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    <title>ruediheinzer Themen</title>
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    <language>de</language>
    <pubDate>Thu, 17 Mar 2011 09:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Schiefer Haussegen? Vortrag Pfarrkapitel Dekanat Aarau</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>Schiefer Haussegen?</strong></p> <p><strong>Wenn „Liebe Schwestern und Brüder“ mit unterschiedlichen Richtungen zusammen leben und arbeiten</strong></p> <p>Pfarrkapitel Dekanat Aarau, 17.3.2011</p> <p>&nbsp;„Unsere Pfarrer sind wie Hund und Katz miteinander; das blockiert jeden Gemeindebau.“ – „Was? In der Kirchensynode gibt es Parteien und Fraktionen wie in der Politik?! Da habe ich mir die Kirche schon anders vorgestellt.“ – „Ich arbeite nun seit 20 Jahren als Freiwilliger in der Kirchgemeinde; und ich muss sagen: im Fussballclub erlebte ich bei weitem mehr Kameradschaft und Gemeinschaft.“</p> <p>Die Verunsicherung in der Gemeinde ist zuweilen beachtlich, wenn Uneinigkeit, Gegensätze und Streit auf allen Ebenen der Kirche zutage treten. Aber vom Klerus nehme ich an, dass er nicht unheimlich überrascht sein dürfte. Es ist halt tatsächlich in der Kirche notwendig, Sonntag für Sonntag neu Frieden und Versöhnung zuzusprechen. Jedenfalls sieht das die Messe vor seit 1600 Jahren.</p> <p>Ein Grund für Zwistigkeiten sind unterschiedliche theologische Richtungen, die unter dem weiten Dach unserer Landeskirchen spriessen. Eine Spezialkommission der Zürcher Landeskirche wollte es 1994 genau wissen. Sie hielt fest: Um die Jahrhundertwende gab es 3 Hauptströmungen: Positive, Liberale und Religiös-soziale. Die heutige Landschaft aber sei äusserst vielschichtig und schwer beschreibbar. Viele Strömungen seien erkennbar, benennten sich aber selbst nicht, durchmischten sich, hätten in sich selbst verschiedene Flügel und sorgten für „Patchwork-Identitäten“ im Klerus. Kirchenkämpferische Konflikte habe es in letzter Zeit verstärkt gegeben mit evangelikalen Strömungen. Die Kommission präsentierte dann eine Liste von heute benennbaren Strömungen und schützte sich sogleich mit der Bemerkung, die Liste sei weder differenziert genug noch vollständig. Ich zitiere frei: </p> <ol> <li>Nüchtern-zürcherischer      Protestantismus (im Alltag gelebtes Christentum)</li> <li>Positive Richtung,      bekenntnisorientiert</li> <li>Theologischer      Liberalismus, Aufklärung, Freiheit</li> <li>Missionarisch-landeskirchliche      Richtung, persönl. Christusbeziehung</li> <li>Evangelikale Richtung,      bibeltreu, Bekehrung, Gericht</li> <li>Fundamentalismus, wörtl.      Inspiration der Schrift</li> <li>Religiös-soziale Richtung,      herrschaftskritisch, pazifistisch</li> <li>gesellschaftskritisches      Christentum</li> <li>Politischer Liberalismus, <em>civil religon</em></li> <li>Befreiungstheologie,      Option für die Armen, 3. Welt</li> <li>Feministische Theologie</li> <li>Mystisch-liturgische      Richtung, Kontemplation, Taizé</li> <li>Charismatische Richtung,      Heilung, Lobpreis, Gnadengaben</li> <li>Tiefenpsychologische      Exegese</li> <li>Esoterische Theologie,      Schamanismus, kosmischer Christus</li> <li>Pantheistische      Naturfrömmigkeit</li> <li>Schöpfungsspiritualität,      einfaches Leben, Vegi, WWF</li> <li>Ökumenisches Christentum,      Dialog der Konfessionen und Religionen</li> <li>Jüdisch-christlicher      Dialog</li> </ol> <p>19 Richtungen? Theologisch eine unerotische Zahl. Ich würde wenigstens auf 20 aufstocken mit einer eigenen neuen Richtung: „Von allem ein wenig, aber nirgends zu viel“. 20 wäre dann die Hälfte von 40, und 40 bedeutet in der Bibel seit je „unheimlich viel“. 40 Tage Sintflut, 40 Jahre Wüstenwanderung, 40 Tage Fasten in der Wüste, „noch 40 Tage, und Ninive ist zerstört…“ Unüberblickbar viele theologische Richtungen gibt’s bei uns, wahrscheinlich auch unter uns.</p> <blockquote> <p>„In allen der aufgeführten Richtungen werden einzelne Grundelemente des Evangeliums hervorgehoben, jedoch andere Aspekte vernachlässigt, ausgeblendet oder gegenüber anderen Richtungen bewusst bekämpft.“</p> </blockquote> <p>Die Kommission schliesst ihren Bericht mit der Frage, wie die Kirche mit dieser Vielfalt, die sowohl Bereicherung wie Zerreissprobe sei, konstruktiv umgehen könne. Antworten finden wir heute Morgen gemeinsam.</p> <p><strong>1. Lex</strong></p> <p>Ich beginne mit unserer Tradition, der Hl. Schrift., das ist würdig und recht. Weil wir das aber alle schon kennen, bitte ich um Geduld; spannend wird‘s später.</p> <blockquote> <p>„Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, daß ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.“ Phil 2</p> <p>„Die Evodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, dieselbe Gesinnung zu haben im Herrn.“ Phil 4</p> <p>„Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle mit einer Stimme redet und laßt keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. Denn es ist mir bekanntgeworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, daß Streit unter euch ist.“ 1 Kor 1</p> <p>„Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Röm 15</p> <p>„So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, daß ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung eurer Berufung; EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe; EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ Eph 4</p> </blockquote> <p>Es gibt keinen NT-Brief, der nicht explizit zur Gleichgesinntheit (to auto phronein, homophronein), Einheit, Einmut, Einigkeit, zum Frieden ermahnt. Ein grosser Teil der Briefe sind Streitschriften. </p> <p>Wir haben uns nun zuerst unser „Gesetz“ vor Augengeführt. Die christliche Standardparänese am Anfang war Ermahnung zur Einigkeit. Um Zeit zu sparen: Die Wirkung dieser Ermahnungen überstieg das landesübliche Mass nicht wesentlich. Das „Gesetz“ blieb offensichtlich weitgehend wirkungslos. Wir wissen zwar nicht, wie die Kirche aussehen würde ohne diese Ermahnungen zur Einheit, aber ihr explizites Ziel haben sie nun gewiss nicht erreicht. Das wundert uns hoffentlich nicht. Das Gesetz verfehlte schon am Tag, als es gegeben wurde, gründlich sein Ziel, als das Volk Gottes ums goldene Kalb tanzte. Gott gibt das Gesetz trotzdem, aus evangelischer Sicht nun nicht, um das Volk damit zu bessern, sondern um ihm die Messlatte in die Hand zu geben; <em>usus elenchtikus,</em> das Gesetz zeigt an, wie weit man vom Soll-Zustand abgewichen ist.</p> <p><strong>2. Gratia</strong></p> <p>Veränderung zum Besseren bewirkt nicht das Gesetz, wohl aber das Evangelium, die Gnade. Darum nun eine Reihe von gnädigen Überlegungen.</p> <p><strong>2.1. Warum eigentlich sollen Pfarrpersonen einander mögen?</strong></p> <p>Einigkeit und gute Zusammenarbeit im Klerus ist ein hehres Ziel, auf überaus dornenvollen Weg zu erreichen, auch einmal ganz abgesehen von theologischen Richtungsunterschieden. Friedliches Zusammenwirken von Pfarrpersonen ist nach meiner Erfahrung eher die Ausnahme als die Regel. Eigene Erfahrungen… </p> <p>Das hat nun aber seine natürlichen Gründe, präziser Abgründe (!); denn wir haben es mit halb- und unbewussten Faktoren zu tun. Zwei Pfarrer in einer Kirchgemeinde sind de facto Konkurrenten. Sie konkurrieren um die Gunst des Publikums, wie Schauspieler und Regisseure, mit dem Unterschied, dass sie <em>politically correct</em> liebe Brüder sein müssen und ja keine Konkurrenten sein dürfen. Und für ihre Bemühungen wird auch nie applaudiert. Neid, Eifersucht, Missgunst, Schadenfreude, Triumph oder Intrigen gegenüber Konkurrenten sind Tabu in der Kirche, und zugleich absolut realexistent. Hat eine Pfarrperson aus irgendwelchen Gründen sichtlich mehr Publikumsgunst, entsteht unvermeidlich eine Mozart-Salieri-Konstellation. Der eine hat 15 Taufen und 10 Hochzeiten pro Jahr, der andere kaum je 2. Das kann ja nicht gut kommen, aber man muss so tun, wie wenn es kein Problem wäre.</p> <p>Erfolg und Misserfolg werden in der Kirche wie überall erlebt, aber ihre oft ganz natürlichen Ursachen kommen kaum ins Blickfeld. Und nicht wahr: Es ist doch schon anstössig, wen ich von „Erfolg“ rede? Ein Erfolgreicher hat vielleicht eine betörend schöne Stimme, ist ein begabter Rhetoriker, hat Vitamin B in der Gemeinde und eine sympathische Partnerin. Seinen Erfolg wird er vielleicht theologisch überbacken und sich einreden, etwa nach evangelikalem Modus: „Wo das Evangelium halt klar und rein gepredigt wird, kommen die Leute immer.“</p> <p>Der Erfolglose ist vielleicht ein unhöflicher Klotz, hat eine unangenehme Stimme, ist ein Chaot und macht immer ein Durcheinander. Aber er wird das nicht als Grund für den minderen Erfolg sehen, sondern sich theologisch schadlos halten: „Der andere ist halt ein Populist und schmeichelt dem Volk. Erfüllt man aber&nbsp; treu das prophetische Wächteramt und predigt Gottes Willen ohne Rücksicht auf die Person, da ärgern sich halt die Leute immer und bleiben aus. Ging allen Propheten so.“</p> <p>Kleriker stehen mit dem, was sie produzieren, auf der Bühne vor vielen Menschen. Sie sind also selbstverständlich Konkurrenten, aber sie dürfen es nicht sein. Das kirchliche Tabu verdrängt somit echte Probleme ins Unbewusste, wo sie sicher nicht gelöst werden, vor sich hin motten, giftigen Dampf erzeugen und immer im dümmsten Moment eine Fumarole finden um auszubrechen. Pfarrer und Diakone haben ein minenverseuchtes Arbeitsfeld, auch wenn sie zufälligerweise derselben theologischen Richtung angehören sollten. Nur andeuten will ich, dass Kleriker ihre Mitarbeitenden nicht aussuchen. Andere wählen sie und stellen sie ihnen an die Seite und vor die Nase Die Chance ist doch gross, dass ich einen Kollege nicht riechen mag.</p> <p><strong>2.2. Trost aus der Bibel </strong></p> <p>Hier kann man nun mit Fug und Recht das Solothurnerlied singen: „S’isch immer so gsy...“ Es war schon unter den Jesusjüngern so: „Sie stritten unterwegs, wer von ihnen der Grösste sei“. Jesus sandte sie zu zweien aus, aber soviel ich weiss, zerstreuten sie sich bald einzeln in alle Welt, wenn man den Apostellegenden trauen kann. Kaum waren die Gemeinden gegründet, kamen sich in Jerusalem die Judaisten und die Hellenisten in die Haare, in Rom ebenfalls (Vegetarier und Götzenfleischesser), in Galatien die Judaisierer und die Pauliner, in Korinth die Pauliner, Apollonier und Jesuaner; Paulus selber verkracht sich mit Johannes Markus, dann seinetwegen auch mit Barnabas, und seine Beziehung zu Petrus war zumindest sehr distanziert. Fortsetzung folgt. Wenn schon unsere Heilige Schrift voll ist von Konflikten, wieso wagen wir eigentlich zu hoffen, wir seien „besser als unsere Väter“? Dass die peinlichen Streitereien unter den Jesusnachfolgern ungeschminkt Eingang fanden in die Hl. Schriften, ist nicht nur hieb- und stichfester Grund für ihre historische Glaubwürdigkeit. Es ist geistlich gesehen echter Trost: Sogar die Bibel sagt überdeutlich: Es <strong>ist</strong> schwierig; ihr seid wahrhaftig nicht die einzigen.</p> <p><strong>2.3 Wir können nicht aus der Kirchengeschichte aussteigen</strong></p> <p>Ich versuche manchmal, Abstand zu nehmen und aus Distanz zu betrachten. Vor 160 Jahren gingen protestantische Schweizer noch militärisch gegen die Katholiken und zwangen sie militärisch zu ihrem Glück: Sonderbundskrieg. Ich hatte in Frutigen noch Walliserfrauen, die von ihren Familien geächtet wurden, weil sie einen Protestanten heirateten. Das war letzte Generation, kirchengeschichtlich ein Klacks. Erst 1948 wurde der ökumenische Rat der Kirchen gegründet, (da war ich schon in den Windeln), mit der völlig neuen Grundüberzeugung, dass Kirchen sich als Schwesterkirchen anerkennen können, obwohl sie in zentralen Fragen der Glaubenspraxis und der Lehre sehr unterschiedlich sind und bleiben. Die grösste Weltkirche, die eigentlich wohler wäre, wenn es nur sie gäbe, glaubt diesen Schritt grundsätzlich nicht vollziehen zu können.</p> <p>1999 gab der SEK sein Büchlein heraus „Pluralismus in der Kirche“, mit misslichen Begleittönen und keinerlei PR-Unterstützung der SEK-Geschäftsstelle. Es kam über eine erste Auflage nicht hinaus. Immerhin wurde akzeptiert, dass man von den reformierten Landeskirchen schrieb, es seine pluralistische Kirchen. </p> <p>Einige Jahre vorher prägte ich für die Berner Kirche den Slogan, die Kirche ist eine „offene Such- und Weggemeinschaft“. Der Slogan, nicht ohne Opposition aus dem evangelikalen und andern Lagern, vom Synodalrat propagiert. „Vielfalt“ wurde eine Zeitlang Thema für Kirchensonntage und Konferenzen. Aber schon heute hört man nicht mehr viel davon.</p> <p>Zwar sind de facto alle grossen Kirchen pluralistisch, haben also in ihrem Klerus grösste Gegensätze. Aber es sind erst Einzel-Stimmen, die es wagen, Pluralismus als Wesensmerkmal der Kirche zu bezeichnen und darauf sogar stolz zu sein. Diese kühnen Stimmen aber sind umzingelt von Kirchen und Theologen, die Pluralismus als Sünde und Fehltritt der Kirchengeschichte bedauern und beklagen, von Christen, die sich auf protestantischer Seite halt gewöhnt sind, bei Meinungsdifferenzen den Hut zu nehmen und einen eigenen Laden aufzutun.</p> <p>Was will ich damit sagen? Die Erkenntnis, dass auch gegensätzliche theologische Richtungen in einer einzigen Kirche Platz haben dürfen und sollen, ist ein junges Blümchen der Kirchengeschichte. Es ist keineswegs sicher, ob dieses Senfkorn je zu einem Baum heranwächst, in dem die bunten Vögel des Himmels nisten. Wer heute schon glaubt, Pluralismus sei nicht nur ein heilbares Geschwür am Leib Christi, sondern eines seiner Wesensmerkmale, gehört zu einer Pioniergeneration. Und Pioniere haben nie die Mehrheit hinter sich; noch nicht.</p> <p><strong>2.4 Wir können die Dogmatik nicht einfach aussen vor lassen</strong></p> <p>Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nun auf eine zentrale theologische Differenz lenken, die selten offen angesprochen wird: den soteriologischen Graben, der die Evangelikalen von den Universalisten trennt. Das Christentum ist eine Erlösungsbotschaft, Erlösung vom Zorn Gottes, vom Gericht. Wer aber wird im Gericht gerettet? Was sagen Evangelikale? Sie würden sicher unter sich unterschiedlich reden, aber sie sind sich doch einig, dass es Menschen gibt, die nach Jesu drastischen Worten einmal in einer ewigen Gottferne, in einer Hölle landen, „wo ihr Wurm nicht stirbt und ihre Flamme nie erlöscht.“</p> <blockquote> <p>Lausanner Verpflichtung: „Gott will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Busse kehre. Wer aber Jesus Christus ablehnt, verschmäht die Freude des Heils und verdammt sich selbst zur ewigen Trennung von Gott. Wenn Jesus als „Erlöser der Welt“ verkündet wird, so heißt das nicht, dass alle Menschen von vorneherein oder am Ende doch gerettet werden.“ </p> </blockquote> <p>Darin liegt heute das Schibbolet zwischen Evangelikalen und anderen: Glaubst du und lehrst du ein ewiges Gericht und Verlorensein? Ein Grossteil des Klerus in unsern Landeskirchen verkündet de facto eine Allversöhnung; ein beachtlicher Teil glaubt nicht einmal, dass unser Bewusstsein den Tod überhaupt übersteht. Die Mehrzahl predigt einen Gott der Liebe, der zwar gerecht ist und Gericht hält, aber unmöglich im Jenseits ein greuliches KZ betreiben kann, wo Menschen in alle Ewigkeit schmoren, weil sie in nur 80 Jahren Erdenleben einiges falsch gemacht oder es aus irgendwelchen Gründen versäumt haben, den Satz auszusprechen: „Jesus, du bist mein Herr und Erlöser“. Auch viele evangelikal denkende Pfarrpersonen sind mit gutem Grund vorsichtig, in der Landeskirche Feuer- und Schwefelpredigten zu halten, auch wenn sie überzeugt sind, durch ihre Arbeit Seelen aus ewiger Verlorenheit zu retten. Sie wollen natürlich ihren Gott nicht ständig dem Folterknecht-Vorwurf aussetzen. Und sie haben schliesslich auch einen beruflichen Selbsterhaltungstrieb.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Aber den dogmatischen Unterschied schleckt die Geiss nicht weg: Es gibt unter uns die Evangelikalen, die mit der Hölle rechnen. Und es gibt die offenen oder „verschleikten“ Universalisten, die glauben, dass alle einmal gerettet werden, vielleicht nach einem langen, zeitlich begrenzten Strafgericht? A<em>pokatastasis panton</em> gehört de facto zur ungeschriebenen Glaubensübereinkunft des landeskirchlichen Mainstreams. Bei unsern Beerdigungen ruhen alle Verstorbenen in Gottes gnädiger Hand. Wie könnten wir der Trauerfamilie sonst in die Augen sehen?</p> <p>&nbsp;Nun ist aber der Unterschied in dieser Frage unheimlich entscheidend. Wenn Sie drastische Vergleiche lieben: In Stechelberg gibt es an der Strasse Bunker zum Schutz vor den Staublawinen. Der Evangelikale sagt: „Wenn ihr nicht sofort zu uns in den Schutzbunker kommt, werdet ihr von der Lawine begraben!“ Der Landeskirchen-Mainstream dagegen sagt: „Alles halb so schlimm, die Verbauungen halten. Es gibt heutzutage keine Lawinen mehr.“ Der Evangelikale sagt: „Du machst dich schuldig am Blut dieser armen Leute, weil du ihnen die entscheidende Wahrheit vorenthältst, nämlich dass nur der Bunker vor dem Lawinentod rettet.“ Der andere sagt zum Evangelikalen: „Du machst den Leuten unnötige Angst und machst die Frohbotschaft zu einer Drohbotschaft.“ Ihre Botschaft könnte nicht gegensätzlicher sein. Der eine macht am nächsten Sonntag zunichte, was der andere vor einer Woche mit brennendem Herzen aufgebaut hat. Sie werden sich insgeheim gegenseitig vorwerfen, Irrlehre zu verbreiten. Der eine wird für den andern beten, aber nicht, dass Gott ihn segnet, sondern dass Gott ihn doch zur Wahrheit bekehren oder dann notfalls aus dem Verkehr ziehen möchte.</p> <p>Wie sollen diese theologischen Gegner zusammenarbeiten?! Die können nicht zusammenarbeiten, sorry. Es gibt theologische Unverträglichkeiten, Pluralismus hin- oder her. Der Mainstreamler fragt sich, warum der evangelikale Kollege nicht endlich zu den Pfingstlern geht, und der Evangelikale weiss nicht, warum der Mainstreamler nicht von Anfang an Gewerkschaftssekretär geworden ist. Hätten wir noch einen Bischof, so müsste der aus lauter Barmherzigkeit den einen nach Abländschen versetzen und den andern nach Pruntrut.</p> <p>Fazit des gnädigen Abschnitts: Es ist schwierig, s’war immer so und manchmal ist’s unmöglich. Und das soll frohe Botschaft sein? Aber gewiss! Sie lautet: Du bist nicht persönlich verantwortlich dafür, dass es schwierig ist. Du hast diese Kirche nicht erfunden und bist nicht verantwortlich für ihr unendlich weites theologisches Spektrum. Du schaffst es vielleicht nicht, mit deinem Kollegen zusammenspannen, aber: „Ich verurteile dich nicht.“ Das ist doch auch eine Art Gnade?</p> <p><strong>3. Sanctificatio</strong></p> <p>Nun ist es ja mit Gnade und Freispruch noch nicht vollbracht. Die Rechtfertigung des Sünders ist erst die Grundlage, auf der nun gebaut werden muss: Heiligung. „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ Die positive Veränderung des Menschen, gerade auch des klerikalen Menschen - das hat Barth glasklar gesehen - ist menschenunmöglich. Und doch wird Veränderung geschenkt, und wir leisten dazu unseren menschlichen Beitrag. Ein Beitrag ist Umdenken: „Verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes!“ Röm 12.</p> <p><strong>3.1 Der garstige Graben hat eine Brücken: die Bibel</strong></p> <p>Der soteriologische Graben ist zwar abgrundtief, aber es gibt Brücken darüber. Man liegt in der Regel dann doch weniger weit auseinander als es zuerst den Anschein machte. Die meisten Allversöhner können auch mit biblischen Texten über Strafe und Gericht etwas Vernünftiges anfangen. Und sie glauben nicht zwingend, Gott werde Hitler, Pol Pot und Stalin im Jenseits empfangen wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn. Auch sie sehen einen Ernst im Leben und glauben, dass unsere Entscheidungen entscheidend sein können.</p> <p>Umgekehrt gibt es namhafte Evangelikale, die in den Bibelstellen über das Gericht nicht zwingend ewige Folter erkennen, sondern <em>annihilatio</em> (John R.W. Stott und andere). C.S. Lewis andererseits glaubt aufgrund der biblischen Tradition, dass der Mensch einst kriegt, was er sich wünscht. Das tönt nicht mehr so mittelalterlich, nimmt Gott aus dem Schussfeld, und ist immer noch unheimlich genug, wenn man‘s bedenkt.</p> <p>Und wer die Bibel wirklich ernst nimmt, findet ja erstaunliche Belegstellen für beide Grundhaltungen, für die <em>apokatastasis panton</em> wie für das ewige Gericht. Somit könnte man die beiden Extrempositionen stehen lassen und sagen: Beides steht in der Bibel. Wir können und müssen uns nicht für die eine oder andere Lehre entscheiden. Barth plädierte für dieses Stehenlassen der Gegensätze, ohne Harmonisierungsversuche.</p> <p>Die Soteriologie ist ja nur ein Beispiel, das krasse Beispiel eines Richtungsgrabens. Aber auch bei andern theologischen Konfliktpunkten kann gelten: Man findet schon in der Bibel unterschiedliche Aussagen. „Mit der Bibel kannst du alles beweisen,“ frotzelt man gern. Richtig, und das hat eine positive Seite. Man kann kaum einer theologischen Richtung vorwerfen, sie gründe nicht auch ein wenig in der Bibel. Ich bin sowieso des Glaubens, dass die Bibel für den Pluralismus in der Kirche verantwortlich ist. 3 Schöpfungsberichte, zwei widersprüchliche Geschichtstraditionen im AT, gegensätzliche Theologien im Deuteronomium und in den Weisheitsbüchern Hiob, Jona, 4 Evangelien. Und zugleich ist die Bibel unsere einzige Einheit. Wir wären schon längst auseinandergeflattert ohne die Verpflichtung, Woche für Woche aus der Bibel zu predigen und ab und zu unsere Meinung im Dialog mit der Bibel zu reflektieren.</p> <p><strong>3.2. Umdenken und Häretiker begnadigen</strong></p> <p>Es gehört m.E. zu den theologischen Herausforderungen unserer Zeit, das Konzept der Häresie (Irrlehre) im NT neu zu interpretieren. Wir haben weltweit leider noch das alte Häresie-Verständnis in kirchlichen Grundtexten, die nur schwer zu ändern sind. Ausser in den Verfassungen der Schweizer Reformierten Kirchen, die sind schon koscher!</p> <p>Wir müssen die Bibel kritisieren mit der Bibel. Paulus interpretieren mit Paulus: </p> <blockquote> <p>„Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel.“ Gal 1,8 gegen</p> <p>&nbsp;„Stückwerk ist unser Erkennen… Jetzt schauen wir in einen undeutlichen Metallspiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse… Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen.“ 1 Kor 13,9-12 </p> </blockquote> <p>Johannes interpretieren mit Johannes:</p> <blockquote> <p>„Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß. Denn wer ihm den Gruß bietet, macht sich mitschuldig an seinen bösen Taten.“ 2 Joh</p> <p>„Jesus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Joh 14</p> </blockquote> <p>Wahrheit ist ein Weg, kein Standpunkt. Wir leben seit Kant (meinetwegen) mit einer unaufhaltsamen und unumkehrbaren erkenntnistheoretischen Skepsis. Es gibt niemanden und hat nie jemanden gegeben, der eine objektive Wahrheit so erkennen und erfassen könnte, dass er andern ihre Erkenntnis mit Recht absprechen könnte. Es gibt nur noch Wahrscheinlichkeit und subjektiv beschränkte Erkenntnis. Ich glaube zwar (das ist eine Glaubensentscheidung), dass es objektive Wahrheit gibt, aber ich weiss, dass kein Mensch sie erschöpfend erfassen kann. Heute müssten wir vielleicht sagen: Irrlehre wird es zwar nach wie vor geben, aber es gibt niemanden mehr, der sie denunzieren dürfte. Es gibt niemanden, der glaubhaft behaupten könnte, er selber sei vor Irrlehre gefeit, er selber stehe ausserhalb und über den Kirchen und könne säuberlich zwischen Lehre und Irrlehre unterscheiden. Die römische Glaubenskongregation masst sich zwar noch immer diese Position an, gefährdet aber gerade damit ihre Glaubwürdigkeit. Glaubwürdig ist heute nur, wer weiss, dass alles Erkennen Stückwerk ist. Schon Paulus hätte eigentlich mit diesem Diktum und seinem Bildwort vom „Schauen nur wie in einem Spiegel“ für die Theologie begründet, was die moderne Wissenschaft epistemologisch erkannt hat: Das Erkennen des Menschen ist Stückwerk; und auch wenn man alle Bischöfe der Welt zusammenruft, so bleibt auch ihr Erkennen Stückwerk. Man kann wohl noch sagen, dass eine Mehrheit anders denkt als eine Minderheit, aber die jahrtausendelange christliche Unsitte des <em>Anathema</em> über angebliche Irrlehrer und vor allem deren blutige Verfolgung ist selber grässlichste Irrlehre.</p> <p>Anders gesagt: Die Kirchen müssten zurück finden zu einem Theologisieren wie bei den Juden. Noch heute stellt die jüdisch-rabbinische Theologie Aussagen grosser Rabbiner einfach neben einander, auch wenn sie sich widersprechen, ohne zu entscheiden, wer nun Recht hat. Da wird niemand als Häretiker gebrandmarkt und verworfen. Wo sind heute evangelische Kirchenleitungen und Akademien, die öffentlich brechen mit der blutigen christlichen Geschichte der Ketzerverfolgung? Logische Unvereinbarkeiten schliessen sich ja nicht einmal in der modernen Physik gegenseitig zwingend aus. Davon sind wir noch weit entfernt. Man darf hoffen und arbeiten, aber heute und morgen nicht zu viel erwarten. „Verändert euch durch die Erneuerung eures Denkens!“</p> <p><strong>3.3 Dein Reich komme, mit einer evangelischen Streitkultur</strong></p> <p>Nehmen wir als Beispiel noch einmal den soteriologischen Graben. Angenommen, zwei Kontrahenten könnten sich in einem Gespräch unter der Leitung eines Mediators zum Thema „ewiges Heil“ annähern. Das wäre natürlich schon viel, und dennoch völlig ungenügend. Der Graben besteht eben nicht nur zwischen einigen Klerikern. Er geht mitten durch die Gemeinde!</p> <p>Das ist bei vielen Differenzen genauso. Es gibt zum Beispiel Leute, die möchten mit modernen Mitteln und Werbung evangelisieren. Und es gibt andere, die finden, solche Mittel seien dem Inhalt nicht angemessen. Werbung für Christus stelle unsern Meister auf die gleiche Stufe mit Ketchup und Zahnpasta. Oder Sie haben den Konflikt erlebt zwischen Befürwortern und Gegnern von privaten christlichen Schulen. Die Gräben gehen durch die Gemeinde und durch die Landeskirche, darum müssen wir lernen, solche Konflikt-Themen auch öffentlich zu bearbeiten.</p> <p>Pluralistische Gebilde brauchen eine öffentliche Streitkultur, gerade um ihre Einheit zu stärken. Wir haben die nötige Streitkultur durchaus in unsern demokratischen Kirchenparlamenten, darauf dürfen wir stolz sein. Aber wir haben sie meistens noch nicht in unseren Kirchgemeinden. Lassen Sie mich noch etwas ausholen.</p> <p>Die theologische Richtung der Gemeindepfarrer ist in der Regel eine Art „top secret“, bestgehütetes Geheimnis. Ich konnte mehrere Pfarrwahlverfahren mit verfolgen und staune, dass dabei nie nach der theologischen Richtung gefragt wurde. Kirchenpflegen und Pfarrwahlkommissionen sind gewiss oft überfordert. Sie wissen vielleicht, dass es so etwas gibt, haben aber verständlicherweise wenig Ahnung, wie sich die eine oder andere Richtung artikuliert. Man kann bei uns eh nicht recht über den persönlichen Glauben reden. Ethnologen würden sagen, bei Alemannen sei die Religion ein Tabu. Wir sind dafür schlicht nicht begabt. Hier können wir sicher von den Germanen ennet dem Rhein lernen, aber vor allem von den Angelsachsen. Versuchen wir doch auch, offen davon zu reden, wem wir unsere tiefsten Einsichten verdanken, wo wir unsere persönlichen Glaubensschritte machen, wer unsere theologischen Vorbilder und Freunde sind und auch, wo wir unsere Gegner vermuten!</p> <p>Ich erinnere mich an eine wunderbare Tagung in Philadelphia, wo führende Theologen der reformierten Kirchen auf einem Podium sassen und sich lustvoll die Argumente pro und contra Kindertaufe um die Ohren schlugen. „Ich vertrete hier reformiert orthodoxe Linie von Calvin und erinnere Sie daran…; ich als liberaler Calvinist kann nicht verstehen, wie… ich von meinem evangelikal-reformierten Background muss betonen, dass…“. Jeder schwenkte unbekümmert und unangefochten sein ideologisches Fähnchen, jeder hatte seine Pfeile gespitzt und gebündelt und schoss sie gezielt ab. Es wurde gelacht und auf die Schenkel geklopft. Alle genossen die gleiche Achtung trotz unterschiedlichster Haltungen, und alle wussten von vielen gleichartigen Tagungen, die es etwa alle drei Jahre gibt, dass man selbstverständlich zu keiner Einigung kommen würde. Niemand würde von seiner Haltung abrücken, aber der Apero und das gemeinsame festliche Dinner kommen bestimmt. Für wen machen die solche Tagungen? Zunächst für die Theologiestudierenden, damit sie sich über den modernen Stand des Diskurses ein Bild machen können. Dann natürlich als Exerzierfeld für die Dozenten. Und was für mich am Wichtigsten ist: Solche kontroversen Anlässe sind Wegweiser für die Kirche unserer Zeit. Nur so wird der Pluralismus unserer Kirche sichtbar und lebbar. So lernt man, wie man innerhalb der Familie fair streitet, ohne einander fertig zu machen. Wir sind halt in Gottes Namen verschieden, und wenn wir das lächelnd öffentlich demonstrieren, wird die Zerreissprobe zum Reichtum.</p> <p>Sie ahnen, worauf ich hinaus will. Unsere Presbyter, also unsere kirchenleitenden Personen müssen den öffentlichen Streit organisieren. Kirchenpflegen und Kirchenräte sind verpflichtet, Konflikte wahrzunehmen und öffentliche theologische Auseinandersetzungen zu inszenieren, an denen die Gemeinde teilhaben kann. Die Unterschiede müssen auf den Tisch, die Richtungen müssen ans Licht. Kontroverse Veranstaltungen müssen in einer pluralistischen Kirche zur Tagesordnung gehören! Wissen wir denn nicht, dass uns das erst recht attraktiv macht?! Alle ahnen dumpf, dass unsere Pfarrschaft ihr theologisches Heu nicht auf denselben Bühnen lagern. Aber nichts Genaues weiss man nicht. Das muss ans Licht, das gibt randvolle Veranstaltungen, das kann ich garantieren! In unserem Kreis gibt es sicher genug Fachleute der Erwachsenenbildung, der Moderation und der Mediation, so dass ich über das Wie solcher Veranstaltungen nichts sagen muss; das könnt Ihr bestens.</p> <p><strong>3.4 Die liturgische Klammer</strong></p> <p>Aber etwas habe ich in EB nicht gelernt. Die Kontroverse, das Podiumsgespräch, die Theologenarena sollten in der Kirche stattfinden, nicht im Bären oder im Kirchgemeindehaus. Unsere Verschiedenheit ist Reichtum unseres Glaubens, unserer geistlichen Kultur, gehört zu unserer Kirche. Das muss man zeigen, demonstrieren. Und kontroverse Anlässe sollten mit Abendmahl beschlossen werden, kurz und sec, liturgisch, geleitet von einem, der sich an der Debatte nicht beteiligte. Der Berner Synodalrat habe sich in früheren Zeiten nach gehabter Debatte vom Sitzungszimmer in die Beiz verschoben zum Kegeln. Psychologisch gesehen wird das eine ähnliche Funktion gehabt haben. Aber uns ist das Abendmahl eigens dazu gegeben, Freunde und Gegner zusammenzubringen an dem einen Tisch des Herrn, an den Tisch eines Höheren, den alle gleich ehren, obwohl sie in Alltagsfragen die verbalen Klingen kreuzen.</p> <p>Einige von Ihnen werden spontan denken, das sei Heuchelei. Man könne doch mit einem, mit dem man theologisch im Streit liegt, nicht Abendmahl feiern, das sei Überschmieren, Übertünchen der Unterschiede mit einem liturgischen Mäntelchen. Ich achte Ihre Ansicht, aber finde sie falsch. Ich muss Sie daran erinnern, dass Ihre Haltung römisch ist. Rom sieht das Abendmahl als Ausdruck einer vollzogenen Einheit, die irgendwo anders zustande gekommen sein soll. Protestanten aber sind überzeugt, dass Christus seiner Gemeinde das Abendmahl zur Wegzehrung gegeben hat, als Stärkung und Mittel auf dem Weg zur Einheit. Da haben wir schon wieder einen klassischen christlichen Konflikt.</p> <p>Walter Hollenwegers „Jüngermesse“, und „Konflikt in Korinth“ ist einigen vielleicht noch ein Begriff. Es ist das Abendmahl, das die Einheit ist und schafft für die zerstrittenen Jesusjünger, von denen einige aktive Widerstandskämpfer und andere Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht waren. Da bin ich gern Hollenwegerjünger.</p> <p>Dass Menschen sich in Sach- und Lehrfragen heftig bekämpfen und einander dennoch als Brüder und Schwestern annehmen (nicht als Freunde!), ist ein einzigartiges Zeugnis des Christentums in unsere Welt hinein. Es wird unsere Welt mit der Zeit verändern. Wir selber müssen immer neu lernen, es zunächst selber zu glauben, dann auch davon zu reden, und schliesslich mit unserem Handeln zu demonstrieren. Gegenüber Theologen muss man es doppelt betonen: Erst wenn unser Denken und Reden Handeln wird, hat es Zeugniskraft. Wenn wir streiten und dann Abendmahl feiern, werden die Herzen berührt. Gerne erzähle ich von meiner Erfahrung am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover…</p> <p>Eine wichtige Form von Handeln ist in der Kirche übrigens auch das gegenseitige Besuchen im Gottesdienst. Pfarrpersonen, die auf Schritt und Tritt einander widersprechen und necken, sind dann als Christen glaubwürdig, wenn sie wechselseitig an ihren Gottesdiensten teilnehmen. Man muss öffentlich zeigen, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Das sind wir unseren Gemeinden schuldig. Man muss aber zugleich demonstrieren, dass man auf einen gemeinsamen Meister hört, dem man zusammen mit dem Kontrahenten das Lob darbringt. Das Ziel muss diese Haltung sein: „Mein theologischer Gegner ist mein Bruder; denn er betet das Unservater wie ich und Jesus ist für ihn gestorben wie für mich. Ich lasse nichts auf ihn kommen; die Familie hält zusammen. Und ich mag ihn nicht riechen, um ehrlich zu sein.“</p> <p>&nbsp;</p> <p>Ruedi Heinzer, Pfr. em., General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez<br />033 654 22 77, ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch </p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/thema-anzeigen/items/76.html</link>
      <pubDate>Thu, 17 Mar 2011 09:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Das Geheimnis hegen. Von Wert und Wirkung der Liturgie</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>Vortrag reformierte Pfarrvereine Thun und Gürbetal, 16.3. und 16.8.2011</strong></p> <p><strong>Einleitung</strong></p> <p>Seit ich Gottesdienst gestalte, hatte ich ein Rüebli vor der Nase, eine unausgesprochene Motivation. Ich wollte Menschen vom Wert des Gottesdienstes überzeugen; ich wollte bewirken, dass sie wieder kämen. Das ist eine „hidden agenda“, eine unausgesprochene missionarische oder propagandistische Absicht, die sich natürlich auswirkt auf die Gestaltung des Gottesdienstes. Wie sich das auswirkt, ist von Typ zu Typ verschieden. Der eine denkt: Wer nicht kommt, liebt Kirchenmusik nicht; also muss ich ihm einen Jazz- oder Pop-Gottesdienst bieten. Die andere denkt: Wer selten kommt, kann mit liturgischer Sprache nichts anfangen, also muss ichs auf Berndeutsch und Halbenglisch übersetzen. Der dritte: Wer selten kommt, kann nicht lange zuhören, also muss ich Bilder, Kunst und Theater in den Gottesdienst integrieren. Leider hat unsere praktische Theologie es nie für würdig gehalten, die wahren Gründe, warum 95% der Bevölkerung selten zur Kirche gehen, wissenschaftlich zu erheben. So wissen wir nichts, wir haben nur unsere oft gegensätzlichen Vermutungen. Aber darum geht es mir heute nicht. Was ich sagen will: Ich hatte das unausgesprochene Rüebli vor der Nase: Mach es so, damit mehr Leute zum Gottesdienst kommen.</p> <p>Nun gäbe es aber auch anderes Gemüse, das man sich vor die Nase hängen könnte. Das ging mir auf, als unsere Tochter „Modern Dance“ und Choreografie studierte. Anstandshalber ging ich jeweils an ihre kunstvollen Aufführungen, obschon ich grundsätzlich wenig davon halte, andern bei ihren Freiübungen zuzuschauen. Tanz ist eine Kunstform, die auf zahlende Zuschauer angewiesen ist. Aber es kommen noch unvergleichlich viel weniger Leute als in den Gottesdienst. Modern Dance wird nie ein Strassenfeger werden, wie sehr sich Künstler auch anstrengen. Natürlich hätte unsere Tochter auch gerne mal mehr Publikum gehabt, aber sie versuchte nicht, ihre Choreografie darauf anzulegen. Es war eh aussichtslos. Sie hatte ein anderes Rüebli vor der Nase. Was für eines tut hier nichts zur Sache.</p> <p>Mein altes schönes Rüebli wurde ein bisschen schrumplig und grau. Bei meiner Bibellektüre stieg zudem regelmässig die Frage auf: „Glaubst du eigentlich, du könnest mit deinen Künsten Menschen dazu bringen, den Gottesdienst lieb zu gewinnen? Seit wann steht das in Menschenhand?“</p> <p>„Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ Apg 2,47. </p> <p>Glauben wir reformiert, so ist ein Kernstück unseres Glaubens, dass Gott Menschen "hinzufügt", wie Werner Pfendsack in einer Predigt sagte:</p> <blockquote> <p>„Gott sprach: Da nahm ich euren Vater Abraham jenseits des Stromes…“ Jos 24,3. Das ist das erste Glied in der Kette, „ich nahm!“ Gott selber hat ihn genommen. So fängt die Gottesgeschichte mit seinem Volk an, so fängt sie bis zum heutigen Tag an. Wir alle wären nicht hier (in der Kirche), wir hätten kein Interesse, kein Verlangen, keine Beziehung zum Wort Gottes, zum Gottesdienst der Gemeinde, zum Gebet und zum Lied, wenn die verborgene Hand Gottes nicht auch uns genommen hätte.“</p> </blockquote> <p>So habe ich bei meinem Vortrag ein neues Gemüse vor der Nase: „Das Geheimnis hegen“. Wir haben auch den Auftrag, mit dem christlichen Gottesdienst etwas Kostbares am Leben zu erhalten und zu pflegen, Geheimnisvolles, älter als jede Ruine und Steinmauer in unserem Land, etwas, an dem schon Generationen herumgebastelt haben – und es lebt immer noch! Und wie. Synodalratspräsident Lutz rechnete seinerzeit aus, dass gleich viel Menschen im Bernbiet in einem landeskirchlichen Gottesdienst anzutreffen sind wie im Stade de Suisse zum Sportanlass.</p> <p><strong>„Liturgische Erosion“</strong></p> <p>Zum Thema Liturgie habe ich eine Vorgeschichte. Ich schrieb 2002 in einer Kolumne in einem SEK-Bulletin 2002 unter der Überschrift „Liturgische Erosion“: </p> <blockquote> <p>„In Gottesdiensten der reformierten Deutschschweiz kann man erleben, wie Grundsteine der Liturgie vom Erguss persönlichen Empfindens fortgespült werden. Das Unser Vater fehlt. Die Einsetzungsworte werden originell verfremdet, umgedichtet oder weggelassen. Keine Festlegende erinnert daran, dass gerade Palmsonntag wäre. Gebet wird durch einen literarischen Text ersetzt. Wo einst der Schluss-Segen stand, gähnen kreative Wünsche und irische Sprüche….“</p> </blockquote> <p>Was für ein Wespennest! 50 schriftliche und viele mündliche Reaktionen purzelten herein. Eine interessante, manchmal unfaire Debatte entspann sich. Die grosse Mehrheit stimmte mir zu und forderte Schutz der Liturgie, eine Minderheit aus mehrheitlich bernischen Pfarrern formierte sich in Gegenrichtung: „Keine Rückkehr auf den Ballenberg!“ Meine Beteiligung am Deutschschweizer Diskurs mit Artikeln und Vorträgen lief etwa zwei Jahre. Unterdessen stelle ich Anzeichen des Frühlings fest. In Zürich und Bern gibt es inzwischen Institute, die Gottesdienst und Liturgie thematisieren. Bücher wurden publiziert (Ralph Kunz, Der neue Gottesdienst, Plädoyer für den Wildwuchs, Zürich 2006). Man liest Martin Nicol, Weg im Geheimnis, Göttingen 2009, Josuttis, Steffensky. Azubis lernen bei Thomas Kabel den liturgischen Raum choreografisch zu nutzen. Man trägt wieder Talar… Morgenröte? Ich bin 10 Jahre älter, hoffentlich milder und werde kleiner und selbstkritischer, je mehr ich mich mit dem Thema befasse.</p> <p>Juni 2010 schrieb ein David Signer in der NZZ am Sonntag unter dem perfiden Titel „Das Wort zum Einschlafen“ Vernichtendes über drei Gottesdienste in Zürich. Von den Predigten, die er wohl seit Jahren zum ersten Mal wieder konsumiert hatte, sagte er: „Sie sind zwittrig, eine Mischung aus SP-Verlautbarung und Lebenshilfekolumne. Ein grosser Teil perlt ab.“ Dann zitierte er ein schönes historisches Kirchenlied und fragte - wie ein Konfirmand: „Was sollen wir heutzutage mit solch seltsamen Texten anfangen?“ Und bemühte dann das andere Klischee: „Zweifellos ist die reformierte Kirche zeitgemässer, aufgeklärter, moderner als Katholizismus und Islam. Aber weil sie rituell wenig zu bieten hat, hängt ihr Gottesdienst zu weiten Teilen von der Predigt ab.“ Ich glaube weder, dass die reformierte Kirche zeitgemässer ist als die römisch-katholische, noch dass sie rituell wenig zu bieten hat, und langsam auch nicht mehr, dass der reformierte Gottesdienst zu weiten Teilen an der Predigt hängt.</p> <p><strong>Gottesdienst wirkt emotional</strong></p> <p>Im Gottesdienst passiert einiges mit den Feiernden, nicht immer, nicht bei allen, aber immer wieder. Wer allerdings professionell den Gottesdienst leitet, kann seiner Funktion wegen nicht leicht wahrnehmen, was der Gottesdienst mit den Feiernden macht. Josuttis‘ Schlagwort „Der Pfarrer ist anders“ gilt nirgends so sehr wie im Gottesdienst selbst. Ich versuche mit sechs Andeutungen mental in die Haut der „lieben Gemeinde“ zu schlüpfen.</p> <p>1. Eine altgediente Katechetin erzählt, sie könnte jeweils schon beim Einzug der Mitwirkenden und den ersten Worten im Gottesdienst „grännen“, weil es soo schön sei. 2. Eine recht unkirchliche Taufgotte, die gern und „no problem“ ein Gebet sprechen will für ihr Taufkind, erlebt, wie ihr im Gottesdienst vor Rührung die Stimme versagt. 3. Ähnliches passiert einem alten Pfarrer, dessen Stimme an einer Trauung beim klassischen, alten Trauversprechen bricht, weil Bewegung ihn ergreift. 4. Ein alter Kirchgänger bekennt, immer beim gemeinsamen Unservater bekomme er Hühnerhaut. 5. Ein Hörbehinderter sagt, er komme zum Gottesdienst wegen dem Segen. 6. Schliesslich habe ich einige kennengelernt, und die Dunkelziffer wird hoch sein, die sagen, sie hätten „zu nahe am Wasser gebaut“ und seien deshalb selten in der Kirche, weil sie es peinlich fänden, ihre Rührung an gewöhnlichen Sonntagen zur Schau zu stellen.</p> <p><strong>Hilfe zu innerem Frieden</strong></p> <p>Das Spiel der Liturgie bewegt emotional, hie und da erschüttert es. Bei uns Alemannen äussert sich das allenfalls in Hühnerhaut oder wässernden Augen. Gottesdienst, wird er nicht bewusst als Vortrags-Veranstaltung gestaltet, die nur die Ratio ansprechen will, berührt das Unbewusste. Es passiert etwas im unbewussten Kommandozentrum, das ja bei der Verhaltenssteuerung mächtiger ist als Bewusstsein, Verstand und Wille. Was genau da passiert, lasse ich mal offen. Aber das Arrangement Gottesdienst hat unerwarteten Zugang zu seelischen Tiefenschichten. Als Glaubender sage ich: Das bewusste Ich kommt durch den Gottesdienst in Verbindung mit seinem Selbst, mit der Quelle des Lebens, mit Gott. Das geschieht, indem der Gottesdienst dem bewussten Ich seine unbewusste Seite öffnet. Nehmen Bewusstsein und Unbewusstes einander wahr, so achten sie einander, so sind sie auf gutem Weg zu innerer Harmonie.</p> <p>Ich finde wichtig, dass Liturgen sich bewusst sind, dass das Gottesdienst-Arrangement Emotionales bewirkt. Ist man sich nämlich bewusst, dass Strom fliessen könnte, geht man anders mit Stecker und Kabel um. So glaube ich, wir sprechen und bewegen uns als Liturgen automatisch anders , schöner, wenn wir realisieren, dass unsere Gesten und Worte Subrationales anrühren, auch wenn wir in actu selber keine Zeit für solches haben. Oft sind es wohl nicht einmal „wir“, die etwas auslösen. Es ist das Arrangement Gottesdienst, dem wir dienen. Es sind die Glocken, der Kirchgang, der andere Raum, die Orgel, das Gewand, das feierliche Schreiten, der unerwartete Sitznachbar…. viele Faktoren. Die Liturgin ist ein wichtiger davon. Sie kann und muss gar nicht viel dafür tun, dass Wirkung entsteht; aber stören kann sie dieses Geschehen leider relativ leicht. Wer mitfeiert, ist in einem „Leichttrance-Modus“, wenn der Gottesdienst-Anfang gelingt. Menschen sind leicht aus dieser Trance zu kippen, indem man sie in den bewussten rationalen Modus schubst, zum Beispiel indem man, statt bekannte Formeln zu sprechen, anfängt ein Thema einzuführen. </p> <p><strong>Ex opere operato</strong></p> <p>Dass im Gottesdienst psychisch Wesentliches passiert, macht unsere ältere Schwesterkirche an Substanzen fest, am Sakrament: Das Sakrament verändere real den Menschen, der es empfängt. Für Protestanten schwer verdaulich. Der Grundaussage aber stimme ich zu: Gottesdienst macht objektiv etwas mit den Menschen, das ohne Gottesdienst nicht zustande käme. Gottesdienst hat (oft) eine erwünschte Wirkung auf emotionaler Ebene. Ich betone das, weil Protestanten dazu neigen, Beten und Glauben ganz in die unsichtbare Innerlichkeit der Einzelnen zu verlegen und es rationalistisch zu deuten: „Wenn die Teilnehmende etwas hört und versteht, es dann auch glaubt und vor allem tut, dann geschieht Wesentliches.“ Da hat sicher niemand etwas dagegen. Aber Tatsache ist, dass oft schon Wesentliches und Schönes geschieht, lange bevor die liebe Gemeinde etwas versteht, glaubt oder tut! Einfach dadurch, dass sie am Spiel der Liturgie teilnimmt.</p> <p><strong>Sinn und Zweck?</strong></p> <p>Das ruft der alten Frage, wozu denn Gottesdienst gut sein soll. Ich nähere mich der Frage aus dem Blickwinkel des Gottesdienst-Teilnehmers Clive Staples Lewis (englischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, gestorben 1963):</p> <blockquote> <p>&nbsp;„Every service is a structure of acts and words through which we receive a sacrament, or repent, or supplicate, or adore.“</p> </blockquote> <p>Der Gottesdienst besteht aus einer Reihe von Handlungen und Worten, durch die wir ein Sakrament empfangen, Busse tun (uns neu ausrichten), Gott um Hilfe bitten oder ihn anbeten. Dafür kommt Lewis zur Kirche. Gottesdienst soll ihm ermöglichen zu beten, sich neu zu verhalten zu seinem Gott. Interessanterweise kommt er nicht zum Zwecke des Lernens. Wie ich ihn kenne, würde er lächelnd sagen: „Lernen kann ich besser und effizienter im Seminar, Hörsaal und bei der persönlichen Lektüre. Aber zum Beten brauche ich den Gottesdienst! Lewis kommt ausdrücklich nicht, um Neues zu Erleben. Er sagt, Neuheit könne höchstens unterhalten; aber die meisten wollten eben nicht unterhalten werden. Sie brauchten den Gottesdienst und kämen, um ihn „to enact“, ihn zu begehen, zu feiern: Das Heilige empfangen, beten, Busse tun, danken und loben.</p> <p><strong>„Kerngemeinde“</strong></p> <p>Vermutlich suchen das auch jene bei uns, die öfter kommen. Gewiss, es kommen auch andere. Die Könfis, die müssen. Götti und Gotte, die müssen auch. Hie und da eine, die sich gesagt hat: „Jetzt geh ich also wieder mal“. Welche Teilnehmenden hat wohl der Liturg beim Vorbereiten vor dem inneren Auge? Mal möchten wir den Könfis zeigen, dass Gottesdienst auch etwas für sie sein könnte. Mal möchten wir den seltenen Vogel dazu bewegen, nächstens noch einmal auf unserem Ast zu landen. Unser Hauptaugenmerk aber sollte doch jenen gelten, die öfter kommen. Sie sind es, die wissen, was ihnen der Gottesdienst gibt und sie kommen, um das regelmässig zu empfangen. Werden ihre Bedürfnisse penetrant missachtet, bleiben sie weg. Dann hätten wir uns in den Ast gesägt, auf dem wir sitzen.</p> <p><strong>Ehret die seltenen Vögel</strong></p> <p>Fulbert Steffensky, Hamburger Religionspädagoge, sagt von den vielen, die selten eine Kirche betreten, aber in besonderen Lebenslagen eben doch kommen, sie würden sich für eine Stunde unsere Kirchensprache borgen wie ein Kostüm.</p> <blockquote> <p>„Wir sind nicht Meister ihres Glaubens. Wir haben ihren ‚Glauben auf Zeit‘ zu ehren und ihm zu dienen. Es ist eine Aufgabe der Kirche, mit ihrer überkommenen Sprache, mit ihren Gesten, Räumen und Zeiten zur Verfügung zu stehen, wenn Menschen uns brauchen. Dann sind diese Menschen auf Zeit Gast in einem Haus, das ihnen nicht gehört und in dem sie nicht zuhause sind. Sie leihen sich Sprache, Räume, Zeiten und Gesten für die Not oder das Glück ihrer Herzen.“</p> </blockquote> <p>An einer Bestattung leitete Steffensky die Feier mit folgenden Worten ein: </p> <p>„Ein Mensch, den Sie verehrt und geliebt haben, ist gestorben. Wir nehmen nun Abschied in einer alten Sprache, die für die wenigsten von Ihnen Muttersprache ist; den meisten ist sie fremd. Einige erinnern sich noch an die alte Sprache wie an eine alte Heimat. Der Tote hat sich nie ganz verabschiedet von dieser Sprache. Sie ist gewaschen mit den Tränen unserer Vorfahren. Sie kann die Wünsche unserer Toten ausdrücken, die vielleicht manchmal auch unsere Wünsche sind. Sie sind nun eingeladen, für eine Stunde Gast zu sein in dieser fremden Sprache. Legen Sie für den Toten die Maske der Hoffnung an. Singen Sie ihrem Herzen die Lieder der Toten vor. Sprechen Sie den Psalm und das Vaterunser als Worte, die wir uns ausleihen von unseren Ahnen für diese besondere Stunde. Wir wollen nicht auf unserer kärglichen Stummheit bestehen, auf die der Tod uns reduzieren will. Wir wollen ausgreifen in das Land des Glücks, wo die Wunden geheilt und die Toten geborgen sind. Spielen Sie für eine Stunde mit in diesem Glauben, auch wenn ihr Herz nicht mitkommt.“</p> <p><strong>Gottesdienst erfüllt einzigartige Funktionen</strong></p> <p>Das Geheimnis der Liturgie hilft, in Grenzsituationen gemeinsam weiterzugehen und nicht angesichts des Todes in Schockstarre zu verfallen. Der Gottesdienst ermöglicht uns, als Gemeinschaft Gefühle auszudrücken und zu leben, für die wir im Alltag kaum Gelegenheit finden: Dank, Ehrerbietung, Anbetung, Reue, Klage, Hoffnung. </p> <p>Der Gottesdienst, den wir regelmässig inszenieren, ist die einzige Institution, sagt Fulbert Steffensky, wo gute Nachricht, Evangelium, wo uralte Texte noch regelmässig aufgeführt werden, jene Geschichten, die erzählen, dass das Recht kommen und fliessen wird wie Wasser, jene Lieder von der Würde der Armen. Da wird gesagt und gesungen, dass das Leben kostbar ist, dass einmal alle Tränen abgewischt, Tyrannen gestürzt und Hungrige genährt werden. Die Hoffnung wird gesät und am Leben gehalten, dass Lahme einmal tanzen, Verstummte wieder ihre Lieder finden, dass Blinden das Augenlicht geschenkt wird. Im Gottesdienst entstehen Träume und Lebensvisionen, Werte werden zurechtgerückt, Gewissen wird gebaut, meditative Phantasie fängt an zu spielen. </p> <p><strong>Was man nur „aufführen“ kann</strong></p> <p>Rationale Argumente können nicht so wirken. Das muss „enacted“ werden, gemeinsam aufgeführt, inszeniert, begangen. Dass wir Grund haben, auch Unmögliches zu hoffen, das können wir einander nicht einreden. Das muss man gemeinsam singen und zelebrieren. Walter Hollenwegers berühmter Satz gehört hierhin, den Afrikaner ihm nach einer Vorlesung in Birmingham sagten: „Was wir nicht getanzt haben, haben wir noch nicht begriffen.“ Das wäre wiederum ins Alemannische zu übersetzen, aber Träume und Visionen, Hoffnung und Gewissen kann man niemandem rational einreden, einpredigen. Nur wenn man gemeinsam den Alltag unterbricht und miteinander singt und betet, geschehen die wichtigen Dinge im Herzen, im Unbewussten, ohne dass jemand es gezielt geplant hätte.</p> <blockquote> <p>„Was wäre, wenn keiner mehr die fremde Sprache der Hoffnung hütet? Was, wenn keiner mehr die Gebete kennt, die Poesie unserer Wünsche? Was, wenn nichts mehr den Alltag und die Gewöhnlichkeit unterbricht? Wenn Menschen ihre Lebenshoffnungen nicht mehr an alte Geschichten knüpfen können, wenn die Visionen unserer Toten keine Stelle mehr haben?“ Fulbert Steffensky</p> </blockquote> <p>&nbsp;Wir haben Einzigartiges zu hüten, ein Geheimnis zu hegen, eine Flamme am Brennen zu halten. <strong>„</strong>Als Diener Christi soll man uns betrachten und<strong> als Verwalter von Geheimnissen Gottes.“ </strong>1 Kor 4,1</p> <p><strong>Liturgie als heiliger Ernst und Spiel</strong></p> <p>Ähnlich argumentiert der Journalist und Pallotiner Peter de Groot:</p> <blockquote> <p>„Was die Liturgie ausmacht, hat nach Romano Guardini keinen Zweck, aber einen Sinn… Liturgie ist wie ein Spiel. Kinder sind ganz versunken in ihr Spiel, es gibt für sie im Moment des Spiels nichts Wichtigeres. In ihm verdichtet sich gleichsam das Leben. Das Spiel hat grossen Ernst und heitere Leichtigkeit zugleich. Eine als Spiel verstandene Liturgie schafft eine Gegenwelt zum Alltag, mit Spielregeln, die der Wert-Umkehr Jesu folgen: Da ist der Schwache stark, der Wehrlose kann ohne Angst sein, der Schuldige darf auf Barmherzigkeit hoffen, der Leidende ist wertvolles Glied der Gemeinschaft; ein wichtiges Signal in eine Gesellschaft, die „jung, gesund, reich, unabhängig“ als höchste Werte preist. Die Liturgie ist für die meisten Glieder der Kirche der einzige Ort, wo ihnen das Wort Gottes verkündet wird und wo sie zum Beten kommen.“ Interview von „Gottesdienst“ Chefredaktor Eduard Nagel, 2001</p> </blockquote> <p>Ein kleiner Exkurs zum Spiel: Johan Huizinga hat 1956 („homo ludens“, Rowohlt) mit immensem empirischen Material gezeigt, dass </p> <blockquote> <p>„die psychische Intensität, die durch das Spiel – bei Spielern wie bei Zuschauern – hervorgerufen wird, grösser ist als die im übrigen Leben auftretenden Affektgrössen.“</p> </blockquote> <p>So viel geweint wie im Kino, hemmungslos getobt wie bei einem Länderspiel, schlimm geflucht wie beim Glücksspiel, ekstatisch angebetet wie bei einem Popkonzert wird kaum wo im „richtigen Leben“. Die gesteigerte affektive Intensität, die das Spiel erzeugt (!), bezeichnet Huizinga als „heiligen Ernst“. Dieser heilige Ernst, das Entzücken, die extreme Anteilnahme, die feierliche Ergriffenheit, die vom Spiel ausgelöst werden, ist in allen Formen der Kultur – etwa in Religion, Kunst, Sport – am Werk. Darum zog Huizinga sogar die Folgerung, dass das Spiel den Ursprung aller Kultur darstellen muss.</p> <p>Das Spiel der Liturgie ist nun wahrhaftig „heiliger Ernst“. Der Gottesdienst hat alles, was Spiel konstituiert: Er zieht eine Grenze in der Zeit, markiert Beginn und Schluss. Er spielt im eingegrenzten Raum, auf einem Spielfeld, wo andere Regeln gelten als gewöhnlich. Die Spieler erfüllen besondere Rollen, die sie im Alltag nicht spielen. In einem solchen Arrangement kommt die emotionale Seele des Menschen wie ein Füchslein aus ihrem Loch, wo sie sich sonst mit guten Gründen versteckt, und fängt an mitzuspielen. Das Spiel ermöglicht dem Kind in uns, sich wieder einmal zu zeigen und ernst genommen zu werden.</p> <p>Ist es nicht ungewöhnlich, wie Menschen bei einer Taufe affektiv dabei sind, obwohl sie alle zum Voraus wissen, was ablaufen wird? Es ist ja wahrhaftig kein erstaunliches, abenteuerliches Geschehen: Jemand im Talar nimmt ein Neugeborenes, benetzt es unter feierlichen Worten vor aller Gemeinde und gibt es der Gotte zurück. Wer Augen hat zu sehen, sieht das Spiel mit heiligem Ernst, das ergreift und fasziniert, weil es irgendwie lebendiger, wirklicher ist als das gewöhnliche Leben. </p> <p>Natürlich hilft vor allem die Liturgie dieser heilsamen Regression, während eine gute protestantische Predigt sich (hoffentlich auch) an den Verstand richtet. Aber in gewissem Sinne ist auch die Predigt Teil des heiligen Spiels, erst recht natürlich, wenn sie narrativ ist wie die Geschichten von Jesus. Das merkt man daran, dass beim Zuhören Lachen und Weinen erstaunlich weit vorne sind. Das ist weniger der Fall bei Predigten im Stil ‚Römerbrief‘.</p> <p><strong>Barthianische „Kultkritik“</strong></p> <p>Spricht man so vom Gottesdienst, taucht bei protestantischen Theologen unwillkürlich ein Fragezeichen auf aus den Tiefen ihrer Bildung: Aber ist denn die emotionale Wirkung der Liturgie nicht, was Barth abschätzig als „Religion“ disqualifizierte?</p> <p>Nun, mit Karl dem Grossen wage ich mich nicht herumzubalgen. Aber seine Abwertung des Religionsbegriffs hat sich nicht durchsetzen können. Nur: haben nicht auch biblische Propheten gegen diese gefühlsmässige Intensität einer liturgischen Feier mit ihrer „Kultkritik“ angepredigt? </p> <p>Nein! Prophetische „Kultkritik“ trifft eindeutig nicht das Wie des Gottesdienstes, nicht das Feierliche, Ergreifende, Berührende einer Liturgie. Propheten hatten nichts gegen den Kult, nichts dagegen, dass er schön ist und des Menschen Herz ergreift. Sie hatten etwas dagegen, dass entweder der Kult den Götzen galt, oder dass auch der feierliche Jahwekult im Alltag keine ethischen Konsequenzen hatte, dass Feiernde heimgingen, Arme ausbeuteten und ihnen ihre Würde und ihren Lohn nicht gaben. Mangelndes Recht im Alltag wird kritisiert, nicht das heilige Spiel am Feiertag.</p> <blockquote> <p>„Was soll ich mit euren Schlachtopfern?, spricht Er. Das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, Lämmer und Böcke ist mir zuwider. Ihr kommt, um mein Angesicht zu schauen - wer hat von euch verlangt, daß ihr meine Vorhöfe zertrampelt? Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!“ Jes 1</p> </blockquote> <p>„Kultkritik“ ist ein Paradebeispiel für einen missglückten protestantisch-theologischen Topos. Nicht der Kult wird ja kritisiert, sondern die mangelhafte Ethik im Alltag. Das künstliche Theologenwort „Kultkritik“ hat unseren Gottesdiensten einen Bärendienst getan!</p> <p>Ich habe nun von Wirkung und Funktion der Liturgie gesprochen, wie Protestanten sie normalerweise selten in Erwägung ziehen. Nun will ich auch die Frage stellen: Was fördert und was hemmt diese emotionale Wirkung der Liturgie?</p> <p><strong>Was die emotional erwünschte Wirkung fördert</strong></p> <ol> <li>Pflege des Äusserlichen</li> <li>Gleichförmigkeit, Wiederholung, Formeln</li> <li>Objektivität</li> <li>Devotio der Liturgen</li> </ol> <p>Zunächst eine gute Nachricht, zu der ich als Teilnehmer langsam komme: Die anrührende Wirkung des Gottesdienstes scheint mehr im Ereignis Gottesdienst an sich ihre Quelle zu haben, als in seiner Gestaltung. Kürzlich schnaubte ein enttäuschter kirchlicher Medienfachmann, er sei offenbar im falschen Film. Er sei gekommen, um Gottesdienst zu feiern und aus der Bibel zu hören, er wollte nicht ein Rilkekränzchen besuchen. Ich stimmte ihm voll zu, stellte aber fest, dass sogar dieses Rilkekränzchen bei einigen um mich herum erhöhte Kleenex-Aktivität zur Folge hatte. </p> <p><strong>Pflege des Äusserlichen</strong></p> <p>Es hilft, wenn man den Äusserlichkeiten anmerkt, dass grosser, liebevoller zeitlicher Aufwand dafür getrieben wurde. Wenn man es an der Kleidung sieht, dass jetzt nicht Sport und Chillen angesagt ist; an den Blumen, dass nun etwas zu feiern ist; an der Musik, dass da jemand für diese Stunde geübt hat; am Schritt der Mitwirkenden, dass man nicht im Supermarkt ist; am eingeprobten Mikrofon, dass jemand mir etwas zu sagen hat; an der gepflegten Sprache, dass diesmal nicht SF 1 vor der Nase flimmert; an der sorgfältigen und behutsamen Anrede Gottes, dass man nicht in einer kleinen frommen Bibelgruppe sitzt. Es ist gut, wenn man an rezitierten Formeln und Texten merkt, dass die Liturgin nicht nur sich selber vertritt und die karge Reichweite ihres persönlichen Glaubens und Verstehens, sondern dass sie eine Sache vertritt, die älter und grösser ist als unser aller Herz, geheimnisvoller, als dass man sie auf ein paar banale Sagbarkeiten reduzieren könnte. </p> <p>An Äusserlichkeiten merkt die Psyche, dass es jetzt feierlich ist. Denn sie versteht Bilder und Symbole besser als Argumente. Protestanten müssen endlich begreifen, dass Feierlichkeit, Aufwand, Schmuck und Pracht nicht Anzeichen von Eitelkeit und Eigendünkel sein müssen. Dass jemand ungewöhnlich gekleidet ist und sich mit berechneter Würde bewegt, gehört zum Spiel. Wer aber feierliche Gelegenheiten in alltäglich-gewöhnlicher Art begeht, ist nicht ein demütiger Prophet, sondern ein Banause, der von Spiel und Psyche wenig versteht und der – vielleicht gutmeinend - auf den Gefühlen der Mitfeiernden herumtrampelt. </p> <p>Dürfen Äusserlichkeiten für Protestanten so wichtig sein? Steffensky sagt treffend, ein älter werdender Glaube könne auch einmal „der Innerlichkeit überdrüssig“ werden.</p> <blockquote> <p>„Und so sucht man sich Verbündete für die Seele: die Äusserlichkeiten der Räume, der Rhythmen, der Bauten, der Formeln, der Gesten und Rituale. Es ist eine Flucht in die Fremde, die uns mehr werden lässt, als wir sind. Man baut sich von aussen nach innen. Auch der Raum baut an meiner Seele.“</p> </blockquote> <p>Er fügt allerdings bei: </p> <blockquote> <p>„Jeder junge Glaube zweifelt mit prophetischer Geste an diesem Satz. Anfang und Bekehrung erzeugen einen antiritualistischen Impuls. Alle Anfänge stürmen die Bilder… Vielleicht wird es wieder einmal nötig, gegen die neue esoterische Substantialisierung von Orten, Quellen, Bäumen, Steinen und Vollmondnächten zu erinnern an den Bildersturm der 68er. Aber es gibt nicht nur deren Wahrheit. Es gibt auch die Wahrheit jenes älteren Glaubens, der die Orte, Räume und Zeiten sich als Zeugen sucht.“</p> </blockquote> <p>Als Schnösel hätte ich nie geglaubt, dass ich mir einmal vor dem Gottesdienst einsam in der Sakristei laut Luthers Sakristeigebet vorlesen würde. Es hängt dort an der Wand. Der Synodalrat hatte es zur Ordination geschenkt. Heute sammelt diese Äusserlichkeit meine verfahrene und ängstliche Seele und macht sie bereit zu Einzug und Vollzug.</p> <blockquote> <p>„Wir haben<strong> im</strong> Glaubensbekenntnis, in den Bildern, in den Psalmen, im Vaterunser, in den Kirchengebäuden die Mäntel der Toten. Man muss sich nicht nur an der eigenen Wärme wärmen. Man kann sich in sie hüllen, wenn das eigene Glaubenshemdchen gar zu kurz oder zerschlissen ist.“ F.St.</p> </blockquote> <p><strong>Gleichförmigkeit, Wiederholung, Formeln</strong></p> <p>Erinnern wir uns an das Gottesdienst-Verständnis von C.S. Lewis.</p> <blockquote> <p>„Every service is a structure of acts and words through which we receive a sacrament, or repent, or supplicate, or adore.“</p> </blockquote> <p>Er sagt weiter: Dazu verhilft ein Gottesdienst, wenn man mit seinen Strukturen so vertraut ist, dass man dazu nicht mehr denken muss. Solange man die Schritte und den Rhythmus zählen muss, tanzt man noch nicht, sondern lernt erst zu tanzen. Ein guter Schuh ist ein Schuh, den man überhaupt nicht spürt. Der gute Gottesdienst zieht keine Aufmerksamkeit auf sich, sondern lenkt meine Aufmerksamkeit auf Gott. Alles Neuartige aber hindert das. Ja, das Neue und Originelle könnte die Aufmerksamkeit nicht einmal nur auf den Gottesdienst lenken, sondern schlimmer: auf den Liturgen. Plötzlich fragt man sich: „Was um Himmels Willen hat er jetzt wieder im Sinn?“ Damit aber ist die Andacht im Eimer.</p> <blockquote> <p>&nbsp;„Jesus gab doch Petrus den Auftrag „weide meine Schafe“ und nicht „experimentiere mit meinen Ratten“ oder „bring meinen Vorführhunden neue Tricks bei.“</p> <p>&nbsp;„This is, what the Book of Common Prayer is for. It gives us the „trained habit“ of worship. It allows us to empty our minds and hearts and souls so that we can dedicate ourselves fully to the attempt to speak to and listen to God. And it allows us to feel part of a much greater whole, too: many others are saying the same prayers.“</p> </blockquote> <p>Wir haben kein Book of Common Prayer, allerdings ein schönes dickes Gesangbuch. Und wir könnten durchaus Formeln haben an zentralen Punkten des Gottesdienstes: Eingangsvotum, Kanzelspruch, Taufformel, Einsetzungsworte, Segen. Und es täte auch dem reformierten Deutschschweizer Gottesdienst gut, wenn es noch ein paar Formeln mehr würden, zum Beispiel immer die gleichen Worte vor und nach der Lesung, ja vor und nach der Predigt „Und der Friede Gottes…“ Phil 4,7. Dann hätten wir endlich einen guten Grund, nach unseren Predigtworten Amen zu sagen, zu einem Segenswunsch nämlich, und nicht zu unsern eigenen Ausführungen. Und wir haben 5 Glaubensbekenntnisse und viele Psalmen, die man alle gemeinsam laut sprechen kann, damit alle spüren: Wir sind ein grösseres Ganzes.</p> <p><strong>Objektivität</strong></p> <p>Ich fand weder die Sache selbst, die ich meine, noch einen adäquaten Begriff dafür bei akademischen Liturgikern. Sicher habe ich nicht lange genug gesucht. Mit Objektivität meine ich, dass ein Gottesdienst erlebt werden sollte als etwas, das einfach in sich ist, was es ist. Weil es schon immer so war, weil man es hier halt so macht, weil es so sein muss, weil es reformiert ist oder was weiss ich, aber der Gottesdienst sollte sich jedenfalls nicht als originelle Veranstaltung des amtierenden Liturgen präsentieren. Jede Rechtfertigung und gut gemeinte Erklärung kratzt ein wenig an Objektivität, die für mein psychisches Dabeisein und Ergriffensein wichtig zu sein scheint.</p> <p>Beispiel: „Ich habe heute für uns ein modernes Glaubensbekenntnis ausgewählt. Sie finden es bei Nr. XY. Mir ist es wichtig, für meinen Glauben Worte in der Gemeinde zu finden, die für alle tragen. Es tut gut, sich selber laut sprechen zu hören, dass man etwas glaubt, und es ist schön, dies auch von seinem Nachbarn zu hören. So lade ich Sie ein, gemeinsam diese Worte zu sprechen.“ </p> <p>Ich könnte inhaltlich hinter jedem Wort stehen. Aber da kommt viel Subjektivität daher, die mich ins Nachdenken schubst, ob das gut ist so und ob es anders nicht besser sein könnte, warum die Liturgin ausgerechnet dieses Bekenntnis auswählte usw. Für mein Beten hätte ich lieber eine kurze objektive Regieanweisung: „Die Gemeinde antwortet auf die Verkündigung des Evangeliums mit dem Glaubensbekenntnis Nr. XY. Dazu stehen wir.“</p> <p>Zur Objektivität gehört, dass der Gottesdienst mit einer Eingangsformel beginnt, die nicht ich formuliert habe, die grösser ist als ich, etwa „Im Namen…“ oder „Unsere Hilfe steht…“. Persönliche Worte spreche ich allenfalls nachher. Scheinen kreative Taufbesinnungen oder kurze Abendmahls-Belehrungen nötig, so kommen sie vor dem eigentlichen sakramentalen Vollzug, wo dann nur noch gebetet wird in Worten, die möglichst viele wiedererkennen als ihre Tradition, als Worte ihrer Bibel. Zur Objektivität gehört wahrscheinlich eine innere Haltung der Liturgin, die man beschreiben könnte mit: „Hier mach ich es so, und so ist es gut.“ Diese Objektivität mag vielleicht sogar gespielt sein, aber sie hilft der Gemeinde, Gottesdienst zu feiern, statt sich über ihn Gedanken zu machen.</p> <p><strong>Devotio</strong></p> <p>Damit ist die innere Haltung des liturgischen Personals angesprochen. Fördernd für die wünschbare Wirkung der Liturgie scheint mir eine innerliche, andächtige Haltung der Liturgen. Wir haben es ja mit uralten, ungewöhnlichen und zuweilen unheimlichen Geheimnissen zu tun. Man hat sie sorgfältig zu rezitieren und zu inszenieren. Unzählige Generationen wurden mit diesen Worten durch Krieg und Frieden, Leben und Sterben geleitet. In der Synagoge hat die Devotio eine äussere Form, wenn die Schriftrolle feierlich aus dem Schrein gehoben, zum Lesepult getragen und nur mit silbernem Zeiger berührt wird. Katholiken und Orthodoxe inszenieren die Devotio, wenn sie das Evangelienbuch feierlich herbeitragen, begleitet von Ministranten mit Kerzen, wenn der Priester vor dem Lesen immer den gleichen Spruch betet, die Gemeinde sich erhebt und das Evangelium stehend anhört und dann mit dem immer gleichen Spruch „Ehre sei dir, Christus“ wieder Platz nimmt zur Predigt. </p> <p>Ich meine nicht, Reformierte müssten solche Formen wieder einführen, obwohl ich persönlich nichts dagegen hätte. Aber wir brauchen eine besondere Anstrengung, wenn die äussere Form fehlt, um innerlich zur Haltung der Ehrfurcht zu finden, in der Gottesdienst gefeiert werden soll. Erleben moderne Menschen bei uns, dass wir den Ewigen, der den Kosmos geschaffen haben soll und die Quelle des Lebens sein soll, mit unseren ungelenken Worten direkt ansprechen, so wird ihnen das sehr archaisch vorkommen! Wenigstens am Timbre der Stimme sollten sie spüren, dass der Liturg sich ein wenig bewusst ist, was er da Ungeheuerliches tut. Man sollte mit ihm erschrecken können darüber, dass Gottesdienst eigentlich menschenunmöglich ist.</p> <p><strong>Schluss</strong></p> <p>Als Gottesdienst-Gemeinde treten wir hinzu zu einer höheren Liturgie. Wir schalten uns gewissermassen ein in die <em>liturgia caelestis perennis</em>, die längst im Gang ist, wie der Hebräerbrief zur Gottesdienst-Gemeinde sagt:</p> <blockquote> <p>„Ihr seid zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung, zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler des neuen Bundes, Jesus.“ Hebräer 12,22ff </p> </blockquote> <p>C. S. Lewis kriegt das Schlusswort, aus dem Gedächtnis zitiert: </p> <blockquote> <p>„Wenn wir alles tun, um den Gottesdienst gut zu gestalten, so sind wir doch nur wie Bauern, die im Trockenen Bewässerungsgräben graben, damit das Wasser des Heiligen Geistes seinen Weg finden kann, wenn es dann einmal fliessen sollte.“</p> </blockquote> <p>&nbsp;</p> <p><em>- C. S. Lewis, aus „Letters to Malcolm, Chiefly on Prayer“</em></p> <p><em>- Fulbert Steffensky, „Der Seele Raum geben“, Vortrag in Kappel am Albis, 2004</em></p> <p><em>- ders., „Kirche der Zukunft“, undatiertes Vortragsmanuskript</em></p> <p><em>- ders., „Was liebe ich am Protestantismus“, Vortragsmanuskript, Schaffhausen 2010</em></p> <p>&nbsp;</p> <p>Ruedi Heinzer, Pfr. em., General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez. 033 654 22 77; ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch</p>]]></description>
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      <pubDate>Wed, 16 Mar 2011 08:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Kunstbetrachtung Mariä Verkündigung</title>
      <description><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Adventsbesinnung Ambassador Club Niesen (November-Lunch 2009)</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Kunst hat wenig Motive so intensiv bearbeitet wie die Verkündigungsszene „Verkündigung an Maria“, die nur im Lukasevangelium vorkommt. Der Engel Gabriel wurde zu einer Jungfrau gesandt, die hiess Maria. Er trat bei ihr ein und sagte: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Sie erschrak und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel: „Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus („Gott rettet“) geben.“ Maria sagte: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Der Engel antwortete: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Für Gott ist nichts unmöglich.“ Da sagte Maria: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Der Gruss des Engels ist der berühmte „englische Gruss“, das Ave Maria. Es gehört zu den meist gesprochenen Worten der Welt: „Gegrüsst seist du, Maria, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Wie oft wurde es vertont von namhaften Komponisten? Was fasziniert die Künstler an dieser Szene?  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_da-vinci.jpg" title="Leonardo da Vinci" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_da-vinci-0abbb23d.jpg" width="200" height="88" alt="Leonardo da Vinci" /></a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wohl in jeder zweiten Kirche findet sich ein Bild dieser „Verkündigung Mariä“. Da Vinci stellt Maria in Haltung und Gestik wie eine Königin dar. Sie empfängt einen Gesandten.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_john-collier.jpg" title="John Collier, *1934" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_john-collier-96d2a5b8.jpg" width="200" height="202" alt="John Collier, *1934" /></a></p> <p>Als Kontrast dazu John Collier in unserer Zeit. Da ist die Maria sehr jung, modernes England als Szenario. Sogar moderne Maler brauchen die klassische Ikonografie: Die weisse Lilie kommt fast immer, das Symbol der Reinheit, der Jungfräulichkeit. Deutsch gesagt bedeutet das: Hier geht es nicht um das, woran alle Männer sofort denken.   </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das blaue Gewand gehört zur Maria. Es war früher die kostbarste, teuerste Farbe, weil aus Lapis Lazuli gewonnen und aus Afghanistan eingeführt. Blau ist sonst überall die Farbe der Götter, im Evangelium die Farbe der einfachen Magd.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_ossawa-tanner.png" title="Henry Ossawa Tanner, 1898" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_ossawa-tanner-c4dd7222.png" width="200" height="157" alt="Henry Ossawa Tanner, 1898" /></a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Moderne Interpretationen verzichten zuweilen auf eine Engelsgestalt. Das Geheimnisvolle wird zum Beispiel durch Licht dargestellt. Etwas Unbekanntes platzt in das wohl geordnete Leben. Ungewohntes tritt ein. Man merkt es am Teppich! Der Störefried ist ein Engel, wörtlich ein Gesandter, ein Botschafter.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Was fasziniert die Künstler an dieser Szene?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Könnte es sein, dass die Verkündigungsszene abbildet, was jeder Mensch erlebt? Kann man auf dem Verkündigungsbild sehen, was man gut kennt, aus der eignen Seele, etwas, das man mit Worten nicht sagen, wohl aber als Bild malen kann? Der Himmel drängt sich in den Alltag. Es taucht etwas auf, das mit dem Verstand nicht einzuordnen ist. Das gibt es in jedem Leben, dass etwas aus der Tiefe auftaucht, aus dem Unbewussten, aus dem Jenseits. Ich will drei psychische Aspekten dieser Szene näher betrachten.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">1. Aspekt: „Fürchte dich nicht, Maria.“ </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Wie reagiert der Mensch, wenn etwas Ungewohntes aus der Tiefe auftaucht?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_martini.png" title="Simone Martini, 1333" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_martini-2014a7a4.png" width="200" height="211" alt="Simone Martini, 1333" /></a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Er weicht zurück.</p> <p>Wenn das Jenseitige sich aufdrängt, kommt es unerwartet, überraschend, befremdend. Das gewohnte Heim wird unheimlich. Und die unvermeidliche Reaktion ist Skepsis und Angst: Der Mensch weicht zurück, schaut mit skeptisch zusammengekniffenen Augen und abweisendem Gesichtsausdruck, rafft sein Gewand, bedeckt und schützt sich. „Ich will nichts und brauche nichts.“</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_martini3.png" title="Simone Martini" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_martini3-ddf7c57a.png" width="200" height="162" alt="Simone Martini" /></a></p> <p>Martini hat dieselbe Szene noch einmal gemalt. Auch dann, wenn das Unbekannte, das im Alltag auftaucht, ein Einfall ist, eine Eingebung, eine Erleuchtung aus der Tiefe des Unbewussten, so ist Abwehr die normale Reaktion. Das Bild zeigt also etwas typisch Menschliches und warnt den Betrachter: Pass auf, Mensch, wenn etwas von Gott zu dir kommt, weichst du zurück, instinktiv; du wirst skeptisch. Der Verstand rebelliert. Maria bemüht ja dann ihre Logik gegen die Engelsbotschaft: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“  </p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_hey.png" title="Jean Hey,  1505" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_hey-17933837.png" width="141" height="200" alt="Jean Hey,  1505" /></a></p> <p>Maria hier schaut den Engel nicht einmal an. Hier wird gestalterisch deutlich: Es hat etwas mit dem Unbewussten zu tun. Ihre Haltung demonstriert: Geht mich doch nichts an. Die Künstler sagen also: Gib acht auf das Unerwartete, das unversehens aufsteigt. Putz es nicht ärgerlich weg mit dem Verstand, deinem Besserwisser. Wenn es nämlich beim skeptischen Zurückweichen, beim abweisen bleibt, verblasst der Engel vielleicht und es wäre, wie wenn er nie gekommen wäre - ein flüchtiger Traum. Je häufiger er weggewischt wird, umso seltener wird er vielleicht wieder kommen.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_gruenewald.png" title="Mathis Gothart Grünewald, 1512/16" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_gruenewald-1460854c.png" width="200" height="366" alt="Mathis Gothart Grünewald, 1512/16" /></a></p> <p>2. Aspekt: „Du hast Gnade bei Gott gefunden.“</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">„Du wirst ein Kind empfangen. Du wirst ihm den Namen Jesus geben.“</p> <p>Bei dem, was da passiert, geht es nicht allgemein um „Gott und die Welt“. Da ist ein Mensch als Person, ein Du angesprochen. Es gibt Bilder, da sieht man dieses „Du“ förmlich, und man sieht Maria direkt zurück weichen vor diesem „Du“.  </p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_rossetti.png" title="Dante Gabriel Rossetti, 1850" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_rossetti-ba3442f7.png" width="114" height="200" alt="Dante Gabriel Rossetti, 1850" /></a></p> <p>Andere Marien sind perplex, wie erschlagen von diesem Du.  </p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_burne-jones.png" title="Edward Coley Burne-Jones, 1876" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_burne-jones-4aa6a942.png" width="87" height="200" alt="Edward Coley Burne-Jones, 1876" /></a></p> <p>Diese Jugendstil-Maria zeigt wunderschön das typische Gesicht von jemand, dem etwas sehr zu denken gibt, 2 der sinniert, in sich hineinhorcht, 3 der entrückt ist, in „Trance“.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_el-greco.png" title="El Greco, 1590" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_el-greco-cd3a402b.png" width="151" height="200" alt="El Greco, 1590" /></a></p> <p>Die Maria vom Greco deutet mit der Bewegung der rechten Hand und mit der Mimik die betroffene Frage an: „Meinst du mich?“ Wenn die Eingebung aus der Tiefe wahrgenommen wird, stellt sich sofort diese Frage: Ich soll diesen Einfall realisieren?  </p> <p>Jeder muss sich das jeweils fragen, und er wird erkennen: Ja, nur ich kann die Eingebung wiedergeben. „Du wirst einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben“. Jeder Künstler, jeder, der schöpferisch tätig ist, weiss aus Erfahrung, wie wahr das ist, und zugleich wie bedrängend: Was aus der geheimnisvollen Tiefe ins Bewusstsein steigt, dem kann nur ich Gestalt geben. Wenn ich‘s nicht mache, macht‘s niemand. Und zugleich der Zweifel: Wie schaff ich das? „Wie soll das geschehen?“</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_kottmaier.png" title="Karin Saeckl Kottmaier, *1964" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_kottmaier-cc2041a6.png" width="138" height="200" alt="Karin Saeckl Kottmaier, *1964" /></a></p> <p>Auch diese moderne Maria fragt mit der rechten Hand: Meint der mich? Und das Gesicht der Maria von Karin Saeckl spiegelt ausdrucksstark einen Cocktail von widerstreitenden Gefühlen: Negative Gefühle: Verwunderung, Zweifel, leise Angst; im Hintergrund erscheinen Kreuze. Die Frau realisiert, dass ihr Leben durchkreuzt wird. Das Kreuz im Hintergrund sagt: Wer seine Eingebung verwirklicht, riskiert sich, gibt sich hin für das, was Gott der Welt gibt. Denn die Welt wartet selten auf das, was du ihr zu bringen hast.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und zugleich ist Faszination im Gesicht zu sehen, verhaltene Freude. Sie wird rot, wie sie feststellt: Der meint wahrhaftig mich. Was Gott der Welt gibt, gibt er immer durch Menschen, nein, nicht „durch Menschen“, durch dich.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_lippi.jpg" title="Filippo Lippi, 1440" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_lippi-d06098ca.jpg" width="178" height="200" alt="Filippo Lippi, 1440" /></a></p> <p>Aus der anfänglichen Ablehnung und dann der Ambivalenz kommt es im besten Fall zum Annehmen, das ist der  </p> <p>3. Aspekt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Die Jungfrau von Lippi akzeptiert gnädig die angebotene Lilie, oder der Engel empfängt sie aus ihrer Hand. Es ist ein Geben und Nehmen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Aber nun braucht es das bewusste Ja, damit etwas auf die Welt kommen kann, was Hand und Fuss hat.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_botticelli.jpg" title="Sandro Botticelli  1510" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_botticelli-d2a422f3.jpg" width="200" height="199" alt="Sandro Botticelli  1510" /></a></p> <p>Die Maria von Botticelli öffnet sich in der Haltung und schenkt dem Boten ein Ja. Es braucht meine bewusste Einwilligung: „Dein Wille geschehe“. Auch das weiss jeder Künstler, jeder Schriftsteller, aber auch jede Frau, die ein Brot backt und jeder Bauer, der einen Acker pflügt: Ich habe eine Vision empfangen. Es braucht nun mein Ja zu dem, was nun als Entwurf, als Vision in mir lebt. Ich muss mich bewusst dazu entscheiden, mit meiner Anstregung zur Welt zu bringen, was in mir Gestalt annimmt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Interessant ist, dass im 16. Jh. der Engel unter Maria steht oder kniet. Die Frau schenkt ihm huldvoll ihr Ja. Sie ist die Königin. Er ist untertan. Damit drückt der Maler aus, wie entscheidend eben die Einwilligung, die Entscheidung des Menschen ist. Wenn der Mensch Nein sagt, muss der Himmel einen andern Weg einschlagen. Meistens aber sagt der Mensch weder Nein noch Ja, er sagt gar nichts, er geht gleichgültig zur Tagesordnung über. In dieser Situation, wenn das Göttliche in den Alltag tritt, ist Gleichgültigkeit eine härtere Ablehnung als ein erschrockenes Nein.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_de-champaigne.png" title="Philippe de Champaigne  1674" rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_de-champaigne-61a2a6c4.png" width="200" height="198" alt="Philippe de Champaigne  1674" /></a></p> <p>Dieser Maria (17. Jh.) aber sieht man das Ja sofort an. Sie entwickelt schon fast Begeisterung.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_marlin.png" title="Brigid Marlin, *20. Jh." rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_marlin-0342dde6.png" width="158" height="200" alt="Brigid Marlin, *20. Jh." /></a></p> <p>Diese Maria aus unserer Zeit ebenfalls.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Und mit einer besonders eindrücklichen modernen Verkündigung komme ich zum Schluss.</p> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/bilder/mariae_chandler.png" title="Paul Chandler, O.Carm., 20. Jh." rel="lightbox"><img src="http://www.ruediheinzer.ch/system/html/mariae_chandler-bcad7196.png" width="200" height="200" alt="Paul Chandler, O.Carm., 20. Jh." /></a></p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Das Besondere an dieser Ave-Maria-Szene ist, dass sie in jedem Leben spielt, überall, Tag um Tag. Aus der Tiefe kommen Eingebungen. Man verscheucht sie oft wie lästige Fliegen. Wer aber sein „Ja“ dazu sagt, bringt in die Welt, was es sonst nicht geben würde. Alle Kultur ist so auf die Welt gekommen. So versuche ich zu verstehen, warum diese Ave-Maria-Szene so viele Künstler und unzählige Menschen fasziniert, mal ganz abgesehen von ihrem religiösen Gehalt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ich wünsche eine gute Adventszeit!</p>]]></description>
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      <pubDate>Sun, 01 Nov 2009 22:27:00 +0000</pubDate>
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      <title>„Zwillinge im Mutterleib“, das schöne Ostergleichnis</title>
      <description><![CDATA[<p>(Es scheint anonym zu sein, kursiert in verschiedensten Fassungen im Internet und wird von Hand zu Hand weitergegeben. Die Idee verdanke ich meiner Kollegin Brigitte Amstutz, Kandergrund. Hier meine persönliche Fassung, die ich natürlich die schönste und knappste finde :-) )</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">An Ostern begehen wir die Auferstehung von Jesus und feiern die lebendige Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung. Für unser Denken allerdings ist das eine Zumutung. Wir können uns nicht vorstellen, was nach dem Sterben auf uns wartet. Dazu gibt es ein schönes, modernes Gleichnis:  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">Ein Zwillingspärchen wächst im Bauch der Mutter auf. Da haben die zwei ein Gespräch.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: Du, sag mal ehrlich, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Ich glaube schon. Hier drin wachsen wir und werden stark für das, was draussen kommt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: „Draussen“?! Das ist doch nur ein Märchen für alle, welche die harte Wahrheit nicht ertragen können: Es gibt kein Leben nach der Geburt. Oder wie sollte man sich das vorstellen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Das weiss ich halt nicht so genau. Aber es wird sicher viel heller sein als hier. Und vielleicht werden wir mit unseren Beinen laufen und mit dem Mund essen?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: Was bedeutet „hell“, oder „herumlaufen“? Fantasiewörter, die eigentlich nichts bedeuten! Und „mit dem Mund essen“, was für Kindergeschichten! Ohne Nabelschnur gibt es keine Ernährung. Und wie willst du „herumlaufen“, wenn du an der Nabelschnur hängst!</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Das kann man sich hier doch gar nicht vorstellen. Ich denke, es wird eben alles ein bisschen anders.  </p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: Ach, ich weiss nicht. Es ist ja noch keiner zurück gekommen von „nach der Geburt“. Mit der Geburt ist alles aus, Punkt.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Ich hoffe, du täuschest dich. Ich freue mich jedenfalls, dass wir draussen unsere Mutter sehen werden, und dass sie immer für uns sorgen wird.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: Mutter?? Du glaubst doch nicht im Ernst immer noch an eine Mutter? Wo ist sie denn, bitteschön?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Na hier doch. Überall um uns herum. Wir leben in ihr und durch sie. Ohne unsere Mutter könnten wir gar nicht sein.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">A: Komm schon, alles fromme Wünsche. Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie nicht.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;">B: Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Und ich spüre sie, wenn sie unsere Welt streichelt.</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/thema-anzeigen/items/52.html</link>
      <pubDate>Sat, 01 Mar 2008 18:35:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>Gebrauchsfertiges Friedensgebet</title>
      <description><![CDATA[<p>Wordformat, A-5. Über 30 Seiten. </p> <ol> <li>Datei auf eigenen PC laden. </li> <li>Jeweils einen    Text in jedem Kapitel auswählen und stehen lassen, Rest löschen.</li> <li>Speichern    unter einem neuen Dateinamen.</li> <li>Ausdrucken</li> <li>Gemeinde zum Friedensgebet einladen</li> </ol>]]></description>
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      <pubDate>Fri, 28 Feb 2003 15:30:00 +0000</pubDate>
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      <title>Eröffnung Jahr der Bibel, Grusswort im Namen des SEK-Rats</title>
      <description><![CDATA[<p class="western">Ich überbringe Ihnen die besten Grüsse des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Er vertritt 24 reformierte Landeskirchen der Schweiz und 2 Freikirchen. Mögen die Anstrengungen dieses Jahres der Bibel neu die Achtung verschaffen, die ihr zusteht!</p> <p class="western">Der Baum unserer Gesellschaft ist auf dem Mutterboden der Bibel gewachsen. Wenn die jungen Vögel, die oben in den Zweigen nisten, den Mutterboden ihrer Gesellschaft noch nicht kennen, so ist das gewiss bedauerlich. Ich sage bewusst: „noch nicht kennen“, nicht im Jammerton „nicht mehr kennen“. Seien wir ehrlich: schon früher hat sich nur eine kleine Elite mit der Bibel befasst! Wesentlich ist, dass die Bibel Einfluss hat, dass ihre religiösen und ethischen Anstösse unsere Werte, unser Verhalten und unser Recht prägen. Und die Bibel hat Einfluss, - meist ohne dass man es merkt - heute wie früher.</p> <p class="western">Die Kirchen haben allerdings schon Grund, die Alarmglocken zu läuten. Aber nicht, weil zu wenig Leute die Bibel lesen, sondern weil heute kritische, ungläubige Leute die Bibel lesen, Journalistinnen, Schriftsteller, streitsüchtige Akademiker. Sie wollen wissen, woher denn die Männerherrschaft stammt, der Sexismus, der latente Rassismus, der Antisemitismus, der Kapitalismus und die Gewaltexzesse in unserer Geschichte. Und sie finden Bibelstellen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Die Pfarrerschaft kennt diese Texte natürlich und sucht für die Sonntagspredigt harmlosere aus. Und die Gemeinde schaute Fernsehen statt in der Bibel nachzulesen. Das wird nun anders. Heute fragt man die Kirchen: Warum habt ihr uns nicht gesagt, was da alles in eurer Bibel steht? Warum habt ihr uns nicht gesagt, was eure Wissenschaft herausgefunden hat? Wollt Ihr uns für dumm verkaufen?</p> <p class="western">Darum dürfen wir in diesem Jahr nicht nur herumposaunen: „Lies die Bibel, lies die Bibel!“ Wehe, wenn sie einfach loslesen! Die Kirchen müssen dringend sagen, wie man liest. Die Bibel ist eben kein Buch wie Harry Potter. Man soll sie nicht ohne professionelle Anleitung lesen. Sie transportiert Brot des Lebens, gewiss, das Leben schaffende Wort Gottes! Sie zeugt von Christus, dem Retter. Aber sie ist keine Bäckerei, in der man alles essen kann.</p> <p class="western">Man muss die Bibel mit einer Apotheke vergleichen. Lebensmittel, Heilmittel sind da, Gott sei Dank. Aber wer wollte frisch fröhlich schlucken, was alles in der Apotheke herum liegt?! Entweder ‚es wirkt zu stark’, und der Glaube kriegt hohen Blutdruck. Denken Sie nur an Abraham, dem Gott befohlen habe, seinen Sohn zu schlachten! Oder ‚es wirkt zu schwach’, und man gähnt vor Langeweile. Etwa wenn man liest, Jesus habe das Reich Gottes verkündet, und man versteht nur Bahnhof.</p> <p class="western">Ohne wissenschaftliche Anleitung kann man 2000-Jahre alte Texte missverstehen. Da sind Kirchen und Akademiker heraus gefordert: Sagt uns allgemein verständlich, wie man die Bibel kritisch und ehrfürchtig zugleich liest. Wir wollen dabei nicht unsern Verstand an der Garderobe abgeben. Aber wir wollen auch nicht unseren Glauben kompostieren. Das Medikament braucht einen aktuellen Beipackzettel.</p> <p class="western">Guten Erfolg gebe Gott.</p> <p class="western">&nbsp;</p> <h3>Interview zum Grusswort zur Eröffnung des Jahrs der Bibel 2003 </h3> <p>Fragen von Thomas Hanimann, Idea-Spektrum</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Thomas Hanimann: An der Eröffnung zum Jahr der Kirche sagten Sie,  Ruedi Heinzer, essei  "unmöglich, die Bibel "ohne Beizug wissenschaftlicher Erkenntnisse zu lesen und zu verstehen". Das tönt in meinen Ohren nicht ganz "reformatorisch". Wie soll im Jahr der Bibel die Bibel von einem Laien denn gelesen werde; nur mit 7 wissenschaftlichen Kommentaren und am besten in einem Bibelkurs der Landeskirche?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Ruedi Heinzer: Sarkasmus hilft niemandem. Tatsache ist, dass Frustration und Missverständnisse programmiert sind, wenn jemand ohne theologische Kenntnisse einfach zu lesen beginnt. Wozu schickt man denn Prediger in eine harte, vierjährige, biblische Ausbildung, wenn jeder die Bibel ohne weiteres vom Ladentisch weg verstehen könnte? Das Jahr der Bibel ist wichtig, wenn es nicht nur sagt, dass man die Bibel lesen soll, sondern auch wie.</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Kommt der Laie um die Wissenschaft nicht herum oder gäbe es da doch nicht noch etwas einfachere Zugänge, die auch für einen Laien ohne theologische Vorbildung nachvollziehbar sind?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Texte, die doppelt so alt sind, wie die älteste Burgruine der Schweiz, brauchen selbstverständlich wissenschaftliche Verstehenshilfen. Um die herum kommt niemand. Es gibt sie längst, für Laien aufgearbeitet, manchmal allerdings wenig attraktiv. Aber man muss der Gemeinde sagen, dass sie die erklärenden Kommentare in den Bibelausgaben ernst nehmen muss und dass es genug Theologinnen und Bibelgelehrte im Land hat, die eine Telefonnummer haben. Bibellesen ist eigentlich eher Sache der Gemeinde, als von Einzelpersonen. Und in der Gemeinde gab es schon seit je Sachverständige. Lehren ist eine Geistesgabe, und noch nie galt in der christlichen Kirche, um die Bibel zu verstehen, brauche es die Lehrenden nicht!</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Verfällt der Laie, der ohne wissenschaftliche Hilfe die Bibel liest, in Glaubensirrtümer? Besteht die Gefahr von Fanatismus?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Richtig. Denken Sie  an die 5 Dämonenaustreibungen, die von Jesus berichtet sind. Sie wissen ja, wie noch heute psychologiefeindliche Möchte-Gern-Seelsorge  daraus abgeleitet wird! Bibelwissenschaft könnte den Lesern nur schon sagen, dass es so etwas zwar bei Matthäus, Markus und Lukas gibt, dass aber im ganzen Alten Testament keine Geisteraustreibung vorkommt; dass das Johannesevangelium nichts Derartiges überliefert und dass Paulus den Exorzismus nicht nennt, sondern die „Unterscheidung“ der Geister, wenn er Geistesgaben aufzählt. Nur schon der Gebrauch einer Evangeliensynopse könnte blindem Fundamentalismus wehren. Auf der Bibel ist unsere Kultur aufgebaut.  Die Bibel transportiert das Kostbarste, das Evangelium von Jesus Christus. Nur dank der Bibel wissen wir, dass Gott die Menschen bedingungslos liebt. Aber wenn ich Bibeltexte unterschiedslos und ohne geschichtlichen Hintergrund lesen wollte wie einen modernen Brief Gottes an mich persönlich, so fahre ich bedenklich nahe am Abgrund des Fanatismus.</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Wollen die Reformierten (zumindest Nicht-Bibel-Wissenschaftler) damit ihren Grundsatz doch endlich aufgeben, dass die Bibel die letzte, höchste und alleinige Richtschnur im Bezug auf Glaubens- und Lebensfragen sein soll?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Ihre Frage scheint mir tendenziös (was wollen Sie andeuten mit  „doch endlich“!?). Sie fahren ja auch Auto und begreifen ohne fachliche Hilfe wohl nicht, wie der Vergaser funktioniert. Wenn ich sage, fachlich-theologische Arbeit sei notwendig zum Verstehen der Bibel, ändert das kein Jota an der Tatsache, dass die reformierten Kirchen fest auf dem Fundament der Bibel stehen. In Bern sagten wir es kürzlich so: „Die Orientierung an der Bibel ist verbindlich. Sie erfolgt im Dialog.“ (Leitbild 1998).</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Was raten Sie den Christen im Jahr der Bibel im Bezug aufs Bibellesen?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Lesen und diskutieren Sie Bibelabschnitte mit andern zusammen, die das gleiche Interesse haben und bestehen Sie darauf, theologische Literatur oder noch besser sachverständige Personen beizuziehen. Auf die Dauer gibt es keine spannenderen Inhalte für Kurse, Diskussionen und Veranstaltungen als Bibeltexte,  mit denen man sich in ehrfürchtig-kritischer Haltung auseinander setzt.</p> <p class="western" lang="de-DE"><em>Warum verbreitet man denn die Bibel so intensiv, wenn sie doch nicht so ganz fürs Volk ist?</em></p> <p class="western" lang="de-DE">Wenn ich sage, die Bibel sei mit theologischer Fachbegleitung zu lesen, so sage ich eben nicht, sie sei nicht „fürs Volk“. Rheuma-Mittel sind „ganz fürs Volk“, und man macht zünftig Werbung dafür, wie dieses Jahr  für die Bibel. Aber das heißt nicht, dass man betet und dann diese Mittel einfach nach Lust und Laune schluckt. Man muss schon den Beipackzettel der Fachleute ernst nehmen. Erst dann ist ein Medikament echt „fürs Volk“.</p>]]></description>
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      <pubDate>Sat, 25 Jan 2003 15:22:00 +0000</pubDate>
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      <title>Halloween – Grusel-Import aus der Coca-Cola-Kultur</title>
      <description><![CDATA[<p><strong>Volksbräuche sind im Kommen. Davon haben evangelische Kirchen ohnehin nicht zu viel, im Herbst schon gar nicht. Erntedank gäbe es zwar noch im Gesangbuch. Aber inzwischen wurde die Marktlücke „Spätherbst“ durch Halloween besetzt, via kommerziellen Import. In einigen Kirchgemeinden nehmen Diskussionen um Halloween Aspekte eines Glaubenszwistes an und man fragt: Was sagt die Landeskirche?</strong></p> <p>Der Name ist eine Verballhornung von „All Hallows Eve“. Gemeint ist der Abend vor Allerheiligen, vor dem ersten November. In Nordamerika ist Halloween ähnlich wie Weihnachten eine Zeit, da Volksbräuche von einer Mehrheit der Bevölkerung beachtet werden. Zugleich entspinnt sich darum Jahr für Jahr ein Zwist unter Christen. Evangelische, missionarisch aktive Christen unternehmen viel, um anglikanische, katholische oder evangelisch liberale Geschwister aufzuklären über den dämonisch-okkulten Hintergrund von Halloween und sie davon abzuhalten, sich durch Mitfeiern dunklen Todes- und Satansmächten zu öffnen. Einschlägige Texte werden inzwischen auch bei uns herum gereicht. Die Debatten in einigen Kirchgemeinden zeigen, dass Halloween nicht nur ein Thema der Schaufensterdekoration, sondern des kirchlichen Pluralismus geworden ist, nicht nur ein ökonomisches, sondern schon ein ökumenisches Thema.</p> <h4>Historische Herkunft</h4> <p>Wahrscheinlich stammen Halloween-Bräuche aus dem keltischen Grossbritannien, aus vorgeschichtlicher Zeit. Mit dem 1. November begann damals das neue Jahr. Alle Herdfeuer wurden gelöscht. Die Dorfgemeinschaften feierten und entfachten im Freien grosse Feuer. Mit einem brennenden Holz aus dem Dorffeuer wurde dann das Herdfeuer neu entfacht.</p> <p>Der Tag, der sowohl zum Sommer gehört wie zum Winter, an dem Altes zu Ende geht und Neues herauf steigt, galt als Zwischenzeit, in der Diesseits und Jenseits sich begegnen. Man fürchtete die Rückkehr von Totengeistern. Überall ist Brauchtum bekannt, das der Geisterabwehr diente: Lärm machen, Lichter aufstellen, sich verkleiden mit abstossenden Masken. Zum Feiern gehören natürlich Musik, Tanz, Essen und vor allem Trinken und zum Jahreswechsel gibt Halloween wird ausserdem mit dem keltischen Erntedank in Verbindung gebracht, mit dem Samhain-Fest (viele Schreib- und Ausspracheformen sind im Umlauf).</p> <p>Vielleicht aus dem keltischen Erntedank blieb ein „Heischebrauch“ erhalten. Kinder und Arme zogen von Tür zu Tür und durften eine Gabe ‚heischen’, d.h. erbitten. Über die keltische Herkunft von Halloween wird allerdings Unsinn herum geboten, aus fragwürdigen Quellen, vorab fantasievollen Texten des 19. Jahrhunderts. Die Druiden-Religion hat nichts Schriftliches hinterlassen. Historisch gesichert weiss man kaum etwas von Druidenbräuchen an diesem Fest, nichts von Menschenopfern und gar nichts von einem Toten- oder Unterweltsgott Samhain. Samhain bedeutet schlicht „Sommer-Ende“.</p> <p>Im 8. Jahrhundert n.Chr. verlegte die westliche Kirche ihr Allerheiligenfest auf den 1. November, wohl um die Jenseitsfaszination der Bevölkerung von den Toten auf die himmlischen Heiligen zu lenken. Aber schon im 10. Jahrhundert wurde der folgende Tag zum Allerseelentag bestimmt. Die Toten waren halt das seelische Thema dieser Jahreszeit. Auf dem Kontinent wurden besondere Seelenbrote gebacken und Familien hielten auf den Gräbern ihrer Toten ein Mahl. Heischegänge der Jugend sind auch in diesem Zusammenhang überliefert. Mit den Festen zur Totenjahreszeit wollte die Kirche die alte Bräuche nicht ausrotten, aber sie mit Gottesdiensten christlich deuten.</p> <h4>Halloween heute</h4> <p>Die heutigen Halloweenbräuche stammen aus Irland. Tausende von katholischen irischen Einwanderern brachten sie um 1840 nach Amerika. Zu Halloween gehören heute die mit illuminierten ausgehöhlten Kürbissen („Jack’o’lantern“, in Irland waren es noch ‚Räbeliechtli’) geschmückten Häuser und alle Versatzstücke einer durchschnittlichen Geisterbahn, angereichert mit Gestalten aus Gruselfilmen, die drüben jedes Kind, bei uns jedoch niemand kennt, wie etwa „the Mummy“, die lebende Mumie. Drüben gehören als Geister und Hexen verkleidete Kinder dazu, die nachts von Tür zu Tür gehen und schreien „Trick or Treat“, d.h. spende uns was, oder wir spielen dir einen Streich. Dazu gehören schliesslich die Partys, wo man oft verkleidet erscheint und blutig rote oder schleimig grüne Drinks konsumiert. </p> <p>Die Halloweenbräuche in Amerika haben heute nichts mehr zu tun mit den katholischen Feiertagen Allerheiligen oder Allerseelen. Halloween ist kommerzielles Dekorationsthema, Mummenschanz der Kinder und Anlass zu Feten mit einem durchgängigen Thema. Da nun halt Europa kulturell eine Kolonie der Weltmacht geworden ist, müssen auch unsere Geschäfte halloweenig dekorieren und die Jungen Gruselpartys feiern. Unsere Kinder sind bislang noch nicht zum „Trick or Treat“-Betteln zu bewegen, aber gern zum Kürbis-Aushöhlen und zum garstig Verkleiden.</p> <h4>Gesellschaftlich</h4> <p>Unsere Kultur ist arm geworden an Volksbräuchen und allgemeinen Feierlichkeiten zum Wechsel der Jahreszeiten. Acht Monate liegen zwischen dem Osterhasen und dem Samichlaus. Dazwischen gibt es keinen thematischen Aufhänger, den alle gleichzeitig nutzen, um Häuser und Schaufenster zu dekorieren. Protestantische Stammlande begehen auch keine Fasnacht.</p> <p>Wahrscheinlich füllt Halloween da ein Vakuum. Man mag beklagen, Halloween sei unserer Kultur fremd, man müsste Besseres, vor allem Eigenes dagegen setzen. Aber das gelingt selten. Bräuche wandern seit eh und je wie von selbst mit den Krämern. Und wir kaufen ja auch sonst, was die Amerikaner produzieren. </p> <p>Der Tod und die Toten sind heute angstbesetzte Themen, aus dem Alltag verdrängt. Aber es sind Themen, die alle elementar betreffen. So sucht man Wege, mit ihnen harmlos umzugehen. Kinder spielen Beerdigung. Jugendliche und Erwachsene lassen sich faszinieren von okkulten Themen, schauen Katastrophen- und Horrorfilme und kreischen auf der Achterbahn. Es scheint ein seelisches Bedürfnis zu sein, sich dann und wann zu Tode zu erschrecken, aber auf eine Weise, die mit dem wirklichen Tod garantiert nichts zu tun hat. Unser Alltag bietet wenig Gelegenheiten, sich mit dem Sterben zu befassen und mit der Frage, was für eine Rolle den Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen eigentlich zukommt. Das inszenierte Unheimliche und Spukige an Halloween mag dem halbbewussten seelischen Wunsch entgegen kommen, die echte Angst vor dem Tod und den Toten auf<br />ungefährliche Weise spielerisch ins Bewusstsein zu heben.</p> <h4>Theologisch</h4> <p>Niemand wird behaupten, biblische Religion erfordere eine Verdrängung des Todes. Im Gegenteil: Weise ist nur, wer das Dunkel kennt. Ein berühmtes Gebet sagt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90). Es wäre allerdings blauäugig zu meinen, Halloween-Klamauk könnte ernsthaft solchem Bedenken dienen.</p> <p>Fördert Halloween aber ein tieferes Bedürfnis zutage, so hat die Kirche bessere Mittel, diesem zu entsprechen: Karfreitag, Totensonntag, Bestattungsgottesdienst. Kirchliche Bildung soll sich doch mutiger an ‚morbide’ Themen wagen: Wie lernt man, gut zu sterben (die alte ‚ars moriendi’)? Wie trauert man gut? Wo sind die Verstorbenen? Was für eine Rolle spielen die Ahnen in unserem Leben? Besser als kritisieren ist besser machen.</p> <p>Halloween beschwört das Unheimliche: Teufel, Dämonen, Gespenster, Hexen, Leichen, Untote... Werden damit Magie, Okkultismus, Satanismus verharmlost? Hexerei und Magie sind heute esoterische Möglichkeiten im freien Angebot via Internet, Bücher und Kurse. Sektenartige Gruppierungen propagieren neues Heidentum und Satanismus scheint immer wieder Zuzug zu finden. Die Manipulation verborgener Kräfte ist keineswegs harmlos, ob man sie nun als reale Gegenmächte gegen Gott begreift oder als innerseelische Energien und Dynamiken. Vor diesem Hintergrund ist Halloween gewiss eine Verharmlosung des Okkulten. Die Kirche macht Aufklärungsarbeit und hilft in der Seelsorge Menschen, die irgendwie in Okkultismus Schaden genommen haben. Sie würde unglaubwürdig, wollte sie zugleich Halloweenbräuche fördern.</p> <p>Können Christen Halloween feiern? Sollen sie ihren Kindern erlauben, zur Halloweenparty des Kindergartens zu gehen? Soll man eine Kerze im Kürbis ins Fenster stellen? Darf die Tochter sich als Hexe verkleiden? Auf solche Fragen brauchen nie alle gleich zu antworten.</p> <p>Das gleiche Dilemma, in das Christen auch bei der Fasnacht geraten können, wird im Wesentlichen in der Bibel beschrieben. Die frühe Kirche stand vor dem Problem, ob Christen Fleisch essen können, das heidnischen Göttern geopfert worden war. Paulus geht ausführlich darauf ein im 1. Korintherbrief und im Römerbrief, 14 und 15. Seine Einsichten haben an Gültigkeit und Aktualität nichts verloren. Er sagt, Christen hätten Freiheit. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf“. Es gibt keine harten Regeln, man muss selber entscheiden. Der Massstab muss die Liebe sein. Jede und jeder aber kann zu andern Schlüssen kommen. Will man aus Liebe ein Zeichen setzen und sich Halloween-Bräuchen verweigern? Oder will man ebenso aus Liebe die Beziehungen höher gewichten und sich nicht pharisäisch abgrenzen? Die Entscheidung will vielleicht in jeder Situation neu getroffen werden. Ist sie einmal gefallen, soll man unbeirrt dazu stehen. „Jedes sei seiner Meinung gewiss,“ sagt Paulus, im Wissen, dass die Meinungen gegensätzlich sein können. In der Theologie werden solche Fragen nicht zu den ethischen Grundfragen, sondern zu den ‚Adiaphora’ gezählt, d.h. zu den notwendigen Lebensverschiedenheiten, von denen das Heil nicht abhängt. Das heisst, man kann nicht beistimmen, wenn aus einem Halloween-Dilemma eine entscheidende Glaubensfrage gemacht werden soll.</p> <p>Wird man unmerklich mit dämonischen Mächten infiziert, wenn man Halloween mitmacht? Paulus gibt eine differenzierte Antwort: „Auf Jesus, unsern Herrn, gründet sich meine Überzeugung, dass an sich nichts unrein ist. Unrein ist es nur für den, der es als unrein betrachtet“ (Römer 14,14). Sollte jemand fürchten, er könnte sich irgendwie religiös verunreinigen, ‚okkult belasten’, dann rät der Apostel zum Verzicht. Folgt man der Sicht des Apostels, so ist klar: Mitmachen kann denen nicht schaden, die entschieden auf den Schutz Gottes vertrauen. Sollte aber dieses Vertrauen fehlen, wäre vom Mitmachen abzuraten.</p> <h4>Pragmatisch</h4> <p>Das amerikanische Importbrauchtum wird kaum zu bremsen sein durch kirchliche Abwehr-Anstrengungen. Zeit und Geld, gutgemeint investiert, um wenige zu gewinnen, gegen Halloween Front zu machen, dürften verschwendet sein. Hingegen lohnt sich jede Anstrengung, den konfessionellen Frieden zu bewahren.</p> <p>Ist es sinnvoll, dass eine Kirchgemeinde harmlose Alternativanlässe gestaltet, etwa für Kinder, wie es da und dort versucht wird in Gegenden, wo Fasnacht zum Brauchtum gehört? Solche Alternativen werden nicht umhin kommen, ebenfalls unter der Marke Halloween zu laufen, was für strenggläubige Gegner Grund zur Opposition sein wird. Bietet eine Kirchgemeinde eigene Halloween-Events an, wird sie sich dem Vorwurf aussetzen, sie verharmlose Okkultes und mache sich dadurch unglaubwürdig, auch wenn sie genau das Gegenteil bezweckt. Verhält sich umgekehrt eine Kirchgemeinde passiv, kann ihr auch das zum Vorwurf gemacht werden. Jede Kirchgemeinde muss also je nach ihrer besonderen Situation entscheiden.</p> <p>Landeskirchliche Gemeinden können jedenfalls nicht gut gemeinsame Sache machen mit Gruppierungen, die Halloween undifferenziert prinzipiell bekämpfen. Ein Teil der eingesetzten Aufklärungsliteratur, gerade aus dem Internet, strotzt von haltlosen ‚Informationen’ und unevangelischer Angstmacherei. Manche Texte transportieren naive antikatholische Propaganda, andere gleichen zeitlosen Verleumdungskampagnen, wie sie schon immer gegen unliebsame Volksgruppen angestrengt wurden. Pluralistische Kirchen müssen entschieden auf ihrer Offenheit für alle bestehen und dürfen sich nicht instrumentalisieren lassen. Indessen kann es nicht ihre Aufgabe sein, bekennenden Gruppierungen, die sich gesendet wissen, gegen Halloween zu agieren, Steine in den Weg zu legen. Auch hier gilt es, den schwierigen Mittelweg zu suchen und viel Energie einzusetzen zur besseren Verständigung unter Andersdenkenden und zur pragmatischen Toleranz.</p> <p>Herausgeber: Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern – Jura<br />Autor: Ruedi Heinzer, Pfr., Synodalrat, Departement Theologie</p>]]></description>
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      <pubDate>Thu, 01 Aug 2002 15:35:00 +0000</pubDate>
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      <title>Liturgische Erosion: Debatte um reformierte Liturgie</title>
      <description><![CDATA[<p>Nachfolgend finden Sie meine Kolumne aus dem SEK-Bulletin, die    im Juni 2002 eine kleinere Lawine von Zuschriften und eine landesweite kirchliche    Debatte auslöste. In der Kolumne behaupte ich, der reformierte Gottesdienst verliere    sukzessive an traditionellen Teilen und werde - polemisch gesagt - zur Selbstdarstellung    von Pfarrpersonen.</p> <h3>Liturgische Erosion</h3> <p>(Kolumne im SEK Bulletin Juni 2002)</p> <p>In Gottesdiensten der reformierten Deutschschweiz kann man erleben, wie Grundsteine der Liturgie vom Erguss persönlichen Empfindens fortgespült werden. Wie viel Liturgie braucht die Gemeinde? </p> <p>Das Unser Vater fehlt. Die Einsetzungsworte werden originell verfremdet, umgedichtet oder weggelassen. Keine Festlegende erinnert daran, dass gerade Palmsonntag wäre. Gebet wird durch einen literarischen Text ersetzt. Wo einst ein Schlusssegen stand, gähnen kreative Wünsche und irische Sprüche. Mir gefällt das selten, nur wäre Missfallen noch kein Grund zum Schreiben.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE">Im Rat SEK werden ekklesiologische Bedenken laut. Soll Gottesdienst völlig von der Persönlichkeit der Leitenden geprägt sein, von dem, was diese theologisch und persönlich verantworten können? Man weiss: Heute trägt nicht mehr das Amt die Person, sondern die Person muss das Amt tragen. Will man dies auch liturgisch ad absurdum treiben?</p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE">Jugendkonforme Freikirchen verzichten auf liturgische Formeln. Ist aber der Gottesdienst einer Landeskirche nicht per se auch der liturgischen Tradition verpflichtet? Wollen Deutschschweizer sich spirituell-liturgisch noch weiter entfernen von den Schwesterkirchen in der Suisse romande oder in Deutschland? Von der katholischen Kirche? Ohne Einsetzungsworte ist ein Abendmahl ökumenisch nicht mehr als solches zu erkennen.</p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE">Ist reformierte Liturgie nicht auch Sache der Gemeinde? Was sagen Synoden zur liturgischen Erosion, was die theologischen Fakultäten? Meine Meinung: Der Ort für individualistische Kreativität ist die Predigt. Die Liturgie aber steht unter dem Schutz der Gemeinde.</p> <h3>Meine Antwort auf rund 50 Zuschriften</h3> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE">Hier finden Sie einen 15-seitigen Text (Word-Format) mit vielen    Zitaten aus den Zuschriften, die Sie lesen, aber nicht weiter verwenden dürfen,    bitte:</p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/Liturgie_Reaktionen.doc">Download: Antwort auf rund 50 Zuschriften</a></p> <h3>Artikel im SEK-Bulletin November    2002</h3> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE">Auf Wunsch des Rates SEK formulierte ich für    die breite Veröffentlichung eine Zusammenfassung der Debatte:</p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/Liturgie_ZusammenfassungDebatte.doc"><span class="standardtext">Download: Zusammenfassung der Debatte</span></a></p> <h3>Populärer Artikel    in der Zeitschrift Leben und Glauben, zum Bettag 2002 </h3> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE"><span class="standardtext">C.S. Lewis schrieb vor Jahrzehnten, und wir reformierten    Pfarrer müssen uns das schon sagen lassen: "Christus hat doch zu Petrus gesagt: ‚Weide meine Schafe', und nicht    ‚Experimentiere mit meinen Ratten'".</span></p> <p style="margin-bottom: 0cm;" lang="de-DE"><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/Liturgie_Leben-und-Glauben.doc"><span class="standardtext">Download: Artikel im 'Leben und Glauben'</span></a></p> <h3><span class="standardfett">Referat    für den Schweiz. Pfarrverein 2003, Artikel in Reformierter Presse Juni    2003</span></h3> <p><a href="http://www.ruediheinzer.ch/tl_files/ruediheinzer/themen/Liturgie_Reformierte-Presse.doc"><span class="standardfett">Download: Artikel in der 'Reformierten Presse'</span></a></p> <p>&nbsp;</p>]]></description>
      <link>http://www.ruediheinzer.ch/index.php/thema-anzeigen/items/liturgische-erosion-debatte-um-reformierte-liturgie.html</link>
      <pubDate>Sat, 01 Jun 2002 20:03:00 +0000</pubDate>
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