkeit“. Dankbarkeit kann eine denkerische, geistige Haltung sein. Der Mensch denkt: „Ich habe es doch eigentlich gut, was will ich noch mehr? Es geht mir doch immer noch besser als dem Fritz oder der Grete.“ Das ist natürlich ein guter Gedanke. Aber Gedanken kommen gegen Emotionen nicht an. Wenn wir unsere Dankbarkeit aber in hörbare Worte fassen - Danksagung! – wenn wir Danklieder singen und aus Dank grosszügig spenden, dann bauen wir in uns die Emotion „Zufriedenheit“ auf. Unser Hirn fängt an zu schnurren. Wer durch Danksagung Zufriedenheit zu seiner zweiten Natur macht, hat keinen Platz mehr für den Neid.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sat, 01 Aug 2009 12:15:00 +0000</pubDate>
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      <title>Predigt: „Langsam zum Zorn“ &#40;Jakobus 1, 19-20&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Aus der Seelsorge wissen wir, dass Zorn, Wut und Ärger in unseren Häusern mehr Lebensqualität vernichten als die Grippe. Könnte man die Glut des Zorns zum Heizen verwenden, man könnte auf neue AKWs verzichten. Darum habe ich Ihnen eine Predigt zum Zorn gemacht und fange mit einer harmlosen Frage an: Wissen Sie eigentlich, wie Sie die Leute in Ihrem Haus, in Ihrer Verwandtschaft auf die Palme bringen? Was müssen Sie sagen und tun, damit sie ausrasten? Wissen Sie, was Ihren Partner zur Weissglut treibt, oder Ihre Kinder? Das sollten Sie unbedingt wissen. Nur wenn Sie wissen, wie sie Ihre Leute zum Zorn reizen können, können Sie die Fettnäpfchen auch bewusst vermeiden. Und umgekehrt muss man seine Leute vielleicht mal an der empfindlichen Stelle kitzeln. So kommt wieder Leben in die Bude.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Natürlich rät die Bibel von solchen Methoden ab. Paulus sagt ausdrücklich: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ Eph 6,4. Umgekehrt gilt sicher auch. Leider steht nicht ausdrücklich: „Ihr Frauen, reizt eure Männer nicht zum Zorn…“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">In Jakobus 1 lesen wir: „Denkt daran, meine lieben Geschwister: Jeder soll schnell bereit sein zu hören, aber langsam im Reden und langsam zum Zorn; denn im Zorn tut der Mensch nicht, was vor Gott recht ist.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Zorn, Wut, Ärger, Gereiztheit, Empörung, Grimm: Unsere Sprache kennt feine Nuancen, aber das Gefühl dahinter wird wohl von den gleichen Hormonen verursacht. Wenn das Hirn sie in die Blutbahn ausschüttet, läuft immer Ähnliches ab, stärker oder schwächer: Der Puls geht schnell. Innere Hitze wird fühlbar, man „kocht“. Der Blutdruck steigt. Einer kriegt blutunterlaufene Augen, dem andern schwillt eine Zornesader auf der Stirn. Die Hände zittern, Fäuste ballen sich, oft nur im Hosensack. Die Zähne beissen aufeinander und knirschen. Die Lippen zittern, man ringt nach Worten und findet nur die falschen. Aber genau die stösst man heraus, obwohl man weiss, wie bitter man sie bald bereuen wird. Manchmal kommt es zu Geschirrschaden. Ich will mich nicht lustig machen. Zorn führt zu schlimmen Gewaltausbrüchen. Es würde mich nicht wundern, wenn Leute unter uns heute noch an seelischen oder gar körperlichen Wunden leiden, die Zorn einmal geschlagen hat.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Langsam zum Zorn“. So möchten wir wohl sein: Geduldig, gelassen. Wir begegnen allen Widerwärtigkeiten mit Gleichmut und Verständnis. Wir sagen Ja zum Leben, wie es halt ist. Wir stehen drüber, lassen uns nicht hinreissen. Wir verachten uns vielleicht, wenn wir uns zur Wut haben hinreissen lassen. Wenn uns jemand auf die Palme gebracht hat, finden wir es da oben nicht so lustig, und es ist schwierig, rechtzeitig wieder herunter zu kommen. Nein, wir möchten gelassen bleiben in jeder Situation, dann fühlen wir uns stark. Die Hl. Schrift unterstützt unseren Wunsch nach Gelassenheit: „Legt auch ihr das alles ab: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, schändliche Rede“ (Kol3,8). Wenn es nur so einfach wäre! „Legt es ab! Langsam zum Zorn!“ Leicht gesagt! Wie wenn man Zorn einfach mit dem Willen kontrollieren könnte! Aber diese Mahnungen machen uns deutlich, dass wir uns mit Wut und Zorn nicht einfach zufrieden geben dürfen. Wir dürfen nicht sagen: „Ja ich bin halt rasch von Null auf Hundert, dafür weiss man bei mir, woran man ist.“ Nein, „Zorn verdirbt die Besten,“ sagte Schiller; und Herder: „Das Paradies ist für die bereitet, die ihren Zorn zurückhalten und ihn bemeistern.“ Bevor wir nun darüber nachdenken, wie der Zornige von der Palme wieder herunter kommt, müssen wir verstehen, dass auch der Zorn seine gute Seite hat.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Jakobus sagt erstaunlicherweise: „Jeder sei langsam zum Zorn“, wie auch langsam zum Reden, dafür tifig zum Zuhören. Er sagt zum Zornigen: „Halt, langsam! Nicht 180 km/h, höchstens 30.“ Aber „null“ sagt er nicht. Er will also den Zorn nicht unterbinden, so wenig wie das Reden. Zorn ist noch keine Sünde. Zorn gehört zum Leben. Wer nie mehr zornig werden will, kann sich gleich begraben lassen. Denn wie das Leben immer auch Abfall produziert und der oft sogar  als Dünger geschätzt wird, so gibt es in einer lebendigen Psyche Zorngefühle.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">In der Kindheit gehören Wutanfälle zur Entwicklung der Persönlichkeit. Es nervt zwar, wenn Kinder in der Trotzphase vor Wut toben, aber gute Eltern wissen: Ohne Auseinandersetzung kommt‘s nicht gut. Herrscht in einer Partnerschaft ewiger Gleichmut, so ist das kein gutes Zeichen. Wo zwei oder mehr zusammen leben, muss es hie und da mal krachen, Standpunkte müssen geklärt und Ansprüche verhandelt werden. Zorn ist ein Lebenszeichen für eine Beziehung. Gefährlich wird er erst, wenn er im Übermass auftritt und zu feindseligen Ausbrüchen führt. Solange Zorn einigermassen freundschaftlich ausgedrückt wird, tut er der Beziehung gut. Stellen Sie sich nur das Gegenteil vor: Ein Partner kann sich für rein gar nichts ereifern; alles ist ihm völlig egal. Das Gegenteil von Zorn kann nämlich Gleichgültigkeit sein. Zorn und Liebe gibt es zusammen; Gleichgültigkeit und Liebe aber nicht. „Der beste Mensch wird manchmal zornig; kein Liebespaar kann immer kosen. Die schönsten Rosen selbst sind dornig, doch schlimm sind Dornen ohne Rosen“ (Friedrich von Bodenstedt). Und schliesslich: Wer nie Zorn zeigt, wird auf die Dauer nicht ernst genommen. Von ihm wird es bald heissen: „Er ist ja ein Lieber, aber sonst…“. Zorn gehört zum Leben, wie Schmerz, Trauer, Müdigkeit. Zorn entsteht grossenteils, wenn meine Wünsche und Bedürfnisse nicht befriedigt werden (Frustration). Selten einmal entspringt Zorn einer kostbaren Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wenn Sie etwa zornig werden, weil Sie sehen, dass ein Schwacher ungerecht behandelt wird, dann ist Ihr Zorn zwar ein negatives Gefühl, aber ein höchst wertvolles!  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Dass Zorn zu Beziehungen gehört, erzählt die Bibel damit, dass Gott selber zornig wurde, wenn seine Menschen vom Weg zum Heil mutwillig abwichen. Das Alte Testament ist voll davon. Auch Jesus war öfter zornig. Wie Sie wissen, jagte er Geldwechsler mit einer Geissel aus dem Tempel; dazu hat er kaum Halleluja gesungen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wo sind wir jetzt gelandet? Wir wissen, dass Zorn zwar zerstören und Wunden schlagen kann, dass er aber trotzdem unverzichtbar ist fürs Leben.  </p> <ul> <li>Das Ziel kann also nicht sein, Zorn auszumerzen. Wir wollen den Zorn nicht unterdrücken, verdrängen, aus dem Bewusstsein verbannen. Das führt zu ernsthaften psychischen Störungen. Unterdrückter Zorn wendet sich in irgendeiner Form gegen den Menschen selbst. Er wird zu innerem Gift, in der Tiefe beginnt es zu übeln.</li> <li>Das Ziel kann aber auch nicht sein, Zorn einfach aus dem Bauch heraus frei auszudrücken, ungebremst auszuleben, wie es die Gruppendynamik-Bewegung vor 40 Jahren noch gemeint hat. Inzwischen zeigen Untersuchungen, dass häufiger Zorn das Immunsystem schwächt und bedenkliche gesundheitliche Folgen hat, vor allem für Herz, Lunge und Magen. Zugleich fand man heraus, dass es in keiner Weise besser wird, wenn Zorn „heraus gelassen“ und ausgelebt wird, im Gegenteil. Die gesundheitliche Gefährdung nimmt zu.</li> <li>Was ist nun das Ziel? Luther und Paulus haben ein Psalmwort so übersetzt: „Zürnet ihr, so sündigt nicht! Redet im Herzen auf eurem Lager und seid stille“ (4,5). Zürnet, aber sündigt nicht. Seid ihr zornig, so bemüht euch, aus diesem negativen Gefühl heraus nicht zu verletzen und zu zerstören. Paulus fügt hinzu: „Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn“ (Eph 4,26). Das Ziel wäre also, Zorn wahrzunehmen, in unschädlicher Weise zum Ausdruck zu bringen und darauf zu achten, dass er nicht über die Nacht hinaus zu Groll und Bitterkeit gerinnt. Wie es auch von Gott heisst: „Sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Am Abend ist Weinen, doch Freude am Morgen„ (Ps 30,6).</li> </ul> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber wenn die Zornhormone im Blut überhand nehmen, ist leider die Vernunft am schwächeren Hebel. Dann herrscht das sogenannte Reptil-Hirn. Der Zornige will nur noch rächen, dominieren, siegen. Was könnte dagegen helfen? Was wir im Psalm hörten („Redet im Herzen auf eurem Lager und seid stille“), könnte man so auslegen: Zieh dich zurück in die Einsamkeit. Wenn die Hitze des Zorns aufsteigt, zieh dich unbedingt zurück und führ zornige Selbstgespräche und Gebete. kannst du den Mund nicht halten, geh in den Keller oder in den Wald. Das ist eh die beste Methode, um Zornhormone abzubauen: Kräftige Bewegung! Wer sich müde gerannt hat, ist nicht mehr sehr zornig. Wer oft mit Zorn zu tun hat, soll sich wirklich einen Sandsack besorgen und ein Paar Boxhandschuhe. Und zum Boxen selbstverständlich immer auf den Zehen hüpfen! Holz spalten bringt‘s auch, Liegestütze… Natürlich ist das Problem noch nicht gelöst, wenn der Zorn körperlich abreagiert ist. Aber im akuten Zorn lässt sich eh kein Problem lösen. Keine Diskussion im Zorn kann Frieden schaffen. Das muss man sich unbedingt merken. Erst wieder mit Betroffenen reden, wenn der akute Zorn verraucht ist. Das braucht Zeit und Bewegung.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Manchen hilft es, sich bei einem unbeteiligten Dritten auszuheulen. Telefon an die beste Freundin: „Hast du jetzt eine halbe Stunde Zeit? Ich möchte meine Wut über X herauslassen, aber du bist ganz sicher nicht gemeint, gelt, nur zuhören!“ Vielleicht eher eine Frauenmethode, aber gut, wenn‘s wirkt.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Zorn ist übrigens eine Kraftquelle. Geht es darum, sich durchzusetzen, so kommt man mit einer Messerspitze Zorn eher zum Ziel; „nur sündigt nicht“, man kann sich ja auch nicht durchsetzen, wenn man andere zornig macht. Manche Arbeiten – nicht alle! - gehen effizienter von der Hand, wenn man ein wenig hässig ist. Garten umstechen, putzen, aufräumen. Mit Zornhormonen im Blut fällt es leicht, Zeug wegzuschmeissen, und Aufräumen heisst zunächst und vor allem Wegschmeissen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Zum Schluss Rat aus der biblische Weisheitsliteratur, wie man mit Zornigen umgehen soll.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Eine linde Antwort stillt den Zorn; aber ein hartes Wort erregt nur Grimm“ (Spr 15,1). Modern gesagt: Einem Zornigen widerspricht man nur, wenn man wirklich Streit sucht. Mit einem Feldweibel, einem Koch oder mit einem Zornigen diskutiert man nicht.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Schlage den Rahm – es gibt Butter. Schlage die Nase – es gibt Blut. Schlage den Zorn – es gibt Streit“ (Spr 30,33). Wer mit Druck und Widerstand einem Zornigen begegnet, wird immer nur Streit ernten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Eine heimliche Gabe stillt den Zorn“ (Spr 21,14). Ein guter Rat! Dem Wüterich ohne ein Wort seinen Lieblingskaffee bringen und gleich wieder verduften – probieren Sie’! Ein Schwall von tausend Worten besänftigt keinen, eine gute Flasche meistens schon. Auch eine sanfte, kurze Berührung wirkt lindernd, besser als Worte.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/predigt-anzeigen/items/55.html</link>
      <pubDate>Wed, 01 Jul 2009 18:49:00 +0000</pubDate>
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      <title>Radiopredigt: Lose Zügel &#40;Römer 13, 11-14&#41;</title>
      <description><![CDATA[<!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --> <p style="margin-bottom: 0cm;"><a onclick="window.open(this.href); return false;" href="http://www.radiopredigt.ch/mp3/090628_heinzer_ref.mp3">(hören)</a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">am Festakt zum Calvin-Jubiläum sagte Bundesrat Leuenberger: „Zügellosigkeit herrscht überall. Wir haben den Respekt vor der Natur vergessen und die Solidarität zu den Ärmsten verdrängt. Wir haben das Mass der Freiheit verloren.“ „Masslosigkeit“ oder „Unmässigkeit“ war früher eine sogenannte „Todsünde“. Paulus warnte die Gemeinde in Rom davor, mit Worten, die dann 400 Jahre später den Kirchenvater Augustin aus tiefer Depression aufwecken sollten, wie dieser berichtet: „Nach diesen Worten brauchte ich nicht weiter zu lesen, klares Licht durchflutete mein Herz und alles Dunkel des Zweifels lichtete sich.“ Hören wir Paulus in Römer 13.</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Achtet auf die Zeitansage: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag ist nahe. Das Heil ist heute näher als seinerzeit, da wir zum Glauben kamen. Laßt uns darum ablegen die Werke der Finsternis und aufnehmen die Waffen des Lichts. Wir wollen doch ehrenhaft leben wie am hellen Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Zuchtlosigkeit und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Bekleidet euch mit dem Meister Jesus Christus, und sorgt so für euren Leib, dass die Gier nicht erwacht.“</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Masslosigkeit ist die Falle des Wohlstands, die klassische Versuchung der Überflussgesellschaft. Masslos ist das Freizeitangebot. Immer massloser der Sport, denken Sie nur, mit welchen Unsummen ein Spitzensportler überhäuft wird. Masslos das Angebot im Supermarkt: 30 Sorten Brot, 35 Sorten Bier, 100 Sorten Schokolade, 150 Sorten Brotaufstriche.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nun ist ja mein Problem nicht die Masslosigkeit des Angebots. Sie führt mich zwar in Versuchung, aber ich könnte ja mit Mass auswählen, was mir gut tut, und den Rest fröhlich sein lassen. Ich bin das Problem. Wenn ich mich im Griff hätte, würde ich nicht in die Falle der Masslosigkeit tappen; die „Todsünde“ der Unmässigkeit wäre kein Thema. „Todsünde“ wurde im Volksmund ein Benehmen genannt, das jemanden ungebremst in die Hölle brachte. Ein Massloser, hiess es, müsse einst in alle Ewigkeit Kröten und Schlangen fressen. Was die Höllenstrafen anbelangt, hatte man früher eine blühende Fantasie.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Heute kann ich mich als Pfarrer bequem zurücklehnen. Die Strafpredigt halten heute nämlich die Wissenschaftler. Sie machen das gut. Sie verlegen die Strafe nicht ins Jenseits. Gott strafe sofort hienieden, sagen sie. Die Strafe für Masslosigkeit im Essen sei Diabetes, Bluthochdruck, Kreislaufstörung, Herzinfarkt und Fettleibigkeit. Masslosigkeit auf andern Gebieten werde bestraft mit Stress, Burnout, Depression. Immer führt Masslosigkeit also zu gefährlichen Störungen des Lebens. „Todsünde“ ist demnach gar nicht so weit daneben.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nun interessiert mich aber die Frage: Hilft einem der Glaube, das gute Mass zu finden und zu halten?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Religion wusste schon immer, dass Masslosigkeit gefährlich ist. Darum gab es regelmässige Fastenzeiten. Aber 1522 haben Zwinglis Leute in der Fastenzeit ostentativ Wurst gefressen und das Fasten madig gemacht. Sie haben es wohl gut gemeint, aber vielleicht nicht ganz alles begriffen. Fastenzeiten wären in der Tat ein probates Mittel gegen Masslosigkeit. Aber als Regulativ für die ganze Gesellschaft sind sie leider unwiederbringlich verdunstet. Man kann sie für sich selber neu entdecken, das ist durchaus zu empfehlen. Aber es ist schwierig, wenn nicht alle ringsum mitfasten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Hat der Glaube mehr zu bieten als die Wissenschaft? Auf den ersten Blick nicht. Auch Paulus verlegt sich aufs Mahnen: „Wir wollen doch ehrenhaft leben wie am hellen Tag, ohne maßloses Essen und Trinken.“ Ja wollen tun wir vielleicht schon, aber können tun wir nicht! Was nützt es, zu mehr Selbstdisziplin aufzurufen und schlimme Folgen wie den Teufel an die Wand zu malen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Freilich, manchmal scheint Selbstdisziplin tatsächlich zu nützen. Hie und da höre ich sagenhafte Geschichten, zum Beispiel: „In sechs Monaten 20 Kilo abgenommen. „F.d.H.“. Man muss halt nur wollen.“ Ich verneige mich tief vor so viel Willenskraft. Ist ja toll! Muss man nur richtig wollen, dann klappts? Bei mir leider nicht, und bei vielen andern offensichtlich auch nicht. In Deutschland seien rund 60% der Erwachsenen und schon ein Drittel der Kinder, die in die Schule kommen, übergewichtig. Die Mageren sollen mir nun nicht kommen und sagen, den Dicken fehle es nur am Willen. So kann nur reden, wer von unserem Innenleben keine Ahnung hat.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Mass halten ist leider nicht nur eine Frage des Willens. Schauen Sie, noch unsere Grosseltern schufteten im Schweisse ihres Angesichts, damit alle einigermassen genug zu essen bekamen. So war es über Jahrtausende, ausser bei wenigen Superreichen. Und heute sollen wir im Westen plötzlich das Gegenteil können, nämlich Mass halten und verzichten in einem nie dagewesenen, verführerischen Überfluss?! Wo hätten wir das lernen sollen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wir haben Programme in unserem Betriebssystem, die unbewusst und automatisch ablaufen. Sie bringen uns dazu, Kalorien zu hamstern; denn bisher war das lebensnotwendig. Sie bringen uns dazu, unendlich zu wiederholen, was uns ein kleines Glücksgefühl vermittelt, bei mir etwa ein Nussgipfel. Da müsste ich mit viel Anstrengung und kompliziertem Denken ankämpfen gegen das Programm in meiner Tiefe und ihm beibringen, der Preis für dieses dumme kleine Glück sei zu hoch. Wenn ich aber müde bin, schaff ich das nicht. Und vermutlich versteht mein unbewusstes Programm eh kein Deutsch.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Was meinte denn Jesus, als er sagte: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“? Warum lehrte er, täglich zu beten: „Führe uns nicht in Versuchung“? In diesem Konflikt zwischen Kopf und Bauch haben wir es mit übermächtigen Kräften zu tun, die unserem Willen selten gehorchen. Es genügt eben meistens nicht, sich am Riemen zu reissen und den sogenannten inneren Schweinehund zu bekämpfen; im Gegenteil.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wir haben es mit uralten, mächtigen Trieben zu tun, die uns bis jetzt am Leben erhielten. Erstens verdienen sie die Beleidigung „Schweinehund“ nicht, und zweitens gibt man ihnen nur mehr Energie, wenn man die Aufmerksamkeit auf sie richtet und sie direkt bekämpft. Wir müssen versuchen, diese inneren Kräfte zu Freunden zu machen! Dazu sagt Paulus: „Sorgt so für euren Leib, dass die Gier nicht erwacht.“ Dafür sorgen, dass unsere Natur bekommt, was sie braucht: Freude, Begeisterung, genug Schlaf, Bewegung, frische Luft – und ja, auch die kleinen Glücksgefühle! Wenn unser Leib kriegt, was er braucht, muss er vielleicht das läppische Nussgipfelglück nicht auch noch haben. Nietzsche sagt: „Die Mutter der Masslosigkeit ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.“ Ein freudloses Leben macht gierig nach billigen Glücksmomenten. Innere Leere will kompensiert werden. Wenn wir uns sehnen nach Erfüllung und innerem Feuer, suchen wir gern aussen, was innen fehlt. Und weil das kleine äusserliche Glück nur ganz kurz anhält, wiederholen wir es, dann verlieren wir das Mass und die so wichtige Fähigkeit aufzuhören, wenn es noch schön ist. „Sorgt so für euren Leib, dass die Gier nicht erwacht.“ Das heisst, nach innen fragen: Was vermissest du, dass du so masslos bist? Was kann ich dir geben, damit du Mass hältst mit dem Zeug, das nur unglücklich macht - und dick?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das andere Wort des Apostels tönt ja rätselhaft: „Bekleidet euch mit dem Meister Jesus Christus.“ Wie wenn Christus ein Überkleid wäre oder eine Uniform! Der Vergleich ist interessant. Ziehe ich ein Arbeitskleid an, so ändert sich mein Selbstverständnis. Jetzt bin ich für die Firma unterwegs, ich bin im Dienst, ich bin nun nicht nur der, welcher sich in Finken auf dem Sofa räkelt. Ziehe ich Christus an, so mache ich mir meinen Auftrag bewusst. Ich bin auf der Welt, um zu lieben, um Frieden zu schaffen, um die Welt zu verschönern für Mensch und Tier. Ich bin da, um mein Leben einzusetzen und hinzugeben, wie Christus sein Leben eingesetzt hat in der Liebe.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das ergibt eine Änderung in meiner Lebensausrichtung. Normalerweise frage ich ständig: „Was könnte ich noch Angenehmes geniessen?“ Mit dieser Fragestellung lande ich aber leicht in der Masslosigkeit. Wenn ich jedoch Christus anziehe, frage ich: „Was kann ich jetzt tun, um die Welt schön zu machen, um das Reich Gottes zu bauen?“ Das ergibt ein anderes Grund-Interesse. Die Genüsse stehen nicht mehr im Vordergrund. Das hilft, Mass zu halten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich glaube allerdings kaum, dass eine Änderung des Grund-Interesses jemanden gleich völlig befreit von Unmässigkeit oder gar Sucht. So einfach ist es selten. Aber ich glaube schon, dass wir der Masslosigkeit nicht Herr werden, ohne eine klare Vorstellung davon, wozu wir auf dieser Welt sind. Innere Leere führt zu äusserer Masslosigkeit. Innen müssen wir ansetzen. Dazu braucht es Religion. Sie hat bei uns zwar keine äusseren Regeln mehr gegen die Masslosigkeit; aber sie vermittelt eine innere Haltung, die der Unmässigkeit den Boden entzieht, und zwar da, wo sie entspringt, in der Seele. Das braucht Zeit. Inzwischen danken wir Gott, dass er uns in Christus auch Todsünden vergibt, und versuchen, bewusst und mit Danksagung zu geniessen.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 28 Jun 2009 09:30:00 +0000</pubDate>
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      <title>Predigt zur Heimat: &quot;Bi scho mängs Jahr i dr Frömdi&quot; &#40;Hebräer 11, 8-16&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Wir haben in der Lesung von Abraham gehört. Gott hat ihn aus seiner Heimat heraus gerufen und ihn zum Nomaden gemacht, zum Gast und Fremdling, der nirgends mehr – und darum überall zuhause ist. Aber obwohl er überall zuhause war, heisst es doch, dass er sich nach einer Heimat sehnte, die Gott ihm verheissen hatte.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nach der Predigt singen wir euch ein wunderschönes Lied von Hedy und Oskar Schmalz, ein Heimwehlied, wo Wort und Musik diese Sehnsucht nach der Heimat buchstäblich ins Herz malen: „Bi scho mengs Jahr i dr Frömdi u ha müesse ds Hei verla. Uf u furt zu frömde Lüte, hets mi tribe, gar so wyt. Doch das Heiweh na de Flüene isch mer blibe allizyt.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ein Heimwehlied. Heimweh? Ein Schweizer Arzt hat 1688 zum ersten Mal diese „Krankheit“ beschrieben (Johannes Hofer). Man nannte das Heimweh die „Schweizerkrankheit“. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Schweizer da eine besondere Schwäche haben, vor allem die Bergler, wo die Heimat eben ein überblickbares Tal ist von einzigartgier Schönheit. „Sone liebi Heimat findet me halt niene me.“ In manchen Sprachen gibt es gar kein Wort für unser „Heimweh“. In den französischen Söldnerheeren war es bis ins 18. Jh. bei Todesstrafe verboten, einen „ranz de vaches“, einen Kuhreihen, einen Jodel zu singen oder auch nur zu pfeifen, weil eine Heimatmelodie genügte, um Schweizer Söldner reihenweise krank zu machen oder zum Desertieren zu bringen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wisst Ihr selber, was Heimweh ist? Selber schon erfahren? Als Kind kannte ich es gar nicht. Dann studierte ich zwei Jahre in den USA, und als ich heimkam, passierte mir etwas Merkwürdiges. Als ich im Flughafen Basel-Mulhouse den ersten Schweizer Zöllner mit seinem lächerlichen Keppi sah, da schnürte es mir völlig unerwartet die Kehle zusammen und es kamen mir doch wahrhaftig die Tränen: „Wieder daheim!“ und da kamen Gefühle. Seither kenne ich das Heimweh nur zu gut. Vor wenigen Jahren, als ich im Auftrag des Kirchenbundes zehn Tage in Korea war, da packte mich das Heimweh wie einen Schulbuben. Ich schämte mich zwar, konnte aber nichts dagegen tun. Ein Psychologe sagt: Der Mensch (jedenfalls der Schweizer) „sehnt sich in einer psychischen Krise, wie sie bei einer Trennung von Gewohnheit und Sicherheit auftreten kann, zurück nach dem Bekannten und Vertrauten, das er verloren hat. Die Sehnsucht wird als sehr schmerzhaft empfunden.“ Eben ja: Heimweh.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nun stelle ich aber fest, dass ich solche nostalgische Sehnsuchtsgefühle manchmal empfinde, obwohl ich vollkommen zuhause bin, daheim in der Heimat. Manchmal höre ich ein Lied, ein Musikstück, und die Sehnsucht packt mich, ich möchte heim. Aber ich bin ja schon daheim!? Oder ich höre den Föhn brausen in den Tannen und eine unerklärliche Sehnsucht erwacht. „Möcht no einisch uf mym Äelpli jutzen über ds Ländli us!“ Ja, dabei habe ich gar kein Älpli. Wohin zieht es mich? Manchmal erlebt man doch, wie einen nicht einmal die nächsten Angehörigen verstehen. Wie man sagen kann, was man will, man kommt nicht an. Auch dann flackert diese Sehnsucht auf und mir kommt in den Sinn, dass einer gesagt hat: „Heimat ist, wo man verstanden wird“ (Karl Jaspers).</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Voll verstanden fühle ich mich vom Schriftsteller Heinrich Böll (+1985), den man einmal fragte, warum er, der doch aus der Kirche ausgetreten war, an Gott glaube. Er sagte: „Wegen der Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen... Auch wenn Menschen glücklich verheiratet sind, Kinder haben und einen Beruf, der ihnen Spass macht, fühlen sie sich zeitweise, sekundenweise, fremd auf dieser Erde. Es handelt sich hier keineswegs um ein blosses Gefühl, sondern vielleicht um eine uralte Erinnerung an etwas, das ausserhalb von uns selbst existiert. Das ist ein Grund für mich, an Gott zu glauben.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wenn wir „hier auf der Erde nicht ganz zuhause sind,“ wo sind wir es dann? Wo ist unsere wahre Heimat?  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ihr werdet denken: „Ja klar, nun bringt er den Himmel, er ist ja schliesslich Pfarrer und dafür bezahlt“. Richtig, aber hört, was die Historikerin Magdalen Bless erzählt. Sie wurde im letzten „Beobachter“ interviewt, und im Museum für Kommunikation in Bern, wo man ihre ganze Geschichte mithören kann. Sie hatte einen schweren Autounfall und war klinisch tot. Dabei hatte sie eine typische „Nahtoderfahrung“, wie es viele erzählen, die an die Grenze des Lebens kamen. Sie sah dieses wunderschöne Licht und tauchte vollkommen glücklich darin ein. Ärzte holten sie dann wieder ins irdische Leben zurück. Aber sie war traurig. Noch lange hatte sie starkes Heimweh nach dem Jenseits, nach jenen paar wenigen Minuten, wo sie einen Blick über die Grenze des Todes tun konnte! Heimweh, sobald man auch nur eine Ahnung hat, was drüben sein wird.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Gewusst habe ich das natürlich als Theologe. Paulus sagt, unsere Heimat sei im Himmel, wörtlich unser Bürgerrecht, unser Heimatort (Phil 3,20). Der Hebräerbrief (13,14) sagt, ein Ort zum Bleiben finde sich nicht auf der Erde, man müsse den zukünftigen Ort suchen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Dazu hat Karl Gerok gedichtet:</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich möchte heim, <br />ich sah in sel‘gen Träumen <br />ein bess‘res Vaterland. <br />Dort ist mein Teil in ewig lichten Räumen, <br />hier hab ich keinen Stand.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Der Lenz ist hin, <br />die Schwalbe schwingt die Flügel <br />der Heimat zu, weit über Tal und Hügel. <br />Sie hält kein Jägergarn, kein Vogelleim. <br />Ich möchte heim.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber dass man das so handfest erleben kann wie Frau Bless! Da erwischt eine Frau bei einem Unfall einen kleinen Schluck vom Jenseits und kommt wieder ins Leben zurück. Und von jetzt an hat sie Heimweh - das berührt mich tief.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wir Jodler können ja so herzergreifend von der Heimat singen: „I ghören im mys Dörfli hei, zu mynen alte Fründe, u zeigt is d’Wält au allerlei, chaisch nur ei Heimat finge.“ Wunderschön, aber wenn man nur eine Heimat finden kann, von welcher singen wir nun? Suchen wir unsere Heimat im Dörfli, hier im Schwyzerländli, so haben wir es vermutlich noch nicht ganz begriffen! Wir haben ein anderes, wichtigeres Bürgerrecht, eine andere eigentliche Heimat. Hier sind wir wohl zuhause, aber nicht ganz daheim! Wir richten es uns natürlich zünftig heimelig ein hienieden. Was da ständig renoviert und repariert und ausgebaut wird landauf landab! Ich freue mich daran, mag es allen gönnen. Da ist schön zu wohnen und zu sein! Und wir wollen es nicht nur bauen, sondern auch von Herzen geniessen!  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Nur: Hier sind wir nicht zuhause. Hier sind wir Gäste und Fremde, für eine verflixt kurze Zeit. Wenn wir es erlebt hätten, wie Frau Bless, was uns drüben erwartet, was für ein unvorstellbar schöne Heimat wir haben, wir würden uns nicht fest an einen Flecken Erde oder ein Haus binden. Wir hätten geistig den Koffer gepackt und wären sofort parat, abzureisen und heimzugehen! Tut das eurer Seele nicht an! Lebt nicht so, dass sie meint, im Elternhaus oder im Dörfli sei sie wirklich daheim. Richtet euch aus auf die höhere Heimat, auf das gelobte Land, das weder Abraham noch Mose betreten haben, und macht euch innerlich bereit, auszuziehen und an einem andern Ort glücklich zu werden.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich meine nicht das Alters- oder Pflegeheim. Das vielleicht auch. Aber ich glaube, es tut unserer Seele nicht gut, wenn sie sich auf der Erde allzu heimisch einrichtet und die himmlische Heimat vergisst. Wer nur hier daheim ist, dessen Seele wird spiessig, oder wie wir Schweizer sagen: Man wird ein Füdlibürger.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich habe euch drei Testfragen mitgebracht.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">1. Dünkt es euch nicht auch, nur schon weil ihr Schweizer seid, seid ihr ein bisschen besser als alle andern? Seid ehrlich mit euch selber! Stimmt doch, was?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">2. Denkt Ihr auch manchmal: „Lasst doch einmal alles sein, wie es ist! Es ist doch gut, wie es ist! Man muss es nur sein lassen.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">3. Denkt Ihr manchmal: „Ach, das ganze Getue in der Politik und in der Welt. Mir ist das doch alles gleich. Wenn ich meine Ruhe habe, bin ich zufrieden.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Dreimal Ja, das gibt einen ausgekochten Füdlibürger. Ich habe schon oft diese Fragen mit Ja beantwortet. Je wohler wir uns fühlen in unserem Dörfli, unserem Heim, unserer Heimat, desto Fübü. Das kommt wie von selbst, da muss man sich bewusst dagegen wehren. Wir sind so programmiert, dass wir schützen und erhalten, pflegen und sichern, was uns gehört und gefällt. Und wenn wir dann in unserem Dörfli höcklen bleiben, werden wir zum Füdlibürger. Wir sind so programmiert.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Gegen dieses innere Programm gibt es ein Gegenmittel. Das ist der Gott, der den Abraham aufscheucht. Abraham hatte sich im schönen Alter von 75 Jahren wahrhaftig gemütlich niedergelassen in seiner Heimat Haran. „Da sprach der Herr zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1).</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Bi scho mängs Jahr i dr Frömdi…“ Ja, wir sind wahrhaftig in der Fremde, „furt bi fremde Lüte“, auch dann, wenn wir „non es Schützi“ im Vaterland wohnen und werken. In Wahrheit sind wir in der Fremde. Und wenn euch hie und da eine Sehnsucht aufsteigt und euch die Augen feucht macht, die Sehnsucht nach einem besseren Ort als das Dörfli, nach einem Ort wo man wirklich versteht und verstanden wird, wo die Wahrheit die Sonne ist und wo die Liebe regiert, dann grüsst diese Sehnsucht als einen Engel, der euch gerade eine Postkarte aus der wahren Heimat vorbei gebracht hat. Diese Heimat erleben wir hier vorübergehend, wenn wir uns dem Nächsten öffnen. Und diese Heimat wartet auf uns, wenn es dann Zeit wird für uns, hinüber zu gehen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.  </p>]]></description>
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      <pubDate>Mon, 01 Jun 2009 18:44:00 +0000</pubDate>
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      <title>Pfingstpredigt: Anrufen &#40;Apostelgeschichte 2&#41;</title>
      <description><![CDATA[<p>Meine Bibel hat 1800 Seiten, die „Bibel in gerechter Sprache“ 2399 Seiten! Kein Wunder, muss ein Pfarrer mindestens 5 Jahre studieren, bis man ihn zur Bibelauslegung auf die Kanzel lässt. Und ich kann Ihnen sagen: Auch 5 Jahre Studium reichen nie, um diese Riesensammlung heiliger Worte in den Griff zu bekommen. Nun gibt es in dieser Bibel eine Reihe verblüffender Sätze, die das Wesentliche in der Religion auf ein Minimum einkürzen. Hört man das, fragt man unwillkürlich: „Ja, aber soo einfach kann es doch gar nicht sein!?“ Solche Aussagen, die Religion zur kinderleichten, einfachsten Sache der Welt machen, schauen wir heute an. Eine davon steht in der Pfingstpredigt des Petrus. Petrus sagte:</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Diese Leute sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst 9 Uhr früh. Nein, jetzt geschieht, was der Prophet Joël voraussagte: „In den letzten Tagen, spricht Gott, werde ich von meinem Geist ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Jungen werden Visionen haben und eure Alten Träume. Es werden Wunder erscheinen am Himmel und Zeichen auf der Erde: Blut, Feuer und qualmender Rauch. Die Sonne wird finster und der Mond blutrot, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und herrliche Tag. Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet“ (Apg 2).</p> </blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Diesen Satz meine ich: „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“ Kann es so einfach sein? Damit wir besser verstehen, wollen wir die beiden Schlüsselbegriffe näher anschauen: Was ist gemeint mit „gerettet“? Und was heisst „anrufen“? Aber ich verspreche Ihnen hoch und heilig: Auch nach dieser Predigt wird es noch kinderleicht und einfach sein. Das andere kennen wir ja: Die Bibel sagt, es sei kinderleicht, man müsse nur Gott anrufen. Und dann kommen die Theologen und sagen: Ja, jetzt müssen wir aber genau anschauen, was „anrufen“ eigentlich bedeutet, und dann machen sie daraus wieder eine Pandorabüchse voller Pflichten und Verbote. Diesmal nicht, Ehrenwort!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Was bedeutet „gerettet“? Sicher sind Ihnen die merkwürdigen Worte im Prophetenzitat aufgefallen: Die Sonne wird finster, der Mond wird zu Blut, auf der Erde Feuer, Rauch und Blut. Da ist vom „Tag des Herrn“ die Rede, von dem viele Propheten schreckliche Dinge sagen. Wir würden heute sagen vom Weltuntergang. Bald einmal, so sagen sie, wird Gott die Erde fürchterlich heimsuchen. er wird die Völker richten. Unzählige werden umkommen. Nur wenige Auserwählte werden an jenem Tag davon kommen. Diese Erwartung von schrecklichen Ereignissen in der Zukunft gehört irgendwie zu unserer Religion, ja vielleicht zum menschlichen Denken überhaupt; es ist noch wenig erforscht. Man nennt solche Zukunftserwartungen „Apokalyptik“ (nach dem letzten Buch der Bibel, das voll ist davon, die Apokalypse des Johannes). Apokalyptische Schreckenserwartungen waren zur Zeit von Jesus Allgemeingut. Auch die einfachsten Leute wussten: Nicht mehr lange, dann kommt der Tag des Herrn.  Die alte Erde verbrennt im Feuer und Gott schafft alles neu für seine Auserwählten. „Rettung“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Wenn der schreckliche Tag des Herrn kommt, wirst du gerettet und gehst nicht zugrunde wie die meisten andern. Du musst nur den Namen des Herrn anrufen, und du wirst gerettet.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Apokalyptik ist eine eigenartige Weltsicht. Wir würden doch sagen: So denken bei uns Sekten! Uriella im Schwarzwald predigt einen Weltuntergang, bei dem nur ihre Anhänger von den Ausserirdischen gerettet werden. Tatsächlich haben immer wieder Sekten die Apokalyptik aus der Bibel zu ihrer Hauptsache gemacht. Die Zeugen Jehovahs entstanden um einen Propheten, der den Weltuntergang auf ein genaues Datum voraussagt. Wenn dann nichts geschieht, so kann man offenbar den Untergang gut auch ein wenig verschieben, ohne dass einem zu viele davon laufen. Die Zeugen gibt’s ja immer noch, und sie haben den Untergang schon oft hinausgeschoben!  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber passen Sie auf: Machen wir es uns nicht ein wenig einfach, wenn wir meinen, Apokalyptik sei Sektenzeug? Was stand denn alles in unseren Zeitungen, als das Jahr 2000 bevorstand? Und gab es da nicht vor einiger Zeit einen Kometen, von dem viele eine Art Weltuntergang befürchteten? Gibt es nicht unzählige Endzeitfilme, die einem Gänsehaut einjagen mit Atomkriegen und Naturkatastrophen? Omega Man, Armaggedon, The Day After, Independence Day, Quiet Earth und wie sie alle heissen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Apokalyptik ist auch heute quicklebendig in den Köpfen. Es braucht ganz wenig, und sie kommt aus der Sektenecke hervor und wird salonfähig. Sie haben doch sicher schon gehört, dass am 21. Dezember 2012 riesige Umwälzungen kommen? Einige reden vom Untergang der alten Welt, andere sagen, ein neues Bewusstsein werde erwachen; wieder andere, die Ausserirdischen (richtig, Erich von Dänikens Lieblinge) kämen zurück. Sicher ist der 21.12.2012 ein Tag mit grossen Umwälzungen; an jenem Tag werde ich nämlich 65. Aber das ist natürlich nicht der Grund! Die beiden Kalender der südamerikanischen Maya, die Tausende von Jahren stimmten, gehen an jenem Tag rätselhaft zu Ende, und die Planeten stehen in einer einzigartigen Konstellation. Sie werden sicher noch davon hören!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber ich bin abgeschweift. Ich finde nicht wichtig, ob Sie eine apokalyptische Weltsicht haben und einen nahen Weltuntergang erwarten. Ich weiss nicht, ich denke eher, Apokalyptik projiziert auf die äussere Welt, was für jede einzelne Seele wichtig ist: Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem ich die alte Welt verlasse, wo ich vor das göttliche Gericht trete und wo eine völlig neue Welt auf mich wartet. Es wird der Tag meines Todes sein. Vielleicht täusche ich mich. Ich wäre im Vertrauen auf Gottes Gnade auch für den „Tag des Herrn“ bereit.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber was uns heute interessiert, ist nicht, was wir konkret erwarten, sondern die Aussage: „Du wirst gerettet, wenn du nur den Namen Gottes anrufst.“ Das älteste Wort von Gott, das so spricht, steht im Psalm 50: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du wirst mich preisen.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Vielleicht kennen Sie die eigenartige Geschichte von der ehernen Schlange? Als die Israeliten in der Wüste von Giftschlangen geplagt wurden, musste Mose eine Schlange aus Bronze machen und an eine Stange hängen. Wenn einer von einer giftigen Schlange gebissen wurde, musste er nur die „eherne Schlange“ anschauen und wurde gerettet. So einfach!? Nur den Kopf drehen und hinschauen? Merkwürdig! Und Johannes sagt dann 1000 Jahre später, Jesus werde wie die eherne Schlange ans Kreuz „erhöht“. Das muss doch heissen: Es genügt, den Kopf zu wenden und auf den Gekreuzigten zu schauen. Dann kann einem die „alte Schlange“, Sünde, Tod und Teufel, nichts mehr anhaben. So einfach?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Im Lukasevangelium 11,13 tönt ein Satz von Jesus auch so verblüffend einfach. Er bezieht sich auf den Geist Gottes (Pfingsten!): „Wenn nun schon ihr, die ihr doch schlechte Eltern seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!“ Nur bitten?! Mehr braucht es nicht? Und schliesslich haben wir in der Pfingstgeschichte gehört: „So spricht Gott: In den letzten Tagen werde ich von meinem Geist ausgiessen über alle Menschen.“ „Ausgiessen“ ist ein verblüffendes Wort. Ausgiessen heisst ohne Unterschied alles nass machen, „Giesskannenprinzip“. Wörtlich heisst es: über alles „Fleisch“. Nicht das fromme Fleisch, nicht das gläubige, gerechte, andächtige Fleisch, nicht das jüdische oder christliche, alles Fleisch! Petrus zitiert dieses Prophetenwort und betont: Jetzt geschieht das. Nicht in ferner Zukunft. Er holt die Apokalyptik in die Gegenwart und sagt: Der Tag des Herrn ist jetzt. Hört auf zu warten!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wir haben nun eine Reihe von heiligen Worten gehört, die alle sagen: Nur eines wird von dir erwartet: Gott anrufen, oder bitten, oder hinschauen, mehr nicht. Das aber ist entscheidend; diese bewusste Hinwendung zu Gott ist rettend für dich. „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“ Ausgedeutscht: Du kannst 1000 Predigten hören, 1000 fromme Bücher lesen, 1000 schöne Gebete abhaspeln, 1000 armen Kindern helfen. Eines fehlt dir: Wende dich Gott persönlich zu. Sag „Du“ zu ihm, rufe ihn an. Realisiere, dass da jemand ist, dem dir dein Leben gibt. Nimm Kontakt auf mit dieser Quelle des Lebens, sag „Du“, sag „Vater“ oder „Mutter“ oder „Herr“, aber sag „Du“. Das wird dich retten, in welcher Not du auch seist. „Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.“  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich habe längst nicht begriffen, warum diese persönliche Zuwendung so wichtig, so rettend ist, aber ich nehme zur Kenntnis, dass sie für den Menschen entscheidend ist.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Mir kommt da immer mein lieber Vater in den Sinn. Als ich jung war, sagte er: „Du bekommst alles von mir, was du brauchst.“ Aber dann hatte ich Geldsorgen. Und er gab mir nichts. Warum nicht? Er sagte: „Wenn du etwas brauchst, dann komm zu mir, und sag es mir.“ Er wollte, dass ich ihn bitte, er wollte meine persönliche Zuwendung, dann gab er mir gerne. Offenbar ist es mit dieser Macht, die wir Gott nennen, ähnlich. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Zum Schluss noch ein Wort an unsere lieben Geschwister, die noch nicht oder nicht mehr an einen Gott glauben können. Ich vermute, die biblische Aufforderung zum „Anrufen“ gilt auch für Atheisten. Auch wer  nicht an Gott glaubt, weiss doch, dass er sich nicht selber gemacht hat. Er weiss, dass er das meiste in seinem Leben seinem Unbewussten verdankt. Sein unbewusstes Hirn- und Nervensystem steuert alles Lebenswichtige, das Herz, die Leber und die Hormone, ohne dass der Verstand etwas dazu beiträgt. So dient es jedem zum inneren Frieden, wenn der Verstand sich seinem Inneren, seinem Unbewussten zuwendet, wenn er anerkennt, dass es da noch jemanden gibt, dem man unendlich viel verdankt, wenn er dankbar zum Unbewussten „Du“ sagt. In abgeleitetem Sinne also kann auch ein Ungläubiger Hilfe, vielleicht Rettung finden, wenn er sich seinem unsichtbaren Du bewusst und persönlich zuwendet. „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“</p> <blockquote> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.</p> </blockquote>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 31 May 2009 12:00:00 +0000</pubDate>
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